Wer Arbeit hat…

Ich hatte einen sehr anstrengenden Arbeitstag hinter mir und entgegen meiner sonst üblichen Angewohnheiten schaltete ich das Fernsehen an, um ein wenig herunter zu kommen, ich war zwar fix und fertig, aber immer noch zu wach, um zu schlafen. Ich zappte durchs Programm und blieb an einem Bericht aus Deutschland hängen. In jenem Bericht ging es um eine Gesetzeslücke, die das Bleiberecht, Sozialleistungen und mögliche Einbürgerungen betraf. Sinngemäss ist es wohl nach wie vor möglich, Bleiberecht, Sozialleistungen und Einbürgerungen zu beantragen, auch wenn ein entsprechendes Individuum nicht voll selbst erwerbstätig ist, sondern im Extremfall einem Scheingewerbe nachgeht. Ein sehr komplexes Thema und ich wunderte mich, dass die ansonsten so penible deutsche Gesetzgebung offensichtlich ein Schlupfloch hinterlassen hatte, welches intensiv ausgenutzt wird. Wussten Sie, dass das deutsche Gesetzeswerk derart viele Texte umfasst, dass es in gedruckter Form und aneinander gereiht mehrfach um den Erdball reichen würde und es somit weltweit das umfangreichste Werk der ganzen Welt ist? Egal, irgendwann wurde ich endlich müde und legte mich schlafen. Am nächsten Morgen grübelte ich noch ein wenig über diesen Bericht und aus was für einem Grund auch immer kam mir eine kleine Begebenheit in den Sinn, die sich viele Jahre zuvor zugetragen hatte. Seinerzeit war ich noch in der Freiwilligen Feuerwehr der Stadt Zürich tätig. Ich suchte einen Ausgleich zu meiner damaligen Freiberuflichkeit und informierte mich über verschiedene Vereine und Aktivitäten in meinem Quartier. Ich suchte nacht etwas, was irgendwie Sinn machte und nicht allein meiner Selbstverwirklichung diente. Somit landete ich im Endeffekt bei der Freiwilligen Feuerwehr. Dass eine solche Form der Integration wichtiger Bestandteil für eine geplante Einbürgerung sein könnte, war für mich zu jenem Zeitpunkt vollkommen uninteressant, da ich damals noch gar nicht an all das dachte und auch nicht mit dem Gedanken spielte, jenen Weg irgendwann einmal zu gehen.

Ich stand vor meiner Garage, ich trug die Uniform der Feuerwehr. In diesem Moment fuhr ein Stadtpolizist der Quartierwache auf seinem Töffli an mir vorbei. Wir waren uns bereits ein paar Mal über den Weg gelaufen und haben kurze, freundliche Gespräche geführt. Anfänglich war er distanziert freundlich, was wohl in der Natur seines Berufes lag, als er aber mich irgendwann in jener Uniform erblickte, schwand jene Distanziertheit. Er war wohl schon sehr viele Jahre in seinem Beruf tätig und kannte sein Quartier gut, somit auch zahlreiche Bewohner, für die er zuständig war. Wir unterhielten uns über verschiedene Dinge und ich kann mich nicht mehr entsinnen, auf welchem Wege genau wir zu dem Thema „Bleiberecht, Aufenthaltsstatus und andere Dinge in der Schweiz“ kamen, wahrscheinlich erwähnte ich ihm gegenüber, dass ich aus verschiedenen Gründen in Erwägung zog, meine Freiberuflichkeit gegen eine Festanstellung einzutauschen. Zwar immer noch freundlich, jedoch nunmehr auch nahezu schon kompromisslos attestierte er:

„Wer Arbeit hat, darf bleiben.“

Wie ich an jenem Morgen nach dem Fernsehbericht da in meiner Küche sass, mir das Frühstück einverleibte und gleichzeitig über den Bericht und das Gespräch mit dem Stadtpolizisten nachdachte, wunderte ich mich doch etwas darüber, dass ein Land wie Deutschland gewisse Gesetzeslücken aufzuweisen hat, die es so in der Schweiz wohl nicht gibt. Als der Freiberufler, der ich damals war, wäre ein Antrag auf eine ordentliche Einbürgerung wohl nicht von Erfolg gekrönt gewesen, mehrfach wurde ich in unterschiedlichen Situationen auf diesen Umstand hin gewiesen. Ob es in der Schweiz gesetzliche Schlupflöcher vergleichbarer Art gibt, entzieht sich meiner Kenntnis, aber ich nehme mal an, dass diese nicht existieren. Die Schweiz gilt nicht ohne Grund als das Land mit den höchsten Hürden, wenn es um die Einbürgerung geht, auch glaube ich, dass dieses Land eine weitaus grössere Erfahrung in Bezug auf Migration hat, als Deutschland und daher solche Vorgänge weitaus genauer unter die Lupe nimmt, aber das ist nur eine Vermutung meinerseits, die durch nichts untermauert ist. Im Grunde genommen hätte mir der Bericht und jene Begebenheit vollkommen egal sein können, im Laufe der Jahre hier in der Schweiz verwandelte ich mich vom Freiberufler zum Angestellten, nein, Verzeihung, zum per Verfügung für die Stadt Zürich tätigen. Ich hatte also Arbeit, also durfte ich auch bleiben. Dass diese Arbeit, dieser Beruf sicherlich auch ein klein wenig dazu beigetragen hat, dass meine Einbürgerung im Endeffekt erfolgreich abgeschlossen wurde, ist nahe liegend: Ich war und bin kein Unbekannter für diese Stadt und ihre angeschlossenen Betriebe. Es würde mich in diesem Zusammenhang schon interessieren, wie es bei anderen Bewerbern aussieht, die nicht in diesem Sektor tätig sind…

Den ganzen Tag grübelte ich über meinen eigenen Werdegang hier in Zürich nach, dachte an den Stadtpolizisten und die Begebenheit vor meiner Garage, den Bericht im Fernsehen. So langsam dämmerte es mir, wie viele Faktoren für eine Einbürgerung von Belang sind und warum ein Land wie die Schweiz gesteigerten Wert auf gewisse Aspekte legt, die in Deutschland noch nicht ganz so funktionieren, wie sie sollten.