5.4.2019

Am Tag des „Sechseläuten“, einem für Zürich sehr wichtigem Fest, lag ein weiterer Brief in meinem Kasten. Die Gemeinde „Stadt Zürich“ hatte mich als Bürger aufgenommen und entsprechend in irgendwelchen Registern eingetragen. Somit war das Ende der Einbürgerungsparabel erreicht: In Zürich hatte ich den Antrag gestellt, der übergeordnete „Staat“ mit Namen „Kanton Zürich“ hatte mich vorläufig aufgenommen, der Staatenverbund mit Namen „Schweiz“ hatte alles das abgesegnet und entsprechend den Staat „Kanton Zürich“ beauftragt, die weiteren Schritte in die Wege zu leiten und dieser wiederum wies die Gemeinde „Stadt Zürich“ an, mich als Bürger aufzunehmen. Von ganz unten nach ganz oben und wieder zurück. Erst mit Erhalt dieses Schreibens kann ich nun die Dokumente anfordern, die „man“ als Bürger eines Staates braucht. Ursprünglich wurde ich darauf hin gewiesen, dass es bis zu jener Beantragung bis zu drei Wochen dauern könnte, aber es ging weitaus schneller, also werde ich irgendwann in kommender Zeit die Ausstellung jener Dokumente beantragen, um mich in Zukunft entsprechend ausweisen zu können. In jenem Brief war ein weiteres Schreiben enthalten, die so genannte Meldebestätigung. Ein vergleichbares Schreiben und die Funktion solcher Schreiben kannte ich bereits aus Deutschland. Wenn man den Wohnort wechselt, muss das entsprechend schriftlich bestätigt werden – auch dann, wenn man die Schweiz dauerhaft verlässt. Als ich die entsprechende Zeile las, dachte ich mit meinem krausen Hirn an eine Einbürgerungsgeschichte aus einem anderen Kanton. Dort wollte sich eine US- Amerikanerin (oder war es doch eine Kanadierin?) einbürgern lassen. Allerdings wurde ihr Gesuch zunächst abgelehnt, vorwiegend weil sie sich über die dort auf dem Land üblichen Kuh-Glocken und deren „Lärm“ echauffiert hatte. Warum auch immer sie jene Dinger ablehnte und meinte, entsprechend aktiv werden zu müssen: Das sind Dinge, die man akzeptieren muss, will man hier leben! Diese Glocken hatten (und haben) nicht nur einen touristischen Sinn! Durch das Gebimmel konnten und können die Bauern und Hirten selbst bei schlechtestem Wetter ihre Kühe und Ziegen auf den Hochalmen wieder finden! Diese Dinger sind also nicht nur „Kulturgut“, sie haben einen ganz handfesten Sinn, die Dinger sind so eine Art Meldebestätigung für das liebe Vieh! In den USA oder sonstewo auf dieser Welt pflanzen sie vielleicht dem armen Viech GPS-Chips ein, um sie dann vom Helikopter aus zusammen zu scheuchen, hier sind es eben um den Hals der Tiere gehängte Glocken. Für einen kurzen Moment überlegte ich, der Regierung der Schweiz einen Vorschlag zu machen: Lasst das doch einfach mit diesen Meldebestätigungen, ist nur Papierverschwendung und zusätzlicher Verwaltungsaufwand! Hängt einfach jedem Bürger der Schweiz eine Glocke um, deren Klang nicht zu fälschen ist und ihr findet sie auf der ganzen Welt wieder (im Berner Oberland gibt es da so zwei Durchgeknallte, die sich auf ganz besondere Weise mit Glockenklang auskennen, nur so als Hinweis). Nach etwas längerer Überlegung verwarf ich den Gedanken aber wieder…

Nun sind Tier-Glocken – mit Ausnahme von einigen Regionen in Bayern und Schwaben – in Deutschland eher unpopulär. Überhaupt erscheint mir der deutsche Verwaltungsschimmel im Vergleich zur Schweiz eher als „unbeweglich“ und „stur“, gerade, wenn es um die Identifikation von Menschen (-Vieh) geht. Nach einiger Recherche zu den Themen „Doppelbürger“, „Pass“ und dergleichen stiess ich auf ein deutsches Gesetz, welches mich etwas in Erstaunen versetzte. Gemäss diesem nachwievor gültigen Gesetzes MUSS ich mich in Deutschland mit dem Deutschen Pass ausweisen, wenn ich dazu aufgefordert werde, egal, ob ich einen Schweizer Pass besitze oder nicht. Im ersten Moment dachte ich bei mir, dass Deutsche Behörden wohl nicht Willens sind, im Bedarfsfall nachzuforschen, ob jemand wie meinereins auch Deutscher ist, selbst wenn er „nur“ den Schweizer Pass vorweist. Aber ja, so ist das nun einmal mit Gesetzen, vor allem, wenn sie deutschem Geiste und Verständnis entsprungen sind: Einem Durchschnittsbürger – egal, welcher Staatsangehörigkeit auch immer – sind die bei Weitem nicht immer verständlich. Vielleicht sollte ich der Bundesregierung von Deutschland den Vorschlag machen, ihren Bürgern deutsche Glocken zu verordnen. In meinem Falle würde ich dann ganz rechtmässig auf den Klang der Freiheitsglocke im Rathaus von Berlin Schöneberg bestehen, dem Rathaus, auf dessen Balkon vor vielen Jahren der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika zu den Nachkriegsberlinern die weltweit bekannten Worte: „Ich bin ein Berliner!“ sprach. Ob sich dann aber der Klang jener deutschen Berliner-Glocke und der von Zürich tonal vertragen, steht auf einem anderen Blatt eines Briefes, den ich wohl nie in meinem Briefkasten vorfinden werde. Auch hier wieder egal, an wen ich entsprechende Vorschläge zuvor auch gesendet haben mag.

Und ich hatte mich schon so wahnsinnig darauf gefreut, am Flughafen von Berlin Tegel oder Schönefeld – nein, die Fertigstellung des Hauptstadtflughafens dort werde ich wohl nicht mehr erleben – den dort tätigen Zoll-Beamten, die aller Wahrscheinlichkeit nach Sächsisch reden, auf die Frage, ob ich etwas zu verzollen hätte, mit dem Schweizer Pass vor der Nase herum zu wedeln und im schönsten Berlinisch zu antworten:

„Nö, habbick nisch!!“

Über eine „Kleinigkeit“ in jener Meldebestätigung aber stolperte ich dann doch: Dort stand „Heimat = Zürich“. Nee, unter „Heimat“ verstehe ich dann doch etwas anderes…