Irritierend amtlich

So manch ein überzeugter Schweizer und / oder Eidgenosse reagiert gereizt, wenn ich anmerke, dass sich gewisse Deutsche und eben jene überzeugten Schweizer und / oder Eidgenossen in manchen Dingen trotz aller nationaler Abgrenzung mehr ähneln, als sie selbst das wahr haben wollen. Also sowohl Deutsche, als auch überzeugte Schweizer und / oder Eidgenossen. Und warum es so exorbitant wichtig ist, zwischen überzeugten Schweizern und / oder Eidgenossen zu unterscheiden, werde ich gegebenenfalls irgendwann einmal näher beleuchten.

Es gibt aber eine Gemeinsamkeit, die allen sich angesprochen fühlenden Lesern wohl bestens bekannt sein dürfte: Die Reaktion auf mögliche „amtliche“ Missgeschicke, also Behördenprozesse, die irgendwie nicht so ganz gelaufen sind, wie das vielleicht angedacht war. Dass solche Behördenprozesse in der Schweiz und in Deutschland sich zuweilen kaum unterscheiden, dürfte auch nicht sonderlich verwundern. Allerdings musste ich in gewissen Punkten umdenken, als ich im ersten Jahr meines Aufenthaltes in Zürich mit gewissen Ämtern in Kontakt kam: Die Freundlichkeit, die mir hier meistens entgegen gebracht wurde, irritierte mich anfangs! Ich war Ämter aus Deutschland und insbesondere Berlin „gewöhnt“, wenn dort mal jemand freundlich und hilfsbereit war, irritierte mich das erst recht! Entsprechend reagierte ich als ich registrierte, dass ich für meine Einbürgerung eine beglaubigte Kopie meiner Geburtsurkunde im Doppel benötigen würde, eine, die nicht älter als so und so viel Jahre sein durfte. Ich war zu jenem Zeitpunkt im Besitz meiner Geburtsurkunden aus dem Jahre 1968, aber diese konnte ich somit nicht verwenden, diese lagen zwar im Original vor, waren aber zu alt. Also „freundete“ ich mich mit dem Gedanken an, nach sehr vielen Jahren wieder Kontakt mit einer Berliner Behörde aufnehmen zu müssen…

Im Laufe der Jahre hatte auch das Land Berlin inzwischen gewisse Vorzüge der Digitalität für sich entdeckt und so waren verschiedene Ämter meiner Geburtsstadt mit bestimmten Dienstleistungen auch von Zürich aus über das Internet erreichbar. Aber die Informationen, die ich benötigte, fand ich dennoch nicht – und ich bin gut wenn es darum geht, lange und gründlich in solchen Webseiten von Ämtern und Institutionen zu stöbern! Was war das Problem? Ich wurde in einem Bezirk von Berlin geboren, den es genau genommen nicht mehr gibt: Berlin Schmargendorf. Im Laufe der Jahre erlaubte sich Berlin, gewisse Amtsstrukturen effektiver zu gestalten, Bezirke und deren Verwaltungen (in etwa vergleichbar mit den Kreisbüros in Zürich) wurden zusammen gelegt und so verschwand auch Schmargendorf von der Landkarte, um irgendwann einmal im grösseren Bezirk mit Namen Wilmersdorf, später Charlottenburg Wilmersdorf aufzugehen. Aber damit nicht genug! Gewisse Ämter von Charlottenburg Wilmersdorf und einem weiteren Bezirk mit Namen Tempelhof wurden ebenso effektiver gestaltet und bestimmte Aufgaben dieser Ämter zusammen gelegt. Ich stand also vor dem Problem, dass die Verwaltung, die einst meine Geburt attestierte, gar nicht mehr existierte und es war weder auf den ersten, noch auf den zweiten Blick offensichtlich, wer mir denn nun beglaubigte Kopien meiner Geburt im Jahre 2017 noch ausstellen könnte: Wilmersdorf, Charlottenburg Wilmersdorf, Tempelhof, alle drei zusammen oder wie auch immer. Ausgesprochen widerwillig griff ich also zum Telefonhörer…

Bereits nach dem ersten durch die Leitungen geschickten Wort war ich wieder „zu Hause“: Berliner „Freundlichkeit“ in Reinform. In meinem Kopf legte sich der für die jeweilige Art von Kommunikation zuständige Schalter von „in Zürich freundlich“ auf „in Berlin entsprechend anders“ um. Zwar war es ein typisches Berliner Berhördentelefonat, aber immerhin war es sachdienlich kurz. Knackige, auf manch einen Betroffenen „rotzig“ wirkende Kommunikation ist in Berlin noch nie ein Problem gewesen, die „berühmt-berüchtigte Berliner Schnauze“ ist nachwievor eine der möglichen Kommunikationsarten in Berliner ÄmternDer erhaltenen Auskunft nach hätte ich zunächst persönlich in Berlin vorstellig werden müssen – mit den beiden Originalurkunden aus dem Jahre 1968. Und genau vor dieser Vorstellung grauste es mir, Berliner Ämter sind in meiner Erinnerung alles andere als einladend! Also legte ich das Vorhaben „Beschaffung einer beglaubigten Kopie im Doppel“ erst einmal bei Seite und kümmerte mich um andere für die Einbürgerung notwendige Dinge, so auch dem Wohnsitznachweis von und für Zürich.

Irgendwann später unternahm ich nochmals einen „Ausflug“ in die Online-Präsenz gewisser Berliner Ämter und mehr durch Zufall stiess ich auf ein Formular, welches mir im Endeffekt das persönliche Erscheinen ersparte. Noch nicht einmal eine Woche später landete jene beglaubigte Kopie meiner Geburtsurkunde im Doppel in meinem Briefkasten in Zürich. Erneut war ich vollkommen irritiert, ich hatte mit einer ewig langen Wartezeit gerechnet, so sehr war ich von meinen bisherigen Erfahrungen mit gewissen Ämtern in Berlin geprägt, Wartezeiten, die durchaus gewisse Parallelen zum neuen Hauptstadtflughafen aufweisen würden. Aber nichts dergleichen, alles ging ratzfatz, liess sich sogar topmodern online bezahlen, ganz und gar un-Berlinisch.

Auf etwas anderes musste ich aber sehr lange warten. Und das verwunderte und irritierte mich erneut sehr: Der Wohnsitzbescheid aus Zürich. Ich lebte bereits zwölf Jahre immer unter der gleichen Adresse in Zürich, aber der Beleg hierfür, den ich ebenso online anforderte und bezahlte, wollte einfach nicht zu mir gelangen, obwohl in diesen zwölf Jahren immer nur eine ganz bestimmte Verwaltung für mich zuständig war und nicht wie in Berlin drei. Erneut griff ich zum Telefonhörer, allerdings weitaus gelassener, war ich doch hier eine freundliche Zürcher, nicht typisch effektive Berliner Amts-Kommunikation gewöhnt. Aber wie Zürcher – egal, ob Schweizer oder Eidgenosse – nun einmal im Verlauf einer Behördentätigkeit sich auch verändern können, wenn etwas nicht so läuft, wie angedacht: Diese Kommunikation wurde irritierend unentspannter, als erwartet. Das lag aber weniger an der Kommunikation zwischen mir und dem Sachbearbeiter an sich, die war durchaus korrekt, freundlich und sachdienlich. Vielmehr schien die Suche im System nach den Belegen für die Anforderung dieses Wohnsitzbescheides und die monetäre Begleichung der Amtshandlung für eine leichte Gereiztheit zu sorgen. Veränderungen solcher Art kannte ich bereits aus Berlin, je komplexer ein Vorgang zu werden drohte, umso unwirscher wurde die oder der jeweilige Sachbearbeiter(in). Sehen Sie die – zugegebener Massen diametral umgekehrten – Parallelen? Berlin hat einen Flughafen, der nie fertig wird, der von Zürich funktioniert, Berlin kann Dokumente innerhalb von NullKommaNix beglaubigen und zustellen, Zürich hat hier und dort mit vergleichbarem so ab und an Mühe… Gewisse Gemeinsamkeiten sind also nun wirklich nicht von der Hand zu weisen, oder?

Beim Lesen meiner inzwischen vier Geburtsurkunden und den begleitenden Dokumenten fiel mir ein kleines Detail auf. Ich wurde am 2. August des Jahres 1968 geboren, um 00:30 Uhr. Ohne das im Mutterbauch aktiv und bewusst gesteuert zu haben, kam ich also 30 Minuten nach dem gesetzlich festgeschriebenen Geburtstag der Confoederatio Helvetica zur Welt. Wenn das nicht ein Zeichen von Freundlichkeit und Respekt ist! Somit kann ich jetzt vollkommen legitim zwei Tage am Stück durchfeiern. Wenn ich das denn wollte…