Horizontverkleinerung

Das erste „technische“ Gerät, welches ich in meinem Leben mein Eigentum nennen durfte, war ein uraltes Radio, ein Erbstück, wenn ich mich recht entsinne. So ein Ding aus einem Holzrahmen, grossflächig an der Vorderseite mit einem Stoff im Stil der frühen 60er Jahre bespannt, zwei leicht angegilbte grosse Knöpfe, ein grosser Lautsprecher auf der Rückseite und die gelblich leuchtende Skala mit allerlei Orts- und Sendernamen aus der ganzen Welt. In Berlin (West) konnten wir nicht sehr viele Sender empfangen, einige waren schlicht und ergreifend zu weit weg, andere wurden wahrscheinlich von den Sowjets gezielt gestört, so war es auch meistens eher Glück, wenn man den Senderwahlknopf ganz nach rechts auf die Station „Beromünster“ drehte und anschliessend auch etwas hören konnte. Aus der Schweiz drang nicht sehr viel zu uns auf der West-Insel im DDR-Deutschland. Sender Freies Berlin, AFN (American Forces Network), die englische BBC, DDR 1 und DDR 2 auf der Ultrakurzwelle, andere schon etwas „exotischer“ anmutende auf der Kurz-, Mittel- oder Langwelle. Nicht viel anders war das mit dem Fernsehen. Lange bevor in den achtziger Jahren mit SAT 1 der erste Privatsender zu empfangen war, gab es nur die öffentlich-rechtlichen Anstalten ARD, ZDF und SFB (Sender Freies Berlin Fernsehen) aus dem „Westen“ und DDR 1 und DDR 2 aus dem Osten. Viel aus dem „Osten“ wurde in unserer Familie nicht akustisch oder visuell konsumiert. Wenn überhaupt waren es im Radio Übertragungen klassischer Musik und aus dem Fernsehen die Ost-Nachrichten und die zum Teil sehr krausen Propaganda-Sendungen des „Schwarzen Kanals“. Aber letzteren sahen mein Vater und ich vergleichsweise oft. Auf diesem Wege vermittelte mir mein Vater die Fähigkeit (und auch Notwendigkeit!), bestimmte Themen immer von mehreren Seiten zu beleuchten und zu durchdenken – und auch nicht immer alles blind zu glauben, was da aus dem Äther schwallte und über den Bildschirm flimmerte. In bereits vergleichsweise jungen Jahren lernte ich, Prinzipien und Vorgehensweisen der Kommunikation und Informationsvermittlung sehr genau unter die Lupe zu nehmen und mir eine eigene Meinung zu bilden. Das ist bis zum heutigen Tage so geblieben. Ich höre zwar so gut wie nie Radio, das geht mir einfach zu sehr auf die Nerven, für Fernsehen habe ich bedauerlicher Weise oft nicht die Zeit, die ich gerne hätte, aber manchmal kaufe ich mir unterschiedliche Zeitungen sowohl aus Deutschland und der Schweiz (manchmal aber auch internationale Werke), um die Sicht auf ein bestimmtes Thema so umfassend wie möglich zu gestalten. Die gute alte Zeitung kann manchmal sehr viel Ruhe in die heutzutage auf mich sehr unruhig wirkende Medienwelt bringen! Und dennoch versuche ich zumindest die Nachrichten der öffentlich-rechtlichen Anstalten aus Deutschland und der Schweiz anzusehen, insbesondere dann, wenn es um Themen geht, die beide Länder betreffen.

Umgekehrt scheint das lange Zeit zumindest in der Grenzregion beider Länder so gewesen zu sein, dass auch viele Deutsche sich über die Sender des Schweizer Fernsehens informiert hatten, nun aber soll aus vorwiegend finanziellen Gründen Schluss damit sein. Ich bedauere das sehr! Nachdem ich jüngst mal wieder auch einen kurzen Blick in das „Angebot“ der privaten Sender in Deutschland geworfen hatte, war ich umso beruhigter, dass es überhaupt noch öffentlich-rechtliche Anstalten mit einem qualitativ hoch stehenden Programm gibt. Die systematische Verdummung, die Sender wie RTL, SAT 1, VOX und Konsorten betreiben, hat für meine Begriffswelt inzwischen ein Niveau erreicht, welches sich allenfalls nur noch geringfügig vom Intelligenzquotienten eines Neandertalers unterscheidet. Nachrichtensendungen sind extrem kurz gehalten, Unterhaltungsprogramme hingegen tagesfüllend. Und selbst wenn mal im privaten Fernsehen relevante Nachrichten gezeigt werden sollten, so lenkt in den meisten Fällen das Erscheinungsbild (gesponsort von irgendeiner Firma, nur heute und hier zum Vorzugspreis erhältlich, nur noch 12 von 2957 Stück vorhanden…) der oft weiblichen Neandertal-Moderatorin das Hirn des männlichen Neandertal-Betrachters (der sowieso meistens nur auf die nächste Fussball-Übertragung wartet) von der Relevanz einer Nachricht massiv ab. Die Deutsche Tagesschau (öffentlich-rechtlich) dauerte so lange ich denken kann immer 15 Minuten. Im privaten Fernsehen reichen oft 3 bis 5 Minuten. Die des Schweizer Fernsehens dauern meistens 30 Minuten – und das empfinde ich als wohltuend, da im direkten Vergleich das Schweizer Fernsehen sich mehr Zeit nimmt, ein Thema genauer zu beleuchten. Und genau das schätzten die Zuschauer aus Deutschland in der Grenzregion. Ich kann es durchaus und sehr gut nachvollziehen, dass es in diesem Gebiet Europas Menschen gibt, die so wie ich gerne beide Seiten einer Medaille betrachten wollen! Gerade wenn es um Themen geht, die beide Länder und politischen Systeme betreffen. Hier wird aus Kostengründen ein Informationshorizont verkleinert. Und das ausgerechnet in Zeiten, wo Erkenntnis und Verständnis für die Positionen sowohl der Schweiz, als auch der EU beiderseitig unerlässlich sind! Was früher die Störsender der Sowjets um West-Berlin waren sind nunmehr die Sparmassnahmen, zu denen das Schweizer Fernsehen vom Bund der Schweiz verdonnert wurden. Meiner Meinung nach wird hier am falschen Ende gespart. Es wird darauf verweisen, dass man alle Informationen auch über Streaming-Dienste und das Internet weiterhin sammeln könnte. Aber selbst ich, der vergleichsweise früh mit dem Ding „Internet“ in Kontakt gekommen war und dieses auch nachwievor intensiv nutzt, schaut auf solche Entwicklungen mit Argwohn. Das Radio war die Informationsquelle schlechthin, als in Europa und anderswo auf der Welt die Bomben fielen. Das Internet kann zusammen brechen oder massiv gesteuert, blockiert und kontrolliert werden. Über Antenne empfangene Signale sind und bleiben aber eine zuverlässige Alternative zum Internet – aus rein technischer Sicht.

Ein erstes Beispiel: Als am 11. September 2001 das World Trade Center in Schutt und Asche gelegt wurde, war der Verbindungsstandard „ISDN“ noch nicht weit verbreitet, die meisten Nutzer verwendeten noch klassische Telefon-Modems. Ich erinnere mich noch sehr gut an jenen Tag! Ich hatte in meinen Computer eine TV-Karte eingebaut, die vom Internet unabhängig Fernsehen empfangen konnte. Zeitweise war es an jenem Tag sehr schwierig, wenn nicht gar unmöglich eine Verbindung zum Internet in Berlin herzustellen, aber das Fernsehen funktionierte! Ein zweites Beispiel, welches Resultat aus den gesammelten Erkenntnissen des ersten Beispiels war (ja, war, leider): Eine Zeit lang gab es TV-Empfänger auch für Smartphones und Tablets, inzwischen sind die nur noch sporadisch anzutreffen. Ich besass eine Zeit lang solche Geräte und konnte mich immer informieren, auch wenn das mobile Internet manchmal über Stunden oder gar Tage hinweg nicht zur Verfügung stand. Nun gut, man kann sich auch überinformieren und ja, auch ich schätze es inzwischen sehr, nicht immer alles erfassen zu müssen und auch nicht mehr zu wollen, ich „filtere“ inzwischen recht gründlich und genau, ob etwas für mich wichtig und interessant ist oder nicht. Aber ich habe es nachwievor überhaupt nicht gern, wenn ein Informations- und Kommunikationsweg, das transportierende Mittel an sich, verschwindet, obwohl es nachweislich funktioniert hat und genutzt wurde. Aus Kostengründen zu „filtern“ ist meines Erachtens nach der vollkommen falsche Weg! Aber so, wie es zumindest derzeit aussieht, werden die Deutschen in der Grenzregion zur Schweiz auf TV-Sendungen aus der Schweiz, die zuvor über Antenne zu empfangen waren, verzichten müssen. Schade, wie ich meine. Denn so verschwindet ein weiterer Kommunikationsweg, der über viele Jahre hinweg zu mehr Einsicht und Verständnis geführt hat. Aber auch das ist typisch für unsere Zeit: Meinungen können auch indirekt gebildet werden, indem man alt bewährtes (wenngleich auch kostenintensives und unhandliches) durch neues, oftmals nur vermeintlich besseres und billigeres ersetzt. Die gebildete Meinung transportiert dann diese Information: Das alte war kostenintensiv und unhandlich, sperrig, unflexibel. Aber das neue ist einfach und kann mehr in viel kürzerer Zeit! Auf diesem Wege haben sich innerhalb der letzten zwanzig bis dreissig Jahre so ziemlich alle Kommunikationsmittel verändert. Aber auch ihre Inhalte und ihre Verfügbarkeit…