Legitimationen & Gültigkeiten

Ich und meine Personaldokumente – das ist schon ein besonderes Thema. Manches Mal wundert sich diese oder jener, warum ich so viel Wert darauf lege, Berliner zu sein – und nicht Deutscher. Um das mal vorab anzumerken: Im Grunde genommen ist mir das vollkommen egal und hat allenfalls mehr mit jenem ominösen Ding „ab Geburt über Jahre hinweg aufgesogenes Lokalkolorit“ zu tun, als mit einer Art von politischer oder gar diffus-gesellschaftlicher Überzeugungsfrage. In Berlin aufzuwachsen, welches zu meiner Zeit noch von der Mauer umgeben war, hat bis zum heutigen Tage Spuren hinterlassen. Und bis zu einem gewissen Grad fühlte ich mich in der Schweiz ab und an wieder so, als würde ich in Berlin leben – in einem politischen Sinne.

Zur Zeit der Berliner Mauer waren die Einwohner von West-Berlin ganz genau genommen nicht Bürger der Bundesrepublik Deutschland. Das war in dem Status der Stadt begründet, die damals noch von den Amerikanern, Engländern und Franzosen auf der West-Seite und den Russen auf der Ost-Seite kontrolliert war. Ost-Berlin erklärte sich irgendwann zur Hauptstadt der DDR (Deutsche Demokratische Republik) und somit wurden die Einwohner dort Bürger der DDR. Wir in West-Berlin aber waren Einwohner, die nur indirekt Einfluss auf die Politik nehmen konnten, die in West-Deutschland gemacht wurde. Irgendwie waren wir ein Teil von Deutschland, irgendwie aber auch so ganz und gar nicht. Wir konnten auch keinen Reisepass beziehen, in vielen Fällen musste ein Visum für ein Reiseland bezogen werden, welches in Verbindung mit dem Personalausweis als Legitimation vor Ort diente. In den Ländern der Europäischen Union reichte jener Ausweis und hatte in etwa den gleichen Status wie der West-Deutsche Reisepass. Für aber beispielsweise die DDR oder die Türkei war ein Visum notwendig. Obwohl Einwohner (und Bürger!) einer Stadt war ich nicht dazu berechtigt, auf alles mit meiner Wählerstimme Einfluss zu nehmen, was mich beschäftigte und als Entscheid aus West-Deutschland direkten Einfluss auf die Politik West-Berlins nahm. Verstehen Sie in etwa die Parallele zur Schweiz? Bevor man sich einbürgern lassen kann, stehen einige Jahre der Fremdbestimmung an, man selbst hat allenfalls beschränkt Einfluss auf das, was vom wahlberechtigten Wahlbürger der Schweiz verfügt wird.

Erst mit der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten am 3.10.1990 (die sich nebenbei angemerkt bis zu jenem Tag nicht gegenseitig auch als solche anerkannten) wurde auch ich zu einem Deutschen im klassischen Sinne. Und dennoch benötigte ich keinen Reisepass, mein Personalausweis (in der Schweiz unter „ID“ bekannt), reichte immer noch für die meisten Reisen. Jenen Personalausweis musste ich im Januar des Wiedervereinigungsjahres erneuern lassen und die neue Version legitimierte mich noch vor dem Zusammenschluss als Bürger der Bundesrepublik Deutschland. Mit jenem Dokument reiste ich in die Schweiz ein, wo dieses ein paar Jahre später seine Gültigkeit verlor und nun durch einen Reisepass ersetzt werden musste. Da mein Wohnsitz nun in der Schweiz lag, reichte der alte Personalausweis nicht mehr und so gelangte ich in den Besitz einer der ersten Versionen des biometrischen Reisepasses der Bundesrepublik Deutschland. Natürlich ging für mich typisch auch der Erwerb dieses Reisepasses nicht ganz ohne „Absonderlichkeiten“ von Statten. Aus irgendeinem Grund brachte mein Fingerabdruck das zu dessen Erfassung zuständige Gerät auf der Deutschen Botschaft in Bern erst einmal zum Totalabsturz. Und die Reaktion der bearbeitenden Botschaftsangestellten fiel entsprechend aus: Sehr deutsch

Nun sollte jener Reisepass im Jahre 2018 seine Gültigkeit verlieren, also in dem Jahr, in welchem mein Einbürgerungsprozess in der Schweiz bereits am Laufen war. Ich sage Ihnen: Es ist mitnichten eine banale Angelegenheit, zwei in Teilen doch recht komplexe Verfahren auseinander zu halten – und sei es nur wenn es darum geht, notwendige Dokumente zu beziehen und auch je nach Vorgang voneinander zu trennen! Bei der Beantragung des neuen Reisepasses (biometrische Version Nummer 3 meines Wissens nach und somit topaktuell und garantiert fälschungssicher…) hatte ich auch erneut ein Formular auszufüllen, welches ich bereits beim Bezug von Version Nummer 2 vor Augen hatte. Nun aber musste ich aber im Gegensatz zum damaligen Prozedere ein kleines Kästchen zusätzlich ankreuzen: „Ist die Staatsbürgerschaft der Schweiz beantragt?“. Ich kann mich nicht mehr entsinnen, warum ich bei jenem Kästchen zunächst etwas zögerte, aber es dauerte etwas länger als bei den anderen, bis ich es ankreuzte. So bin ich nun einmal: Bei solchen Aufgaben, die durch einen simplen Strich mit einem Kugelschreiber sehr viel sehr tief greifend verändern können und werden, rotiert es in meinem Kopf! Ich stiefelte zum Honorarkonsulat Deutschlands in Zürich am Klusplatz, reichte alle notwendigen Dinge ein und noch im Jahre 2018 wurde ich als Bürger der Bundesrepublik Deutschland erneut legitimiert, jetzt in Version 3 und garantiert fälschungssicher. Allein aber bei dem Gedanken, nicht einmal ein ganzes Jahr später zusätzlich als Bürger der Schweiz legitimiert zu werden, brachte und bringt meinen Kopf immer noch in Rotation. Vom Berliner zum West-Deutschen zum Deutschen in Version 2 und 3 bis hin zum Bürger der Schweiz: Ganz genau betrachtet habe ich bereits eine ganze Reihe von staatsbürgerlichen Veränderungen hinter mich gebracht. Die Frage danach zu beantworten, als was ich mich denn nun fühlen würde, wäre für mich nicht so ohne weiteres plausibel erklärbar – wenn es um jenen staatsbürgerlichen Aspekt geht. Im Herzen werde ich wohl immer ein Berliner bleiben, auch wenn ich mich nicht mehr dezidiert als ein solcher legitim ausweisen kann und auch keinerlei Bindungen zu jener Stadt mehr empfinde, die mich dazu bewegen könnten, dort hin dauerhaft zurück zu kehren. Der mich als dezidiert „Berliner“ legitimierende Personalausweis hatte im Januar des Jahres 1990 seine Gültigkeit verloren.

Mir war schon lange bevor ich meinen Fuss dauerhaft auf den Boden der Schweiz setzte bewusst, wie relativ die Definition des Begriffes „Bürger“ sein kann. Entsprechend relativ erachte ich den vermeintlichen Wert eines solchen Dokumentes mit Namen „Personalausweis“, „Reisepass“ oder „Identifikationskarte“. Ich denke, dass das nachvollziehbar ist.