27.3., 15.4. & 24.4.2019

Heute fand ich in meinem Briefkasten ein Kuvert, welches als Absender die Stadtkanzlei von Zürich auswies. Eher beiläufig öffnete ich dieses Schreiben, während ich die zuvor getätigten Einkäufe im Kühlschrank verstaute, wendete mich diesem (dem Schreiben, nicht dem Kühlschrank) aber näher zu als ich erkannte, was ich da in den Händen hielt: Eine Bürgerrechtsurkunde, ausgestellt auf meinen Namen. Ich war etwas verwundert über diese Urkunde, ich hatte zuvor nirgendwo von der Existenz solcher Urkunden gelesen, niemand erwähnte, er oder sie habe nach Abschluss eines Einbürgerungsverfahrens eine solche erhalten. Die Urkunde selbst war auf den 27.3.2019 datiert, den Tag, den ich persönlich als „meinen“ Einbürgerungstag betrachte und an welchem mich der Kanton abschliessend aufgenommen hatte. Das Begleitschreiben zu dieser Urkunde hingegen war auf den 15.4. datiert, das Konvolut selbst erhielt ich heute, dem 24.4., also gut einen Monat nach Abschluss meines Einbürgerungsverfahrens. Ich nahm diese Zeitspanne zur Kenntnis und dachte mir meinen Teil dabei. Danach wendete ich mich der grundlegenden Dekontaminierung meiner vier Wände zu, im Frühlingslicht sieht man die Überbleibsel eines Winters (und anderer Ereignisse) zu deutlich, als dass man sie noch ignorieren könnte, es sei denn, man rennt auch in der eigenen Wohnung mit aufgesetzter Sonnenbrille herum. Während ich so vor mich hin schrubbte, grübelte ich über diese Urkunde und das Begleitschreiben nach. Das Begleitschreiben wies mich bereits in den ersten Zeilen einleitend darauf hin, dass diese Urkunde nicht für den Verkehr mit Ämtern und Behörden geeignet sei, dafür sei ausschliesslich die entsprechend lautende Verfügung des Kantons Zürich vorgesehen. Bei dem Wort „Verkehr“ schoss mir unweigerlich der Vergleich mit einem Billet durch den Kopf: Ich war zwar nunmehr in Besitz einer Urkunde, aber „verkehren“ konnte ich damit im „Verkehrs“-Netzwerk von Ämtern und Behörden nicht, diese Urkunde ist ein ungültiges Billet im Amtsverkehr! Ich glaube, ich brauche einfach mal nur wieder Urlaub, ich verkehre wahrscheinlich schon wieder zu viel im Verkehr oder verkehre überhaupt zu viel. Wo auch immer. In den nachfolgenden Zeilen wurde ich darauf hin gewiesen, dass ich als Schweizer (da stand NICHT Eidgenosse! Aber warum sollte das da auch stehen?) und Bürger von Zürich nunmehr zahlreiche Möglichkeiten hätte, politisch aktiv zu werden. Ich wurde ermutigt, meine neu gewonnenen Rechte zu nutzen, man würde sich freuen, wenn ich die Zukunft der Stadt, die des Kantons und die der Schweiz mit bestimmen würde. Keine Sorge, das werde und will ich, aber ob sich wirklich Stadt, Kanton und Schweiz über meine „Mitbestimmung“ freuen werden, steht auf einem anderen Blatt.

Man mag es mir als Blasphemie auslegen, aber der Hinweis darauf, dass diese Urkunde keinen juristisch relevanten Verwendungszweck bei Ämtern und Behörden im Falle bei Fragen und Angelegenheiten rund um meine Staatsbürgerschaft der Schweiz haben sollte, verwunderte mich: „Was soll ich dann mit dem Ding?“. Der Verfasser jenes Schreibens, der stellvertretend für die Stadtkanzlei und die Stadtschreiberin jenes Begleitschreiben an mich unterzeichnet hatte, gratulierte mir zu meiner Einbürgerung. Ich schloss daraus, dass diese Urkunde in einem gewissen Sinne Ausdruck jener Gratulation sein sollte. Bereits in den Tagen zuvor wunderte ich mich ein klein wenig darüber, warum mir einige mir liebe und wichtige Kolleginnen und Kollegen zu meiner Einbürgerung gratulierten. Ja, die Einbürgerungsrichtlinien der Schweiz gelten als sehr anspruchsvoll oder anders ausgedrückt sind die Hürden, bis man dieses Zeil erreicht hat, hoch, entsprechende Anmerkungen kann man an zahlreichen Orten (auch ausserhalb der Schweiz) finden. Mit Ausnahme des Einbürgerungsgespräches und den im direkten Vergleich zu anderen Gemeinden niedrigen anfallenden Kosten aber empfand ich den gesamten Vorgang als „allemal zu bewältigen“, da ich alles nachweisen konnte, worauf dieser Staat Wert legt, ich absolut nichts zu verbergen hatte und der Vorgang an sich zumindest in der Stadt Zürich einen fast ausschliesslich administrativen Charakter aufweist. Irgendwie erinnerten mich diese Urkunde und die Gratulationen an meine Schulzeit. Jahr für Jahr wurden auch in dem damals noch durch die Mauer geteilten West-Berlin die so genannten „Bundes-Jugendspiele“ durchgeführt – obwohl Berlin genau genommen nicht zur Bundesrepublik Deutschland gehörte. Die Bundes-Jugendspiele waren so eine Art „Sportwettkampf“, den jede Schule Jahr für Jahr durchzuführen hatte. Bei meist brütenden sommerlichen Temperaturen wurden  Kugeln mehr oder minder elegant und zielsicher durch die Luft geschleudert, man selbst schleuderte sich nach Anlauf in eine Sandkiste (auch „Weitsprung“ gennant), man hechelte entweder in selbstmörderischem Tempo wie von einer überdimensionalen Tarantel gejagt eine kurze Distanz oder aber in langzeitmörderischem Tempo eine lange (war immer meine Wahl, der Sprint ist einfach nicht meins). Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, ob da noch andere Disziplinen verlangt wurden, so oder so aber HASSTE ich diese „Jugendspiele“. Ich bin kein sportlicher Mensch und interessiere mich auch nicht im Übermass für irgendeinen Sport, meine Ausdauer und Kraft habe ich im Laufe von mehreren Jahren vor allem bei unzähligen „Zügeleien“ („Umzug von Wohnung zu Wohnung“) gewonnen, aber generell sehe ich keinen Grund darin, mehr zu schwitzen, als unbedingt nötig. Vor allem im Hochsommer.

Folgerichtig war ich somit auch keine Sportskanone, trotzdem erhielt jeder zwangsverpflichtete Schüler im Anschluss an jene Jugendspiele eine Urkunde, die zumindest seinerzeit noch auswies, ob und wie sportlich man selbst gemessen an irgendwelchen Punktesystemen war. Die Urkunde attestierte die Teilnahme mit erreichter Leistung. Ich besitze immer noch alle diese Urkunden (wie auch sonst jede Urkunde, die mir etwas für mich oder aus meinem Leben attestierte), aber da meine jeweils erreichte Punktezahl allenfalls die „Fähigkeit zur meist koordiniert wirkenden Bewegung frei von jeglicher sportlichen Anmut und Eleganz “ attestierte und nicht mehr, lagern alle diese Urkunden irgendwo in einem Sammelordner in meinem Regal. Und nun erhielt ich eine weitere Urkunde, meine „Bürgerrechtsurkunde“, die attestiert, dass der Stadtrat von Zürich (sozusagen die Regierung der Gemeinde „Stadt Zürich“), mir auf mein Ersuchen und nach Abklärung über die Erfüllung der rechtlichen Vorschriften das Bürgerrecht der Stadt Zürich erteilt worden ist, unterschrieben von der Stadtpräsidentin Corine Mauch und der Stadtschreiberin Claudia Cuche-Curti, in nahezu einwandfreiem Amtshochdeutsch (gemäss der geltenden Richtlinien, wenn mich mein Wissen um die reformierte deutsche Rechtschreibung nicht täuscht…)  . Ok, nicht wirklich „unterschrieben“, die Unterschriften wurden druckgraphisch reproduziert. Überhaupt wirkt diese Urkunde recht „sec“, wie man hier zu sagen pflegt: Trocken (ich liebe dieses Wort „sec“!). Nahezu perfekt ausgerichtet und aufgeteilt nach den Richtlinien des „goldenen Schnittes“, schön mit Stadt-Logo und der Standard-Schrifttype der Stadt, kein übermässig hochwertiges Papier, aber auch kein Standard-Kopierpapier, sogar ein fotografischer Hintergrund, die Sicht vom Dachbereich des Stadthauses in Richtung des Münsters, Vierfarbdruck. Nur für meinen Geschmack etwas viele Grossbuchstaben, ansonsten einwandfrei, korrekt, sogar sprachlich, grammatikalisch, nicht geknickt, um in kostengünstigere Kuverts zu passen etc. ppp. Eine vorbildliche Urkunde, für die ich mich nicht durch die Luft geworfen habe, für die ich nur einen Tag aufgrund ungewöhnlich hoher Temperaturen leicht schwitzen, mich dafür aber nicht körperlich abhetzen musste. Kein „so und so viel Punkte von so und so viel möglichen erreicht“. Nur nicht persönlich überreicht und amtlich nicht verwertbar.

Ich denke, ich werde sie trotzdem einrahmen und irgendwann mal aufhängen.