Papierli-Schweizer contra Eidgenosse

Wenn mich etwas interessiert, dann hänge ich mich zuweilen „voll rein“ und somit stöberte ich einmal mehr im Netz der Netze nach dem Ding „Staatsbürgerschaft“ und stolperte dabei über etwas, was mich – gelinde gesagt – in grosses Erstaunen versetzte. Bisher hatte ich angenommen, dass ein Reisepass oder eine Identitätskarte (meinetwegen auch Personalausweis) eine (Achtung, jetzt bitte genau lesen!) vollumfängliche, also auch jederzeit vollumfänglich juristisch verbindliche Form des Nachweises darüber ist, dass man a) überhaupt existiert und b) Bürger dieser oder jener Nation ist, man also mit jenen Ausweisen rechtsverbindlich tätig werden kann. Nun, um es kurz zu machen: Dem ist nicht so. Nicht in Deutschland und auch nicht in der Schweiz! Bei gewissen juristischen Vorgängen reichen selbst diese hochkomplex gestalteten Dinger nicht! In Deutschland benötigt man für sowas den so genannten „Staatsbürgerausweis“ – von dem ich noch nie in meinem Leben zuvor gehört oder gelesen hatte! Der im Volksmund auch gern „gelber Ausweis“ genannte Wisch wird nur auf Anforderung ausgestellt, also auf dezidierte Nachfrage eines Interessenten nach eben jenem. Er ist vollumfänglich rechtsverbindlich, bestätigt, dass man auch wirklich der ist, der man vorgibt zu sein und dass man Bürger des Staates Deutschland ist. „Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste“ dachte ich still bei mir und forschte nach, wie ich wohl in den Besitz jenes gelben Papiers kommen würde, ich, der zwar Staatsbürger auch von Deutschland ist, nicht aber auf dem Boden des Staates lebt. Ich wurde trotz intensiver Suche nicht fündig, lediglich Homepages einiger winziger Gemeinden in Deutschland flackerten über meinen Bildschirm. Wie sollte ich an diesen Ausweis gelangen? Eine nicht näher beschreibbare Stimme in mir sagte: „Jens, es kann nicht schaden, unter diesen Vorraussetzungen auch diesen Existenznachweis zu besitzen, also mach was!“. Somit kontaktierte ich einmal mehr schriftlich (!) die Deutsche Botschaft in Bern, welche zwei Tage später wiederum mich sehr freundlich telefonisch (!) über den Sachverhalt in Kenntnis setzte. Die Aussage war ein „klein wenig“ ernüchternd, sinngemäss liess diese sich auf folgende Grundaussage reduzieren: Nach Anerkennung der Möglichkeit, mehrere Staatsbürgerschaften zu besitzen (muss irgendwann im Jahr 2007 zwischen der Schweiz und Deutschland ausgehandelt worden sein), hat der Staatsangehörigkeitsausweis für in der Schweiz lebende Deutsche keinen Sinn und Zweck mehr, der nicht vollumfänglich rechtsverbindliche biometrische Reisepass reicht meistens für entsprechende Anliegen, abgesehen davon könne man jenen Ausweis nicht beantragen, wenn man nicht in einer Gemeinde Deutschlands leben würde. Für einen winzigen Moment baute sich das Abbild meiner Selbst aus jenem Reisepass vor meinem geistigen Auge auf und prompt wurde aus jenem „meistens“ ein „aller Wahrscheinlichkeit nach nie“, das dort hinterlegte Foto ist für meine Begriffswelt mindestens genau so fragwürdig, wie das aus dem Schweizer Pass. Moral von der Geschichte: „Jens, leg es einfach niemals mehr darauf an, dass ein vollumfänglich gültiger Nachweis über Deine eigene Existenz von Nöten werden könnte! Niemals nicht! Und schon gar nicht auf Deutschem Boden!“. Ein klein wenig beschlich mich das Gefühl, dass die Vorenthaltung jenes Ausweises, nur weil man nicht in Deutschland leben würde, die kleine Rache des grossen Deutschlands an all jenen wäre, die es vorzogen, eben nicht auf dem Boden Deutschlands zu leben. Die nicht vorhandene vollumfängliche Wirkung des Reisepasses der Bundesrepublik Deutschland könnte (…) eine Hintertür zu was auch immer werden oder sein…

Ich grübelte eine Zeit lang vor mich hin und machte mir die möglichen Konsequenzen jenes Sachverhaltes bewusst, ich wäre aber nicht ich, wenn da nicht folgender Gedankengang zustande gekommen wäre: „Was die Deutschen können, können die Schweizer mindestens schon genau so lange, nur machen die das aller Wahrscheinlichkeit nach wieder ein klein wenig anders!“. Ich machte mich also auf die Suche nach dem Schweizer Pendant zum „Staatsbürgerausweis“ Deutschlands. Irgendwann wurde mir das Angebot zu verwirrend, also wendete ich mich mit meinem Anliegen an die Behörde, die mir Schweizer Reisepass und Identifikationskarte ausgestellt hatte, beschrieb das ominöse Ding „Staatsbürgerausweis“ und fragte nach dem eidgenössischem Gegenstück zu dem gelben Wisch. Diese Antwort wiederum kam schriftlich, sehr zielführend und informativ in Form einer E-Mail, inklusive Links zu den relevanten Punkten und einigen sehr aufschlussreichen Hinweisen über die Funktion der insgesamt drei (!) Nachweise, die in ihrer Funktion dem einen (!) Deutschen Staatsbürgerausweis gleichen würden – selbstredend wurde auf das Ding aus Deutschland in jener Mail keinerlei Bezug genommen, schliesslich kam die Antwort aus dem „FedPol“ (Justizdepartement) der Confoederatio Helvetica! Wo Deutschland effektiv alles notwendige auf ein Schreiben reduziert, dehnt ein Schweizer in Sorge um die Gründlichkeit der Funktionsdefinition auf drei Schreiben aus: Personenstandsausweis, Bürgerrechtsnachweis (im Gegensatz zur Bürgerrechtsurkunde ist dieses Ding rechtsverbindlich!) und Heimatschein. Aber der Reihe nach…

1.) Personenstandsausweis

Dieses Ding liefert Informationen über den (Nach-)Namen und gegebenenfalls durch Heirat oder Partnerschaft dessen Veränderung, die allgemeinen Daten und den Zivilstand (ledig, geschieden, frisch-fröhlich verheiratet oder wie auch immer), Geburtsort etc. ppp. Gilt meinem Verständnis nach auch im Ausland, wofür auch immer im Bedarfsfall.

2.) Bürgerrechtsnachweis

Dieses Schreiben weist nach, dass man zu welchem Zeitpunkt auf welchem Wege auch immer die Schweizer Staatsbürgerschaft erlangt hat und enthält ebenso Angaben über Geburtsort, Geburtsdatum, (Nach-)Namen etc. ppp. Weiterhin ist hier aufgeführt, warum jemand die Schweizer Staatsbürgerschaft erlangt und welche Rechte man somit erworben hat, sowie es vor Erlangung der Staatsbürgerschaft um all das bestellt war. Dieses Schreiben wird ausschliesslich für Staatsbürger der Schweiz ausgestellt. Gilt meinem Verständnis nach rechtsverbindlich auch im Ausland. Ein wenig makaber empfand ich den zusätzlichen Vermerk, dass dieses Schreiben auch für verschollene und verstorbene Bürger der Schweiz ausgestellt wird. Wer beantragt in so einem Falle so ein Schreiben? Die Erben? Oder muss man dazu als Antragssteller von den Toten auferstehen? Und wie würde Deutschland das handhaben und vor allem nennen? „Ablebeausweis“? Oder doch vielleicht „Existenzannullierung“? „Staatsbürgerschaftseinäscherung“ oder noch schlimmer?

3.) Heimatschein

So, wie ich dieses Ding verstanden habe, dient es vorrangig dazu, im Inland nachzuweisen, dass man Staatsbürger der Schweiz ist und somit auf gewisse Rechte pochen kann, die für den aktuellen Wohnort gelten. Anders formuliert: Dieser Schein sichert zum Beispiel, dass man in der momentan als eigenen Wohnort bezeichneten Gemeinde auch wirklich an politischen Wahlen teilnehmen kann, die sowohl Belange der jeweiligen Gemeinde, als auch die des Staatenbundes mit Namen „Schweiz“ betreffen. Gilt meinem Verständnis nach nur im Inland und bedarf einer Aktualisierung, wenn man den Wohnort in eine andere Gemeinde und / oder Kanton verlegt.

Ich klickte auf die angeführten Links und bestellte alle drei Schreiben, die mir sehr kurz darauf auch zugestellt wurden (und die Gesamtkosten der Einbürgerung um weitere knapp 100 Franken nach Oben schnellen liessen, obwohl genau genommen keines dieser drei Schreiben für mich wirklich zwingend notwendig ist, zumindest jetzt und noch nicht). Und dann machte ich mich auf die Suche, welche Staaten überhaupt die doppelte Staatsbürgerschaft akzeptieren und erlauben, da ist Europa noch weit entfernt von einer gesamtheitlichen Union und Einigkeit (Achtung, da steht „Europa“ und nicht „EU“)! Norwegen, Estland, Litauen, Polen, die Niederlande, Österreich, Montenegro, Monaco und Andorra verweigern jegliche Form der Doppelstaatlichkeit. Für in den nachfolgend genannten Ländern geborene Menschen kann eine zweite Staatsbürgerschaft unter gewissen Vorraussetzungen und mit bestimmten Bedingungen in die Wege geleitet werden, nicht aber für Menschen die dort eingebürgert wurden: Slowakei, Rumänien, Bulgarien, Kroatien, Slowenien, Spanien und das Fürstentum Liechtenstein. Nahezu vollständig oder mit nur geringen Einschränkungen sind Doppelstaatsbürgerschaften in Irland, Island, Grossbritanien, Portugal, Irland, Italien, Kosovo, Albanien, Griechenland, Malta, Mazedonien, Serbien, Bosnien, Ungarn, die Tschechei, Frankreich, Belgien, Luxemburg, Deutschland, die Schweiz, Lettland, Finnland, Schweden und inzwischen auch sogar das Königreich Dänemark zulässig (Stand: 2017). Diese Staaten akzeptieren grösstenteils sogar mehr als zwei Staatsbürgerschaften. Während ich mir die Landkarte dieses Teils der Welt anschaute, kam mir ein reichlich blasphemischer Gedanke in den Sinn. Schweizer, die nicht ab Geburt, sondern per Einbürgerung Schweizer geworden sind, werden hierzulande gerne „Papierli-Schweizer“ genannt. Sie sind in den Augen derer, die ab Geburt Schweizer und somit meistens (…) Eidgenossen sind, nur auf dem Papier Schweizer, nicht aber in Bezug auf ihre Selbstidentifikation mit der Geschichte und Kultur dieses Landes. Dass damit gemeint sein könnte, ein Papierli-Schweizer sei nur deshalb Schweizer, weil sie oder er so viele Dokumente benötigt, um seine Staatsbürgerschaft belegen zu können, war der eine Teil jenes blasphemischen Gedankens. Der andere barg aber durchaus gewissen „Sprengstoff“ (ich zündele einfach wahnsinnig gern!). Mit Erhalt dieser Schreiben kann ich nunmehr lückenlos nachweisen, dass ich auch Schweizer bin. Wenn aber irgendwann demnächst sich ein überzeugter und vor allem bekennender „Eidgenosse“ vor mir aufbauen und anmerken sollte, ich sei ja nur ein „Papierli-Schweizer“, so werde ich fragen, ob er oder sie ebenso diese drei Schreiben besitzen würde. Wenn nein, so würde ich schon um des Stänkerns willen anzweifeln, ob er sie oder er wirklich belegen kann, ein Staatsbürger der Schweiz zu sein, vom „Eidgenossen“ mal ganz zu schweigen… Zu Eurer Beruhigung, „liebe“ Eidgenossen: Wenn ich mich in Deutschland aufhalten sollte, muss (!) ich mich mit dem Deutschen Pass ausweisen können, wenn danach verlangt wird. Zumindest in meiner alten Heimat wird der knallrote Schweizer Pass nicht als verbindliches Ausweisdokument anerkannt. Somit hat Deutschland (und eben nicht die Schweiz!) dafür gesorgt, dass ein so hohes Stück Schweizer Kultur und Identität auch rein schweizerisch bleibt – zumindest auf dem Boden der Bundesrepublik Deutschland. Auch das muss man mal so fest halten!

Was aber genau und im Detail einen Papierli-Schweizer vom waschechten Eidgenossen unterscheidet (genauer: unterscheiden könnte), werde ich ein anderes Mal beleuchten. Dafür brauche ich keines der drei Schreiben und auch nicht den Staatsbürgerausweis. Aber vielleicht in Zukunft Pfefferspray zur Selbstverteidigung… Apropos: Beantragen kann man als Bürger der Stadt Zürich diese Schreiben unter nachfolgendem Link:

Stadt Zürich – Dokumente und Bestätigungen beantragen