Landeskennung

Mehr durch Zufall stolperte ich über eine Besonderheit – nein, nicht in der Schweiz -, sondern wenn es um die Schweiz im Ausland geht, also so ziemlich jedes an die Schweiz angrenzende Land. Es handelt sich dabei um eine „Kleinigkeit“, die durchaus teuer werden kann, wenn sie fehlt: Die Landeskennung an einem Fahrzeug, jener ovale Aufkleber, der Aufschluss darüber gibt, aus welchem Land das Fahrzeug kommt. An Fahrzeugen aus der Europäischen Union sucht man diesen Aufkleber meistens vergeblich, denn die Nummernschilder dort haben an der linken Kante ein blaues Feld, in welchem in weissen Buchstaben ein entsprechendes Landeskürzel eingeschlossen ist und müssen somit nicht jenen Aufkleber aufweisen. Das Fürstentum Liechtenstein und die Schweiz (und einige andere Länder) aber haben „nur“ das Wappen des jeweiligen Landes an der linken Seite des Nummernschildes – ohne zusätzliche Buchstaben. Und genau das ist der Umstand, weswegen laut einem Abkommen Fahrzeuge aus diesen beiden Ländern jenen Landeskennungsaufkleber haben müssen, wenn das umgebende Ausland mit jenem Fahrzeug durchfahren wird. Diese Pflicht gilt de facto für alle motorisierten Fahrzeuge, also auch Krafträder. Der Aufkleber muss eine bestimmte Grösse aufweisen, kleinere oder anderweitig von den Vorgaben abweichende Varianten sind nicht zulässig. Nun sieht man einen solchen Aufkleber nur noch sehr selten im Strassenbild, den wenigsten Fahrzeuglenkern aus der Schweiz und Liechtenstein ist diese Pflicht bewusst und so fahren sie meist ohne dieses Ding ins benachbarte Ausland, weil sie davon ausgehen, dass dieser Aufkleber nicht notwendig sei. Dabei kann man für das Fehlen eines solchen Aufklebers gebüsst werden. Tatsächlich findet das nicht oft statt (weswegen viele glauben, man brauche so ein Ding nicht), aber es ist in verschiedenen Ländern schon vorgekommen, dass das Fehlen geahndet wurde. Vollkommen rechtmässig. Das Schweizer Wappen allein ist also nicht „wirkungsvoll“ genug für Europa.

Ich habe vor, in diesem Sommer mit meinem Motorrad nach Katalonien zu fahren. Allein aus diesem Grunde werde ich diesen Aufkleber an einem meiner Koffern anbringen, dieses riesige Ding, was aus rein ästhetischen Gründen einfach nicht passt. Nur dort habe ich genug Platz, um diese Pflicht zu erfüllen, wie andere Motorrad-Fahrer mit dieser Problematik umgehen, entzieht sich meiner Kenntnis. Laut Vorgaben dürfte ich streng genommen diesen Aufkleber nicht dort anbringen, er muss sich – und das gilt auch für PWs! – am Fahrzeug selbst befinden, an „nicht veränderbaren“ Teilen. Nun Versuchen Sie einmal so ein riesiges Ding an der Rückseite (und nur dort darf der angebracht werden in einer Höhe von 20 bis 135 Zentimetern) eines Motorrades anzubringen, wenn Sie keine Koffer haben! Auf das Nummernschild direkt aufkleben würde das Prinzip hinter der Landeskennung ad absurdum führen (und ist nicht zulässig). Auf eine entsprechend grosse Rückleuchte kann man das Teil theoretisch kleben – ist aber nahe liegender Weise ebenso nicht zulässig. Gleiches gilt für Blinker-Leuchten (die ohnehin zu klein sind). Da das Ding gut von hinten sichtbar sein muss, macht es auch herzlich wenig Sinn, den auf dem Soziussitz anzubringen, irgendwo vorne oder auf einer der Benzintankseiten.

Nun könnte ich es drauf anlegen und ohne diesen Kleber los ziehen in der Hoffnung, dass ich nicht irgendwo in Frankreich oder Katalonien angehalten und gebüsst werde. Nun bin ich aber, teilweise aus selbst gemachten Erfahrungen heraus, ein Realist. Wie auch immer so manch ein Artgenosse auf diesen Gedanken kommt: Wer aus der Schweiz kommt, hat Geld, ist reicher, als so manch ein Durchschnitts-EU-Europäer. Das mag bis zu einem gewissen Grad auch zutreffen, ändert aber nichts an der Tatsache, dass man innerhalb der Schweiz auch mehr Geld zum Leben braucht. Genau das ist der Grund, warum so viele Schweizer in grenznahe Städte fahren, um dort günstiger einzukaufen. Meist ohne jenen Aufkleber am Fahrzeug! Ich bin mir ziemlich sicher, dass ein Schweizer Kennzeichen im Hinterland von Katalonien auffallen wird, schon in Deutschland wurde ich mehrfach angesprochen, ob ich wirklich aus der Schweiz käme und ob ich wirklich die lange Strecke von Zürich nach wohin auch immer mit dem Motorrad zurück gelegt habe. Die Vorstellung, ich könnte von irgendwelchen gelangweilten Beamten bei brütender Hitze in Motorradkleidung angehalten werden, erscheint mir nicht sonderlich erstrebenswert. Noch weniger erstrebenswert aber erscheint mir die Vorstellung, für einen fehlenden Aufkleber gebüsst zu werden, also kommt das Ding an den einen Koffer, bevor ich die Landesgrenzen der Schweiz überfahren werde. Ob diese Kennungspflicht aus dem Jahre 1968 überhaupt einen Sinn macht und wenn ja welchen, möchte ich zumindest in Frage stellen. Aber die Schweiz hat nun einmal jenes Abkommen ratifiziert, also komme ich im Rahmen meiner Möglichkeiten dieser Pflicht nach. Doppelbürgerschaft hin oder her. Nicht umsonst kommt mir die Schweiz in mancherlei Hinsicht wie jenes kleine gallische Dorf vor, welches in den weltweit bekannten „Asterix“-Comics auftaucht…

Nachtrag: Ein Arbeitskollege wies mich kurz, nachdem ich diesen Artikel hier veröffentlicht habe, darauf hin, dass diese Pflicht nicht gegeben ist. 1998, also gut dreissig Jahre nach dem Abkommen von Wien, wurde beschlossen, dass die Mitgliedsstaaten der EFTA, zu der auch die Schweiz gehört, nicht jene Landeskennung sichtbar am Fahrzeug haben müssen. Er selbst war in eine genau solche Situation gekommen, in welcher ein Beamter in Österreich ihn für das Fehlen jenes Klebers büssen wollte. Für meine Begriffswelt ist dieser Kollege ein Schweizer, wie er im Buche steht: Er setzte geltendes Recht alleine ohne juristischen Beistand vor Ort durch und musste die geforderte Busse nicht zahlen. Trotzdem taucht heute – wir sind im Jahre 2019 angelangt – immer noch der Hinweis auf, dass dieser Aufkleber Pflicht sei, auch an Stellen, die es besser wissen und entsprechend hinterlegen sollten. Lange Rede, kurzer Sinn: Diese Problematik der Widersprüchlichkeit ist auch gewissen Stellen des Bundes bekannt. Als Antwort kann man auf Nachfrage dann die Empfehlung erhalten, man möge diesen Aufkleber trotzdem anbringen, nicht jeder Beamter eines anderen Landes ist sich des Unterschiedes zwischen EU und EFTA bewusst, kann also unter Umständen gar nicht wissen, dass diese Kleber-Pflicht seit 1998 auch für die Schweiz abgeschafft wurde. Was sagt mir als Deutscher und Schweizer das? Informiert bleiben, beharrlich aber freundlich solche Informationen durchsetzen – die perfekte Mischung zwischen Deutsch und Schweizerisch. Trotzdem werde ich vor meiner Reise nach Katalonien nicht so viel Katalanisch lernen, nur um einem Beamten den Unterschied zwischen EU und EFTA klar zu machen…