17.9.2018

An diesem Tag fand mein Einbürgerungsgespräch statt und wie bei so vielen Dingen, die ich zum ersten Male mache, verlief auch dieses Gespräch vollkommen anders, als erwartet. Per E-Mail bat mich die zuständige Sachbearbeiterin wenige Tage zuvor um eine Verschiebung. Es war mein freier Tag, also war es mir vollkommen egal, ob das alles nun etwas später statt finden würde. In den Tagen zuvor hatte ich meinen Kopf mit Wissen um die Schweiz voll geladen, aber bestimmte Dinge wollten da einfach nicht mehr hinein, zu viele andere Sachen beschäftigten mich schon seit längerer Zeit, ich durchfuhr Tag für Tag eine regelrechte Achterbahn der eigenen Emotionen, alles war irgendwie in Bewegung geraten. Früher bin ich in solchen Gemütszuständen leicht in Panik geraten, heute dagegen erreiche ich irgendwann den Punkt, an dem es mir egal ist und ich mir selbst sage: „Kannst jetzt eh nichts mehr gross bewegen, also nimm es an, wie es sich Dir präsentiert und reagiere so, wie Du selbst es für richtig hälst, was immer auch dabei heraus kommen mag, es wird einen Sinn haben.“. Mit in etwa dieser Grundeinstellung fuhr ich bei für diese Jahreszeit ungewöhnlich warmen Temperaturen mit Bus und Tram in die Innenstadt, nicht übermässig herausgeputzt, aber definitiv auch nicht so gekleidet, wie ich es normaler Weise mache (vielleicht gehe ich noch irgendwann mal auf meinen bevorzugten Stil in einem anderen Zusammenhang ein, die Thematik „der Schweizer und seine Kleidung“ im Vergleich zu „einem gewissen Eingebürgerten und dessen spezifischen Kleidungsstil“ lohnt allemal eine gesonderte Betrachtung…). Ich trug die für das Gespräch angeforderten und notwendigen Dokumente bei mir und entgegen meiner sonstigen Angewohnheiten nahm ich ausnahmsweise mal keine Kamera mit, die meines Smartphones musste an jenem Tage reichen.

Ich musste am Central umsteigen. Nur sehr wenige Kollegen (ich selbst bin Tram-Chauffeur) erkannten mich, als ich dort in der September-Sonne wartete, dann kam mein Tram und ich fuhr bis zur Haltestelle „Helmhaus“, in deren Nähe sich das Stadthaus befindet, wo mein Gespräch statt finden sollte. In genau jenem Haus wurde ich Jahre zuvor standesamtlich verheiratet (was mir die Möglichkeit gegeben hätte, mich später vereinfacht einbürgern zu lassen), entsprechend gemischt waren meine Gefühle und Erinnerungen. Erneut betrat ich jenes Gebäude, aber heute sollte mein Weg in ein anderes Zimmer führen, als damals. Ich erinnerte mich an das Ambiente des Trauungszimmers, das Chagall-Gemälde an der einen Wand, die bunten Fenster, das ungewöhnlich unamtlich anmutende, aber irgendwie dennoch dunkel auf mich wirkende Ambiente jenes Raumes, während ich die Treppen zu der Etage hinauf stieg, in welcher ich „mein“ Zimmer vermutete. Auf jener Etage angekommen ermittelte ich den Ablauf der Zimmernummerierungen und erfasste schnell, in welche Richtung ich zu gehen hatte. So lief ich den Gang entlang und reihte die an meinem Auge vorbei gleitenden Zimmernummern auf einer gedanklichen Perlenschnur auf: 301, 302, 303, 304… Bitte fragen Sie mich nicht, welche Nummer genau mein Zimmer bezeichnete, ich kann mich bei bestem Willem nicht mehr daran erinnern! Woran ich mich aber umso besser erinnern kann ist, dass es einen herben Bruch in jener Perlenschnur gab, in etwa in der Form von: 302, 303, 304. Und dann 307. Da fehlten einfach mal zwei Nummern, zwei Zimmer! Deutsch gepolt, wie ich nun einmal auch in gewissen Dingen bin, lief ich den Gang in entgegen gesetzter Richtung nochmals ab, aber der Bruch blieb. Etwas konsterniert stand ich unschlüssig in jenem Gang. Ein deutsch strukturiertes Gehirn setzt stringente Fortführung nicht nur in Nummerierungen, sondern auch in konsequenter räumlicher Abfolge voraus! Was die Nationalsozialisten mit ihren monumentalen Verwaltungsbauten einst ad Absurdum führten (unendlich lange Gänge mit unendlich vielen Zimmern, allesamt stringent nummeriert, bei Bedarf bis zur Unendlichkeit), wurde hier aufgebrochen, mein Zimmer lag offensichtlich ausserhalb der Logik. Also der deutschen. Nicht aber zwingend der Schweizerischen. Da stand ich nun und grübelte. „Jens, Du befindest Dich in einem Schweizer Amtshaus. In diesem Amtshaus sind viele Dinge im weitesten Sinne logisch. Aber nicht alle. Ok. Kennst Du schon aus Deutschland. Aber Du sollst pünktlich vor jenem Zimmer sein, welches ganz offensichtlich ausserhalb Deiner Logik liegt. Wenn Du also pünktlich sein willst, dann musst Du etwas unternehmen.“. Wie ich so da stand und mir diesen Sachverhalt in stillem Selbstgespräch zu Gemüte führte, überkam mich ein leichter Schauer. Ich musste wohl oder übel etwas machen, was in keinem Amtshaus auf der ganzen Welt gerne gesehen wird: Unaufgefordert an eine in Bezug auf ihre Nummerierung zumindest nicht weit von jeweiliger Logik entfernt liegende Tür klopfen. Nach Möglichkeit Schweizerisch klopfen, nicht deutsch. Und das machte ich, wohl ahnend, was mich erwarten würde…

Nach kurzem Warten öffnete ich jene Tür, an welche ich so undeutsch, wie es mir nur irgend möglich war, geklopft hatte, vermied es peinlichst, einzutreten (merke: Schwellen sind Grenzen!), streckte aber meinen Kopf weit genug hinein, umzu fragen, wo ich denn Zimmer Nummer Dreihundertschlagmichtot finden würde. In der Kürze des Momentes erfasste ich drei im Haus beschäftigte Personen, die in etwa den gleichen Charme und vor allem die selbe Hautfarbe aufwiesen, wie die zahlreichen Akten, die um sie herum gestapelt waren. Vielleicht waren diese drei dort beschäftigten Personen auch ehemals deutscher Abstammung, die vernichtenden Blicke erlaubten mir allemal diese Schlussfolgerung und ihre Reaktion sowieso: „Warten Sie draussen!“. Nicht verhandelbar. Also schloss ich peinlichst berührt und zutiefst demütig jene Pforte zu den Amtsgeheimnissen der Stadtkanzlei und nahm auf einer Sitzgelegenheit im Gang Platz. Der durchschnittliche Deutsche ist ein Befehlsempfänger und da ich mich selbst als alles andere als überdurchschnittlich betrachte, fügte ich mich jener Anordnung und harrte der Dinge, die da kommen sollten. Merke: Der typische Deutsche macht gar nix, niente, nada, nothing, nüüt ohne amtliche Anordnung, irgendwie werden die amtlichen Mühlen bei was für einem Mahlprozess auch immer etwas zu Tage fördern, kann sich gegebenenfalls nur um Jahrzehnte handeln.

Da sass ich nun auf jener ungepolsterten, hölzernen Sitzbank (Anmerkung: Standardmöblierung in unendlich vielen Amtsgebäuden, Hauptsache kosteneffektiv, pflegeleicht und vor allem nicht zu bequem…) und linste aus einem Fenster, welches ein gnädiger Mensch aufgrund der herrschenden Temperaturen zuvor geöffnet haben musste, bestaunte die Konstruktion der Dächer und des grössten Turmuhrzifferblattes in ganz Europa (wenn nicht der gesamten Welt). In der Nähe stand ein Mann, der auf seinem Handy herum tippte. Dieser wäre allemal als LKW-Fahrer durchgegangen, der gerade einen freien Tag hat: Jogginghose, T-Shirt, Adiletten. So vergingen ein paar Minuten, als eine junge Dame an mir vorbei fegte. Ich fragte Sie, wo sich mein Zimmer befände und sie wies mir sehr freundlich den Weg. Erneut auf dem Gang, vor einer anderen Tür, wiederum mit der Standard-Amtssitzbank unter meinem Allerwertesten harrte ich der Dinge, die da kommen sollten. Ich schaute vor mich hin, beobachtete die amtlichen Staubpartikel in der warmen Luft des Ganges, als auf einmal eine Frau heran gerannt kam, gleichzeitig ging eine andere Tür auf, aus welcher eine etwas in die Jahre gekommene Tätige dieses Hauses ihren Kopf streckte. Die herbei geeilte wirkte auf mich südamerikanisch (der vorab bereits erwähnte Mann eher jugoslawisch). Die Südamerikanerin wedelte mit einem Blatt Papier dem Mann zu, beide wendeten sich nun an die Amtsdame: „So geht das aber nicht, sie müssen schon von Anfang an ALLE notwendigen Papiere dabei haben!“ belehrte diese jenes etwas absonderliche Paar, schnappte sich das Papier und verschwand wieder in ihrem Amtszimmer. Ich liess diese kurze Sequenz auf mich wirken, als die junge Dame, die meine Orientierungslosigkeit beseitigt hatte, zu mir heran trat und mich freundlich in das Zimmer – mein Zimmer – bat. Bei diesem Zimmer handelte es sich um einen lichtdurchfluteten Ausbau eines Dachgeschosses, erfreulich unamtlich hell, kein schwerer alter Holztisch und unbequeme Sitzgelegenheiten, die entfernt an die berüchtigten Instrumente der Inquisition hätten erinnern können, sondern ein Glastisch und wenn ich mich recht entsinne sogar zwei Zimmerpflanzen, die auf ausgedienten, umgedrehten Wahlurnen thronten. Die Raumtrenner des ausgebauten Dachstockwerkes bestanden aus Glaswänden. Das alles hätte auch durchaus als Büro eines Bauzeichners oder Werbetexters durchgehen können, nichts von jener berühmt-berüchtigten Schwere städtischer Ämter! Geradezu einladend!

„So, Herr Liedtke, wie ich das sehe, sind Ihre Unterlagen vollständig!“ leitete sie das Gespräch ein (und ich notierte mir in meinem Hirn: „Vollständigkeit“ scheint in Zürich unheimlich wichtig zu sein!). Wie auch immer ihr, mir und uns das gelang: Sehr schnell entwickelte sich eine ganz eigene Gesprächsdynamik, die auf mich so gar nicht wie das wirkte, was ich ursprünglich erwartet hatte. Auf den Punkt reduziert erschien mir dieses Gespräch wie ein Bewerbungsgespräch mit jemandem, der im Grunde genommen bereits eingestellt worden war, somit das Gespräch also nur noch eine Formsache war. Sie machte sich handschriftliche Notizen, während sie mir verschiedene Fragen stellte. Erstaunlicher Weise nahm sie nur wenig Bezug zu jener Broschüre, viele Dinge, die einem echten „Eidgenossen“ exorbitant wichtig sind, wurden nicht einmal erwähnt, alles in allem wirkte der Fragenkatalog auf mich noch unverbindlicher, als die Broschüre und so manch ein Einbürgerungstest, den ich zuvor in Apps oder anderswo absolviert hatte. Aber banal war er nicht. Der Schwerpunkt lag eindeutig auf dem Themengebiet „Stadt Zürich“, aktuelle Themen, weniger die Vergangenheit, wie ich meine Freizeit verbringe, wie ich mich aktiv integriere. Es wäre zu viel, um das alles, was angeschnitten wurde, hier wieder zu geben, aber mir blieb vor allem in Erinnerung, dass das gesamte Gespräch weit von dem entfernt war, was ich erwartet und teilweise auch befürchtet hatte. Sehr weit. Mir blieb ebenso in Erinnerung, dass die Kommunikation an sich genau so verlief, wie ich es tagtäglich in meinem Beruf erlebe: Sie sprach durchweg Züri-Düütsch, ich Hochdeutsch. Wir haben uns verstanden, sogar so gut verstanden, dass jeweiliger Sprachwitz so verstanden wurde, wie er gemeint war. Einmal mehr sollte es also die Sprache, die Art der Kommunikation sein, die viel gelenkt und geleitet hat. Dass ich per Verfügung für diese Stadt tätiger Tram-Chauffeur an jenem Tag dort in diesem Zimmer jener „Prüfung“ begegnet bin, dürfte aber auch eine Rolle gespielt haben. In diesem Beruf muss man vorab einige Prüfungen über sich ergehen lassen, die nicht ganz durchschnittlich sind, bevor man ihn ausüben darf. Und dieser Umstand wurde bei der Betrachtung meines Gesuches um Einbürgerung sicherlich in den Entscheid einbezogen. Ich war (und bin) den Departements dieser Stadt nicht vollkommen unbekannt. Ob durchweg positiv oder negativ steht aber auf einem anderen Blatt geschrieben…

„Dann steht dem aus meiner Sicht nichts mehr im Wege, entsprechend werde ich sie dem Stadtrat empfehlen.“ schloss sie das Gespräch ab. Natürlich juckte es mich und ich stellte noch meinerseits ein oder zwei Fragen zu Themen, die mich interessierten, welche die Dame sehr freundlich und informativ beantwortete. „Damit ist für Sie das alles abgeschlossen, jetzt geht das alles seinen Weg und Sie müssen nur noch etwas Geduld haben.“ So angenehm das alles für mich verlaufen war, so war ich dennoch erleichtert, diesen „Brocken“ hinter mich gebracht zu haben. Auf dem Heimweg unterhielt ich mich im Tram noch mit einem von mir sehr geschätztem Kollegen, der mich auf „meiner“ Linie nach Hause bringen würde, über diesen für mich so wichtigen Tag. Am Ende drückte ich ihm die Broschüre der Stadt Zürich in die Hand und empfahl ihm, den gleichen Weg zu gehen. Schaden konnte und kann es nichts, weder ihm, noch der Stadt Zürich.