Tückische Biometrie

Irgendwann sollte mein Deutscher Personalausweis seine Gültigkeit verlieren und somit musste dieser durch einen Reisepass ersetzt werden. Sinngemäss war ich bereits seit mehreren Jahren ein Reisender – nur dauerhaft in der Schweiz lebend, mein Wohnort nicht mehr in Deutschland festgelegt. Im Ausland als Ausländer ohne gültiges Personaldokument zu weilen, ist nicht gerade eine schlaue Idee, also informierte ich mich, was ich wo zu beziehen hatte und wo ich vorstellig werden musste. Will man in der Schweiz lebend (im Sinne von „wohnend“, nicht „existierend“) einen Reisepass beantragen, so muss man als Deutscher beim ersten Mal persönlich auf der Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in Bern vorstellig werden, soll jener „verlängert“ werden (was so nicht möglich ist, der alte wird durch einen neuen ersetzt), so kann man dieses Prozedere auch im Honorarkonsulat Deutschlands in Zürich in die Wege leiten. Da es seinerzeit mein erster Reisepass überhaupt war, musste ich also in Bern antraben.

Ich möchte nicht behaupten, dass mein Leben bisher durchweg schräg oder komisch verlief, aber wenn ich mich auf eine „Regelmässigkeit“ verlassen kann, dann folgende: Wenn ich etwas zum ersten Male machen muss, dann wird das schräg oder komisch. Aber an dieses ungeschriebene Gesetz dachte ich nicht, als ich mit der SBB (Schweizerische Bundesbahnen) an einem kühlen, aber herrlich sonnigen Herbsttag von Zürich nach Bern fuhr (und zum ersten Mal einen Eindruck davon bekam, wie ÖV auch funktionieren kann – also zumindest in der Schweiz). Dort angekommen erreichte ich mit einem Bus jene Strasse, in der sich „meine“ Botschaft befinden sollte. In Ermangelung einer halbwegs tauglichen Netzverbindung weigerte sich mein Smartphone, den Weg anzuzeigen, also lief ich los, ich hatte genügend Zeit eingeplant. Irgendwann würde ich schon etwas „botschaftliches“ entdecken.

Kurz darauf vernahm ich in meinem Rücken das Geräusch eines Motorfahrzeuges. Die obligatorische Polizeistreife fuhr langsam durch jene Strasse und wurde auf meiner Höhe noch langsamer: „Suchen Sie etwas?“ entfleuchte es einem jüngeren, sehr durchtrainiertem Polizeibeamten. Zugegeben: In einem Wohnviertel einzig aus riesigen Villen bestehend mit unendlich grossen Vorgärten und geschätzten fünf Millionen Überwachungskameras pro Quadratmeter musste jemand wie ich auffallen. Dabei hatte ich mich für meine Verhältnisse noch vergleichsweise „vorzeigbar“ gekleidet. Nicht nur die Deutschen gehen sehr wohl von jenem Grundsatz aus, dass Kleider Leute machen… „Ja, die Deutsche Botschaft suche ich.“ „Dürfte ich wohl mal Ihre Ausweispapiere sehen?“ entgegnete der Beamte durch das herunter gelassene Fenster. Es war ihm wohl zu kühl, um den Wagen zu verlassen. Einmal mehr ein kleiner Unterschied zwischen Deutschland und der Schweiz: Er fragte erst, was ich hier zu suchen hätte und dann nach meinen Papieren. In Deutschland läuft das meistens anders herum. In meiner Heimat pflegen entsprechende Organe erst einmal fest zu stellen, ob man überhaupt existiert und dazu berechtigt ist, bevor vielleicht Freundlichkeit walten gelassen wird. Deutsche Logik. Nicht so die Schweizer Logik. Erst mal freundlich ansprechen, dann fest stellen, ob die Freundlichkeit auch zustellungsfähig ist. Nachdem die Freundlichkeit als zustellungsfähig erachtet wurde, wies mich der Beamte darauf hin, dass ich schon in der richtigen Strasse sei, aber in die falsche Richtung laufen würde. Ich meinte, ich hätte im Rückspiegel des Wagens den Beamten noch grinsen gesehen…

Von Schweizer Beamtenfreundlichkeit umgedreht, erreichte ich den Teil der Strasse, in welchem sich die Botschaften zahlreicher Länder aneinander reihen. Vorbei an der der Türkei, die von zwei reichlich „vertrauenserweckenden“ Sonnenbrillenmuskelpaketen dekoriert war, entlang der Russlands, die schon von Aussen in etwa so „einladend“ im Herbstsonnenlicht abgeschottet vor sich hin bunkerte, wie ein gediegenes Gulag in Sibirien, mit Gruss nach Frankreichs Residenz, diskret als „Grande Nation“ im Kleinformat gehalten, vorbei an einigen Botschaften des Südamerikanischen Teils dieser Welt bis hin zur Deutschen Botschaft, die am Ende der Strasse unübersehbar wie ein Schloss erschien – ich sage Ihnen: Wenn Sie mal einen Spaziergang der Gegensätze machen wollen, gehen Sie die Botschaftsstrasse in Bern entlang! Und am Ende steht Deutschland. Was für ein grandioses Sinnbild! Für was auch immer! Mit Flughäfen hat es meine Heimat nicht so sehr, aber Residenzen, ja, das können sie. Zumindest von Aussen…

Als historisch mehrfach nachge- und bewiesene Fach-Nation für dieses unsägliche Ding mit Namen „Grenze“ ist es nahe liegend, dass „man“ nicht eben einfach so das Territorium Deutschlands betreten kann (kleine Anmerkung: Das Foto zeigt den Eingang für den Botschafter, nicht den Eingang für den Rest). Auf halber Strecke zwischen Eingangstor und grosser Flügeltür des Botschaftsgebäudes, vorgegeben durch einen Waschbetonplattenweg, herzallerliebst eingerahmt von hervorragend auf Niveau geschnittenem Gras, steht eine von einem Schweizer (!) Sicherheitsdienst bewachte Grenze in Form eines Tores, wie man sie an Flughäfen vorfindet (wenn denn ein gewisser Hauptstadtflughafen mal fertig gebaut sein wird, werden die dort stehenden Tore funktionieren. Vielleicht. Oder auch erst Jahrzehnte später.). Die Sicherheitsbeamten grüssten freundlich, wiesen mich durch das Tor und wünschten mir noch einen angenehmen Aufenthalt. Ich trat durch die Flügeltür und folgte den Wegweisern in das, ohne das kein Deutsches Amt auf der ganzen Welt auskommt: Den Warteraum. Den typisch deutschen Warteraum.

Der typisch deutsche Warteraum zeichnet sich vor allem durch ein Merkmal aus: Sein allgemeines Erscheinungsbild verlängert unterbewusst die Wartezeit auf eine gefühlte Ewigkeit. Ganz abgesehen davon ist die zu erwartende Wartezeit in der Regel eine halbe Ewigkeit, egal, ob man nun so wie ich dereinst vollkommen allein in jenem Warteraum wartet oder nicht. Die kurzweiligste Tätigkeit, der man in nahezu jedem deutschen Warteraum nachgehen kann, ist das Abreissen der Wartenummer aus einem entsprechenden Spender (auch typisch deutsch!). In ABSOLUT GAR KEINEM FALLE darf eine zweite oder gar dritte Nummer abgerissen werden! STRIKT UNTERSAGT! Das könnte das Abgerissene-Nummern-Ablagesystem durcheinander bringen, entsprechend wird darauf hin gewiesen. Deutsche Wartezeiten sind Kompromiss- und Erbarmungslos. Und bloss nicht aus Ungeduld nach Stunden des Wartens an irgendeine Tür klopfen! NIEMALSNICHT! Das steigert im besten Falle nur die ohnehin im Übermass vorhandene Übellaunigkeit von Beamten und Angestellten! Im schlimmsten Falle mutiert die Wartezeit von der gefühlten Ewigkeit zu einem real existierenden Millennium. In jedem Warteraum dieser Art liegen Magazine und Zeitschriften aus, die in etwa so aktuell sind, wie das ursprüngliche Eröffnungsdatum des Hauptstadtflughafens, sollten Bilder an Wänden hängen, so hat eventuell (und das ist mitnichten selbstverständlich!) einfallendes Sonnenlicht im Laufe der Jahre ausser Blau und Grau jede Farbe ausgelöscht. Apropos Wand: Trotz vorhandener Scheuerleiste haben Reinigungsmaschinen hier und da oberhalb jener Leiste diverse Einschläge im Putz hinterlassen, ansonsten finden sich in jenem Bereich einer Wand nicht selten Spuren von Schuhabsätzen der Wartenden, die keinen freien Sitzplatz auf einem der mit Absicht in Unterzahl vorhandenen Sitzgelegenheiten gefunden haben. Es gibt nur noch einen typischen „Gegenstand“ in einem deutschen Wartezimmer, der noch mehr Geduld als jeder Wartende aufgebracht hat und – sollte er das überleben – auch in Zukunft aufbringen wird: Der obligatorische Ficus-Baum. Wie auch immer er das jahrelang gemacht hat: Er ist und bleibt ein Einzelkämpfer auf verlorenem Posten, oftmals das einzige Anzeichen von Leben in solchen Räumlichkeiten, obwohl er wenn überhaupt allenfalls unregelmässig gegossen wird (und nicht selten als Abfalleimer genutzt wird, weil ein solcher im Budget eines Amtes für Warteräume nicht vorgesehen ist).

So nahm ich als einziger Wartender Platz, bestaunte die museal anmutende Sammlung an Zeitschriften, die wenigen farblos ausgebrannten Plakate an den Wänden, den Nummernzettelspender und den Nummernzettel in meiner Hand und begann irgendwann ein tonloses Zwiegespräch mit dem einzigen Anzeichen von Leben, welches wenigstens in der Nähe eines Fensters platziert worden war. Die Anzeige weit oben über der Tür, die wohl in das Heiligtum für das im Ausland lebende niedere deutsche Fussvolk ohne diplomatischen Status der Deutschen Botschaft in Bern führte, zeigte stur drei grosse rote LED-Zahlen an. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, welche Zahlen sie anzeigte, aber an diesem Tag konnten unmöglich bereits so viele Besucher hier gewesen sein, wie diese Zahlen vorzugaukeln versuchten. Merke: Deutschland liebt Zahlen, vor allem statistische! Die können Eindruck schinden, selbst wenn über lange Zeit hinweg absolut nichts passiert (und in weiteren statistischen Zahlen erfasst werden könnte)! In Ermangelung verwertbarer Rückmeldungen von jenem Ficus-Baum schlenderte ich durch den Raum und begutachtete die Einschläge im unteren Wandbereich, versuchte zu ermitteln, ob die Abdrücke der Schuhabsätze von Damen- oder Herrenschuhen stammen würden. Ich bin mir absolut sicher, dass mich während jener Zeit irgend jemand durch eine Kamera beobachtet haben musste, denn als ich begann, an einer Stelle, die von jener magischen Tür am weitesten entfernt lag, eine Kombination aus Reinigungsmaschineneinschlag und Absatzabdruck genauer zu begutachten, knarzkrachte ein fieser Ton durch den Raum und eine der drei Ziffern auf der Anzeige veränderte sich. Und nun wurde es hektisch! Beamte warten nicht gerne, deswegen lassen sie Wartende absichtlich extrem lange warten! Ich wusste genau, was passieren würde, wenn ich zu lange warten würde (Tür bleibt verschlossen, neue Nummer ziehen, alles nochmal von Anfang an), also hechtete ich zu jener Tür…

Was ich nun betrat, kam mir sofort als die Perfektion dessen vor, was einst an der innerdeutschen Grenze vorzufinden war – und von dem ich hoffte, ich müsste vergleichbares nach dem Mauerfall nie wieder sehen. Zur Linken befanden sich drei (oder waren es doch vier?) Schalter, jenen der Schweizer Post nicht ganz unähnlich. Abgeschottet vom Fussvolk durch mindestens 15 Zentimeter dickes Panzerglas walteten zuständige Botschaftsangestellte. Ein direkter Kontakt war nicht möglich, Gegensprechanlage, Schubladen-Durchreiche und ein merkwürdiger dunkler Würfel in der linken Ecke auf der Seite des im Ausland lebenden deutschen Fussvolkes. Also meiner Seite. Vor jenen Schaltern auf dem Fussboden ein dicker weisser Strich. Gegenüber den Schaltern auf der rechten Seite jenes Schlauch-artigen Ganges ein paar schwerstens vergitterte Fenster. Aus dem Augenwinkel zählte ich in dem für mich zugänglichen Bereich drei Kameras, aber es hätte mich nicht gewundert, wären es mehr gewesen. Hinter dem Panzerglas waren es sicherlich nochmals drei oder mehr Kameras, die jenen Bereich, in dem ich mich befand, überwachten. All das erfasste ich in ein bis zwei Sekunden. Ich war wieder „zu Hause“! Auf dem Boden der Schweiz fühlte ich mich schlagartig wieder so, als würde ich von West- nach Ost-Berlin einreisen oder durch die DDR nach West-Deutschland fahren. Ich war definitiv wieder in Deutschland!

Eine Botschafts-WasAuchImmer bemerkte meine Unschlüssigkeit, an welchen Schalter ich mich als einziger „Anlieger“ wohl zu begeben hatte. Merke: Man geht in einem deutschen Amt nicht einfach so an einen Schalter, der wird einem zugewiesen! Nicht verhandelbar! Jene WasAuchImmer machte mit ihrer Hand eine Geste, also schloss ich daraus, dass ich an ihren Schalter zu treten hatte, was ich auch prompt mit inzwischen leicht unterwürfiger „Achtung: Deutsche-Grenze!“-Mimik tat. Dummer Weise hatte ich zwischenzeitlich jenen Strich am Boden aus meiner Erinnerung gestrichen. Sie machte keinerlei Hehl daraus, dass sie mich nur dieses eine Mal und dann nie wieder an die Existenz jenes Striches erinnern würde. Da stand ich nun, gut einen Meter von der Panzerglaswand entfernt und wartete erneut, während sie wasauchimmer in eine Tastatur hämmerte. Der durch das Glas stark gedämpften Akustik nach vermutete ich eine „Cherry“-Tastatur: Die überlebt garantiert jeden Einschlag (durch Finger, Schuhabsätze, Atombomben der Russen…) und ist sehr Kosten-Nutzen-günstig! Kein „Guten Morgen.“ Kein „Willkommen.“ Erst recht kein „herzlich“. Die WasAuchImmer hämmerte vor sich hin.

Zeit, diese WasAuchImmer näher in Augenschein zu nehmen, viel mehr konnte ich da hinter jenem weissen Strich am Boden verbal fest genagelt ohnehin nicht machen. Sie war – nun ja – „barock“ und „griffig“ wäre sehr Schweizerisch untertrieben gewesen. Zum ersten Mal gerat ich in einen ernsten Interessenskonflikt zwischen deutschem Bewusstsein und Schweizerischer Diplomatie. Irgendwann einigten sich mein Gehirn und mein inzwischen durchaus leicht helvetisch eingefärbtes Gewissen auf „ausladend“. So ausladend, dass die Knöpfe ihrer Bluse derart spannten, dass sie das unter der Bluse vorhandene – sowohl textil, als auch fleischlich – erbarmungslos offenbarten. Schön leicht grünbläulich vom Panzerglas eingefärbt. Zum ersten Male machte dieses dicke Panzerglas für mich einen Sinn…

Ohne Vorwarnung schoss auf einmal jene Schubladen-Durchreiche in meine Richtung und machte gerade einmal zehn Zentimeter vor meinem Verdauungstrakt halt. Was für eine fiese Waffe! „Da rin, Dokumente da rin!“ tönte es durch die Gegensprechanlage im schönsten „Sächsisch“, ein Dialekt (Mundart) aus dem ehemaligen Ost-Deutschland, auch DDR genannt. Schlagartig erinnerte sie mich entfernt an eine Grenzbeamtin, die ich seinerzeit an der Grenze zwischen West-Berlin und der DDR am Grenzübergang „Dreilinden“ ertragen musste und so sehr ich mich auch bemühte, mir den Fall der Mauer und die Wiedervereinigung Deutschlands ins Gedächtnis zu rufen, es gelang mir nicht! Schon damals war Kommunikation mit jenen Wesen undenkbar, also versuchte ich es gar nicht erst und zirkelte mit einem gezielten Wurf meine „Dokumente“ in jene Schublade. Bloss nicht anfassen, keinen direkten Kontakt mit Staatseigentum! Das ist heilig! Die Schublade entschwand Richtung Hinterpanzerglas, WasAuchImmer mit spannenden Blusenknöpfen entnahm diese, sichtete diese, hämmerte erneut auf der Tastatur herum. „Finger da druff!“ sächselte es durch die Gegensprechanlage, ohne einen Blick an mich zu richten, die eine nicht hämmernde Hand in Richtung jenes ominösen Würfels auf meiner Seite weisend. „Welche?“ fragte ich und noch in dem Moment, wo ich diese Frage an sie richtete, wurde mir bewusst, dass ich dazu nicht befugt war, überhaupt Fragen zu stellen. „FINGER DA DRUFF!“. Erst jetzt bemerkte ich auf der Oberfläche jenes Würfels die Ovale, nicht zwischen linker und rechter Hand unterscheidend, also legte ich die Finger auf, die ich eher weniger benutze, die der linken Hand. Aber dieses Auflegen war nicht ganz unproblematisch, ich durfte den weissen Strich nicht übertreten, aber der Würfel war relativ weit von mir entfernt. Im Profil betrachtet lehnte also ein schlapp 90 Kilogramm schwerer Mann in einem reichlich unentspannten Bogen sich nur mit fünf Finger abstützend auf einen Glaswürfel, der kaum grösser war, als seine Handfläche. Ich sage Ihnen: Sit-Ups sind dagegen ein Witz! Und dann wartete ich. Unentspannt.

Das Hämmern verstummte, WasAuchImmer schaute ungläubig auf den Monitor. Das dürfte in etwa 40 Sekunden gedauert haben, mir kamen es wie 40 Jahre vor. Schweigen. Erneute ungläubige Blicke auf den Monitor, dann ein allererster Blick in mein Gesicht, welches nunmehr die Anstrengung kaum noch verbergen konnte. Meine Finger meldeten „Schmerz“ an mein Hirn. „Nochmal!“ gefolgt von einem kaum hörbaren „Scheisse!“. Während sich 90-Kilogramm-Bogen und Fingerspitzen kurzzeitig entspannten, wanderten meine Augen in Richtung Monitor. Das System absolvierte einen kompletten Neustart. Etwas ungläubig schaute ich nun wiederum auf meine Fingerspitzen, was an jenen wohl so exorbitant anders sein könnte, als dass diese ein komplettes Biometrie-Erfassungssystem zum Absturz bringen können, bis WasAuchImmer meine philosophischen Wanderungen mit einem erneuten „Finger da druff!“, wiederum in jenem höchst erotischem Sächsisch unterbrach. Nochmals spannte sich alles an. In mir physikalisch, in WasAuchImmer allenfalls amtlich. Eine erneute Ewigkeit später quäkte es durch die Gegensprechanlage. „So, das wars, Sie bekommen dann Post von uns.“ Mehr war da auch nicht mehr notwendig, selbst ich hatte verstanden, dass ich nunmehr jenen Amts-Schlauch binnen sofort und am besten zu Vorgestern zu verlassen hatte und es mir – wenn überhaupt – erst ausserhalb des Botschaftsgeländes erlaubt war, mich einmal mehr zu entspannen. Ich war nunmehr nach einem vollkommen absurd anmutendem Ablauf von all dem Ganzen biometrisch erfasst und hatte es gewagt, ein deutsches (!) Erfassungssystem zu allererst zum Absturz zu bringen, bevor dieses überhaupt irgendetwas erfassen konnte! Ein DEUTSCHES SYSTEM! Ein garantiert absturzfreies System! Sowas kann auch nur ein nicht mehr auf deutschem Boden lebender Deutscher zu Stande bringen!

Ich hatte das dringende Verlangen nach frischer Luft. Entsprechend schnell entfleuchte ich jenem Amts-Schlauch und dem Warteraum durch die Flügeltür – nein, nicht in die „Freiheit“, sondern erst einmal wieder durch jenes Tor vorbei an dem Schweizer Sicherheitsdienst, welcher mir

„…einen recht angenehmen Tag noch!“

wünschte. Mit noch breiterem Grinsen, als beim Betreten der Botschaft. Dieser Eindruck von Deutsch-Schweizer Befindlichkeiten ist seit jenem Tag nachhaltig in meinem Hirn eingebrannt. All das mag auf Sie jetzt vielleicht überzogen wirken, aber die ersten Anzeichen von „Freiheit“ verspürte ich erst wieder, als ich in einem jener Doppelstock-Züge der SBB wieder in Richtung Zürich fuhr. Einen halben Monat später fand ich meinen biometrischen Reisepass, Version 2, wenn ich mich nicht täusche, in meinem Briefkasten vor, uneingeschrieben. Die kleinere Version mit „nur“ etwas mehr als dreissig Seiten. Meine Bauchmuskeln und Fingerspitzen werden das aber ein Leben lang nicht mehr vergessen, was Deutschland da mit einem Deutschen gemacht hat.