Untergross

Würde mich jemand fragen (und nein, jemanden wie mich fragt man sowas einfach nicht!), wie ich die Schweiz, Schweizer Bewusstsein, Selbstidentifikation, Swissness, zahlreiche (aber nicht alle!) Schweizer, Politik, Schweizer Lebensweise und Denkmuster und dergleichen charakterisieren würde, so würde ich einen einzigen Begriff wählen (den es so zugegebener Massen nicht gibt): Untergross. Nicht Schokolade, Geld, Uhren, Alpen, Bahnhofstrasse, komischer Dialekt oder die inzwischen schon fast abgedroschen anmutenden sonstigen Klischees, die man diesem Land seit Ewigkeiten anklebt, sondern einfach nur untergross. Achtung: NICHT Understatement, aber darauf gehe ich später ein. Wie komme ich auf diesen Begriff? Zugegeben, meine Denkmuster sind in gewissen Belangen gewöhnungsbedürftig und nicht jeder kann meine Gedankensprünge nachvollziehen, der mich nicht schon gut und lange kennt, daher möchte ich mit einem relativ offensichtlichem Beispiel anfangen. Wenige Jahre nach dem Mauerfall durfte ich erstmalig den (Gesamt-)Deutschen Bundestag mit gestalten, ich durfte mit meiner Stimme als wahlberechtigter Bürger von Deutschland wählen, wer die Geschicke dieses frisch wiedervereinten Landes bestimmen sollte. Zuvor beschränkte sich meine Wahlfähigkeit auf West-Berliner Politik, die indirekt von Bonn aus seinerzeit mitgeführt wurde, nun aber zeigten sich die „hohen Tiere“ aus der damaligen Bundeshauptstadt auch in Berlin, so auch seinerzeit Helmut Kohl, der für die konservative Partei CDU (Christlich Demokratische Union) in Berlin, genauer: In der Deutschlandhalle seinen grossen Auftritt hatte. Mein Vater und ich taten uns dieses Schauspiel vor Ort an, wir waren dort in jenem Relikt aus dem Dritten Reich und sahen die rheinländische Polit-Eiche durch den Raum walzen. Um ihn herum ein Tross von Berichterstattern, aber dieser war überschaubar. Im Fernsehen hingegen sah es so aus, als ob alle in jener Halle anwesenden Menschen diesen Politiker regelrecht erdrücken wollten. Darum merke: Nur weil es im Fernsehen so aussieht, als würde eine riesige Menschenmenge geradezu frenetisch auf den Erlöser warten, so bedeutet das noch lange nicht, dass es in der Realität auch so war. Die einzigen, die sich an der Borke jener unbeirrbar selbstzufrieden lächelnden Eiche schubberten waren die Berichterstatter (und ein paar bestellte Claquere). Nicht aber das politisch interessierte Volk von Berlin. Das blieb wie mein Vater und ich schön distanziert (und vielleicht auch bewusst deplatziert) auf den Rängen der Halle.

Es kam, wie es kommen musste und so wählte das Deutsche Volk überwiegend jenen Mann, diese recht stattliche und hoch gewachsene Erscheinung, weniger die Politik, für die er einstand, zumindest war das mein Eindruck von jener Begebenheit. Präsente Grösse (egal, ob gerechtfertigt, nachvollziehbar, inhaltsleer oder nicht) ist typisch Deutsch, meines bescheidenen Erachtens nach. Wieviel von jener Grösse früher oder später übrig bleibt, kann man immer wieder in diesem Land sehen, die typisch Deutsche „Grösse“ hat ein relativ absehbares Verfallsdatum. Eine solch deutsch anmutende Grösse gibt es in der Schweiz nicht, zumindest nicht in dieser zuweilen ausufernden Präsenz, wie man sie im „grossen Nachbarskanton“ überall antreffen kann. Die Schweiz tritt nicht gross auf. Aber unbeirr- und unübersehbar nachhaltig. Man erinnert sich an ihre Präsenz, wenn man ihrer im Ausland überhaupt gewahr wird und sollte das einmal nicht der Fall sein, so wird man daran erinnert. Höflich. Aber ebenso unbeirrbar. Aber nicht nur, dass die Schweiz und die Schweizer ausserhalb der Confoederatio Helvetica nicht gross auftreten, so ab und an beschlich mich das Gefühl, als sei es jenem Land und seinen Bürgern irgendwie „eingebläut“ worden, derartiges nicht zu machen. Es gibt keine übergrosse hör- und sichtbare Präsenz der Schweiz im Ausland. Helmut Kohl war international bekannt, Rammstein irritiert seit Jahrzehnten überlaut in der ganzen Welt, aber beispielsweise mit der sehr feinen und für meine Begriffswelt grossartigen Komik von „Ursus & Nadeschkin“ oder skurrilen Kunst von Fischli & Weiss kann man als Durchschnittsdeutscher nur wenig anfangen, wenn man Schweizer Denkmuster nicht wenigstens ein klein wenig kennt. Die Namen Schweizer Politiker waren (und sind) international eher unbekannt, die eine grosse Ausnahme eines Botschafterpaares der Schweiz mit Namen Borer und Fielding sorgte nur recht kurzzeitig international für Aufsehen (eben weil deren Auftreten so ganz und gar unschweizerisch erschien). Apropos Botschaft: Immer wieder stolpere ich über den Anblick der Schweizer Botschaft in Berlin! Wenig auffällig repräsentativ, so ganz und gar nicht demonstratives Sinnbild einer Nation wie zum Beispiel die von Amerika, Frankreich oder Italien. Aber im Gegensatz zu den genannten ganz nahe am Bundeskanzleramt. Sinngemäss: „Wir sind auch noch da, nur dass Ihr das nicht vergesst!“.

Schweizer Grösse, wenn man schon diesen fragwürdigen Begriff überhaupt bemühen möchte, äussert sich in dezent gestaltetem, aber unübersehbar ins Bild gerücktem Status in Form von materiellen Dingen und Wertigkeiten. Die Schweizer Botschaft in Berlin beispielsweise mag in Bezug auf die rein physikalische Grösse eher – nein, NICHT klein! – dezent erscheinen, wer sie aber gestaltet hat und welche Materialen verwendet wurden, ist alles andere, als – nein, NICHT dezent! – bescheiden. Ein Begriff, der für mich in Bezug auf die Schweiz irgendwie so gar nicht passt, ist der der Bescheidenheit. Bitte nicht falsch verstehen: Die Schweiz und die meisten Schweizer treten nicht so auf, wie zum Beispiel (neu-)reiche Russen: Es wird überdeutlich gezeigt, was man hat und wer man ist. Die sind nicht bescheiden, schon mal gar nicht im Auftreten. Das generelle Auftreten der Confoederatio Helvetica ist zurück haltend, aber alles andere als scheu! Mit der hohen Kunst der Diplomatie, welche in der Schweiz zur Perfektion gebracht wurde, wird nicht nur daran erinnert, dass man existiert, es wird auch daran erinnert, was man hat. Und das wird dezent gezeigt, nicht feil geboten, auch wird damit nicht geprahlt, es wird „nur“ darauf hin gewiesen, dass man etwas hat, was der oder die andere weniger hat. Überhaupt habe ich im Laufe der Jahre so manches Mal das Gefühl gehabt, als müsse die Schweiz und so manch ein Schweizer den Rest der Welt daran erinnern, dass es sie a) überhaupt gibt und b) sie von etwas ein vermeintliches klein wenig mehr haben, als alle anderen. Die Schweiz drängt sich nicht auf. Aber übergehen kann man sie auch nicht. Wie man dieses Dilemma handhabt, überlassen die Schweiz und die Schweizer grosszügig diplomatisch anderen, die Lösung eines Gewissenskonfliktes wird denen überantwortet, die mit dem Gewissen übergross hantieren. „Grüezi miteinand, mir sind denn mal da!“. Das ist zurückhaltend und diplomatisch, aber nicht unbedingt und zwangsläufig auch bescheiden.

Es gibt sehr zahlreiche Gründe dafür, warum beispielsweise eine Identifikationsfigur, wie es seinerzeit Helmut Kohl für Deutschland war, so in der Schweiz nicht denkbar ist und zumindest zur Zeit wohl auch nicht geben wird. Was in Bezug auf das gesamte Erscheinungsbild dieser Nation und seiner Bürger gezeigt werden darf und soll, wird nicht von Einzelnen in diesem Land bestimmt, sehr wohl aber dürfen einzelne zeigen, was sie können und haben – im nicht-politischen Sinne. Bis hierher mag der Begriff „Understatement“ passen. Äusserlich, auf flüchtigen Blick hin, unterscheiden sich teure Armbanduhr, Fahrzeug, Kleidung und anderes nur wenig von dem, was man auch im angrenzenden Ausland sehen kann. Aber dieses wenige unterscheidet sich deutlichst. Die Brillies mögen kleiner sein, dafür sind sie aber zahlreicher und reiner. Der BMW mag die gleiche Typenbezeichnung haben, dafür hat er alle Extras, die man erwerben kann (und trotzdem steht das Ding in einem Konstanzer Durchschnittsbilligkaufhausparkhaus herum!). Man trägt auch in Deutschland Outdoor-Kleidung, nur ist diese „ein klein wenig“ billiger und nicht ganz so diskret-zurückhaltend gestaltet. Mit so wenig Unterschiedlichkeit wie möglich so viel Einzigartigkeit andeuten, das ist Understatement und das ist sehr schweizerisch! Nur so zur Erinnerung, wir sind immer noch da…

Dieses Prinzip mag kleingeistig wirken (und ist es auch bis zu einem gewissen Grade für meine Begriffswelt). Auf der einen Seite möchte man zeigen, dass man da ist, dass man wer ist, dass man nicht ignoriert werden möchte und auch nicht sollte, auf der anderen Seite aber darf das auch nicht ausufern. Und diese Zwickmühle, die ist eben auch sehr Schweizerisch, zumindest in den etwas gehobeneren Generationen. Aber warum ist das Ding mit Namen „Schweiz“ in meiner Gedankenwelt besser mit dem Begriff „untergross“ zu beschreiben, als mit dem Begriff „Understatement“? Understatement bezieht sich fast ausschliesslich auf materielle Dinge. Aber da gibt es noch einen anderen Aspekt, den ich eben auch für typisch Schweizerisch halte und der sich nun einmal nicht allein mit Understatement abdecken lässt: Geistige Grösse und Präsenz in Form von menschlicher Individualität. Die Schweiz hat zahlreiche „grosse“ Menschen aus Kunst, Politik, Sport und Wissenschaft hervor gebracht, die auch international bekannt waren und sind. Aber internationale Grösse, wie auch geistige Grösse generell (oder vielleicht doch individuelle Unabhängigkeit von was auch immer) erscheint dem Schweizer Bewusstsein eher suspekt. Manchmal erinnert mich dieses gespaltene Verhältnis zu jener Unabhängigkeit Einzelner an die Chemie: Wenn da ein freies Radikal irgendwo im Raum eines Atomes herum geisterte, dann musste das erst einmal unter Kontrolle gebracht werden, bevor es vielleicht weiterhin als Radikal betrachtet wurde und es wurde nur dann als Radikal anerkannt, wenn es sich nicht vollends unter Kontrolle bringen liess. Ja, die Schweiz hat grosse Geister hervor gebracht. Aber diese Geister wurden und werden eben auch ganz im Sinne Schweizer Bewusstseins eher als dezent auftretendes Gemeinschaftswerk dieser Nation, denn als unabhängige Individualität angesehen – und behandelt. Sie durften (und dürfen…) nicht zu gross werden, um als Schweizerisch anerkannt und gegebenenfalls auch international repräsentiert zu werden. Dieses Prinzip beschränkt sich nicht allein auf die Schweiz als Nation im direkten Vergleich zu anderen Nationen! Dieses Prinzip, dass jemand nicht zu gross werden darf, findet sich auch innerhalb der Landesgrenzen, der Geschichte und Entwicklung dieses Landes immer wieder.

Ich kann mich manchmal nicht entscheiden, was wohl besser wäre: Uneingeschränkte Individualität, übergrosse Präsenz von Selbstbewusstsein und Grösse oder aber gelenkte, kontrollierte Abgabe von eben jenem zum Wohle aller. In diesem Dilemma stecke ich mit meinem anerzogenem Deutschen Bewusstsein in dem Land mit Namen Schweiz seitdem ich hier lebe. Beides hat seine Vor- und Nachteile. Ist Deutschland und was man mit diesem Konstrukt assoziiert zuweilen übergross, so ist die Schweiz nicht gerade selten eher unnötig untergross, hält grosse Geister absichtlich und bewusst klein. Und nein, ich zähle mich nicht zu den grossen Geistern, ich denke wahrscheinlich mal wieder über für meinen eigenen Geist allzu übergrosse Dinge nach (typisch Deutsch…). Soweit ich mich entsinnen kann, war Helmut Kohl ein Mann, der eine Körpergrösse von über zwei Metern aufweisen konnte. Mein Vater blieb Zeit seines Lebens unter 1,65. Ich landete irgendwo dazwischen bei über 1,85. Sehr diplomatisch, nicht wahr? So rein physisch betrachtet liege ich mit dieser Körperlänge im Deutschen Durchschnitt, aber über dem Schweizer Durchschnitt. Aber mein Vater pflegte immer zu sagen: Die Länge sagt absolut nichts über die Grösse eines Menschen aus. Also bin ich überlang. Aber hoffentlich nicht übergross, das würde hier nicht so gut hin passen, nicht wahr? Wie lang Moritz Leuenberger ist, entzieht sich meiner Kenntnis, aber der ist für meine Begriffswelt ein grosser Schweizer. Politiker und Mensch.

Rammstein – Deutschland