Verschlafene Freiheit

Mehr durch Zufall stolperte ich am 9.11.2019 über einen Artikel auf SRF Online, der sich mit dem Fall der Mauer befasste, genauer: Wie sich an jenem Abend und der Nacht zum 10.9.2019 gewisse Institutionen in der Schweiz mit jenem historischen Ereignis befassten – oder eben auch nicht. Ich las mir diesen Artikel mehrfach durch, war über das eine oder andere Detail doch recht erstaunt, andere Einzelheiten hingegen verwunderten mich nicht einmal ansatzweise, zu gut verstehe ich inzwischen gewisse „typisch helvetische“ Mechanismen… Die Mauer ist nunmehr seit 30 Jahren Teil vor allem der Geschichte Deutschlands, etwas, was vergangen ist (oder doch besser vielleicht vergangen sein sollte?). Aber selbst hier in der Schweiz bemerke ich immer mal wieder die Nachwirkungen des Mauerfalls bis zum heutigen Tage. Zum ersten Mal „durfte“ ich heute kritische Anmerkungen zu jenem Tag lesen – aus deutschen Quellen! Ich war damals am 9.11.1989 vor Ort, am Brandenburger Tor. In den Wochen zuvor hatte ich bereits intensiv die Entwicklungen in Ost-Berlin mitverfolgt, mir war bereits vor dem Fall der Mauer bewusst, dass ich einmal mehr Zeitgeschichte miterleben würde, aber nicht einmal im Traum habe ich mir vorstellen können, dass in jener Nacht das Teilungssymbol zwischen Ost und West schlechthin, welches weltweit bekannt war, fallen würde. Ich habe den Zerfall Jugoslawiens miterlebt, ich sah Flugzeuge in Hochhäuser fliegen, die Golf-Kriege, die Rückgabe der Kronkolonie Hongkong, das Ende des Apartheid-Regimes in Südafrika, ich habe den Beginn des Internets miterlebt, nachdem Computer in Privathaushalte Einzug gehalten hatten – wenn ich darüber nachdenke, welche Ereignisse ich inzwischen in meinem kleinen unbedeutenden Leben miterleben „durfte“, die teilweise bis zum heutigen Tage nachwirken (sei es politisch, gesellschaftlich, medizinisch und und und…), so kann ich es manchmal gar nicht fassen, wieviel Zeitgeschichte ich bewusst miterlebt habe. Und damals erlebte ich mit, wie dieses Konstrukt, von welchem ich seit meiner Geburt umgeben war, endlich fiel und Deutschland einen neuen Weg einschlug.

Und die Schweiz? Die war zu jenem Zeitpunkt mit anderen Dingen beschäftigt, auch war (und ist) sie grundlegend anders aufgebaut, zu unterschiedlich von Deutschland, um im Gegensatz zu zahllosen anderen Nationen in jener Nacht irgendwie eine Meinung zu äussern, geschweige denn öffentlich eine politische Position zu beziehen. In manchen Dingen lässt sich dieser Staat weitaus mehr Zeit, als andere – und inzwischen habe ich begriffen, dass das zuweilen (aber auch nicht immer) durchaus von Vorteil sein kann. Aber die erste Reaktion auf Nachfragen von Journalisten liess – und lässt – in Anbetracht der historischen Bedeutung dieses Tages doch tief blicken. Am 10.11.1989 reagierte das für auswärtige Angelegenheiten zuständige Departement der Schweiz mit diesem Kommentar:

„Es ist unmöglich, dass Bundesrat Felber zu allen politischen Ereignissen gegenüber Journalisten Stellung nehmen kann. Schliesslich geschieht fast jeden Tag etwas Wichtiges.“

Im Gegensatz zu vielen anderen Nationen verfällt die Schweiz angesichts historischer Ereignisse praktisch niemals sofort und umgehend in Euphorie. Es wird abgewartet und beobachtet, bevor überhaupt irgendetwas geschieht, geschweige denn etwas „offizielles“, meinetwegen auch „staatliches“ erklärt wird. Gewisse Institutionen in der Schweiz äussern sich erst dann, wenn eine Konsenzmeinung gefunden wurde, also alle involvierten Institutionen sich auf eine weitestgehend allseits vertretbare Meinung oder Stellungnahme geeinigt haben – was aber mitnichten bedeutet, dass entsprechend kommentierte Vorgänge nicht bereits vorab teilweise über Jahre hinweg genau beobachtet wurden. Solche Institutionen halten sich gerne bedeckt, agieren eher im Hintergrund, bringen sich leise in zuweilen sehr lautes Weltpolitisches Geschehen ein. Aber den Fall der Mauer als eine Wichtigkeit unter vielen einzustufen, dass erscheint mir noch heute als typisch helvetische Reaktion. Recht „undiplomatisch“, fast schon unsensibel. Aber vielleicht empfanden an jenem Abend einige wichtige Personen in der Schweiz so wie ich am Brandenburger Tor. Bei mir wollte sich nicht vollends eine Freude einstellen, ich war weit entfernt von jeder Euphorie. Aber aus ganz anderen Gründen als die Institutionen des Staates, dessen Bürger ich inzwischen geworden bin. Einen möglichen Fall des so genannten „Rösti-Grabens“ würde hier kaum jemand euphorisch feiern. Oder etwa doch? Würde aber dieser fallen, so würde das – und da bin ich mir absolut sicher – allenfalls auf kantonaler Ebene für zutiefst leise und diskret vorgetragene Euphorie (oder Ablehnung) sorgen, die Welt würde einem solchen Vorfall allenfalls eine Randnotiz widmen. Denn im direkten Vergleich gibt es wirklich wichtigeres, als das.

Auch wenn ich mich in zahlreichen Befürchtungen von damals inzwischen bestätigt sehe und die Reaktion der Schweiz auf all das bestenfalls als „merkwürdig“ einstufen möchte, so freue ich mich immer noch ganz grundlegend darüber, dass eine Mauer gefallen war und sich nach dem Fall eben selbiger auch in der Schweiz so manche Dinge verändert haben. Auch dieser Staat profitiert bis zum heutigen Tage von den Ereignissen im Jahre 1989.