Die Schweiz… Den ersten „Kontakt“, wenn ich es mal so nennen darf, zu diesem Staat hatte ich vor sehr, sehr vielen Jahren im Deutsch-Unterricht an meinem Gymnasium in Berlin West, in der damals noch geteilten Stadt. Seinerzeit war das Buch „Der Richter und sein Henker“ von Friedrich Dürrenmatt de facto ein Standardwerk, sozusagen „Pflichtlektüre“ in den Schulen West-Berlins, auch wenn es in diesem Buch mehr um die Vergangenheit der beschriebenen Protagonisten geht, als den Staat Schweiz. Dieses Werk diente mehr der Bewältigung der Verbrechen des Dritten Reiches, weniger aber der  Huldigung der für meine Begriffswelt sehr hoch stehenden Fähigkeiten Friedrich Dürrenmatts, dem einen der beiden ganz grossen Schriftsteller der Schweiz. Ich kann mich nicht mehr entsinnen, warum mich seinerzeit jenes Buch so sehr in seinen Bann zog, wahrscheinlich aber mochte ich den Schreibstil dieses Schriftstellers, denn kurz darauf sog ich so ziemlich alles aus dessen Feder auf, was damals im Buchhandel erhältlich war. Und dennoch blieb das Konstrukt „Schweiz“ mir vollkommen unbekannt. Die Schweiz als Staat existierte für mich nicht, sie wurde auch nie in einem meiner Schulfächer auch nur am Rande behandelt, auch erwähnte nie jemand diesen Staat, weder in meiner ansonsten durchaus gebildeten Familie, noch irgend jemand sonst an anderen Orten. Und um ganz ehrlich zu sein: Eine Zeit lang glaubte ich, dass Zürich eine Stadt irgendwo in Bayern sein müsste, Genf schrieb ich Frankreich zu, Locarno Italien. Ich hatte damals andere Dinge im Kopf, als Staatenkunde. Und damals hätte ich es mir auch nicht einmal im Ansatz träumen lassen, dass ich irgendwann einmal dauerhaft in jenem Staat leben würde.

In den Jahren danach machte sich dieser Staat immer noch wenn überhaupt nur am Rande in meiner Wahrnehmung bemerkbar. Auf mir heute nicht mehr nachvollziehbaren Wegen gelangte ich in den Besitz von ein paar wenigen Münzen aus der Schweiz. Bereits damals wunderte ich mich darüber, warum eine Münze mit einem höheren Nominalwert (50 Rappen Münze) physikalisch kleiner und von geringerem Gewicht ist, als die mit dem niedrigeren Nominalwert (20 Rappen Münze). Noch heute schimpfe ich vor mich hin, wenn ich diese beiden Münzen aufgrund ihrer nominalen und physikalischen Widersprüchlichkeit in meinem Portemonnaie verwechsele! Ganz selten, wenn meine Familie mit mir irgendwo in den Urlaub fuhr, wunderte ich mich, wenn mein Vater mir keine Auskunft darüber geben konnte, was wohl die Buchstaben „ZH“ oder „BS“ ohne Bindestrich zwischen den nachfolgenden Zahlen auf einem Nummernschild eines Autos bedeuten würden und warum da noch so andere Symbole auf jenen Schildern zu finden waren – und das Nummernschild vorne an einem Fahrzeug fast schon „übertrieben minimiert“ erschien im direkten Vergleich zu denen, die man sonst so auf den Autobahnen Europas entdecken konnte. Aber vor allem mit den 20 Rappen Münzen konnte man seinerzeit in Berlin so manch einen Billiard- oder Flipperautomaten wunderbar „bescheissen“. Bedauerlicher Weise waren die Zigarettenautomaten da seinerzeit weitaus „wählerischer“… Natürlich wurde seinerzeit irgendwann einmal die grandiose Komödie „Die Schweizermacher“ im deutschen Fernsehen ausgestrahlt, aber so richtig konnte ich mit dem damals gezeigten Inhalt wenig bis nichts anfangen, es kam mir zu absurd vor – ganz im Gegensatz zu heute! So absurd, was vor vielen Jahren im Film fest gehalten wurde, war und ist das nicht!

Zum letzten Male „stolperte“ ich mehr oder minder bewusst über jenen Staat, als ich noch in den ganz frühen 90er Jahren des vergangenen Jahrtausends eine Homepage (Web-Seite) gestaltete, die ich mehrsprachig anlegen wollte. Da Symbole oftmals eingängiger sind, als geschriebene Worte, gedachte ich, für den in Deutsch gehaltenen Teil jener Homepage die Flaggen der Länder zu verwenden, in denen diese Sprache gesprochen wird. Seinerzeit war die Kunst des Web-Designs noch wirklich eine Kunst, man musste sehr viel wissen, so ziemlich nichts war auf Mausklick „mal eben so einfach da“ oder wurde auf YouTube erklärt – aber wie man eine quadratische Landesflagge so in ein Konglomerat aus rechteckigen einfügt, dass die Gestaltung einer gesamten Homepage nicht vollkommen aus dem Ruder läuft, überstieg selbst mein Wissen. Zum ersten Male erwies ich keinerlei Respekt vor gewissen Befindlichkeiten jenes Staates und gestaltete eine rechteckige Schweizer Flagge – ohne überhaupt auch nur irgendetwas über diesen Staat zu wissen. Welch Blasphemie! Die Homepage blieb im Endeffekt aber einsprachig und demzufolge war es auch nicht mehr notwendig, Rücksicht auf geometrische „Einzelfälle“ zu nehmen. Und ganz ehrlich: Ich war erleichtert. Ein in sich stimmiges und konsequentes Design hatte seinerzeit für mich Vorrang. Pragmatismus, also das, was „man“ in diesem Staat mit Namen „Schweiz“  zuweilen durchaus gut gebrauchen kann, beherrschte ich damals wenigstens ansatzweise. Auch wenn es seinerzeit auf Kosten eines nationalen Identifikationssymboles, einer für die Schweiz so typischen Absonderlichkeit ging.

Jetzt bin ich selber ein Schweizer, genauer: Ein Schweizer mit Migrationshintergrund. Ich bin kein Eidgenosse im klassischen Sinne und werde das – gemäss dem zuweilen recht abstrusen Verständnis dieses Begriffes – auch niemals werden. Noch schlimmer: Ich bin Doppelbürger! Ich besitze zwei Pässe, zwei nationale Identitäten! Nicht nur eine! Und um diesem für einige Schweizer (Eidgenossen…) vollkommen inakzeptablen Sonderstatus noch eins oben drauf zu setzen: Im Herzen bin und bleibe ich Berliner. Nein, nicht „Deutscher“, sondern „Berliner“, ich betone das! Aber jetzt, wo die dafür zuständige Amtsstelle der Gemeinde „Stadt Zürich“, die des Kantons (Bundeslandes) Zürich und die des Verbundes aller Kantone mit dem Sammelbegriff „Schweiz“ und letztlich auch die Bundesrepublik Deutschland es mir gestattet haben, mich überall auf der Welt legal unter anderem auch als Bürger der Schweiz ausweisen zu dürfen, nutze ich die Gelegenheit, um Ihnen einen Einblick zu geben, was ich gesehen habe und wie sich meine Sicht auf dieses Land verändert hat, wie so eine Migration in ein anderes Land und die Integration in eine dort existierende Gesellschaft von Statten gehen kann. Jetzt darf ich das so, wie ich mir das vorstelle! Also mache ich das auch. Aber auf meine Art und in dieser Form, wie Sie sie jetzt hier begutachten können. Von mir aus können Sie das „Erfahrungsbericht“ nennen, was ich hier veröffentliche. Es ist aber weitaus mehr und ich denke, dass so manch eine Leserin oder ein Leser durchaus nachvollziehen kann, was ich hier beschreiben möchte. Auch wenn es letztlich nur zwei Worte sind, die all das beschreiben, womit ich mich seit dem Jahre 2003 befassen wollte, durfte und auch zuweilen musste, so können diese zwei Worte „Migration“ und „Integration“ nicht einmal ansatzweise beschreiben, was da mit einem Menschenleben und dem jeweiligen Verständnis von jenem reichlich hinterfragenswürdigen Begriff „Nationalität“ geschieht.

Dieses Blog soll nicht nur jene ansprechen, die bereit waren, mich mehr als ein ganzes Jahrzehnt unter sich anzunehmen (in manchen Fällen auch nur zu dulden…), sondern auch die, die mit dem Gedanken spielen, sich auf der „Insel der Glückseligkeit“, wie es ein mir einstmals sehr wichtiger Mensch nannte, niederzulassen, dieses Land und speziell die Stadt Zürich aus einem nicht ganz gewöhnlichen Blickwinkel kennen zu lernen und etwas besser zu verstehen (auch wenn nicht immer alles vollends verständlich und nachvollziehbar erscheinen wird). Nicht mehr. Aber definitiv auch nicht weniger. Ich erweitere das in der Schweiz erhältliche Angebot an „Würsten“ um das der „Currywurst“. Auch wenn bis zum heutigen Tage nicht einwandfrei geklärt ist, ob diese nun aus Köln oder Berlin kommt. Zwei Städte in Deutschland, ganz nebenbei angemerkt.