Mit wehenden Fahnen

Ich kann Ihnen nicht sagen, warum ich von je her meine Mühe mit Fahnen hatte (genauer: die aus Textilgewebe, nicht die aus einem gewissen gasförmigen Zustand bestehenden). Ich assoziiere mit Fahnen immer sehr „deutsch“ anmutende Menschenmengen, die ein Symbol für das schwenken, wofür auch immer dieses Symbol herhalten muss. Gerade die Deutschen haben ihre ganz besondere Erfahrung mit Symbolen und Fahnen! Nur leider vergessen das viele derzeit gerade einmal mehr und nehmen SchwarzRotGold als sichtbares Zeichen ihrer Abgrenzung von was auch immer, schreien es in die Welt hinaus und verhalten sich, als würde eine ganz andere Fahne wieder auferstehen. Wahrscheinlich ist das der Grund, warum mir von Anfang an in diesem Land mit Namen Schweiz vor allem eines auffiel: Es gibt hier unglaublich viele Fahnen! Bitte korrigieren Sie mich, sollte ich mich irren, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass de facto jede in diesem Land sichtbare Fahre wie die Nationalflagge auch quadratisch ist – und nicht rechteckig! Jede Gemeinde, jede Stadt, jeder Kreis, jeder Kanton hat seine eigene Fahne. Manche sind wirklich schön und spiegeln nachvollziehbar, woher sie kamen und was sie bedeuten, andere hingegen sind – nun ja – eben Fahnen, recht einfallslos gestaltete Symbole für was auch immer. Es gibt Tage in einem Jahr, in welchem eine Gemeinde, eine Stadt, ein Kanton oder die gesamte Nation in einem regelrechten Meer von Fahnen aller Art versinkt, überall angebracht, wo sich so ein Ding in welcher Grösse auch immer anbringen lässt. Die grösste dieser Fahnen wird immer zum „Geburtstag“ der Nation am 1. August eines Jahres an einem Berg befestigt, schön unübersehbar gegenüber dem Ort, an welchem der Geschichte (oder doch vielleicht der Legende?) nach die Schweiz in ihrer ursprünglichen Form, der „alten Eidgenossenschaft“, im Jahre 1291 gegründet wurde. Ich für mich selbst habe mir nie viel aus Fahnen gemacht, bis ich hier in der Schweiz sesshaft wurde. Ich habe nie die Flagge eines Sportvereins oder eines Landes besessen, für mich waren und sind diese Dinger ein Symbol von etwas, mit dem ich mich – wenn überhaupt – nur ansatzweise und auch nur teilweise identifiziere. Aber dann bezog ich mein Heim auf helvetischem Boden und beobachtete Jahr für Jahr, wie ein Bewohner des Hauses gegenüber dem meinigen immer die Fahne der „Zunft Höngg“ anlässlich des in Zürich beliebten Festes mit Namen „Sächsilüüte“ („Sechsuhrläuten“), hisste, eine schöne Fahne (und das meine ich ohne jeden Scherz oder Ironie), aber eine übergrosse Version von dem Ding! Irgendwann ging mir das etwas auf den Zünder und so bestellte ich im Internet die Fahne „meiner“ Stadt Berlin, die Amtsversion, die sich von der „normalen“ in kleinen Details unterscheidet.

Ich zögerte fast ganze zwei Jahre, bevor ich dieses Ding aufhängte, irgendwie ahnte ich, dass dieser Vorgang Folgen haben könnte, dennoch beschloss ich mich meiner Wurzeln entsinnend diese Fahne im Balkonbereich aufzuhängen. Nun ist das so eine Sache mit dem Aufhängen von Fahnen in der Schweiz. Es spielt eine Rolle, ob eine Fahne -> in <- einem Balkonbereich aufgehängt wird oder aber ob diese aus dem Balkonbereich heraus ragend weht (oder an einem extra dafür angeschafften und aufgestelltem Mast im Garten oder wo auch immer zu wehen hat). Da haben zahlreiche „Institutionen“ ein Wort mitzureden und die können so ein Vorhaben auch schon mal auf Kosten desjenigen, der das alles vom Zaun gebrochen hat, rückgängig machen. All dieser Umstände war ich mir bewusst. Und so hängte ich die Fahne der Stadt Berlin an eine Trennwand meines Balkons. Sie wehte also nicht ausserhalb des Gebäudeprofils im Wind! Ein kleines Stück Heimat auf meinem Balkon, mehr sollte das Ding nicht symbolisieren. Aber dann geschah etwas, was ich inzwischen auch als „typisch Schweizerisch“ bezeichne. Nicht einmal zwei Tage später, nachdem ich mein Berlin-Symbol aufgehängt hatte, klingelte es an meiner Tür und mein Vermieter stand vor mir. Kleine Anmerkung insbesondere für Zuwanderer aus Deutschland: Dem Vermieter muss (!) auf Verlangen jederzeit Zutritt zur „eigenen“ Wohnung gewährt werden, der braucht keine Polizei oder dergleichen (aber auch hier sind Grenzen gesetzt, die man erst einmal erkunden muss, auch das nur als Hinweis). Da stand er nun vor mir und attestierte, dass ich wohl eine Fahne auf meinem Balkon installiert hätte. Er fragte zwar höflich, ob er diese „mal“ sehen dürfe, aber es war mir klar, dass er dazu meiner Erleubnis nicht bedurfte und nach jener auch gar nicht erst fragte. So fegte er auf meinen Balkon, begutachtete den Fetzen und fragte mich dann, was das für eine Fahne sei. Ich erklärte ihm die Berliner (Amts-)Flagge, nicht aber, warum ich sie überhaupt angeschafft und aufgehängt hatte. Er nahm meine Erklärung mehr oder minder tonlos (vielleicht aber auch verständnislos) entgegen und verabschiedete sich, genau so schnell wieder aus „meiner“ Wohnung fegend, wie er sie betreten hatte. Kurze Zeit später begegneten wir uns erneut und ich nutzte die Gelegenheit, um nach dem Grund für jene „Fahnensichtung“ zu fragen. Lange Rede, kurzer Sinn: Der Nachbar vom Haus gegenüber, der mit der übergrossen Höngger Zunftfahne, wollte wissen, was das für eine Flagge sei, die da an meiner Balkonwand hing.

Ich bin jenem Mann bereits öfters auf der Strasse begegnet, aber wir grüssten uns stur mit „Grüezi“ und „Schönen juten Tach auch“. Er hat nicht auf eine Gelegenheit gewartet, mich persönlich anzusprechen, er ist einen anderen, einen typisch Schweizerischen Weg gegangen. Und das juckte mich dann doch!  So reifte im Verlaufe meines Einbürgerungsprozesses ein Gedanke in meinem Kopf, den ich nun vor sehr kurzer Zeit in die Tat umgesetzt habe. Ich stänkere manchmal ganz gerne herum, nur um anderen mal vor Augen zu führen, was sie mit ihrem Vorgehen, ihren Erwartungshaltungen und Ansprüchen anrichten. Im Stänkern bin ich gut! Und so bestellte ich ganze vier (!) Fahnen: Die normale Flagge von Berlin, die von Zürich, die der Schweiz und die von Deutschland (mit der ich immer noch erhebliche Mühe habe). Ich bastelte an diesen Dingern herum, besorgte mir in einem Möbelhaus aus einem Land Skandinaviens (welches meines Wissens nach weltweit vertreten ist) eine Aufhängevorrichtung, die normalerweise für Gardinen gedacht ist, lieh mir von einem anderen Nachbarn die einzige Bohrmaschine, die in Weltkriegs- und Atombomben-sicheren Schweizer Beton bohren kann und schraubte an dem Tag zwischen Karfreitag und Ostersonntag (wenn ich schon national am stänkern bin, nehme ich kirchliches gleich mit) das -> innerhalb <- meines Balkonbereiches, was Sie oben auf dem Bild sehen können: Einen veränderbaren Sonnenschutz aus den bereits genannten vier Flaggen, eine wehende Stänkerei nach Gegenüber! Aber keine Sorge, ich werde diese Flaggen in relativ absehbarer Zeit durch vollkommen Farb- und Nationen-neutrale Stoffbahnen ersetzen und mein Konstrukt nur noch am 1. und dem 2. August, sowie am 27. März eines Jahres aufhängen. Und wenn dieses Land anlässlich irgendeiner Weltmeisterschaft wieder überdeutlich zu verstehen gibt, woher jemand kommt und wofür er oder sie „einsteht“, so werde ich dieses Konstrukt erst recht nicht aufhängen, auch Stänkereien haben ihre Grenzen. Wie empfindlich die Schweizer Volksseele auf Symbole für Nationalität reagieren kann, soll ein Vorfall verdeutlichen, der meines Erachtens die Problematik hinter alledem in diesem Land nicht besser beschreiben kann. Bei irgendeiner Fussball-Weltmeister- oder Europameisterschaft (ich interessiere mich für diesen Sport sowas von überhaupt nicht!) zeigten zwei Spieler der Schweizer Nationalmannschaft mit ihren Händen das Symbol aus der Flagge des Kosovo, den Doppeladler. Aus dieser Geste entsprang eine heftige Diskussion darüber, wie weit her es mit der Integrität, der eigenen Identifikation jener Spieler für die Nation sei, die sie irgendwann einmal aufgenommen und gefördert hatte, ob sie „andere“ Schweizer sein würden als die, die…. nun ja, eben nicht stänkern. Aber das ist das Berlin in mir: Mein Balkon ist meins! Wer da rein pfuscht, der wird sehen (!), was er oder sie davon hat! Adé, Merci!