Kolonie Sankt Fondü

Zur Zeit bietet die National Aeronautics Space Administration, besser bekannt unter der Abkürzung „NASA“, Weltraumfahrtbehörde der USA, einen witzigen, vollkommen (oder vielleicht doch nicht?) sinnbefreiten Service an, weltweit kostenlos nutzbar. Anlässlich der ersten bemannten Raumfahrt zum Mars schickt die NASA einen Speicherchip zu jenem Planeten, auf welchem freiwillig abgegebene Namen von Menschen auf der ganzen Welt gespeichert sind, sozusagen eine Visitenkarte der Menschen auf dem Planeten Erde für diejenigen, die aus anderen Systemen darüber stolpern könnten, würden diese so wie die Menschheit an sich auf der Suche nach anderem ausserirdischen Leben sein. Ich gehöre zwar zu der Sorte von Mensch, die felsenfest davon überzeugt ist, dass andere „intelligente“ Lebensformen es tunlichst unterlassen würden, uns näher kennen lernen zu wollen, denn wenn es solche überhaupt geben würde, wären diese sicherlich viel weiter entwickelt, als wir, dennoch hinterliess ich meine Angaben, damit diese gespeichert und irgendwann zum Mars geschickt werden. Ich wäre aber nicht ich, wenn ich diesen Gedanken in meinem Kopf nicht weiter gesponnen hätte und wer mich nur ein klein wenig kennt, wird sich nach Lektüre dieser hier nieder geschriebenen Zeilen wenn überhaupt nur noch eines fragen: „Wie kommt der nur auf solche Ideen?“. Ganz ehrlich, ich kann Ihnen diese Frage bei bestem Willen nicht beantworten, das ist einfach in meinem Kopf, das ist mein tagtägliches Kopfkino! Wie ich da vor meinem Bildschirm sass und mir den digitalen Bordpass anschaute, den die NASA nach Eingabe meiner Daten generiert hatte (was Sie im übrigen kostenlos hier machen können), schossen mir fast schon zwangsläufig einige höchst fragwürdige Ideen durch den Kopf. Insbesondere die Auflistung, wieviele Menschen aus welchen Nationen der Welt bereits ihre Daten hatten abspeichern lassen, förderten meinen gedanklichen Amoklauf. An oberster Stelle steht nachwievor die Türkei, knapp eine Million Menschen hatten sich bereits speichern lassen. Die Schweiz kam mir da fast schon wie ein Fliegenschiss vor, lediglich etwas mehr als viertausend waren hier den gleichen Weg gegangen. Und so nahmen meine Gedanken ihren Lauf…

Der rote Planet, ein paar hundert Jahre später. Die NASA ist inzwischen Pleite gegangen, Donald Trump hatte einst den Grundstein zur systematischen Selbstzerstörung dieser grossen Nation mit Namen USA gelegt. Somit übernimmt auch nicht mehr die NASA Transportflüge zum Mars, sondern das türkische Pendant dazu. Bleibt nur noch zu klären, ob diese Behörde dann „Türk Uzay Yollari“ oder „Türk Uzay Yolculuğu“ genannt wird, aber das sind Nebensächlichkeiten. Als irgendwann am Anfang der 2000er Jahre die Europäische Union langsam aber sicher den Weg allen irdischen Utopien-Gedankenguts nahm und auch die NATO Stück für Stück das zeitliche segnete, wurden andere Nationen aktiv. Nein, nicht nur die Türkei, sondern auch die Schweiz! Einmal mehr hatte die Schweiz schon lange zuvor unter Beweis gestellt, dass Verhandlungen der einzig denkbare Weg sind. Das konnte die Schweiz schon immer gut: Still und leise (also nicht auf Ibiza, sondern am Paradeplatz in Zürich und in Bern) am Rande des grossen Weltgeschehens Verhandlungen führen und so verwundert es auch nicht, dass die grosse Türkei der kleinen Schweiz auf dem Mars eine kleine Kolonie zugestand, während EU und NATO bereits im Sterben lagen. Diese Kolonie hat exakt die gleichen Umrisse, wie ihr Vorbild auf der Erde, auch auf dem Mars gibt es Kantone und Gemeinden! Sie trägt dann den Namen „Sankt Fondü“ (und NICHT „Fondue“!). Warum? In sehr zähen Verhandlungen um Buchstaben rang die Türkei der Schweiz das Zugeständnis ab, mehr „Ü“s in die offizielle Amts-Sprache des Mars zu integrieren, folgerichtig mussten alle Schweizer, die zum Mars wollten, vorab ihre Schweizer Tastaturen weg werfen. Immerhin gelang es der Schweiz in jenen Verhandlungen dauerhaft abzusichern, dass die Türk Uzay Yollari regelmässig Fondue- und Raclette-Käse zum Mars liefert, selbstverständlich ausschliesslich in der Schweiz auf der Erde hergestellt.

Man sicherte der Schweiz ein Territorium auf der Nord-Kappe des Mars zu, die zahlreichen Nachfolger Erdogans waren sichtlich darum bemüht, dass sich Papierli-Schweizer und Eidgenossen auf dem roten Planeten wohlfühlen können, also schenkte man ihnen den Raum auf dem Mars, wo es viele Berge und vor allem viel Eis und Schnee gibt. Auch wurde den Obrigkeiten jener Kolonie zugesichert, dass allein sie über die Zuwanderung in jene Kolonie verfügen konnten, allerdings verhandelt jene Kolonie noch immer bis zum heutigen Tage mit der Türkei darüber, ob doppelte Staatsbürgerschaften da oben auf dem Mars förderlich und erwünscht sind, zu gross sind nachwievor kulturelle und vor allem religiöse Unterschiede. Immerhin gibt es an zwei Dingen da oben keinen Mangel, niemals: Rote und weisse Farbe. Beide Nationen brauchen das in exorbitantem Masse und pfiffig, wie die Türken nun einmal sind, haben die unter vollständiger Ignoranz jeglicher Urheber- und Kopierschutzrechte eine Eigenheit der Schweiz einfach mal eben so übernommen: Die Oberfläche des sichtbaren Teils des Mars zeigt überdimensional den Halbmond und den Stern, durch jedes bessere Teleskop auch von der Rütli-Wiese unten auf der Erde zu erkennen. Alle zehn Jahre muss aber dieses Nationensymbol nachgefärbt werden, der rote Mars-Staub verfärbt die kolonialen Absichten der Türkei regelmässig. Dafür liefert die Kolonie gerne hochspezialisierte technische Geräte von „Oerlikon Space“, die sich selbstredend auch in NullKommaNix in interstellare Angriffs-, nein, falsch, Verteidigungswaffen umfunktionieren lassen. Also zumindest auf dem Papier. Und gegen sehr viel Geld selbstredend, sonst wäre diese vertragliche Variabilität weltraumweit nur sehr schwer zu rechtfertigen gewesen.

Apropos Käse: Irgendwann kamen die Türken auf die Idee, auf dem Mars die erste Döner-Bude einzurichten. „Hüperraum Döner“ versorgt seitdem die ausserirdischen Archäologen, die irgendwann einmal jenen Chip mit Ihrem Namen darauf im Staube des Mars gefunden hatten. Döner macht auch Ausserirdische schöner! Die Kolonie Sankt Fondü hatte es zwischenzeitlich irgendwann aufgegeben, Käse auf dem Mars herzustellen. Das lag gar nicht einmal an den Umgebungsbedingungen dieses Planeten, vielmehr waren Bio-Labels auf dem Mars im Stil von „Aus der fernen Region“ und „IP Mars“ schlicht und ergreifend noch unglaubwürdiger, als ihre Gegenstücke auf der Erde, also brach man das Experiment „Förderung der Mars-Bergbauern“ ab und beschäftigte die Türkei mit der Zulieferung der Nationalspeisen. Trotzdem gelten die Mars-Chalets mit ihrem Angebot an Fondue, Raclette, Cervelat, Rösti und dergleichen als kulinarischer Geheimtipp unter den Reisenden von Serpens Nebula und Alpha Centauri. Nur mit den Uhren können die wenig anfangen, diese Reisenden rechnen in ganz anderen Dimensionen, die sich selbst auf dem besten Schweizer Ziffernblatt nun einmal nicht darstellen lassen. Aber immerhin gibt es in der Kolonie der Schweiz auf dem Mars eine Manufaktur, die eine ganz besondere Art von Uhren herstellt. Diese Uhr zeigt den Weg an den insgesamt drei Planeten des ehemaligen Deutschlands vorbei, wahlweise mit oder ohne dezidierte Annäherung und Landung. Drei deutsche Planeten? Nun, der erste ist mehr oder minder offensichtlich. Wie bereits im Film „Iron Sky“ gezeigt, hatten die Nazis kurz vor Ende des zweiten Weltkrieges auf der dunklen Seite des Mondes eine Basis errichtet. Heute leben dort die Anhänger der AfD, NPD und Reichsbürger (und nein, bisher hat Frau Weidel keinen zweiten Wohnsitz in der Kolonie Sankt Fondü auf dem Mars – noch nicht). Einige sehr reiche Apotheker aus Zürich Hottingen hatten es mit ihrem Schweizer Geld jenen schwarzbraunen Horden aus Deutschland ermöglicht, auch im Weltall Fuss zu fassen von wo aus sie nun gegen alles ausserirdisch-ausländische hetzen. Sie machen das immer noch, obwohl inzwischen kaum noch jemand seinen Fuss auf den Mond setzen will, der ist inzwischen in touristischer Hinsicht Schnee von gestern (weswegen sich auch mit absoluter Sicherheit auch nie ein Schweizer auf den Mond verirren wird, der Schnee dort taugt nicht zum Boarden und Carven, weil nicht vorhanden). Planet Nummer zwei ist der „Freiplanet Bayern“. Nachdem erkannt wurde, dass Stammtische und bierdünstige Reden an eben selbigen problemlos in der Schwerelosigkeit überdauern können, wurde nach dem Zusammenbruch der EU nach einem passenden Ausweichsplaneten gesucht. In Ermangelung blauer und weisser Rauten in der Gesamterscheinungsform des Planeten begnügte man sich mit einem schlicht blauen Planeten (Neptun). Die weissen Rauten werden seit je her mit weisser Farbe vom Mars hinzu gefügt. Die Kolonie Sankt Fondü finanziert den Farbentransfer stillschweigend mit, die Bayern und die Schweizer haben sich schon von je her besser verstanden, als man das glauben möchte.

Und der dritte Planet?

Nun, das ist eine sehr persönliche Sache mit diesem Planeten. Man vermutet jenen dritten Planeten im Reflexionsnebel „Ced 132“, ganz nahe beim roten Überriesen „Antares“ im Sternbild des Skorpions. Von ihm gehen Radiowellen aus, die sich im gesamten Weltall mit ganz herkömmlichen Radio-Empfängern hören lassen, wenn man denn auch offen für das ist, was von dort aus ganz offensichtlich systematisch gesendet wird – also mit Intelligenz und Verstand, ganz im Gegensatz zu dem Chaos, welches von jenem übergeordneten Sternbild Skorpion bisher erfasst und dokumentiert worden ist. Dieser Planet sendet immer zur gleichen Zeit sein Programm, eingeleitet mit dem Titel „Radio„, aber bisher gibt es keinerlei Bilder von jenem Planeten. Sicher ist, dass dort wirklich intelligentes Leben existiert, frei von jedem privat-konfusem, monetären oder sonst üblichen Staatsdenken. Wird angeblich auch gerne von einem ganz bestimmten Einwohner der Kolonie Sankt Fondü gerne und regelmässig gehört.

Wird Zeit, dass ich Urlaub habe… Planet Katalonien ruft.

Nachtrag, fiktives Gespräch eines dazu befugten Schweizer Staatsbeamten mit mir: „Aber Herr Liedtke, Sie als Neu-Schweizer sollten doch besonders gut wissen, dass es sich nicht gehört, so über andere Nationen und vor allem die Schweiz zu denken und zu schreiben!“ Antwort: „Ick darf dit. Ick wees wie dit aussieht, wenn die Türkei Berlin Kreuzberg in Neu-Istanbul verwandelt, von der Schweiz mal ganz zu schweigen.“