Tram-Chauffeur

Es ist schon eine Weile her, dass ich in einer Online-Publikation über einen Artikel gestolpert bin, der sich im weitesten Sinne mit dem Wandel der Schweizer Gesellschaft befasste. Sinngemäss beleuchtete dieser Artikel den Wandel des Landes über mehrere Jahrzehnte hinweg, die Veränderung – und darum geht es ein klein wenig in diesem Beitrag – hin zu einer Dienstleistungsgesellschaft. In der Tat wird der Begriff „Dienstleistung“ in der Schweiz gross geschrieben und zahlreiche Menschen sind in dem Sektor mit diesem Oberbegriff tätig, Schweizer wie Ausländer. Ich selbst bin Tram-Chauffeur (ja ja, ist ja gut, Tram-Pilot lautet die offizielle Bezeichnung, ich aber habe mehr Verbindungen zu dem Begriff Chauffeur) in Zürich, der Wirtschaftsmetropole dieses Landes. In diesem Beruf kann man nahezu immer einen guten Blick auf dieses Land und seine Menschen aus allen denkbaren Schichten werfen und eine Zeit lang habe ich über meinen Beruf ein Blog geführt, welches aus verschiedenen Gründen dem jetzt hier ersichtlichen gewichen ist. Ich hatte seinerzeit angekündigt, dass ich dieses alte Blog zu meinem Beruf zum Download anbieten würde und genau das mache ich hiermit. Bitte beachten Sie, dass sich das ZIP-Archiv nicht auf jedem mobilen Endgerät herunterladen und öffnen lässt, das sollten Sie an ihrem heimischen Computer machen. Sie erhalten ein knapp 30 Megabyte grosses Konglomerat an PDF Dateien, die sich wiederum auch wieder auf mobilen Endgeräten öffnen lassen:

Jens Liedtke – Tram-Chauffeur in Zürich

In diesem Blog, welches ich nunmehr führe, werde ich meinen Beruf – wenn überhaupt – nur am Rande anschneiden und inhaltlich kaum auf jenen Bezug nehmen, aber er war sicherlich hilfreich, als es um meine Einbürgerung ging, denn als Angestellter (nein, nicht korrekt, „per Verfügung beschäftigter“) der Stadt Zürich bin ich dieser einen Institution „Stadt Zürich“, die an einem Einbürgerungsprozess beteiligt ist, kein Unbekannter. Das soll nicht bedeuten, dass in diesem Bereich tätige Menschen schneller oder gar bevorzugter eingebürgert werden, dieser Umstand ändert an den grundlegenden Voraussetzungen zu alledem nichts, aber im Detail an der Umsetzung. Ich beschränke mich mit dieser Vermutung ausdrücklich auf die Stadt Zürich! Angrenzende Gemeinden, die bis zu einem gewissen Grad autonom über eine Einbürgerung entscheiden, werden das sicherlich anders handhaben. Aber inwiefern kann das eine Rolle spielen?

Wenn man für einen städtischen Betrieb tätig ist, wird man mehr oder minder zwangsläufig über zahlreiche Entwicklungen der Stadt informiert. Auch als Tram-Chauffeur ist man immer sehr nahe an jenen Entwicklungen und nicht selten auch direkt Teil eben jener. Ein kleines Beispiel: Die Fahrzeuge des Öffentlichen Verkehrs spielen nahe liegender Weise eine grosse Rolle bei dem Vorhaben, eine Stadt wie Zürich auch in Bezug auf erneuerbare Energien in die Zukunft zu führen, aber auch den Gesamt-Energieverbrauch von Stadt und Bewohnern zu senken. Ein anderes Beispiel: Derzeit spielt in Zürich das Thema „Reformation“ eine grosse Rolle. Mit dem Tram (oder Bus) fährt man an zahlreichen Orten vorbei, die sich mit diesem Thema befassen und meinereins bringt ab und an Fahrgäste, die sich für dieses Thema interessieren, an jene Orte. Somit sind die Fahrerinnen und Fahrer der öffentlichen Verkehrsmittel der Stadt Zürich auch bis zu einem gewissen Grad Teil des Programms, welches die Stadt zu jenem Thema auf die Beine gestellt hat. Somit hat es zumindest mich nicht sonderlich verwundert, dass die Sachbearbeiterin bei meinem Einbürgerungsgespräch sehr erfreut fest stellte, dass mir a) dieses Thema bekannt war, b) mir dieses Thema aus meiner eigenen familiären Vergangenheit durchaus geläufig war und ist und c) ich mich noch immer dafür interessiere – genau so wie für das Projekt „2000 Watt Gesellschaft“ und andere, mit denen ich mehr oder minder auch beruflich in Kontakt komme. Ich drehe in meinem Leben eben nicht nur ausschliesslich am (Controller-) Rad, sondern ich interessiere mich auch privat für einige Projekte in dieser Stadt. Ob einer zuständigen Einbürgerungsinstitution einer an die Stadt Zürich angrenzenden Gemeinde ein solches Interesse wichtig ist, kann ich nicht beurteilen, ich wurde im Endeffekt von der Gemeinde „Stadt Zürich“ eingebürgert, nicht von „Greifensee“, „Winterthur“ oder was auch immer. Verschiedenen Berichten zufolge legen jene Gemeinden nachvollziehbarer Weise Wert darauf, dass man sich als Anwärter auf die Einbürgerung eher mit Belangen jener jeweiligen Gemeinde befasst – und nicht unbedingt jenen der Stadt Zürich. Und da können schon ganz andere Ansprüche an einen Bewerber gestellt werden, als sie an mich gestellt wurden. Und das gilt für jeden Kanton und jede Gemeinde dieses Landes! Ein Beispiel aus dem benachbarten Kanton Aargau soll verdeutlichen, worauf eine Gemeinde (in diesem Falle die mit Namen „Buchs“) in einem Einbürgerungsgespräch Wert legen kann. Ich gebe unumwunden zu, dass ich einige vergleichbare Fragen, wären sie mir in meinem Gespräch so gestellt worden, wie in dem Fall von Funda Yilmaz beschrieben, auch nicht vollumfänglich hätte beantworten können. Und einige Fragen hätte ich auch aus Prinzip nicht beantwortet, wären sie an meine Situation angepasst worden! Sie wurde zunächst nicht eingebürgert, ich hingegen gleich beim ersten Anlauf.

In der Schweiz ist der grundlegende Prozess einer Einbürgerung gesetzlich geregelt, die Entscheidungsfindung aber, ob ein Anwärter letztlich auch eingebürgert wird, obliegt dem jeweiligen Kanton und es ist obendrauf nun einmal die jeweilige Gemeinde in einem Kanton, die bestimmte Dinge über einen Anwärter in Erfahrung bringen will oder anders formuliert darüber entscheidet, ob sich ein Anwärter aus Sicht jener Gemeinde bereits ausreichend integriert hat – in Bezug auf jene Gemeinde selbst, den Kanton und die Schweiz. Man kann sich – je nach Beispiel – ewig darüber streiten, was genau „Integration“ ist, ob sich jemand bereits „genügend“ integriert hat und ob gewisse Fragen in so einem Gespräch überhaupt etwas mit Integration zu tun haben oder nicht. So oder so muss ich festhalten, dass ich es in der Stadt Zürich mit meinem Beruf sicherlich leichter hatte, als zum Beispiel Frau Yilmaz im aargauischen Buchs und so viele andere, die sich so wie ich um die Staatsbürgerschaft der Schweiz beworben hatten. Ich übertreibe nicht wenn ich hier festhalte, dass sich das vermeintlich allgemein gültige Selbstverständnis der Schweiz, die Selbstidentifikation mit diesem Land und seiner Kultur manchmal innerhalb von nur fünf Kilometern Luftlinie komplett ändern kann, sich die Ansprüche von einer Gemeinde, die zum Beispiel an die Stadt Zürich grenzt, ganz anders gestalten, als die der Stadt Zürich (oder Aarau, Bern, Genf und und und). In der Stadt Zürich gibt es eine (ja ja, ist ja gut, zwei…) Tram-Linie, die in eine benachbarte Gemeinde führt, in naher Zukunft werden noch andere angrenzende Gemeinden angesteuert. Ich werde voraussichtlich auch weiterhin nur auf dem Gebiet der Stadt Trams führen, aber das wird sich noch zeigen. Beim Grübeln über meine Einbürgerung und meinen Beruf empfand ich den Gedanken, dass ich mit meinem Tram unter Umständen eine angrenzende Gemeinde ansteuern würde, die vollkommen andere Ansprüche in einem Einbürgerungsgespräch stellt, recht gewöhnungsbedürftig. Aber so ist es nun einmal in diesem föderal organisiertem Land: Gewisse Dinge sind nicht nur von Kanton zu Kanton (sinngemäss Bundesland zu Bundesland), sondern auch zuweilen von Gemeinde zu Gemeinde innerhalb eines Kantons vollkommen verschieden. Diesen Umstand musste ich auch erst einmal lernen, verstehen, oft genug aber auch akzeptieren. Aber dieser Aspekt wird wohl kaum in einem Einbürgerungsgespräch welcher Gemeinde auch immer beleuchtet, auch wenn eben jene Unterschiedlichkeit im Detail aus meiner Sicht eine typisch Schweizer Eigenart ist, Tram-Chauffeur für einen Schweizer Nahverkehrsbetrieb hin oder her.