Geld aus Deutschland

Irgendwann im September 2011 wurde bekannt, dass ein Angehöriger der Schweizer Grossbank UBS Milliarden in den Sand gesetzt hatte. Es folgten zahlreiche Ermittlungen gegen Personen und Unternehmen aus nahezu dem gesamten internationalen Ausland wegen Steuerhinterziehungen und am Ende wurde das, wofür die Schweiz bis anhin auch auf der ganzen Welt bekannt war und als Aushängeschild dieser Nation gegolten hatte so weit aufgeweicht, dass es keines mehr war: Das Schweizer Bankgeheimnis (oder verständlicher formuliert: bis dahin wurde mit absolut niemandem in jenem Land darüber gesprochen, auf welchen Wegen woher auch immer das Geld stammte, welches auf Schweizer Nummernkonten hinterlegt worden war). Ganz nebenbei erinnernd angemerkt war es vor allem der Steuerzahler in der Schweiz, der die beiden Grossbanken CS und UBS am Leben erhielt und nicht bankrott gingen liess, somit finanzierte auch ich die Rettung dieser beiden Grossbanken gezwungener Massen mit, obwohl ich zu jenem Zeitpunkt nicht Bürger dieses Landes war. Inzwischen haben wohl eben jene beiden (und einige andere namhafte) Grossbanken sicherlich andere Wege gefunden, um das Tauschmittel mit Namen „Geld“ zu managen, wie man das so schön neuschweizerdeutsch nennt. Ob diese neuen Wege immer einwandfrei sind, möchte ich zumindest in Frage stellen. Immerhin müssen jene Banken nunmehr mit Institutionen sprechen, wenn danach verlangt wird. Welche langfristigen Auswirkungen das haben wird, kann nur jemand erfassen, der sich mit der Materie auskennt. Ich tue das nicht, deswegen äussere ich mich hierzu auch nicht weiter. Im Jahr 2011 geschah aber noch etwas ganz anderes, gerade einmal drei Monate später im Dezember. Am 11. jenes Monats stand die Musikergruppe „Rammstein“ auf der Bühne des Zürcher Hallenstadions. Wie so oft waren die Karten zu jenem Konzert innerhalb von NullKommaNix ausverkauft, um ausbleibende Besucher muss sich „Rammstein“ seit Jahren keine Sorgen mehr machen. Die Halle tobte, die Luft brannte, ein Konzert, wie man es von jener Gruppe kennt (wenn man sich dafür begeistern kann). Hinterher erschienen in den üblichen Publikationen Artikel, die wie schon so viele Male zuvor bereits geschriebenes nur in neue Worte kleideten, die ewige Diskussion darüber, was das nun eigentlich für eine Art von Musik sei, wie man diese zu kategorisieren hätte, ob das eigentlich zumutbar sei, solche Musik mit derartigen Texten öffentlich vortragen zu lassen, ob „Rammstein“ nicht doch Nazis seien und und und. Das wird sich nicht ändern, solange „Rammstein“ Musik macht. Aber ich fand keine Anmerkung zu einer Begebenheit, die sich ganz am Ende des Konzertes zutrug, mir aber seitdem umso deutlicher in Erinnerung geblieben war.

Der Sänger (und nein, „singen“ kann der nun einmal wirklich nicht, vielleicht will er aber auch nur nicht) baute sich nach dem letzten Klang der Instrumente in der Mitte der Bühne auf, nur ein Scheinwerfer war auf ihn gerichtet, ansonsten war die Halle stockdunkel. Da stand dieser Berg von Mann, schwitzend, sichtlich gefordert von dem, was er und seine Begleitung zuvor geleistet hatte. Es wurde schnell leise in der proppevollen Halle. In der für ihn typischen Art schaute er über das Publikum hinweg in ein Nichts, was nur er in jenem Moment sah und sprach dann für jeden gut hörbar diese Worte:

„Die Schweiz. Hier bringen wir unser Geld hin.“

Der Scheinwerfer erlosch, das Konzert war beendet. Ich musste schmunzeln. Ich hatte zwar nicht damit gerechnet, dass etwas derartiges geschehen würde, gewundert habe ich mich darüber aber auch nicht. Solche Aussagen gehören zum Standard-Repertoire von „Rammstein“, Aussagen, die gerne und oft als „spaltend“ bezeichnet werden. Um aber überhaupt spalten zu können, muss zunächst nachgedacht und erkannt werden, dass unterschiedliche Ansichten existieren, zumindest sehe ich das so. Und nichts anderes machte dieser Mann da oben auf der Bühne: In der Zeit, als sich langsam aber sicher abzeichnete, wie gross der Schaden wirklich war, den jene beiden Grossbanken angerichtet hatten, wieviele Menschen auch aus Deutschland Steuern hinterzogen hatten, indem sie ihr Geld zu jenen Banken in der Schweiz gebracht hatten, hatte dieser Mann nichts besseres zu tun, als diese Worte in den Raum zu sprechen und damit auf seine Weise zum Nachdenken zu bewegen. Ob nun „Rammstein“ oder einzelne Mitglieder dieser Gruppe wirklich eigenes Geld hier in diesem Land hinterlegt hatten oder nicht, entzieht sich meiner Kenntnis, ich möchte das aber bezweifeln. Nicht, weil ich diese Gruppe und ihre Musik sehr mag, sondern weil sie trotz aller Kritik an dem Land, in welchem sie geboren worden waren, an eben jenem Deutschland fest halten. Sie fliehen nicht aus dem Konstrukt, in welchem sie leben, sie bleiben dort. Von dort aus regen sie zum Nachdenken an. Zugegeben: Oft ein Nachdenken bis an sehr heikle Grenzen aller Arten und nicht selten auch weit über jene Grenzen hinaus. Auch über die Grenze zur Schweiz und vielen anderen Ländern dieser Welt. Geld, Korruption, Kindermissbrauch, Migration, Kannibalismus, Hass, Wut, Liebe, Leid – alles Themen, die an keiner Grenze Halt machen. Auch in der Schweiz nicht. Wie aber über all das gesprochen wird – wenn überhaupt – ist ein ganz anderes Thema. Insbesondere in der Schweiz.

In Laufe der Jahre sah ich „Rammstein“ noch in Basel und Luzern. Sie verloren kein einziges „Schweiz-spezifisches“ Wort an jenen beiden Konzerten. Vielleicht ändert sich das heute Abend, wenn sie in „dem“ Stadion der Schweiz schlechthin, dem „Stade de Suisse“ in Bern, einmal mehr zum Nachdenken anregen. Überraschen würde es mich nicht, insbesondere, wenn es um die Thematik „Ausländer“ geht. Sie haben sich bereits mehrfach mit diesem Thema inhaltlich und musikalisch auseinander gesetzt. Allein schon aus diesem Grunde empfinde ich das, was ich heute Abend zu hören bekommen werde, anders, als die meisten anderen Besucher. War es 2011 noch „das liebe Geld“, welches das Weltgeschehen bestimmte und die Schweiz in einen Fokus rückte, in welchem dieses Land definitiv nicht stehen wollte, so ist das Thema „Migration und Ausländer“ aktueller denn je. Auch in der Schweiz. „Rammstein“ wird so oder so viel Geld mitnehmen, nur aus der Schweiz nach Deutschland. Und nicht umgekehrt.