Stossende Prostituierte & getretene Strickanker

Ich bin kein Sprachgenie, spreche lediglich zwei Sprachen fliessend und nur eine der beiden ist anerkannte Amtssprache in der Schweiz, von denen es insgesamt vier gibt. Dennoch hatte ich von Anfang an kaum Mühe, die zahlreichen Erscheinungsformen des Schweizer-Deutsch zu verstehen, lediglich in ganz wenigen Fällen verstand ich nicht ausreichend des gesprochenen Wortes und musste nachfragen. Ich kann schnell gesprochenes Wort lautmalerisch in meinem Kopf umwandeln, letztlich handelt es sich um eine der zahlreichen Varianten von Deutsch, ist also meiner Muttersprache sehr ähnlich, und so verstand ich fast ausnahmslos immer, was man mir mitzuteilen suchte. Aus irgend einem Grunde funktionierte das bisher immer besonders gut in „geselligen Runden“ und in der Schweiz gibt es so einige „Schweinereien“, wie ich das gerne zu nennen pflege, die solche Runden sehr gesellig machen können! Das Schweizer-Deutsch hat aber ein paar Begrifflichkeiten zu bieten, die mir in meinen ersten Monaten hier ab und an reichlich zu denken gegeben haben und es mir nicht möglich war, mit Hilfe der Lautmalerei oder der Interpretation des Zusammenhanges, in dem ein bestimmtes Wort benutzt worden war, auf dessen Bedeutung zurück zu schliessen. Das Schweizer-Deutsch ist voll von Idiomen (Worte, die nur in einem ganz bestimmten Sprachkulturkreis existieren), manche Begriffe, die hier verwendet werden, sind nicht einmal deutschen, sondern alemannischen oder gar indoeuropäischen Ursprungs, bei anderen Begriffen kann man nicht einmal mehr einwandfrei klären, woher sie kamen und wie sie sich im Laufe von Jahrhunderten verändert haben. Das Schweizer-Deutsch ist in Hinsicht auf Entstehung und Zusammensetzung eine sehr spannende Angelegenheit, aber wenn man bestimmte Begriffe nicht kennt, kann man schon mal ins Schleudern kommen. Wie in jeder anderen Sprache auch. Nebenbei: Albanisch ist eine nahezu rein indoeuropäische Sprache, wohingegen Baskisch eine isolierte Sprache ist, die keinerlei Bezug zu den indoeuropäischen hat. Ebenso sehr spannend, wie ich finde.

Nun bin ich zwar kein Multi-Talent in Sachen Sprachen, aber aufgrund zahlreicher Jahre mit Latein (anstatt Französisch…) an meiner Schule und einem ehemaligen Latein-Lehrer als Vater kann ich mir bei einigen Sprachen des europäischen Raumes in etwa zusammen konstruieren, worum es geht. Dummer Weise aber habe ich obendrauf auch noch ein sehr „kreatives Köpfchen“ mit allerlei Mist und kuriosen Gedanken darin, Abstrahieren (und in Folge auch manchmal komplettes Umdeuten) ist für mich oft eine Sache von Tausendstelsekunden. Nicht ohne Grund bekomme ich immer mal wieder zu hören, dass ich eigentlich einen ganz anderen Beruf ausüben sollte, als den aktuellen… Somit ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass ich bei dem vergleichsweise banalen Begriff „Stossen“ auf eher recht fragwürdige Gedanken kam, als moralisch einwandfreie. Während in Deutschland und anderen Ländern Türen zu Geschäften je nach Wegführung mit „Ziehen“ und „Drücken“ beschriftet sind, steht in der Deutsch-Schweiz fast ausnahmslos dort „Ziehen“ und „Stossen„. Eine Zeit lang vermutete ich, so manch ein Schweizer habe wohl eine besonders innige Beziehung zu jeder Erscheinungsform des Konstruktes  Ausgangstür, weswegen sie oder er zu jener Begrifflichkeit greift. Und tatsächlich sind langwierige Einkaufstouren und „in den Ausgang gehen“ (wo dann eben doch sicherlich zu vorgerückter Stunde hier und dort zunächst eine Tür aufgestossen wird), Lieblingsbeschäftigungen von Frau und Herrn Schweizer. Aber Achtung: „In den Ausgang gehen“ bedeutet nicht, dass man ein Geschäft verlässt und dabei zerstörerisch durch eine Ausgangstür geht, es bedeutet, dass man sich irgendwo mit Freunden trifft und etwas geselliges unternimmt! Und da wird zwangsläufig irgendwann einmal eine Ausgangstür (oder später wer auch immer…) früher oder später gestossen. Nicht gedrückt. Letzteres wird gemacht, wenn man sich von anderen verabschiedet, die Begleitung im Ausgang waren, die werden dann gedrückt, in besonderen Fällen auch „innig geherzt“. Auf das Thema „Das Bedürfnis von Frau und Herrn Schweizer nach körperlicher Nähe“ gehe ich aber ein andermal genauer ein, das bedarf zwingend einer gesonderten Betrachtung! Wesentlich irritierter war ich, wenn ich das Wort „huere“ zu hören bekam. „Was zum Geier nochmal haben die Schweizer bloss mit ihren Prostituierten?“ schoss es mir da oft durch den Kopf. In etwa konnte ich erfassen, dass „huere“, das fast gleich lautend wie „Hure“ ausgesprochen wird, eine verstärkende Bedeutung hat, „huere geil“ wird vor allem von der jüngeren Generation gerne verwendet, aber es brauchte eine gewisse Zeit des Zuhörens und Abstrahierens, bis für mich einwandfrei geklärt war, dass dieses Wort nichts mit dem horizontalen Gewerbe zu tun hat und es nicht zwingend verwerflich ist, dieses zu verwenden (also das Wort, nicht jenes Gewerbe!). Berlin-Deutsch effektiv belasse ich es bei „geil“. Wieder so ein Punkt, in welchem ich mich nicht einmal ansatzweise angepasst und integriert habe, ich schwarzes Schaf ich.

„Mundarten“, wie die regionalen Erscheinungsformen des Schweizer-Deutsch hier genannt werden, haben für diejenigen, die solche zum ersten Male zu hören bekommen, zuweilen den Nachteil, dass sich selbst bei aller Bemühung um Verständnis sie zuweilen „undeutlich“ erscheinen, weil manche Begriffe von Region zu Region unterschiedlich ausgesprochen werden. Auch ich hatte so manches Mal den Verdacht, dass hier und dort absichtlich undeutlich gesprochen wird, nur um sich bewusst von einer benachbarten Region abzuheben oder den eigenen Ursprung zu verbergen, aber in einigen Fällen war das, was ich als „undeutlich ausgesprochen“ hörte, ganz klar und deutlich ausgesprochen. Es macht eben doch einen Unterschied, ob man ein- und dasselbe Wort nur hört oder geschrieben liest, denn in einigen wenigen Fällen wird das Wort im Schweizer-Deutsch exakt so gesprochen, wie es geschrieben wird. Eines dieser Worte ist „Anke“ (zuweilen auch „Angge“ geschrieben), ein wort alemannischen Ursprungs, welches einst „Fett“ oder „Salbe“ bezeichnete, heute aber der Begriff für „Butter“ ist. Anfänglich vermutete ich undeutliche Aussprache des Begriffes „Anker“, was am Frühstückstisch auf mich sehr irritierend wirkte, denn wie soll ich jemandem einen Anker reichen, wenn weit und breit keiner zu finden und man selbst meilenweit entfernt von jeglicher Art von Schiff oder Boot ist? Eben. Ähnlich verhielt es sich mit dem Begriff „lisme“. Wann immer ich jenes Wort hörte, vermutete ich aufgrund vermeintlich undeutlicher Aussprache „lispeln“ (was ja selbst wiederum ein Oberbegriff für eine physiologisch bedingt etwas andere Art des Sprechens ist). Wenn also jemand den Ausspruch tätigte „Ich lisme“, so wirkte das erneut verwirrlich auf mich, denn keiner jener Personen lispelte auch nur im Ansatz. „Lisme“ ist der Oberbegriff für „Stricken“ (Achtung: Nicht für „Häkeln“, das wird in etwa „Hööckle“ ausgesprochen). Im Schweizerdeutsch gibt es eine ganze Reihe von Begriffen, die sich nicht einmal ansatzweise von ähnlich lautenden oder ähnlich geschriebenen Begriffen ableiten lassen, bei denen das Hochdeutsch-gewöhnte Ohr bei bestem Willen nicht ergründen kann, woher es kommt und was es bedeuten soll. Da hilft es zuweilen sehr, wenn man sieht, was es bedeuten könnte. Ein Beispiel dafür ist das Wort „gumpen“ (meist „gumpe“ ausgesprochen). Anfänglich assoziierte ich „lumpen“ (im Sinne von „sich (nicht) lumpen lassen“), aber das machte im Zusammenhang einer jeweiligen Situation für mich gelinde gesagt überhaupt keinen Sinn. Erst als ich sah, dass jemand in etwas hinein sprang, dämmerte mir so langsam, dass „gumpe“ irgendetwas mit „springen“ zu tun haben musste. Ähnlich der Begriff „gingge“: Jemanden oder etwas treten! Ich kann jedem Neuling auf dem Boden der Confoederatio Helvetica nur empfehlen, mit offenen Sinnen dieses Land zu erkunden, Augen und Ohren offen zu halten, dann lassen sich viele Begriffe inhaltlich erschliessen und begreifen. Und das empfehle ich insbesondere den Deutschen, die auch hier zuweilen „selbstbewusster“ auftreten, als es vielleicht angebracht ist.

Apropos Deutsch: Generell ist Deutsch eine der komplexesten und schwierigsten Sprachen und wenn man mit dieser Sprache nicht ab Geburt aufgewachsen ist, so ist es für meine Begriffswelt schon eine gehörige Leistung, wenn jemand diese Sprache erlernt und sich verständlich ausdrücken kann. Von so jemandem noch zu verlangen, sie oder er möge doch bitte Schweizerdeutsch lernen und sprechen, ist sehr viel verlangt – und vor allem nicht zwingend angebracht und notwendig. Vor allem die älteren Generationen in der Schweiz schalten fast unbewusst und automatisch in einer Kommunikation auf Hochdeutsch um. Sie machen das in der Regel nicht aus Höflichkeit, sondern weil ihnen dieser Automatismus in der Schule in einigen Fällen regelrecht eingebläut wurde. Wenn aber vor allem diese Generationen bemerket, dass man so wie ich als (Hoch-)Deutscher das Schweizerdeutsch versteht, dann weisen Schweizer gerne andere Anwesende auf jenen Umstand dezidiert hin: „Du kannst mit dem ruhig Schweizerdeutsch reden, der versteht das.“ – „Chasch mit däm ruhig Schwiizrdüütsch rädä, de fschtaaht das.“ Vor einiger Zeit „empfahl“ mir eine mir beruflich bedingt vorgesetzte Person, ich solle doch im Zuge meiner Einbürgerung Schweizerdeutsch lernen und anwenden. Ein wenig trotzig entgegnete ich: „Wozu? Ich verstehe Euch und Ihr versteht mich. Ausserdem klingt es vollkommen bekloppt, wenn ich Berliner versuchen würde, Schweizerdeutsch zu reden, man würde immer erkennen, woher ich komme, und davor muss ich mich ja wohl nicht verstecken, oder?“ („Ey, jib ma Anke rüba!“ – Eine möglicher Weise am Frühstückstisch anwesende Anke wäre sicherlich irritiert ob der etwas aussergewöhnlichen Handhabung ihrer selbst…). Abgesehen davon, dass es für meine Ohren auch zuweilen etwas gewöhnungsbedürftig klingt, wenn ein Schweizer versucht, Hochdeutsch zu reden, so macht es einfach keinen Sinn, sich auch in Bezug auf die Mundart anzupassen. Deutsch ist eine Amtssprache in der Schweiz. „Mundart“ nicht. Sprache ist eine dynamische, sich fortwährend selbst weiter entwickelnde Angelegenheit. Sprache ist ein Kommunikationsmittel und wenn überhaupt nur bedingt ein Hinweis auf eine nationale Identität. Eine andere Kollegin von mir, die selbst aus einem Sprachenraum stammte, in welchem „Deutsch“ als noch komplizierter als ohnehin schon empfunden wird, beeindruckte mich zutiefst, als sie anmerkte: „Im normalen Leben spreche ich Schweizerdeutsch, aber wann immer es geht dann doch Hochdeutsch, denn für mich hat es etwas mit Respekt zu tun, wenn ich eine Sprache verwende, die jeder versteht.“. Es gibt Menschen in der Schweiz, die sehr viel Wert darauf legen, dass man sich auch in Bezug auf die Ausdrucksweise anpasst. Wenn ich diese dann aber Hochdeutsch reden höre, dann hat es mich zuweilen doch arg unter den Fingernägeln gejuckt, sie darauf hin zu weisen, das Hochdeutsch etwas anderes ist, als sie es für sich in Anspruch genommen hatten. Sie nicht darauf hinzuweisen, hat auch etwas mit Anstand und Respekt zu tun, nicht wahr? Sie darauf hinzuweisen, wäre typisch deutsch. Sie nicht darauf hinzuweisen, wäre schweizerisch.

Vor einiger Zeit unterhielt ich mich mit einer anderen Kollegin über meinen Weg und meine Absichten in der Schweiz. Irgendwann im Laufe des Gespräches merkte ich an: „Ich verstehe Schwiizerdüütsch. Ich spreche es nur nicht. Aber ein paar Begriffe aus dem Schwiizerdüütsch verwende ich inzwischen vollkommen selbstverständlich.“. Sie antwortete in schönstem Züri-Düütsch: „Macht nüüt, Hauptsach, Du fschtaahschst eus.“

„Macht nichts, Hauptsache, Du verstehst uns.“

Im Internet findet sich eine sehr interessante Seite, die sich mit zahlreichen Begriffen aus dem Schweizerdeutsch befasst: „Schweizerisches Idiotikon„.