Grenzgänge, Teil 2

Wenn das Wetter gut ist, strömt die Schweiz an irgendwelche Seen oder Aussichtspunkte, wandert, treibt Sport (Anmerkung: Gesehen werden ist dabei unglaublich wichtig!), belagert Grillplätze und und und… Sollte ich an einem Schönwettertag mal frei und keine Lust dazu haben, gewissen „Pflichten“ nachzukommen (nennt man auch „absichtliche und gezielte Prokrastination“), mache ich nichts von alledem. Ich schnappe mir eine Karte der Schweiz und überlege, wohin ich fahren könnte, entweder mit dem ÖV oder meinem Motorrad. Ich streune sozusagen durch „mein“ grosses Revier und entdecke dabei Ecken, die in kaum einem Reiseführer erwähnt werden oder die mich aus ganz bestimmten Gründen gesondert interessieren. Als ich jüngst mal wieder die Karte der Schweiz vor der Nase hatte, entdeckte ich eine wahre territoriale Besonderheit, die ich in vergleichbarer Form bis anhin nur aus Berlin vor dem dem Mauerfall kannte: Die kleine Ortschaft „Büsingen am Hochrhein“, eine waschechte Exklave der Bundesrepublik Deutschland. Exklave? Der Begriff „Exklave“ bezeichnet ein Gebiet, welches zu einem bestimmten Staat gehört, aber rundherum – und das ist „wichtig“ – von einem ganz anderen Staat umgeben ist, sozusagen eine „territorial-politische“ Insel darstellt. Das ehemalige West-Berlin hatte bis zum Mauerfall derer drei Stück, zwei davon waren lediglich landwirtschaftlich genutzte Flächen. Die Bauern (ja, die Grossstadt Berlin hat bis zum heutigen Tage auch Bauern!) fuhren mit ihrem landwirtschaftlichen Gerät durch bestimmte Kontrollpunkte an der Mauer, um ihre Felder zu bestellen. Die dritte Exklave war der winzige Ort mit Namen „Steinstücken„. Als der kalte Krieg seinen Höhepunkt erreichte, konnte man Steinstücken von West-Berlin aus nur über eine knapp zwei Kilometer lange Strasse erreichen, die durch einen 20 Meter breiten Korridor führte, zu dessen beiden Seiten die Berliner Mauer stand, dahinter Wachtürme mit bewaffneten Grenzposten der DDR. Zu dieser Zeit war Steinstücken ein zutiefst beklemmendes Relikt aus den Wirren des zweiten Weltkrieges und den Folgen aus jenem, ein Absurdum, ein in Landesgrenzen fest gehaltener Wahnsinn dessen, wozu machtpolitisches Denken zu jener Zeit nun einmal auch geführt hat. Umso erstaunter war ich, als ich bei meiner Suche nach einem möglichen Reiseziel auf diese Exklave der Bundesrepublik Deutschland stiess, von allen Seiten umgeben vom Hoheitsgebiet der Confoederatio Helvetica.

Eine knappe Stunde Fahrtzeit von Zürich vorbei an dem Flughafen durch das Zürcher Wein- und Spargelland führte mich an den Rhein, hier genau genommen „Hochrhein“ genannt. Bei Rheinau (CH) überquerte ich eine alte Holzbrücke, die nach Altenburg (D) führt. Am Ende der Brücke auf Deutscher Seite steht ein eher unspektakulärer Altbau, in dessen Erdgeschoss die alte Zoll-Stelle untergebracht war. Der obligatorische Amtsthresen, ein paar alte Aktenordner, ein Karton mit Silikon-Handschuhen, die üblichen Büro-Stühle, eine uralt anmutende Tischlampe, Hinweise darauf, wann diese Zollstelle geöffnet sein würde, schon seit Jahren nicht mehr aktuell. Diese Zollstelle war inaktiv, wurde seit einigen Jahren nicht mehr genutzt (aber sicherlich bis zum heutigen Tage immer noch vom deutschen Steuerzahler mitfinanziert). Ein Ehepaar aus Luzern machte sich in nächster Nähe auf deutschem Boden bereit, um mit sauteurem Tauchgerät in den Rhein zu steigen – bei nicht gerade anheimelnden Temperaturen. Alles in allem wirkte diese Seite des Rheins verlassen, nicht so aber die andere. Ich watschelte über die Brücke zurück auf die Schweizer Seite. Hier fanden sich gleich mehrere Gebäude, sogar zwei in Betrieb befindliche Gastwirtschaften. Ich musste grinsen als ich fest stellte, dass das „Grenzwachtkorps Rheinau“ im gleichen Gebäude untergebracht war, wie die eine der beiden Gastwirtschaften. Waren die deutschen Kollegen schon vor Jahren aus dem Altbau auf der einen Seite der Brücke abgezogen, so konnte das Schweizer Grenzwachtkoprs – theoretisch… – nach Dienstende noch im gleichen Ort es sich gut gehen lassen. Bis zum heutigen Tage.

Ich fuhr weiter an Schaffhausen vorbei und gelangte schliesslich an das Ziel meines Ausfluges: Büsingen. Inzwischen hatte ich in weniger als 15 Kilometern ganze drei Mal die Grenze zwischen Deutschland und der Schweiz überquert, aber war es in Rheinau / Altenburg und Nohlen aufgrund nachwievor existierender Zollstationen noch offensichtlich, so deutete mit Ausnahme des Ortsschildes von Büsingen nichts offensichtlich darauf hin, dass ich mich wieder auf deutschem (oder kurz darauf wieder Schweizer) Boden befinden würde. Ein kleines, hier und dort herunter gekommen wirkendes Dorf mit einer Durchgangsstrasse, einem mehr oder minder liebevoll gepflegtem Ortskern, einer kleinen Kirche, einem chinesischen Restaurant, welches aller Wahrscheinlichkeit nach zum letzten Male vor über fünf Jahren Gäste bewirtschaftet hatte, keine Zollstation. Auf kleinstem Raume Nummernschilder aus allen Ecken der Schweiz und Deutschland, sogar aus Berlin! Apropos Nummernschilder: „BÜS“ ist das seltenste Nummernschild aus Deutschland! Und davon gibt es auch noch zwei Versionen: „BÜS-A“ ist die häufigste, „BÜS-Z“ die allerseltenste (und ich habe dieses Nummernschild vor Ort nicht gefunden). In der Schweiz geben gewisse Menschen Unsummen für ganz besondere Nummernschilder aus. Vielleicht sollten die Deutschen auch endlich mal anfangen, Geld aus solchen Besonderheiten zu machen. Lesen Sie sich den Wikipedia-Artikel zu Büsingen mal gut durch! Hier ist das, worüber Schweizer weitaus intensiver nachdenken, als so ziemlich jeder Deutscher, schon längst Realität: Ein allumfassender Zusammenschluss der Schweiz mit der Europäischen Union. In dieser Exklave gelten Regelungen, die sogar mir vollkommen verquer erscheinen! Und trotzdem scheint das irgendwie mehr oder minder gut zu funktionieren, EU und CH hin oder her. Ich kann mich noch dunkel daran entsinnen, dass Büsingen sogar mal Schauplatz eines Kriminalfilms gewesen ist, vielleicht sogar aus der „Tatort“-Serie. Unnötig zu erwähnen, dass in jenem Film gerade jene staatspolitischen „Befindlichkeiten“ beider involvierten Staaten zu so manch einer Absurdität führten, die nur verstehen konnte und kann, wie diese beiden Staaten ticken und was es mit Exklaven ganz generell auf sich hatte und nachwievor hat. Es ist noch gar nicht mal übermässig viele Jahre her, dass vor dem Rathaus dieses kleinen Dörfchens zwei Telefonzellen direkt nebeneinander standen, eine der Deutschen Telekom und die andere der Swisscom. Inzwischen sind beide verschwunden.

In der jüngeren Vergangenheit gab es immer mal wieder Bestrebungen, Büsingen der Schweiz zuzusprechen, um die zuweilen vollkommen absurd anmutenden Sonderregelungen, die in diesem Ort nachwievor gelten, zu beseitigen und klare Verhältnisse zu schaffen. Manchmal scheiterten solche Bestrebungen an dem so genannten „Volkswillen“, manchmal aber auch an der Tatsache, dass die kleine Schweiz schlicht und ergreifend kein adäquat anmutendes Territorium Deutschland zum Tausch anbieten konnte. Somit wird es also wohl noch ein paar Jahre weiter gehen mit jenem Kuriosum „Exklave Büsingen am Hochrhein“, egal, was die bilateralen Verhandlungen der Schweiz mit der EU auch bringen werden. Oder eben auch nicht. In Exklaven gelten nun einmal Regelungen, die mit aller Deutlichkeit unterstreichen, dass Andersartigkeit nicht nur funktionieren kann, sondern auch im jeweiligen Falle zu funktionieren hat. Wäre das nicht gewährleistet, so liesse sich die Existenz einer Exklave nicht rechtfertigen. Exklaven zwingen zum Austausch, zur Kommunikation, zur Diplomatie. Zur Wahrung von aus gutem Grunde existierender Grenzen, auch wenn diese im Falle Büsingens nicht sichtbar, im Falle Steinstückens aber unübersehbar waren und sind. So absurd das Konstrukt einer Exklave auch erscheinen mag: Sie machen einen Sinn. Wussten Sie eigentlich, dass es im Süden der Schweiz, in direkter Nähe zur Grenze von Italien, noch eine weitere Exklave existiert? Dort läuft das alles anders. Diese Exklave grenzt sich in jedweder erdenklichen Hinsicht von der Confoederatio Helvetica ab. Muss dann wohl etwas mit diesem ominösen Ding „Temperament und Italien“ zu tun haben…