Touring Club Schweiz

Vor sehr, sehr vielen Jahren reiste die komplette Familie Liedtke – wenn ich mich recht entsinne – nach Frankreich. Zu diesem Zwecke musste einmal mehr unser VW Bus (in der Schweiz auch gerne „Bully“ genannt) Baujahr 1968, luftgekühlter Motor, zweifarbige Lackierung (Orange & Weiss) und bereits mit neuartiger Schiebe- statt Klappseitentür ausgerüstet, jeden einzelnen Quadratzentimeter Stauraum opfern, damit diese sechsköpfige Familie bei brütenden Temperaturen ohne Klimaanlage auch das Ziel wenigstens einigermassen spartanisch-komfortabel, wenn auch sicherlich vollkommen überladen, erreichen würde, was dieses treue Fahrzeug auch tat. Auf dem Rückweg aber, kurz nach der Grenze zwischen Deutschland und Frankreich, erwachte meine Mutter aus dem rollenden Sommer-Hitze-Tiefschlaf, wendete sich meinem Vater zu und liess den einen Satz fallen, den ein Mann und Familienvater in Angesicht von weiteren 700 zu fahrenden Kilometern bei noch brütenderer Hitze als auf dem Hinweg garantiert nicht hören will: „Du, Schatz, da klingt irgendetwas anders.“. Merke: Frau kann monate-, wenn nicht jahrelang mit einer glimmenden Warnlampe im Armaturenbrett herumfahren, das beeindruckt Frau meistens nicht sonderlich, weil das schon immer so war und bis jetzt nichts passiert ist (leicht dem Kontext angepasstes Orginalzitat!). Hauptsache, im Sommer funktioniert die Klimaanlage und im Winter die Sitzheizung. Wenn Frau aber Mann mitteilt, dass da was auch immer ein klein wenig anders klingt (und eben nicht anders aussieht), als sonst, dann ist das Drama vorprogrammiert. Es kam, wie es kommen musste. Der VW Bus blieb ausserplanmässig irgendwo in der Pampa stehen, ein Mechaniker musste kommen und noch Wochen danach fluchte mein Vater kaum hörbar, aber sehr energisch über die in Folge ausgestellte Rechnung. Bereits damals „offerierten“ findige Mechaniker auf den Pannenstreifen Deutschlands Mitgliedschaften im „ADAC“ (Allgemeiner Deutscher Automobilclub), um die zu erwartenden Kosten zu senken. Aber auch hier kam alles, wie es kommen musste und erneut liess meine Mutter irgendwann einen Satz fallen, den ein Mann und Vater einer Grossfamilie nun einmal auch nicht unbedingt hören will: „Du, Schatz, meinst Du nicht, dass es mal langsam Zeit für einen neuen Bus wird?“. Der ADAC wurde bei unserem alten VW Bus nicht mehr aktiv. Als dann Jahre später sein Nachfolger, ein noch spartanischerer ausgestatteter Mitsubishi L300, auf der Autobahn zwischen Brandenburg und Berlin auf einmal eine riesige weiss-graue Rauchwolke hinter sich her zog, war es zu spät für den ADAC. Nicht lange darauf kündigte mein Vater die Mitgliedschaft im ADAC, dessen Hauptsitz ironischer Weise gerade einmal drei Häuserblocks von der elterlichen Wohnung entfernt lag. Ich hatte aus alledem gelernt, das Frau in Bezug auf die ordentliche Funktion motorisierter Fahrzeuge wohl ein „musikalisch-harmonisches“ Empfinden zu haben scheint (vorausgesetzt, die Temperaturregulierung funktioniert einwandfrei und die Scheiben sind zumindest so sauber, dass man auf das Tragen der eigentlich obligatorischen Sehhilfe aus Gründen der Eitelkeit – Verzeihung, allgemeinen Harmonie – verzichten kann), während Mann eher von der „optischen“ Sorte ist. Wo nichts warnblinkt, ist auch nichts, egal, wie „belastet“ das Fahrzeug auch klingen mag. Wenn aber jene musikalische Belastungsharmonie nicht mehr stimmt, dann bleibt die Karre nun einmal stehen. Und dann kann es teuer werden – ein Prinzip, welches nicht nur auf motorisierte Fahrzeuge zutrifft, ganz nebenbei angemerkt.

Nun mache ich mich selbst in absehbarer Zeit auf den Weg in ferne Gefilde, vollkommen alleine mit einem Motorrad. Unter einem Helm motorisch-musikalische Harmonie wahr zu nehmen, ist bestenfalls nur begrenzt möglich. Und meine Maschine entspricht in etwa heute unserem alten VW Bus von damals. Ein zuverlässiges Ding, gross, unhandlich, sperrig, säuft je nach Fahrstil wie ein Loch, ein über Jahrzehnte hinweg erfolgreich weiter entwickelter und sehr zuverlässiger Motor (in gewissem Sinne also auch ein Spiegelbild von mir selbst). Aber wenn was ist, dann ist etwas. Nämlich dann meistens nix mehr. Bisher aber ist noch keines meiner Motorräder irgendwo in der Pampa stehen geblieben und zumindest in Deutschland und der Schweiz konnte und kann ich mir sicher sein, dass ich in so einem Falle vor keinem unlösbaren Problem stehen würde – ohne Mitgliedschaft in einem Fahrzeugclub. Trotzdem schloss ich vor kurzer Zeit einen Vertrag mit dem Schweizer Gegenstück zum deutschen ADAC ab, dem TCS (Touring Club Schweiz), da in dem Gebiet, in welchem ich mich aufhalten werde, sogar banale Tankstellen eine Seltenheit und gewisse Strecken, die ich befahren möchte, bestenfalls weit entfernt vom normalen Strassenstandard sind. Der Vertragsabschluss verlief schön „Swissy“, wie ich das zu nennen pflege. Alles war in weniger als 24 Stunden online erledigt und bestätigt (beim ADAC seinerzeit ging das alles mit der zumindest damals noch zuverlässigen und schnellen Deutschen Post per Brief und dauerte entsprechend länger, das Internet gab es damals so noch nicht). Heute gibt es für alles eine „App…“, sogar mit Dolmetscher-Funktion und die werde ich brauchen, sollte mein Zweirad beschliessen, ein anderes Verständnis von Harmonie zu entwickeln, als ich. Natürlich hoffe ich, dass ich die Dienstleistungen des TCS nicht in Anspruch nehmen muss, aber wenn, dann werde ich sicherlich recht bald erfahren, ob sich der Vertragsabschluss gelohnt hat und ob sich ein „Produkt“, welches sowohl in der Schweiz, als auch in Deutschland erhältlich ist, so weit in den relevanten Punkten unterscheidet, dass man das eine in „typisch Deutsch“ und das andere „typisch Schweiz“ unterteilen kann.

Sollte eine solche Differenzierung so nicht möglich sein, so habe ich mir den frühest möglichen Kündigungstermin zu jenem Vertrag bereits im Kalender notiert. Typisch ich. Typisch Deutsch. Aber ich fahre ja auch als Doppelbürger mit einem deutschen Motorrad, welches in Bayern konzipiert, aber in Berlin gebaut wurde in Gegenden herum, die manchmal Schweizer Diplomatie erfordern könnten. Auch typisch ich.