Made for China

Die Schweiz lebt stark vom Tourismus und das verwundert auch nicht sonderlich, auf relativ kleinem Raum hat dieses Land zahlreiche sehr schöne Gegenden und Städte zu bieten. „Pittoresk“ ist wohl das zutreffendste Wort, welches sich auf das Erscheinungsbild der Schweiz weitestgehend anwenden lässt. Zur Zeit weilen sehr viele (an die 12.000) Chinesen im Land, vorwiegend im Kanton Luzern, die von einem Kosmetikunternehmen als Belohnung für besondere Leistungen hierher geschickt worden sind, um ein klein wenig Urlaub zu machen. Mir war dieser Umstand bewusst, als ich mich recht früh auf mein Motorrad setzte, um ein paar technische Gerätschaften zu testen, die ich in meinem Sommerurlaub mit auf eine grosse Reise nehmen will. Zu diesem Zweck fuhr ich nach Vitznau am Vierwaldstätter See, um von dort aus mit eine der Zahnradbahnen einen kurzen Ausflug auf die Königin der Berge, die Rigi, zu unternehmen. Dort noch vor 9 Uhr am Vormittag angekommen waren bereits grosse Gruppen von Chinesen am Bahnhof angekommen, die sich in die knallroten Wagen der Rigi-Bahn zwängten. Es wurde einfach alles fotografiert und kommentiert, überall wuselten sie herum und machten sicherlich an jenem Tag fünfundzwanzig Milliarden von Selfies vor dem See, vor der Bahnstation, in dem obligatorischen Souvenirshop, vor dem Reisebus, vor und in dem öffentlichen WC, einfach überall, wo sie einen Platz dazu fanden. Entsprechend verlief die Fahrt zur am höchsten gelegenen Haltestelle „Rigi Kulm“. Was immer ihre Augen auch erblickten: es wurde kommentiert und fotografiert, nicht gerade zimperlich zwängten sie sich dazu in alle erdenklichen Ecken des Wagens, um erneut abertausende von Fotos mit ihren Smartphones zu schiessen! Alles fortwährend unterlegt mit jenem eigenartig nasal klingenden Chinesisch, in welchem jeder zweite Buchstabe ein „Ö“ zu sein scheint. Der Zug fuhr um eine Kurve, am Hang stand eine Ziege. „Haundagnak giamtsungtsöö!“ Klick, klick. Im Gras lag eine wiederkäuende Kuh. „Oooooh, haiundegag karamdagagkiumtsungtsööö! Klick, klick. Dazwischen das obligatorische Selfie, zwanzig verschiedene Posen innerhalb von zehn Sekunden. „Hongadundgdeg kerazetsungtsöö!“ Klick, klick, klick, klick, klick. „Hoooooo!“. Ein Souvenirshop tauchte an einer der Zwischenstationen auf. Klick, klick, klick. „Aaaaaah, tsödungadungtsö tsingaduntsööö!“ Klick, klick, klick, klickediklick, klick, klick.

So ging das ununterbrochen bis zum Berggipfel, der noch mitten in den Wolken lag und somit keine wirklich schöne Aussicht auf den See unter ihm bot, aber die Chinesen scheinen mit solchen touristischen Katastrophen kein Problem zu haben. In Windeseile verteilte sich die Reisegruppe auf dem gesamten Hang, alles wurde genauestens, wenn auch etwas hektisch anmutend in garantiert nicht Gipfel-tauglicher und oftmals sehr schräg anmutender Kleidung erkundet und fotografiert. Damen- und Herren-WCs von beiden Geschlechtern gleichermassen, der Abfallkübel, die Aschenbecher vor dem Tourismus-Restaurant, der in den Schnee geworfene Schneeball – einfach alles! Ich beobachtete das Treiben eine Zeit lang, wirkte wie eine angewachsene Eiche zwischen all den herum wuselnden, deutlich kürzer gewachsenen Chinesen jeden Alters, die hinter jede Tür schauen wollten und alles als Hintergrund für ihre Selfies nutzten – und wenn es die graue Nebelwand oder der nicht gerade sauber wirkende Abfallkübel war! Die oben auf dem Gipfel beschäftigten Mitarbeiter der Rigi-Bahn und der Tourismuseinrichtungen nahmen das recht stoisch und gelassen hin, was sich vor ihren Augen abspielte. In den grauen Wolken tauchte eine etwas dunklere auf. „Heeeiagungtsö maianandandakungtsöö. Hooooo!“ Klick, klick, klick. Ich wendete mich einem der Mitarbeiter der Bahnen zu und fragte, ob das immer so ablaufen würde. Er erwiderte sehr stoisch und unbeeindruckt: „Wir haben uns daran gewöhnt.“ In diesem Moment trat seine Kollegin auf mich zu, die mein GA (Generalabonnement) in der Bahn kontrolliert hatte. Ihr war aufgefallen, dass ich wohl Mitarbeiter eines Transportunternehmens sein musste, sonst wäre ich nicht im Besitz jenes gesondert gestalteten GAs. Ich verdeutlichte ihr kurz, für wen ich wo tätig sei, woraufhin sie mich fragte, ob ich nicht hier anfangen wolle, ich würde mich ja bereits mit derartigen Situationen bestens auskennen. Wir drei mussten für die Chinesen Grund genug gewesen sein, auch uns entsprechend kommentiert abzulichten. „Hooooo jagnakungtsöö meginaradek tsö! Ha, ha, ha! Hoooooo“. Klick, klick, klick. Ich stand noch eine Weile so da und wartete auf den Zug hinab ins Tal zurück nach Vitznau, als eine Chinesin reichlich überdreht und flatterig wie ein Huhn (alles in allem erinnerte mich auch ihr Erscheinungsbild etwas an ein hypernervöses Huhn) an mich heran trat und in einem sehr eigenwilligen Mischmasch aus Chinesisch und Englisch mich fragte, ob ich ein paar Fotos von ihr an einem der Wagen machen könnte: „Meggatsingtsungtsöö making fotto dekatsungtsö of me där, där at tsö waggon?“. Ich nahm ihr Handy und schoss nunmehr an die zwanzig Fotos von ihr in zwanzig verschiedenen Posen, wie sie im Eingangsbereich des Wagens der Rigi-Bahn hing und über beide Backen breitestens grinste! Unnötig zu erwähnen, dass diese Szenerie mit ihr und mir selbstredend auch innerhalb von Sekunden sicherlich tausendfach fotografisch fest gehalten wurde. „Haaaaaaaaa, tsingatsungtsöö dangagandak heiatsungtsööö, hooooooo!“ Begleitet von viel Gelächter, wahrscheinlich wirken Europäer auf Asiaten in etwa so, wie sie auf mich wie in jenem Moment wirkten…

Meine Bahn fuhr ein und ich suchte mir einen Platz weit weg vom Anhänger, der innerhalb von NullKommaNix von einem Teil der inzwischen stark angewachsenen Chinesen-Gruppe in Beschlag genommen worden war, nur wenige „verirrten“ sich in dem Zugwagen, machten aber auch hier sehr deutlich, dass alles irgendwie fotografisch fest gehalten und kommentiert werden musste. An jenem Tag wurden sicherlich noch im Schnelldurchlauferhitzer-Verfahren an die tausend Chinesen auf den Gipfel der Rigi verfrachtet, der Besuch dieser unglaublich grossen Menge war langjährig vorbereitet und durchorganisiert worden. Damit hat die Schweiz viel Erfahrung: Dienstleistung! Wie ich noch über jenen Begriff nachdachte, stieg an einer der Zwischenstationen eine Briefträgerin der Schweizer Post hinzu (hier „Pöstlerin“ genannt). Wahrscheinlich hatte sie ähnlich unbeeindruckt wie die sonst auf dem Gipfel der Rigi tätigen Menschen ihre Dienstleistung erbracht und die Post da oben verteilt, auch sie schien dieses Phänomen „Reisegruppen aus China“ zu kennen und dennoch ihrer Arbeit einer Dienstleistung vollkommen unbeeindruckt nachzugehen. So wendete sie auch ihren Kopf nicht in Richtung der Bahn, die aus dem Tal zum Gipfel unseren Weg kreuzte. Bummsvoll mit weiteren Chinesen…

„Hoooooooo!“ Klick, klick, klick. „Tsungtsöö! Ha, ha, ha!“ Klickediklick.