Das „Ja,aber…“-Land

Abgesehen von dem üblichen Gesülze, was man selbst als Ausländer über die eigene Heimat-Nation zuweilen zu hören bekommt und man als Ausländer selbst über dieses Land mit Namen „Schweiz“ denkt, gibt es eine ganz typische Ausdrucks- und letztlich auch Verhaltensform, die in unendlich vielen Varianten auftritt und wodurch sich ein „schweizerisch“ denkender Mensch (was auch immer das genau sein soll) vom Rest des homo sapiens jenseitig des helvetischen Tellerrandes grundlegend unterscheidet: „Ja, aber…“. In der Schweiz wird über vieles sehr viel diskutiert. Es gibt einen ganz grundlegenden Unterschied zwischen deutscher und schweizerischer Diskussionsführung! Deutsche Diskussion zielt oft darauf ab, eine Position, eine Meinung oder einen Standpunkt als „einzig richtig, zutreffend und allgemeingültig“ darzustellen und entsprechend zu vertreten, was meistens in einem Schlagabtausch endet. Auch ich musste in meinen ersten Jahren hier erst einmal lernen, dass dieser deutsche Stil hier in der Schweiz nur bedingt anwendbar ist und Sinn macht – und viele Schweizer nicht ganz unbegründet „den Deutschen“ genau deshalb das vorwerfen, was man am häufigsten über „uns“ aus dem grossen „Nachbarskanton“ zu hören bekommt: „Die Deutschen sind arrogant.“. Der Schweizer Stil ist anders: Es wird nicht um des Diskutierens Willen diskutiert und auch nicht, um gegenteilige Haltungen, Positionen und Meinungen zu demontieren, sondern um diese zu erweitern, den Blickwinkel auf eine Thematik zu vergrössern, zumindest ist das meine überwiegende, aber rein subjektive Erfahrung und Wahrnehmung aus zahlreichen Gesprächen. Aber auch hier gibt es am Ende teilweise unendlich langer Diskussionen einen Unterschied im Abschluss eben jener: Nicht selten macht der Schweizer „die Faust im Sack“ (gleichbedeutend mit: „Ich gebe klein aber deutlich wahrnehmbar murrend bei“) während der Deutsche erst recht auf den Tisch haut (was nicht selten zu einem noch arroganter anmutenden Bild über ihn führt). Es wird selten wirklich laut und aggressiv in einer rein Schweizer Diskussion und fast ausnahmslos bleibt am Ende ein „ja, aber…“ im Raum stehen. Das hat seine Vor- und Nachteile. Im Gegensatz zum eher deutsch anmutenden Stil, mehr oder minder allein sich von anderen Blickwinkelnd abgrenzend auf ein eigenes Ziel hin zu arbeiten, weist der Schweizer Stil auf das Prinzip der „Konkordanz“. Jeder muss irgendwie Abstriche machen, aber am Ende kommt ein Ergebnis heraus, welches von allen tragbar ist.

Dieses Streben nach „Einigkeit“ hat nicht zuletzt wegen jenes „ja, aber…“-Prinzips eine Eigenschaft, die von vielen als Nachteil angesehen wird. Prozesse der Entscheidungsfindung können in der Schweiz unglaublich lang andauern, weitaus länger, als dass das in Deutschland der Fall ist. Dabei spielt es praktisch nie eine Rolle, in welchem Bereich nach einer Entscheidung, nach weitestgehender und tragfähiger Gemeinsamkeit gesucht wird. Das „ja, aber…“ findet man in der Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und auch im Privatbereich, das existiert einfach überall. Deutsche „Vorschlaghammerpolemik“, die im Endeffekt nur aussagt: „So ist es und so ist es, weil ich es sage und damit basta!“ sorgt hierzulande bestenfalls für Befremden (aber wenn es ein Völkchen gibt, das wirklich überfreundlich ignorieren kann, dann sind es die Schweizer). In gewissem Sinne war ich auf dieses Schweizer Prinzip schon lange, bevor ich überhaupt hierher gekommen bin, vorbereitet. In meiner Familie wurde nur ausgesprochen selten laut und aggressiv argumentiert, ich wurde so durch meine Eltern erzogen, zunächst mehrere Standpunkte und Sichtweisen zu einem Thema zu betrachten, bevor ich mir meine eigene Meinung bildete. Bereits in Berlin mutete unser Diskussionsstil sehr schweizerisch an: Die Worte wurden sehr genau gewählt und der Ton, in welchem diese gewählten Worte vorgebracht wurden, spiegelte nur sehr selten das eigene Befinden unmissverständlich. Aber wenn, dann wurde es sehr deutsch, dann war das auch notwendig und so selten, wie das geschah, auch wirklich nicht mehr verhandelbar. Dann gab es bei uns kein „ja, aber…“ mehr. Mittlerweile „ticke“ ich schon recht schweizerisch, wenn ich mit anderen Menschen über bestimmte Themen rede, auch ich versuche zunächst Horizonte zu erweitern. Ich verwende zwar nur sehr selten dieses „ja, aber…“ und ersetze es durch andere Formulierungen, aber das Prinzip ist im Endeffekt das gleiche. Kommt aber auch immer darauf an, wen ich vor mir habe und wie sich sie oder er verhält (ob es sich aber um einen Deutschen, Schweizer, Eidgenossen oder was auch immer handelt, ist mir vollkommen egal).

In wenigen Wochen darf nunmehr auch ich wählen, Einfluss auf die Politik dieses Landes nehmen. Ich erhielt meine ersten Wahlunterlagen und erneut stolperte ich über eine Erscheinungsform dieses „ja, aber…“. In Deutschland wählt man vorrangig Personen und Parteien, Informationen über das jeweilige Parteiprogramm, die Bedeutung geplanter Änderungen in Politik und Gesellschaft aber muss man sich weitestgehend selbst zusammen suchen. In meinen Wahlunterlagen fand ich mehrere Begleitschreiben, die über die zur Wahl stehenden Punkte recht umfangreich informierten, aber auch die Positionen der Befürworter und Gegner gegenüber stellten und somit wieder ein „ja, aber…“ in meinem Kopf hinterliessen. Erfreulicher Weise muss man als politisch interessierter Mensch in der Schweiz nicht lange nach weiter führenden Informationen suchen, dieses Volk ist politisch für meine Begriffswelt weitaus engagierter und informierter, als das deutsche Wahlvolk. Am Ende muss man aber letztlich doch für sich selbst entscheiden und wählen, sich selbst politisch nicht nur formen, sondern auch positionieren. Und wenn man sich erst einmal irgendwo positioniert hat, klingelt garantiert wieder „ja, aber…“ an der Tür! Ich gebe unumwunden zu, dass ich manchmal sehr viel quasseln kann, nahezu endlos diskutieren (insbesondere, wenn ich mich vorab selbst informiert habe und mich nicht habe informieren lassen). Aber irgendwann schlägt dann ab einem gewissen Zeitpunkt dann doch wieder der Deutsche in mir hoch und haut auf den Tisch, irgendwann ist dann auch mal „fertig“, wie man hier so schön sagt. Man kann Dinge auch zerreden und damit Zeit schinden, obwohl keine Zeit mehr ist, um eine Entscheidung zu treffen. Das Ding mit der Geduld, das muss ich noch irgendwie üben und das mit dem Runterschlucken (oder „die Faust im Sack machen“) auch. Manchmal – nicht immer – macht das Sinn.

„Ja, aber…“