Pflegehinweise

Mittlerweile ist einige Zeit verstrichen, seit ich hier einen Beitrag hinterlassen habe – es ist an der Zeit, das zu ändern! Inzwischen durfte ich bereits zwei Mal wählen, die politischen Geschicke dieses Landes mit beeinflussen, auch hätte ich als Neu-Schweizer den Nationalfeiertag dieses Landes mit feiern können, aber irgendwie ist das nicht so ganz „meins“. Ich hatte und habe mit bewusst zur Schau gestellter „nationaler Identifikation“ als Deutscher von je her Mühe gehabt und werde das auch immer haben, mir ist jene Überbetonung vermeintlicher Anders- und Besserartigkeit einfach zu nebulös, als dass ich (m)eine Nationalhymne singen könnte, ohne dabei nicht sofort das im Hinterkopf zu haben, was überbetonte nationale Identität historisch bereits bewirkt hat und ganz offensichtlich immer noch bewirkt. Mit anderen Worten: Der Nationalfeiertag der Schweiz ging erstaunlich unspektakulär an mir vorüber. Die beiden Wahlen, an denen ich erstmalig in der Schweiz als Bürger dieses Landes mit teilnehmen durfte, hatten da schon einen ganz anderen Stellenwert für mich, aber zu dieser Thematik, Wahlen in der Schweiz und direkte Demokratie, werde ich ein andermal meine Erfahrungen zum Besten geben. In diesem Beitrag soll es um etwas ganz anderes gehen. Hin und wieder nehme ich meine beiden Reisepässe in die Hand und betrachte sie. Gerade in letzter Zeit wird das Thema „Doppelstaatsbürgerschaft“ immer mal wieder zur Sprache gebracht und bis zu einem gewissen Grade kann ich die Kritik an jener staatspolitischen Besonderheit durchaus nachvollziehen. Würde ich von heute auf morgen vor die Wahl gestellt werden, welche von beiden ich behalten möchte, da dieses Privileg (und nichts anderes ist es!) in absehbarer Zukunft abgeschafft werden soll, so würde ich mich klar für die Schweiz entscheiden. Aber nur sehr bedingt aus emo- oder nationalen Gründen! Entsprechend nachdenklich halte ich dann meine beiden Pässe in der Hand.

Oftmals aber schaue ich sie mir nur an, weil sie für mich Meisterwerke der Drucktechnik und Gestaltung sind! Reisepässe, Identifikationskarten, Banknoten, Briefmarken – vor allem frisch gedruckt! – üben oft eine ganz besondere Faszination auf mich aus! Diese unglaubliche Präzision, mit welcher auf kleinstem Raum ganze Welten (!) untergebracht werden, die nur darauf warten, überhaupt entdeckt und begriffen zu werden, das beeindruckt mich immer wieder! Für mich sind diejenigen, die sich solche Welten einfallen lassen, wahre Meister! Nicht unbedingt vollumfänglich kreative Meister, aber zutiefst präzise Meister! Graphische Präzision hat mich immer fasziniert! Somit sollte es Sie auch nicht sonderlich verwundern, dass ich mir die besonderen „Sicherheitsmerkmale“ meiner beiden Pässe sehr genau zu Gemüte führte – mit Lesebrille UND zusätzlicher Lupe. Dass man Buchstaben, wie die im Schweizer Pass, so klein ducken kann und diese dennoch lesbar sind, das war mir zuvor noch nicht bekannt! Wie ich die jeweiligen Sicherheitsmerkmale studierte, staunte ich zunehmend über den Einfallsreichtum bezüglich dieser Thematik. Solche Dokumente überhaupt fälschen zu wollen, erschien mir als vollendeter Schwachsinn – aber es gibt nun einmal auf der ganzen Welt Menschen, die genau damit ihren Lebensunterhalt verdienen – warum auch immer. Jedes Mal, wenn ich mir diese beiden Dokumente anschaue, entdecke ich ein neues Detail, welches den jeweiligen Pass unverwechselbar zu einem Deutschen oder aber Schweizer macht. Und nein, ich werde diesbezüglich nicht „en Detail“ gehen, es hat seinen guten Grund, warum jene Details als „Sicherheitsmerkmale“ eingestuft werden. Aber auf einen Unterschied in jenen beiden Pässen möchte ich doch etwas genauer eingehen: Die „Pflegehinweise“, welche auf den letzten Seiten des jeweiligen Passes abgedruckt sind, die haben mich dann doch etwas „erstaunt“. Zunächst die deutsche Version:

Dieser Reisepass enthält sensible Elektronik. Zur Erhaltung der Funktionalität behandeln Sie dieses Dokument bitte mit der erforderlichen Sorgfalt.

Mit „sensible Elektronik“ ist der biometrische Chip gemeint, der in Reisepässen neueren Baudatums hinterlegt ist, aber um den geht es – mir – nicht. Für meine Begriffswelt zutiefst undeutsch tauchen zwei Begriffe auf, die einer näheren Betrachtung bedürfen: „Sie“ und „bitte“. So, wie ich die Deutsche Sprache zu schreiben und sprechen gelernt habe, ist das gross geschriebene „S“ in „Sie“ eine Form von Respektsbekundung, man ist nicht einfach nur ein namenloser Besitzer eines recht wichtigen Dokumentes, sondern in gewissem Sinne ein geschätzter namenloser Besitzer eines recht wichtigen Dokumentes, entsprechend wird das grosse „S“ verwendet – in deutschen Ämtern war ich meistens ein „wasauchimmer“, aber nur in ganz seltenen Fällen ein „Sie“. „Bitte“ ist ein Wort, welches in zutiefst amtlichen deutschen Dokumenten höchst selten auftaucht und wenn doch, so ist es als eine in den meisten Fällen von einem zur ewigen Namenlosigkeit verdammten Computer generierten Floskel zu betrachten, denn als auch so durchaus ernst gemeinte und nahe gelegte Bitte um was auch immer. Im Deutschen negiert der Begriff „amtlich“ per se Höflichkeit in Form von Bitten! Zumindest habe ich das bisher so kennen gelernt (aber angeblich wird auch irgendwann einmal der Hauptstadtflughafen eröffnet, die deutsche Hoffnung wird zuletzt vom Paragraphenschimmel in Grund und Boden getrampelt und erst dann stirbt sie, nicht vorher…). Die Schweizer Version:

Dieser Pass enthält einen elektronischen Datenchip. Dieser Pass ist sorgfältig zu behandeln und darf nicht geknickt, gebogen, beschädigt oder starken elektromagnetischen Feldern ausgesetzt werden. Jegliches Abhandenkommen des Passes ist der nächsten Polizeistelle anzuzeigen.  Ein wieder aufgefundener Pass darf nicht weiter verwendet werden. Nicht amtliche Änderungen, persönliche Notizen sowie die unrechtmässige Verwendung dieses Passes sind verboten. Wer keinen Wohnsitz in der Schweiz hat, muss sich innert 90 Tagen bei der zuständigen Vertretung zur Eintragung ins Auslandsschweizerregister melden.

Uff. Das muss man erst einmal sacken lassen! Die Deutschen greifen zur Begrifflichkeit „sensible Elektronik“, die Schweizer verwenden „elektronischen Datenchip“. Hey, auch Chips haben inzwischen Gefühle, liebe Eidgenossen (und eben NICHT Schweizer!), die Deutschen haben das begriffen! Und Ihr, liebe Eidgenossen, die Ihr Euch mit Datensammlungen bestens auskennt, verwendet auch noch obendrauf die Begrifflichkeit „Datenchip“! Habt Ihr es immer noch nicht begriffen? Die Deutschen sammeln genau so wie ihr Daten bis zum Abwinken. Aber die haben wenigstens gelernt, wie man das sachdienlich ungenau ausdrückt, um eine überempfindliche Bürgerseele nicht zu strapazieren! Himmelherrgott, wenigstens in diesem Punkt könntet Ihr mal eingestehen, dass Ihr sogar von „den“ Deutschen noch lernen könntet! Tut das weh? Ich hoffe doch! Und nein, „Fiche“ ist als französisch klingender Vorname für einen weiblichen Neuankömmling auf dieser Welt oder aber eine Datensammlung welcher Art auch immer – wenn überhaupt –  nur äusserst bedingt von Vorteil, kurz-, wie langfristig! Bekommt das bitte endlich mal in Euer Reduit-Hirn rein! Oder ist der Begriff „Datenchip“ als Drohung zu verstehen? Etwa?
Über die physische Handhabung des roten Passes brauche ich kein Wort zu verlieren, das entspricht weitestgehend meiner Wertewelt. Aber die Verpflichtung, den Verlust eines Schweizer Passes sofort der Exekutive dieses Staates zu melden, spricht dann doch Bände. Mit diesem Satz wird deutlich, welchen Stellenwert dieses Dokument hat – nicht für den Inhaber, sondern den Staat Schweiz. Darüber verlieren die Deutschen kein Wort. „Ein Pass, der wieder gefunden wurde, darf nicht weiter verwendet werden…“. Diese Passage finde ich doch ein klein wenig irritierend. Angenommen, ich ziehe von einer alten Wohnung in eine neue um und finde danach meinen Pass für eine Zeit lang nicht mehr, dann aber – wie das oft so gehen kann – durch Zufall doch wieder (meistens nicht dort, wo man den gesuchten Gegenstand vermutet hat…). Den darf ich dann also nicht mehr verwenden? Der Vermerk, dass eine Wiederverwendung nach Anzeige eines Verlustes nicht zulässig ist, wäre zielführender gewesen (wenn auch eher deutsch, denn schweizerisch). Kann man einen eigenen Pass unrechtmässig verwenden? Klärungsbedarf! Unerwartet auch der Hinweis darauf, dass man sich in einem dezidierten Register einzutragen hat, wenn man den Hauptwohnsitz nicht in der Schweiz hat, ich hätte vermutet, dass eine jeweilige Gemeinde oder ein Kanton in so einem Falle tätig wird (oder das neu gewählte Gastland). Aber nein, das steht im Schweizer Pass! „Ja, hend Siä nöd in Ihre Pass gelueget, als Siä uusgwanderet sind?“ tönte es in schönstem Beamten-Schweizerisch in meinem Kopf…

So alles in allem wirkt der Schweizer Pass auf mich in mancherlei Punkten sehr deutsch, umgekehrt der deutsche Pass sehr Schweizerisch. In einem für mich etwas „sensiblen“ Punkt aber ist der deutsche Pass sowas von „deutsch“, dass es nicht einmal den Ansatz des geringsten Zweifels daran geben kann, dass es sich um ein urdeutsches Dokument handelt: Die Hinterlegung der ersten Textpassage aus der Nationalhymne Deutschlands! Vielleicht ist die der Schweiz auch in dem knallroten Pass hinterlegt, aber gesichtet habe ich vergleichbares nicht. Deutschland und seine elende Nationalhymne! Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass ich mir bei der Wiedervereinigung eine neue gewünscht hatte, es gab sogar einige wenige Initiativen in dieser Angelegenheit. Aber insbesondere in solchen Dingen ist dieses Land geradezu stur! Es war von je her die Hymne nur eines Teils der Deutschen, nicht aber aller. Ein neues Deutschland hätte auch eine neue, zeitgemässe Hymne verdient. Und das kann Deutschland von der Schweiz lernen: Immerhin denkt man hier ab und an – und aktuell sogar gerade derzeit – darüber nach, ob nicht doch eine neue, sachdienlichere Hymne verfasst werden sollte. Vielleicht würde sogar ich mich dann dazu hinreissen lassen, eine solche mit zu singen. Vielleicht. Bei der deutschen haben sich mir von je her die Gedärme verkringelt. So oder so: Wenn ich mir beide Pässe betrachte, so bemerke ich vor allem, wie wenig Unterschiede es zwischen Deutschen und (Deutsch-)Schweizern eigentlich gibt…