„Sie dürfen lächeln!“

In welchen Registern der Schweiz ich auch immer zwischenzeitlich „hinterlegt“ worden war, so konnte ich nunmehr Reisepass und Identifikationskarte (vergleichbar mit dem „Personalausweis“ in Deutschland, wobei mir sich bis zum heutigen Tage noch nicht erschlossen hat, von wem ich eigentlich genau „Personal“ seinerzeit war, in der Schweiz dient diese Karte zur Identifikation…) der Schweiz beantragen. Man kann wählen, ob man beide Dokumente zusammen oder einzeln ausgestellt haben möchte, entsprechend unterscheiden sich die Kosten. Zu diesem Zweck wurde mir sowohl ein Link im Internet, als auch eine Telefonnummer schriftlich auf Papier mitgeteilt, mit deren Hilfe ich mein Anliegen vorbringen konnte. Ich bin ein Mensch, der eine Stimme einer Internetseite bevorzugt, also wählte ich irgendwann die Telefonnummer, um, wie schriftlich fest gehalten, einen Termin mit dem zuständigen Passbüro des Kantons Zürich zu vereinbaren . „Drücken Sie bitte die 1 für…“. „Drücken Sie bitte die Taste 2 für…“. Egal, welche Taste ich auch drückte, so verdeutlichte mir die vom Band in mein Ohr gesprochene Stimme letztendlich immer die Empfehlung, ich möge mein Anliegen doch bitte online vorbringen – über das Internet. Nix persönlich, schön digital unpersönlich. Deutsch. Aber gut, ich kenne inzwischen beide Welten, also ging ich „online“. Es dauerte eine kurze Zeit, bis ich begriff (und ich bin NICHT blöd, wenn es um exakt solche Dinge geht), wie man überhaupt einen Termin hinterlegt, ob da überhaupt noch Platz ist und wie man erkennen kann, dass der selbst gewählte Termin auch bestätigt wurde. Mein Beruf hat mich gelehrt, auf gewisse Dinge zu achten, die nicht selbsterklärend sind. Immerhin erhielt ich die Terminbestätigung in vergleichsweise exorbitant kurzer Zeit an meine E-Mail-Adresse. Erfreulicher Weise konnte ich mit dem Tram dort hin fahren (Anmerkung: Auch wenn in Deutschland „die“ Strassenbahn logischer Weise „die“ Tram implementiert, so ist es hier in der Schweiz „das“ Tram – vom französischen „le tram“. Spätestens hier verrät sich jeder Deutsche selbst, egal, ob sprachlich angepasst, integriert und eingebürgert oder nicht. Kleiner Tipp: Sollten Sie nicht indo-europäische Sprachwurzeln aufweisen können oder gar wollen, so bleiben Sie bei „de Tram“, „de Bus“, „de PW“, „de Maa“, „de Frau“. Versteht auch hier jeder). Somit fuhr ich in die Gegend vom Escher-Wyss-Platz zum Passbüro, einem typischen Neubau aus den 90er Jahren, schmucklos und nicht sonderlich einladend (vielleicht ist aus genau diesem Grunde unter anderem dort auch die „Gemeinde Christi“ untergebracht…). Ich fand mich recht schnell in dem Gebäude zurecht, zog eine Warte-Nummer und nahm Platz, richtete mich auf mehr Wartezeit ein, weil ich einerseits zu früh da war und es andererseits in jenem Gebäudetrakt wie in einem Bienenstock zuging. Menschen aus allen erdenklichen Ländern waren dort, Eltern mit Kleinstkindern, ganze Grossfamilien, Einzelpersonen – das Abbild von Zürichs Bevölkerung, wie ich es Tag für Tag in meinem Beruf sehe.

Es ging sehr zivilisiert und trotz der emsigen Geschäftigkeit dann doch erstaunlich ruhig zu. Für die Erfassung meiner biometrischen Daten waren gerade einmal 15 Minuten veranschlagt, weitaus weniger, als ich seinerzeit für den gleichen Vorgang in der Deutschen Botschaft in Bern opfern musste, aber ich rechnete mit mehr Zeit, in gewissen Dingen bin ich Realist. So sass ich dort in etwa zehn Minuten und konnte das Treiben beobachten. Der Warteraum war gross, in der Mitte allerlei Sitzgelegenheiten, im Rücken und gegenüber mehrere Bearbeitungs- und Erfassungsstellen in Form von mit normalem Glas gesicherten Büroschaltern und einem Kabinenbereich, der entfernt an einen Photoautomaten oder den Aufenthaltsbereich des Personals in einem Flugzeug erinnerte. Ich musste meinen Deutschen Reisepass und die Meldebestätigung aus Zürich vorweisen können, ein Foto wurde nicht verlangt, selbiges wurde in dem gesamten Prozess geltenden Richtlinien entsprechend vor Ort gemacht. An diversen Stellen im Internet gab es Anleitungen, wie gegebenenfalls ein Foto auszusehen hatte, um als Passfoto herhalten zu können (nicht jede Gemeinde ist technisch so ausgerüstet, wie Zürich und dann muss man selbst ein Foto mitbringen). Zu hell, zu dunkel, Augen nicht geradeaus gerichtet und dergleichen, entsprechende Foto-Beispiele waren zur Orientierung abgebildet. Und dann stand in jenem Online-Dokument da noch jener eine Satz, der mir nachhaltig in Erinnerung blieb:

„Sie dürfen lächeln!“

In exakt dieser Schreibweise! Ein Passfoto mit einem Lächeln! Und das mir, ich, der sowieso schon mal nicht auf Bestellung lächeln kann! Soweit ich mich entsinnen kann war genau so ein Lächeln bei der Erstellung eines Passfotos in Deutschland zumindest unerwünscht, wenn nicht sogar strikt untersagt. „In Doitschland wirrrrd nöcht gelächelt!“ tönte in meinem Kopf bei der Lektüre dieses Satzes eine leicht nach „Wochenschau“ aus dem Dritten Reich klingende Stimme. „Verrrbotten! Strrrrrikt! Total!“ Und jetzt dieser Satz! Fast schon unweigerlich ertönten nunmehr eher Schweizerisch anmutende Klänge in meinen Kopf: „Sie dürfed au lächle!“ Schön mit Kuhglocken, Bienenbrummen und etwas Ziegengemecker obendrauf als Hintergrundklang, beim Aussprechen dieses Satzes mindestens zwei Oktaven abdeckend melodiös glückselig klingend. Zuweilen mache ich mir noch selbst Sorgen über meinen manchmal allzu kreativen Geisteszustand. Aber vielleicht sollte diese erlaubende Aufforderung auch dazu dienen, bereits ab Passfoto dem Rest der Welt die Glückseligkeit dieser Insel Schweiz in Form eines lächelnden Konterfeis des Inhabers zu vermitteln. So sass ich dort, beobachtete das Treiben, während ich parallel zu meinen Beobachtungen in meinem Hirn zu ermitteln versuchte, ob meine Gesichtsmuskeln überhaupt ein Lächeln auf Abruf erzeugen könnten, ein schweizer Lächeln, kein deutsches, begleitet von Kuhglocken, Bienenbrummen und Ziegengemecker.

Irgendwann tauchte meine Wartenummer auf der Anzeigetafel auf und ich begab mich zu dem Schalter, der rein zufällig exakt vor mir positioniert war, ich musste also keine weiten Wege zurück legen zu der dort tätigen jüngeren Dame, deren Aktivitäten ich zuvor schon teilweise in Augenschein nehmen konnte, als sie das Neugeborene eines jungen Paares biometrisch erfasste. Ich trat an den Schalter, wir begrüssten uns, ich in Hochdeutsch, sie in Schweizerdeutsch. Nach Vorlage meines Deutschen Reisepasses fragte sie zur Kontrolle ein paar andere Eckdaten zu meiner Person ab, aber nach der Meldebestätigung fragte sie nicht (im Zweifelsfalle hätte ich ALLES zu meiner Person vorweisen können, ich misstraue aus Prinzip der amtlichen Technik und so hatte ich auch wirklich ALLES mitgenommen, was es amtlich zu meiner Person zu lesen gab, inklusive der vier Versionen meiner Geburtsurkunde, meine Zivilstandsdokumente, sämtliche Führerscheine, sogar den zwischenzeitlich abgelaufenen alten Deutschen Reisepass, einfach alles. An jenem Tag trug ich buchstäblich mich selbst mit mir herum – vollkommen bekloppt und typisch ich, aber ich hatte gute Gründe dafür, Gründe, die auf deutschen Annahmen und Erfahrungen basierten, nicht aber schweizerischen…). Dass sich deutsche Amtstechnik zuweilen nicht von schweizerischer unterscheidet, sollte ich dann auch in jener „Erfassungskabine“ bemerken. Der mir bereits von der Deutschen Botschaft in Bern bestens bekannte Fingerabdruckscanner stammte vom gleichen Hersteller, wie jener, der da nun vor mir platziert war. Horrorszenarien spielten sich in meinem Kopf ab! Aber hier war dieser Scanner elegant in ein Gesamtkonstrukt eingebaut, welches wirklich nicht sonderlich von einem normalen Photoautomaten abwich, nur dass unterhalb der Fotokamera jener Scanner und noch eine Art Touchscreen verbaut waren, auf welchem ich meine Unterschrift zu hinterlassen hatte. Die bearbeitende Dame wendete sich per Mikrofon an mich, der da durch einen Vorhang von der Aussenwelt abgeschirmt auf seine biometrische Erfassung wartete. „Wir fangen dann mal mit dem Foto an. Schauen Sie bitte auf die drei roten Punkte.“ Ganz speziell dieses „wir“ liebe ich: Wir entnehmen dann mal in Ihrem Beisein Ihre Milz, Ihre Leber, Ihren Magen, Ihr Herz…! Die Kamera wurde von Geisterhand in eine andere Position bewegt und dann erklang erneut die Stimme aus dem unsichtbaren Lautsprecher:

„Sie dürfed au lächle!“

Da waren sie wieder, die Kuhglocken, das Bienenbrummen, das Ziegengemecker. Und ich bemerkte, wie sich meine Gesichtsmuskeln irgendwie in Bewegung setzten. Kein Blitz, kein Ton, kein gar nichts vermittelte mir, dass jemand auf einen Auslöser gedrückt hatte, statt dessen präsentierte mir die Stimme das entstandene Bild auf einem Monitor und fragte, ob mir das auch recht wäre, was bei Kuhglockengebimmel, Bienenbrummen und Ziegengemecker herausgekommen war, mir, der mit Fluglärm, Berliner Schnauze und Hundegebell aufgewachsen ist. Das Ergebnis war eine Mischung von alledem: Fluggebimmel, Hundebrummen und Berliner Gemecker. Ein typisches Passfoto. Nur wer mich sehr gut kennt würde sehen, dass ich einen Gesichtsausdruck aufweise, der bestenfalls ungewöhnlich für mein sonstiges Erscheinungsbild ist. Aber weit entfernt von einem glückseligen Schweizer Lächeln. Im Kopf die Worte „Kannste knicken mit einem blödglückseligen Jrinsen bei mir, dit funktioniaht bei mia in Ämtern nisch!“ segnete ich mit den gesprochenen Worten „Hilft alles nichts, ist in Ordnung so.“ die Aufnahme ab. Anschliessend wurden meine Zeigefinger gescant, dann unterschrieb ich auf jenem Touchscreen, sammelte meine sieben Sachen zusammen und trat wieder an den Schalter, an welchem mir die Dame ein Papier aushändigte, mit welchem ich zur Kasse gehen und den ganzen Vorgang bezahlen könnte. Ich wünschte ihr noch einen erträglichen Tag (was sie mit einem wissenden Schweizer Zitronen-sauer-macht-lustig, nicht deutsch Moralin-sauer-weil-anderes-ist-in-Deutschland-nicht-erlaubt Lächeln quittierte) und trat an die Kasse auf der anderen Seite des Raumes. Dort angekommen wollte ich den Betrag abgezählt bar bezahlen (auch typisch ich), aber anstatt der „online“ veranschlagten Kosten von 148 Franken schlug das Ganze mit 158 Franken zu Buche – online war keine Rede von der zusätzlich zu erhebenden Bearbeitungsgebühr. Also musste eine Karte herhalten. „Sie bekommen dann in ungefähr sieben Tagen zwei eingeschriebene Briefe.“ In weniger als sieben Tagen erhielt ich dann auch eine Abholungseinladung, beide Briefe vom „Bundesamt für Bauten und Logistik“ stammend. Bauten und Logistik? Bekomme ich als Neu-Schweizer etwa eine Parzelle von einem Quadratmeter Grösse irgendwo in den Hochalpen zum Bau von was auch immer geschenkt oder was? Nach etwas Recherche zeigte sich, dass dieses Amt für die Produktion von Identitätskarte und Reisepass zuständig ist, also nix mit Kuhglocken, Bienenbrummen und Ziegengemecker auf eigenem eidgenössischem, Verzeihung, Papierli-Schweizer Boden! Grund und Boden ist in der Schweiz bestenfalls knapp!

Wenige Tage später also holte ich mir Reisepass und Identifikationskarte auf der Poststelle ab. Nein, ich werde Ihnen hier nicht das entstandene Foto zeigen! Man könnte meinen, ich kann nicht einmal bis Zehn zählen! Das Resultat ist vielleicht ein biometrisches Abbild meiner Selbst, sicherlich aber kein mathematisch erklärbares, die Zahl „Zehn“ hin oder her! Da haben weder Fluglärm, noch Kuhglocken geholfen, Passfotos sind einfach per se die denkbar unvorteilhafteste Abbildungsform des Menschen. Aber man soll ja auch keine Vorteile automatisch haben dürfen, nur weil man einen bestimmten Pass vorweisen kann, oder? Aber überhaupt einen Pass zu besitzen – egal, wie bekloppt man selbst auch in so einem aussehen mag – hat durchaus seinen Sinn. Egal, ob man bis Zehn zählen kann oder nicht oder aber von gediegenem Fluglärm von zur Zeit theoretisch (!) drei Flughäfen in Berlin zwischenzeitlich zu weitaus angenehmerem Schweizer Bienenbrummen in Zürich übergegangen ist. Und was die Parzelle in den Schweizer Hochalpen anbelangt: Ich kann nunmehr wo auch immer auf der Welt den Schweizer Pass auf den Boden legen, mich darauf stellen und melodiös von mir geben: „Han zwar kei Parzell i dr Schwiizr Hochalpe, aber hier isch jetzt au Schwiiz!“.

Glückselig lächelnd.

Aber von sowas macht niemand ein Foto, erst recht kein biometrisches, das könnte „blöd“ rüber kommen so rein „national“ betrachtet. Abgesehen davon ist die Antwort auf alle Fragen 42. Und nicht 10.