Nähe & Abstand

Ein grundlegender Unterschied zwischen Deutschland und der Schweiz fiel mir bereits sehr früh auf: Die Schweizer scheinen ein vollkommen anderes Verständnis von Nähe, meinetwegen auch Geselligkeit zu haben, als die Deutschen. Unnötig in diesem Zusammenhang zu erwähnen, dass dieses Verständnis durchaus regionale Unterschiede aufweist, was wäre die Schweiz ohne den berühmt-berüchtigten Rösti-Graben! Vorrangig kann man den Unterschied vor allem in Restaurants bemerken. Recht oft wunderte ich mich entweder über eine Vielzahl sehr kleiner Tische mit minimaler Nutzfläche oder aber riesige Tische, an denen Unmengen von Menschen Platz finden können. Ich vermute etwas „bilderstürmerisch“, dass dieses Bemühen um maximale Ausnutzung der Restaurant-Fläche vor allem den exorbitant hohen Mieten solcher Restaurationen geschuldet ist, aber das trifft genau genommen nur auf die grossen Städte der Schweiz zu. Aber selbst in kleineren Städten und Dörfern konnte ich jene Eigenart beobachten, dass es in Restaurants sehr viele eng beieinander platzierte Sitzmöglichkeiten anzutreffen sind. Gut, mir als chronisch „wachem“ Menschen kam das ab und an durchaus gelegen, es ist immer wieder interessant für mich, Gesprächsinhalte verfolgen zu können, auch wenn diese gar nicht auf einer Speisekarte vermerkt waren. Ich sage Ihnen: Was man da manchmal zu hören bekommen kann, ist schon im besten Falle „befremdlich“ – für ein Deutsches Ohr. In der Deutsch-Schweiz und auch in Graubünden und dem Tessin scheint der Schweizer „enge“ Geselligkeit zu geniessen, in der französischen Schweiz hingegen fand ich öfter schon eher das, was ich gewohnt war: Diskretion durch einen gewissen räumlichen Abstand der Sitz- und Essgelegenheiten. In den zuvor genannten Bereichen der Schweiz rückt man gerne nahe zueinander und geht davon aus, dass Diskretion auch durch ungewollte Zuhörer gewahrt wird, allerdings gibt es durchaus einige „Besucher“ solcher Lokationen, die mit diesem ungeschriebenen Gesetz auch spielen und es bewusst darauf anlegen, dass sich vermeintlich wichtige Dinge auf genau diesem Wege verbreiten, Diskretion also nicht ganz so diskret vorgetragen wird, wie „man“ das sonst so erwarten darf. Da werden manchmal absichtlich Tische näher zusammen gerückt, nur um unter dem Mantel der Diskretion reichlich undiskrete Dinge zu streuen…

Während der Deutsche gerne „das ist meins und entsprechend wahre ich auch die Grenzen“ propagiert (also Tische bewusst voneinander weg rückt), hebt ein Schweizer gerne solche Grenzen auf (rückt Tische also eher zusammen) – macht aber die Aufhebung an sich sehr wohl abhängig davon, wen er vor sich (oder neben oder hinter sich) hat. Was oder wer dem Schweizer zu fremd erscheint, das oder den hält er oder sie auf Distanz, wodurch er oder sie sich nur wenig von dem Durchschnittsdeutschen unterscheidet. Aber hier zeigt sich oft ein weiterer Unterschied: „Der Deutsche“, wenn man sich schon einer solchen Plattitüde bedienen mag, schaut mittelmässig angewidert von dem weg, was ihn oder sie stört, weil es fremd erscheint. Der Schweizer aber kann dann schon mal eine ganz andere Eigenart zeigen: Er oder sie starrt. Ein paar Mal ist mir selbst es widerfahren, dass Menschen in meiner unmittelbaren Umgebung mich oder das, was ich gerade machte, regelrecht anstarrten! Ob nun ungläubig, unwissend oder unverstehend entzieht sich meiner Kenntnis, aber wenn jemand starrt, dann sehe und fühle ich das! Kleiner Tipp von mir an neu hier zugezogene Deutsche: Je nach Umgebung macht es in solchen Situationen noch Sinn abzuwägen, ob man in so einem Moment des angestarrt werdens fragt: „Kann ich Ihnen irgendwie behilflich sein?“ (tendentiell für Schweizer besser verständlich und annehmbar) oder aber „Is wat?“. Selbst hart gesottene Zürcher (Basler, Berner etc.) haben noch ein grundlegendes Bedürfnis nach Diplomatie, das ist ihnen so mit auf den Weg gegeben worden! Ein „is wat?“ kann zum Beispiel im Zürcher Niederdorf durchaus genau gleich verstanden werden wie beispielsweise in Berlin Kreuzberg, Hamburg Altona oder auf der Platte in Köln. Mögliche Folgen sind dann bestenfalls als „sehr undiplomatisch“ einzuordnen. Diskretes Beobachten scheint nicht eine Stärke der meisten Schweizer zu sein, unverblümtes Anstarren hingegen schon. Irgendwann werde ich mal anders auf so ein Anstarren reagieren und fragen, ob ich irgendwie zum Austausch und besseren Verständnis der im Detail doch so unterschiedlichen Kulturen beitragen kann. Mal sehen, was dann passiert. Ich liebe solche Grenzgänge einfach zu sehr!

Auf einschlägigen Plattformen im Internet kann man Video-Beispiele sehen, wenn ein inzwischen auch in der Schweiz vorhandener Discounter zu absoluten Schleuderpreisen TV-Geräte oder Computer-Hardware anbietet. In Deutschland gleicht das Schauspiel der Schlacht im Teutoburger Wald, da geht es um das nackte Überleben! Apropos nackt: Zu solchen Verkaufsterminen kleidet sich ein Deutscher eher sachdienlich-zweckorientiert, qualitativ nicht gerade hochwertige Textilien mit viel Taschen und einem Modedesign, für das noch ein Name gefunden werden muss. Sollte die Kleidung bei der Vernichtung der Römer im Krabbeltisch Nummer Eins zerfetzt werden, findet sich garantiert im Krabbeltisch Nummer Zwei direkt daneben Ersatz für die textile Schlachtenrüstung, ebenso zu Schleuderpreisen, nicht sonderlich schick und in Hinsicht auf Produktionsland und verwendete Materialien allenfalls fragwürdig. Solche Szenerien wird man in der Schweiz vergeblich suchen, das soll aber nicht bedeuten, dass der Schweizer nicht drängeln kann! Er macht es nur anders. Und er oder sie kleidet sich dazu auch anders. Vielleicht ist Ihnen mal bei einem Besuch in der Schweiz aufgefallen, dass hier gerne selbst in Städten hochwertige Outdoor-Kleidung getragen wird. Abgesehen davon, dass man auf diesem Wege auch und insbesondere in den Städten gerne zeigt, wozu man finanziell in der Lage ist, macht diese Outdoor-Kleidung insbesondere beim Schweizer-Drängeln Sinn: Leicht, extrem belastbar ohne bei Anstrengungen welcher Art auch immer zu überhitzen oder zu erfrieren und mit Taschen für Gegenstände aller erdenklicher Grösse, alles muss seinen zugewiesenen Platz erhalten (nebenbei eine Maxime, die so ziemlich für alles und jeden in diesem Land wie ein ungeschriebenes Gesetz zu gelten scheint). Insbesondere bei Einkaufsbesuchen in Deutschland zahlt sich diese Kleidung für einen Schweizer aus.

Aber wie wird denn gedrängelt? Die Deutschen entsinnen sich in Hinsicht auf diese Frage eher an ihre Wurzeln biologischer Natur, weit entfernt vom Urmenschen erscheinen sie in solchen Situationen nicht. Das Recht des Stärkeren ist sehr Deutsch! Das gute alte Keulenprinzip hat es diesbezüglich bis in die heutige Zeit gebracht, wer auf der Strecke bleibt, hat selber Schuld, überhaupt zur Schlacht erschienen zu sein. Nicht so der Schweizer: Auch er oder sie kennt das Drängeln. Auch er oder sie hat begriffen, dass zu langes höfliches Warten nicht zum Ziel führt, man unter Umständen leer ausgeht. Der Schweizer blendet seine Umgebung im Moment der Faszination von etwas, was sonst nicht zu den üblichen Konditionen erhältlich ist, vollkommen aus. Es gibt keine anderen Interessenten, die existieren nicht (und die sackteure Outdoor-Kleidung garantiert, dass Spuren fremder Existenzen entweder beseitigt werden oder gar nicht erst anhaften können – trotzdem ist Teflon eine streng genommen französische Erfindung, keine schweizer und auch keine deutsche!). „Oh, lueg ma da!“ – „Oh, schau mal da!“ und schwupps hat Schweizer den noch so kleinen nutzbaren Raum gefunden, wird wie von einem Magneten angezogen und ist mitten drin und voll dabei. Nur ohne Keule! Ein Schweizer nutzt die kleinsten Leerräume, bringt sogar noch ein „Äxgüsi!“ („Entschuldigung!“) zu Stande, sollte die ansonsten in der Schweiz so geschätzte Nähe in Deutschland dann doch mal zu nahe geworden sein.  Dafür haben sie über Jahrhunderte hinweg trainiert, die Schweizer! Sogar Sportarten, die man nur in diesem Land kennt und sonst nirgends auf der Welt! Ein Schweizer hat es gelernt, auf wenig Platz alles erdenklich mögliche zu Stande zu bringen, das hat ein Schweizer einem Deutschen, der tendentiell von Geburt an territorial und erweiternd denkt und somit von Anfang an immer mehr Platz braucht, als unbedingt nötig, voraus. „Kleine aber feine und kaufkräftige Schweiz“ trifft auf „Alles meins!“ – ein Besuch zum Beispiel in Konstanz an einem Samstag würde Ihnen verdeutlichen, was ich damit meine. Ergänzend angemerkt: Ein Schweizer braucht nicht viel Platz zum Drängeln, aber das Fahrzeug, mit welchem er oder sie die Errungenschaften der Schlacht im Teutoburger Wald wieder zurück in die Schweiz schafft, unterliegt ganz anderen Klassifizierungen von jenem ominösen Ding mit Namen „Grösse“. Es würde mich absolut nicht wundern, wenn der Begriff „relativ“ eine Schweizer Schöpfung ist – und nicht, wie allgemein bisher angenommen – eine lateinische.

Ich könnte hier und jetzt recht waghalsige Vermutungen anstellen, warum die Begrifflichkeiten Nähe und Abstand in der Schweiz so manches Mal anders verstanden werden, als zum Beispiel in Deutschland. Abgeschnitten von der Aussenwelt durch extremen Schneefall, unüberwindbare Sprachbarrieren, extrem hohe Mieten für nur sehr wenig nutzbaren Raum, unzählige Tunnelverbindungen von einem Sprachenraum zum anderen, generelle Abgrenzung von dem umgebenden Ausland und und und, es würde eine endlose Aufzählung nach sich ziehen. Fakt ist und bleibt, dass man sich diesbezüglich auch so manch eine Eigenart gewöhnen sollte, die man so nur in der Schweiz antreffen kann, auch das ist Integration. Für mein persönliches Empfinden sind zahlreiche Schweizer, die mir bis anhin begegnet sind, doch um einiges aufgeschlossener in Bezug auf Annäherung, Verständnis und kennen lernen wollen, als viele Deutsche. So sehr manch ein Schweizer Wert auf (s)eine Landesgrenze legen mag, so sehr sucht er oder sie den Austausch, denn nur im Austausch findet man als Schweizer auch die leeren Räume, die noch nicht besetzt sind. Und die Nutzung selbst von kleinsten Räumen bis hin zur Perfektion, das ist sehr Schweizerisch, glauben Sie mir!