Klein(gehaltene)-Kunst

Nach meinem Erachten gibt es eine sehr spezielle Verbindung zwischen Deutschland und der Schweiz, die wenn überhaupt nur unterschwellig oder am Rande zur Sprache gebracht wird. Alles, was im weitesten Sinne mit „Kunst“ zu tun hat, scheint in der Schweiz zumindest anders gehandhabt und gefördert zu werden, als in Deutschland. Wenn ich in Berlin (oder anderen Städten Deutschlands) Ausstellungen oder Aufführungen besuchte, so stolperte ich immer mal wieder über ein paar Merkwürdigkeiten, die ich erst besser zu begreifen verstand, als ich bereits länger in der Schweiz lebte. Ein paar Beispiele… Namhafte Maler der Schweiz waren nur selten in Deutschland ausgestellt, noch seltener gab es Ausstellungen, die sich allein mit Schweizer Malerei befassten. Dafür aber waren zahlreiche Kunstwerke anderer Maler, die in irgendeinem Museum ausgestellt wurden, Leihgaben aus Privatbesitz – sehr oft aus der Schweiz! Einige sehr bekannte Werke von Weltruhm gehören Schweizern, sind aber nicht von Schweizern gemalt worden. Ausstellungen, die sich zum Beispiel aber ausschliesslich und allein mit dem Maler Ferdinand Hodler (oder Hans Asper, René Bernasconi, Arnold Böcklin, den Giacometti-Brüdern und so vielen anderen mehr) befassten, gab es meines Wissens nach so gut wie nie oder nur sehr selten in Deutschland zu sehen – auch wenn einige von ihnen zu gewissen Zeiten vor allem in Deutschland zu Bekanntheit und Ruhm gelangten. Kunst wird in der Schweiz hingegen gerne gesammelt, wenn das notwendige Kleingeld dafür vorhanden ist, aber in der Schweiz selbst wird Schweizer Kunst nur selten dezidiert auch als solche beworben und über die Landesgrenzen hinaus bekannt gemacht – es sei denn, eine Kunst wird als „Kulturgut“ der Schweiz in Gesamtheit betrachtet. Auch wenn es in der Schweiz ein schier unüberschaubares Angebot an wirklich hervorragender Kunst gibt, so scheint nur wenig davon hinüber nach Deutschland zu schwappen. Natürlich gibt es einige Schriftsteller, Maler und Musiker aus der Schweiz, die auch in Deutschland bekannt und beliebt sind, einige sind überhaupt erst in Deutschland zu Bekanntheit gelangt (und eben nicht vorab schon in der Schweiz). Natürlich ist Deutschland attraktiver für Künstler, wenn es darum geht, sich selbst bekannt zu machen. In jenem Land eröffnen sich weitaus mehr Wege dafür, als in der auch in dieser Hinsicht eher kleinen Schweiz. Aber irgendwo scheint da eine kulturelle „Hürde“ in der Schweiz zu existieren. Nicht selten kann man nachlesen, dass gewisse Institutionen, die für die Kulturförderung in der Schweiz zuständig waren und sind, erhebliche Mühe mit Schweizer Künstlern hatten und auch immer noch haben, die inzwischen ausserhalb der Schweiz zu unangefochtenem Weltruhm gelangt sind. Manchmal erscheint es mir, als würde dieses kaum fassbare Ding mit Namen „Kunst“ in der Schweiz zuweilen absichtlich klein gehalten, damit sich diese Nation wenigstens ansatzweise mit dem identifizieren kann, was Bürger dieser Nation als Kunst erschaffen haben. Bei Ferdinand Hodler war das kaum ein Problem, Le Corbusier hingegen schien so manch einem Schweizer nicht schweizerisch genug zu sein. Nicht selten wurde das Verhältnis dieser Nation zu einem seiner kunstschaffenden Bürger zunehmend schwieriger, je bekannter dessen Name vor allem im Ausland wurde. Aber es gibt auch Beispiele dafür, wie ein bereits im Ausland sehr bekannter Schweizer Künstler nach Jahren oder Jahrzehnten der Ablehnung in der Schweiz fast schon von heute auf morgen wieder das geliebteste Kind jener Institutionen wurde, die ihm zuvor das Leben schwer gemacht hatten – als wäre nie etwas gewesen.

Zugegeben: Kunst, egal ob in Bild, Schrift oder Ton, ist eine Ausdrucksform, die zuweilen schwierig zu verstehen ist und viel Interpretationsspielraum lässt – und auch manchmal in kein bekanntes oder „angenehmes“ Umfeld passen will. Darüber hinaus sind Künstler auch nicht gerade selten Menschen, die zumindest ein klein wenig anders ticken, als „man“ (wer auch immer das sein soll) das vermeintlich erwarten darf. Wenn also eine Nation einen Künstler und sein Werk als eine Art „kultureller Botschafter eines Landes“ ansehen und entsprechend auch im Ausland bewerben will, kann es schwierig werden, da unterscheidet sich die Schweiz nicht von Deutschland (und mit grosser Wahrscheinlichkeit nach auch nicht vom Rest der Welt). Aber für meine Begriffswelt ist die Toleranzgrenze, was Kunst darf, kann und soll, in der Schweiz weitaus niedriger, als in Deutschland, wenn es um jene Botschafter-Funktion geht. Wen wundert das? Die Diplomatie ist wohl das, wofür die Schweiz im Ausland am besten bekannt sein dürfte (neben Uhren, Schokolade und Käse). Diplomatie vermittelt, sie eckt nicht an. Bei der Kunst sieht das schon ganz anders aus. Hoch stehende Schweizer Kunst erscheint mir nur ausgesprochen selten als „laut“, meinetwegen auch „sehr sperrig“, „kontrovers“, „nahezu unverständlich“, „knallig“, „provokativ“, dafür aber sehr oft als höchst „feinsinnig“, egal, ob international bekannt oder nicht. In diesem Land lernt man insbesondere als halbwegs gebildeter Deutscher, dass man sich hier nicht nur sprachlich, sondern eben auch künstlerisch besser differenzierter ausdrücken sollte, wenn man hier verstanden und akzeptiert werden will. Auch das nenne ich typisch Schweizerisch. Nahe liegender Weise ist so manch eine sehr feine Schweizer Kunst nur sehr wenigen Deutschen verständlich und genehm – und auch als solche überhaupt bekannt. Erst vor kurzer Zeit besuchte ich in Lugano ein fantastisches Museum, in welchem Werke von Schweizer Surrealisten ausgestellt waren. Ich habe mich viele Jahre zuvor mit dieser Stilrichtung der Malerei intensiv befasst, aber dass es einen sehr aktiven Kreis von Kunstschaffenden zu jener Zeit in der Schweiz gab, war mir weitestgehend unbekannt. Diese zum grossen Teil faszinierenden Werke hatte ich nie zuvor gesehen, in keiner Ausstellung und auch in keinem Kunstband, immerhin waren mir ein paar Namen bekannt. Nicht nur Namen einiger Künstler, sondern auch die Namen so manch eines Privatsammlers.

Ich kenne niemanden, der in der Schweiz lebend als Schweizer von der Kunst allein lebt, aber ein paar, die zumindest künstlerisch aktiv sind und sich mit ihrer Kunst ein Zubrot verdienen. Ich bin einmal der international bekannten Künstlerin Pipilotti Rist begegnet, die in dieser Hinsicht eine Ausnahme zu bilden scheint, aber da es sich um ein Zusammentreffen in privatem Kreise von nur sehr kurzer Dauer handelte und ich – ganz ehrlich gesagt – mit ihrer Kunst nur sehr wenig anfangen kann, ergab sich für mich auch nicht die Möglichkeit zu fragen, wie sie das macht – sollte dem auch so sein. Kunst kann zuweilen eine sehr kostspielige Angelegenheit sein, wenn sie Form annehmen soll und so konnte ich im Gespräch mit ein paar anderen zumindest zeitweise künstlerisch aktiven Menschen in Erfahrung bringen, dass es sehr hohe Hürden gibt, möchte man in der Schweiz staatliche Förderungen erlangen. Gut, das dürfte auch in Deutschland keine einfache Angelegenheit sein, aber nach den zahlreichen Schilderungen, die mir diese Menschen entgegenbrachten, wurde für mich deutlich, dass es dort zumindest ein klein wenig einfacher sein dürfte, sich einen Namen zu machen.  Es verwunderte mich auch nicht, dass in Gesprächen mit schriftstellerisch tätigen Menschen sich heraus kristallisierte, dass diese ihre Werke vor allem in Deutschland verlegen lassen würden. Deutsche Verlage scheinen andere, wenn nicht einfachere oder unkompliziertere Bedingungen zu stellen, als Schweizer Verlage, vielleicht ist es aber auch einfacher, das Buch eines Schweizer Schriftstellers in Deutschland unter die Leute zu bringen, als in der Schweiz. Wie so oft aber dürfte aber vor allem der Kostenfaktor eine Rolle spielen. Und welche Rolle vor allem „das liebe Geld“ in der Schweiz spielt, darüber lasse ich mich gegebenenfalls besser in einem anderen Beitrag aus. Apropos „Verlage in Deutschland“: Immer mal wieder wurde ich darauf angesprochen, ob ich nicht vielleicht mal ein Buch schreiben wollen würde (das wurde ich aber noch nie von einem Verlag gefragt, weder in der Schweiz, noch in Deutschland, nur von Privatpersonen). Ich schlage mich mit diesem Gedanken bereits seit sehr vielen Jahren herum und tatsächlich habe ich da drei „Werke“ im Kopf, an einem schreibe ich sogar ab und an. Das erste Werk kann nur ein Klon von mir selbst verstehen und bis jetzt existiert das bestenfalls rein fragmentarisch in meinem Kopf. Also wird das aller Wahrscheinlichkeit nach nie geschrieben, geschweige denn veröffentlicht werden, das würde niemand verstehen. Und wahrscheinlich auch nicht aushalten, was da dann geschrieben stehen würde. Das zweite Werk ist im Kopf nahezu fertig (Arbeitstitel: „Ich im öffentlichen Dienste Zürichs“ oder so ähnlich), wird aber erst geschrieben, verlegt und gedruckt, wenn ich meinen aktuellen Beruf nicht mehr ausübe und vor allem aus im weitesten Sinne „juristischen“ Gründen nicht mehr in der Schweiz leben sollte – und das überhaupt jemals verlegt werden sollte, egal, ob in der Schweiz, Deutschland oder sonstewo. Das dritte Werk, an welchem ich gerade erst vor kurzer Zeit dem bisher (und hoffentlich ein- für allemal) letzten Kapitel ein paar Zeilen hinzugefügt habe und welches sich im weitesten Sinne mit mir und den „Persönlichkeiten“, die mich im Laufe meines Lebens intensiver begleitet (und dann ad acta gelegt) haben, befasst, wäre – rein theoretisch – verlegbar. Aber sicherlich nicht in der Schweiz. Vielleicht sollte ich ein ganz anderes (schweizerisches?) Thema suchen. Vielleicht sollte ich aber auch gar nicht mehr schreiben (zumindest in Bezug auf Werk Nummer 3 kenne ich ein paar „Persönlichkeiten“, die darum nicht undankbar wären…). Kunst ist so eine grauenhaft launische Angelegenheit…

In der „Ausgangsuniform“ der Freiwilligen Feuerwehr Zürichs absolvierte ich einst den obligatorischen „Feuerwachrundgang“ im Schauspielhaus von Zürich, dem „Pfauen“. In der Pause setzte ich mich in die Personalkantine. Auf der Bühne wurde irgendein Werk von Samuel Beckett aufgeführt, den ich grundsätzlich sehr schätze, aber ich hatte dieses Werk bereits mehrfach gesehen (vor allem an anderen Orten auch ausserhalb der Schweiz) und diese Aufführung haute mich nicht vom Hocker, auch wenn sie durchaus „solide“ war. Ich knabberte an meinem „Sandwich“ und nuckelte an der „Cola Zero“, während ich den Gesprächen in der Personalkantine lauschte. Eine Statistin unterhielt sich mit dem „Bar Keeper“, er in Züri-Düütsch, sie in Hochdeutsch mit leichtem Akzent aus der Region Franken in Deutschland. Ich wurde neugierig, stellte mich vor und setzte mich zu ihnen. Irgendwann fragte ich die Statistin, wie und warum sie in Zürich gelandet sei. „Als ausgebildete Schauspielerin verdiene ich hier besser. Aber irgendwie komme ich hier auch nicht weiter. Vielleicht gehe ich irgendwann wieder zurück.“ entgegnete sie. Einmal mehr stellte ich fest, dass Kunst im Zweifelsfalle doch etwas mit „Geld“ zu tun hat, auch wenn wie in diesem Falle die Kunst der Schauspielerei aufgrund der Fähigkeit zum Hochdeutschen von Deutschland in die Schweiz herüber geschwappt war – aus rein monetären Gründen, nicht aber künstlerischen. Auch eine Form der Verbindung zwischen der Schweiz und Deutschland.