„Streubare“ Swissness

Wenn man einmal von dem Umstand absieht, dass so manch ein Schweizer gerne die Leistungsfähigkeit seines Fahrzeuges jenseits der Grenze auf den Autobahnen Deutschlands zur Schau stellt oder sich dieser oder jener reisende Schweizer mit eidgenössischen (nicht migrativen) Wurzeln nach der Grenze zu Deutschland sich zuweilen grundlegend anders verhält, als in der Confoederatio Helvetica (genauer: Weitaus weniger zurückhaltend…), so möchte ich dennoch attestieren, dass Frau und Herr Schweizer jenseits der Grenzen ihrer Insel der Glückseligkeit in der Regel und in der Mehrzahl recht angenehme Reisende sind. So manch einer von Ihnen hat dann zwar den Hang, die Errungenschaften der Schweiz im Ausland zu kommunizieren und zu verteidigen („Aber in der Schweiz da haben wir…“), alles in allem aber sind Touristen aus jenem Staat zumindest mir bisher meistens positiv aufgefallen. Meistens. Allerdings scheint so manch ein Eidgenosse das ausgeprägte Bedürfnis zu haben, auch im Ausland die langjährig errungene Sicherheit und gewohnte Umgebung der Schweiz aufrecht zu erhalten und zu kommunizieren, wenn ich es mal höchst diplomatisch ausdrücken darf. Eine nicht zu grosse, aber auch garantiert nicht übersehbare Schweizer Flagge auf einem Campingplatz irgendwo auf dieser Weltkugel ist da noch ein vergleichsweise harmloses Beispiel. Eine solche Flagge dient dann nicht nur zur Klarstellung, dass man es mit einem Menschen auf so einem Campingplatz zu tun hat, welcher sein Zelt oder Campingmobil als portables oder mobiles Minimal-Hoheitsgebiet der Schweiz ansieht, sie dient darüber hinaus nicht selten auch als eine Art Leuchtturm für andere Schweizer um jenen zu verdeutlichen, wo ein potentiell sicherer Hafen in dieser sonst so andersartigen, um die Schweiz herum angesiedelten fremden Welt ist. Schweizer gesellen sich gern untereinander zueinander. Und das habe ich doch vergleichsweise oft betrachten dürfen! Die Begrifflichkeit „Schweizer Kolonie“ mag absurd klingen, ist aber an manchen Ecken der Welt durchaus Realität. Wenn mal keine Flagge vorhanden sein sollte, so kann man einen „echten“ reisenden oder dauerhaft im Ausland lebenden Schweizer aber noch an ganz anderen Dingen erkennen, zum Beispiel an den beiden Dingen, die im Bild zu sehen sind: „Aromat“ und „Streu mi“. Wie wichtig dieses Zeug einem in der Ferne weilenden Schweizer oder Eidgenossen sein kann, soll der Umstand verdeutlichen, dass sogar ich gefragt wurde, ob ich das nicht mitbringen könnte, wenn ich schon in der Nähe sein würde (also irgendwo ausserhalb der Schweiz auf Reisen befindlich)…

„Aromat“ ist ein Produkt von Knorr, eine Firma, die zum Unilever-Konzern gehört, „Streu mi“ hingegen ist ein Produkt, welches dezidiert als Schweizer Erzeugnis beworben wird und als Produkt einer eigenständigen Firma nicht zum Portfolio eines Grosskonzerns gehört. Beide Erzeugnisse sind im Grunde genommen Würzmischungen und somit universell auf alles streubar, was essbar ist (wobei „Streu mi“ hauptsächlich als Fleisch-Gewürz gedacht ist), kulinarische Swissness sozusagen. Beide Produkte haben eine lange Geschichte, „Aromat“ existiert seit 1952 und wurde für den seinerzeit noch aus Deutschland stammenden Konzern „Knorr“ geschaffen, „Streu mi“ hingegen wurde irgendwann in den siebziger Jahren zum ersten Mal in den Metzgerei-Regalen des Wallis gesichtet. Obwohl beide Produkte in der Schweiz einen hohen Popularitätswert besitzen, fanden sie erst sehr spät und nicht ganz freiwillig oder gar gewollt auch Einzug in meine Küche. Als ich die Frage einer Person, ob ich „Aromat“ besitzen würde, mit „Nein“ beantworten musste, reagierte mein Gegenüber mittelmässig konsterniert. So etwas müsse man doch im Haushalt haben! Und wenn nicht, so müsste ich das schnellstens nachbesorgen! Und wenn ich schon dabei bin, mich auch kulinarisch mehr zu integrieren, dann solle ich gleich noch „Streu mi“ kaufen! Etwas widerwillig fügte ich mich jener Aufforderung und besorgte diese beiden Würzmischungen in den typischen Metalldosen. Bis zu jenem Zeitpunkt verwendete ich – wenn überhaupt – nur die flüssige Würze von „Maggi“ und diese auch nur höchst zurückhaltend für eine einzige Kreation aus meinem Menü-Fundus. Ich bin kein grosser Freund jener Würzprodukte, deren Inhaltsstoffe in so manch einem Falle in einem recht fragwürdigen Licht stehen. Im Laufe einiger Jahre hatte ich es gelernt, die Vorzüge von natürlich gewachsenen Würzmitteln sehr zu schätzen, immer seltener griff ich auf jene industriell gefertigten Produkte zurück. So manch einen Gast konnte ich davon überzeugen, dass so ein chemisches Zeug in den aller meisten Fällen gar nicht notwendig ist und darüber hinaus leider oft den Geschmack eines Kocherzeugnisses eher ruiniert denn fördert. Aber da ich grundlegend versuche, auf Wünsche von Gästen so gut es geht einzugehen, landeten irgendwann diese beiden Streuwürzen auch in meinem Küchenschrank. Kurz vorher hatte ich beide in sehr geringen Mengen begutachtet und auch probiert. Ich fasste daraufhin den Beschluss, diese beiden Produkte ausschliesslich dann zu verwenden, wenn das jemand gezielt wünschte – und sonst nicht. Allein die Farbe von „Aromat“ erhielt von mir das Prädikat „höchst fragwürdig“ und über den Geschmack möchte ich mich hier erst recht nicht auslassen. Solche Produkte landen irgendwann in meinem Mülleimer, weil sie sehr oft das Haltbarkeitsdatum überschritten haben, so selten bis nie verwende ich sie. Aber ich machte mit ihnen den einen oder anderen Schweizer glücklich. Hat ja auch was für sich, gelle? Trotzdem werde ich dieses Zeug nicht anderen in fernen Ländern weilenden Schweizern mit bringen, egal, wie sehr mich wer auch immer darum bitten mag! Niemals nicht! Erfahrungsgemäss gibt es in zahlreichen Ländern dieser Welt vergleichbare Erzeugnisse, wenn man denn solche unbedingt konsumieren will und derart „einzigartig“ sind „Aromat“ und „Streu mi“ nun wahrhaftig nicht. Abgesehen davon kann man mit ganz anderen Dingen Werbung für die Schweiz im Ausland machen, oder nicht?

Aber wenn ich schon einen Ausflug in die „traditionelle“ Schweizer Küche mache, möchte ich noch am Rande eine „Ungewöhnlichkeit“ beschreiben, die mich bis zum heutigen Tage immer noch in Erstaunen versetzt. Zumindest in der Ost-Schweiz (dem Teil dieses Landes, wo überwiegend Deutsch gesprochen wird) ist die Kartoffel, hier fast ausnahmslos „Erdapfel“ genannt, ein beliebtes Nahrungsmittel, vor allem in Püree-Form (hier „Stock“ genannt). Dieses Naturprodukt wird in nahezu alle Formen umgewandelt, die auch in Deutschland bekannt sind, und somit sollte man sich als Kartoffel-Freund hier grundsätzlich wohl fühlen können. Aber da steht nicht ohne Grund „nahezu“! Der „Kloss“, in anderer Form auch „Knödel“ genannt, ist hier nicht vorhanden, wird hier nicht hergestellt, ist unbekannt oder wird dezidiert ignoriert, das entzieht sich meiner Kenntnis. Und das ist für meine Begriffswelt ein enormer Verlust (nicht die nicht vorhandene Kenntnis, sondern die Absenz des Klosses in der Schweizer Küche)! Wenn ich mal nach Deutschland fahre, um gezielt etwas einzukaufen, dann handelt es sich um etwas, was man in der Schweiz einfach nicht bekommt. Und dazu gehört Kloss-Teig. Während so manch ein Schweizer oder Eidgenosse sein mit in Deutschland weitaus billiger zu erstehenden Produkten voll lädt und jene in die Schweiz „importiert“, begnüge ich mich meistens mit drei Dingen, die man in diesem Land nirgendwo bekommt: Ein gutes Graubrot, eine ganz spezielle Salami und der bereits erwähnte Kloss-Teig. Dafür braucht man kein SUV, kann mit ÖV fahren und dann im Anschluss ganz ohne „Aromat“ oder „Streu mi“ geniessen. So, wie Mutti Natur das uns gegeben hat.