3.8.2018

An meinem Geburtstag im Jahr 2018 weilte ich in der Nähe der Stadt Zürich am Türler See. Etliche Monate zuvor hatte ich alle erforderlichen Unterlagen für meine Einbürgerung eingereicht und dennoch dachte ich in jenen Tagen an alles andere, als an diesen Prozess. Hin und wieder ertappte ich mich in jenen Tagen sogar dabei, dieses Land wieder zu verlassen, sehr viele andere Dinge rein privater Natur waren parallel zu meinem Einbürgerungsprozess in Bewegung geraten, Dinge, die mich einstmals unter anderem auch überhaupt erst dazu bewegt hatten, die Staatsbürgerschaft der Schweiz zu beantragen. Viele dieser Gründe hatten sich zwischenzeitlich in Luft aufgelöst und ich musste mich erst einmal selbst für mich allein und aus eigener Kraft wieder davon überzeugen, dass dieser Antrag durchaus noch Sinn für mich machen würde. Glauben Sie mir, so ein Einbürgerungsprozess kann zuweilen auf vollkommen unerwarteten Wegen einen Druck erzeugen, dem nur schwer Stand zu halten ist! Und all das an meinem eigenen Geburtstag, der nur einen Tag nach dem „Geburtstag“ der Schweiz ist. Es waren in vielerlei Hinsicht sehr aufwühlende Tage in jenem August und die Erinnerungen an jene Tage beschäftigen mich noch immer sehr!

Umso nervöser reagierte ich, als bei meiner Heimkehr nach Zürich einen „offiziellen“ Brief der Stadtkanzlei von Zürich aus meinem Briefkasten fischte, der auf den 3.8.2018 datiert war – also einen Tag nach meinem Geburtstag und zwei Tage nach dem der Schweiz. Sicherlich ist das unbeabsichtigter Zufall gewesen und wahrscheinlich bemesse ich jenem Zufall weitaus mehr Bedeutung zu, als das überhaupt nötig ist, dennoch stolperte ich über diese Datumsverkettung. In jenem Schreiben lud mich die für den Einbürgerungsprozess grundlegend zuständige Dienstabteilung der Stadt und Gemeinde Zürich zu einem persönlichen Gespräch ein – dem Einbürgerungsgespräch, von dem vieles, wenn nicht alles abhängt. Schlagartig wich die Ruhe, die ich in jenen Tagen am Türler See wenigstens ansatzweise wieder gefunden hatte jener Nervosität, der ich zuvor aus zahlreichen Gründen ausgesetzt war. Hätte ich in jener Zeit nicht diese paar zwar sehr aufwühlenden, aber auch wunderschönen Tage an jenem See verbracht, so hätte ich wahrscheinlich noch ganz anders reagiert. Vielleicht war es aber auch kein Zufall, dass ich diese für mich als auch die Schweiz so wichtigen Tage dort verbracht habe…

Trotz aller mich erneut beschleichender Unruhe und Nervosität aber empfand ich auch Freude. Ich hatte offensichtlich alle erforderlichen Dokumente eingereicht, nichts fehlte und aufgrund diesen Sachverhaltes wurde ich zu dem Einbürgerungsgespräch eingeladen. Nicht vorgeladen! Drei kleine Buchstaben können zuweilen sehr grosse Unterschiede ausmachen… Jahre lang hatte ich Gelegenheit und Möglichkeit, Zürich und die Schweiz zu ergründen, nun wollten Zürich und die Schweiz das mit mir machen. In ein paar Minuten. Dieses Gespräch sollte im auf den August folgenden September im Stadthaus statt finden. Um mich darauf vorzubereiten, lag dem Schreiben eine Broschüre bei, in der verschiedene Themengebiete beschrieben waren, die man im weitesten Sinne als „grundlegendes Wissen über Zürich, die Schweiz, das politische System, die Kultur und das Selbstverständnis“ bezeichnen konnte. Es wurde ausdrücklich betont, dass „man“ nicht alles wissen müsste. Für mich war aber das, was in jener Broschüre enthalten war, ohnehin Wissen, welches man eigentlich nahezu selbstverständlich im Laufe der bereits zuvor verstrichenen Jahre verinnerlicht haben musste, wenn man bewusst in jenem Staat und in jener Gemeinde und Stadt mit Namen Zürich dauerhaft leben wollte. Sich bewusst mit dem Staat auseinanderzusetzen, den man als selbst gewählte Heimat auserkoren hatte, erachte ich als einen sehr wichtigen Bestandteil von „Integration“, aber dazu mehr an anderer Stelle.

In den Wochen darauf steckte ich meine Nase immer mal wieder in jene Broschüre. Nebenher studierte ich andere Schriftstücke, absolvierte in Apps für mobile Geräte, die ich mir bereits zuvor beschafft hatte, Fragereihen zur Schweiz, wie sie exemplarisch auch in anderen Gemeinden dieses Staates durchgeführt werden könnten, wenn eine Einbürgerung ansteht. Im direkten Vergleich waren die Informationen, die in der Broschüre der Stadt Zürich hinterlegt waren, eher allgemeiner Natur, gingen weniger tief ins Detail, aber als „banal“ würde ich den Informationsgehalt nicht bezeichnen, auch hierzu aber mehr an anderer Stelle.

Mit dem Erhalt dieses Schreibens wusste ich, dass meine Einbürgerung nunmehr „am Laufen“ war. In einem übertragenen Sinne erschien es mir wie ein leicht verspätetes Geburtstagsgeschenk. Mit einer gewissen Erleichterung darüber, dass ich nicht gleich noch von Beginn an abgelehnt wurde (was ohnehin recht unwahrscheinlich gewesen war), freute ich mich auf das Gespräch! Ich bin kein „Prüfungsmensch“, bin meist etwas nervös, wenn Prüfungen welcher Art auch immer anstehen, aber die Freude überwog! Über ein „Detail“ in diesem Schreiben aber machte ich mir so meine Gedanken. Einleitend wurde sinngemäss angemerkt, dass ich den notwendigen Test über meine Kenntnisse der deutschen Sprache erfolgreich absolviert hätte, weswegen nunmehr alles weitere von Statten gehen könnte. Allerdings konnte ich mich bei bestem Willen nicht daran entsinnen, dass ich jemals zu diesem Test zuvor eingeladen worden war, geschweige diesen auch absolviert hatte. Nicht sonderlich viele Monate zuvor wurde in einer Gemeinde im Kanton Zürich ein Mann zu jenem Test bestellt, die zuständige Behörde bestand darauf, um den gesetzlichen Vorgaben zu entsprechen. Dieser Mann war jedoch kein „durchschnittlicher“ Anwärter auf den Schweizer Pass, er war – wenn ich mich recht entsinne – Professor der Germanistik (kann mich aber auch irren). Einen versierten Kenner der deutschen Sprache zu so einem Test zu laden wirkt natürlich absurd und tatsächlich gab es einigen Wirbel um diesen speziellen Fall. Wahrscheinlich wurden zuständige Behörden in Folge angewiesen, in einem jeweiligen Fall „Augenmass“ walten zu lassen. Entsprechend wurde offensichtlich davon ausgegangen, dass ich Deutscher jener spräche auch mächtig bin. Ohne mich selbst beweihräuchern zu wollen kann ich bestätigen, dass mein Sprachniveau kein durchschnittliches ist, auch mir wäre das Absolvieren eines solchen Tests leicht fragwürdig erschienen, formal gesehen aber wäre es mir lieber gewesen, ich hätte jenen amtlich absolviert, denn aus rein „amtlicher“ Sicht wäre ein Einspruch gegen meine Einbürgerung aufgrund eines nicht erfolgten Tests nicht so leicht anzufechten gewesen. Nun ja, so lieb mir amtliche Korrektheit zuweilen ist, so lieb ist mir aber auch die Fähigkeit zum Augenmass, insbesondere, wenn es um „amtliches“ geht. So manch ein Amtsschimmel lässt sich selbst mit dem korrektesten Wort in Schrift und Sprache nicht bändigen, egal, ob gesetzlich vorgegeben oder nicht…