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2019

Winziges Detail

Heute, pünktlich zum Beginn meines Urlaubes erhielt ich einen eingeschriebenen Brief, der nunmehr auch aus beruflicher Sicht das Ende meiner Einbürgerung attestierte. Als Berufsfahrer von Trams benötigt man einen speziellen Führerschein (der nahe liegender Weise nicht dazu geeignet ist, in andere Länder zu fahren, möglicher Weise irgendwann einmal aber Grundlage für mich sein könnte, in anderen Ländern Trams zu fahren). Auf Dokumenten dieser Art muss vermerkt sein, welchen Aufenthaltsstatus man inne hat und da sich dieser zu Beginn dieses Jahres für mich geändert hatte, wurde die Aktualisierung jenes Führerscheines notwendig. Heute nun traf dieser bei mir ein. Ich las mir das in Teilen doch etwas arg salbungsvoll formulierte Begleitschreiben durch, unterschrieb auf jener Plastikkarte und nahm dann diese genauer in Augenschein. In Folge plünderte ich einmal mehr mein Portemonnaie und verglich diesen Führerschein mit anderen Dokumenten: Meiner ID, dem Führerschein für „normale“ Fahrzeuge und dem Schweizer Reisepass. In einem Punkt unterscheidet sich dieser spezielle neue Führerschein von jenen anderen wichtigen Dokumenten: Auf ihm ist nicht nur vermerkt, welche Nationalität man „besitzt“, sondern auch, wo man geboren wurde – woraus sich theoretisch ableiten liesse, dass ich zumindest meine Nationalität im Laufe der Zeit geändert habe. So ganz erschliesst sich mir der Sinn jener gesonderten Anmerkung auf der Plastikkarte nicht, für die anderen, durchaus ebenso wichtigen Dokumente war ist sie ja auch nicht notwendig. Vielleicht gehe ich mal dem Bundesamt für Verkehr irgendwann einmal mehr auf die Nerven und frage nach, ob und welchen Sinn jene gesonderte Erwähnung von Geburtsort und Nationalität hat. Nicht, dass mir die Erkenntnis viel bringen würde, aber manchmal will ich einfach wissen – und nicht nur vermuten. Wohlgemerkt: Dieser Führerschein ist ein Dokument, welches von einem Bundesamt ausgestellt wird, genau wie der Schweizer Reisepass auch (im Gegensatz zur ID und dem „normalen“ Führerschein, die werden „nur“ von einem Kanton ausgestellt – und nicht dem Bund in Gänze). Aber offensichtlich scheint dem einen Bundesamt bestimmtes wichtiger zu sein, als dem anderen. Gut, das kenne ich bereits gut aus Deutschland. Trotzdem erstaunt mich dieses winzige Detail etwas…
Der Verfasser jenes Begleitschreibens wünschte mir abschliessend noch viel Freude bei der Ausübung meiner (in der Tat!) anspruchsvollen Tätigkeit. Schweizer Freude, also die mit Ziegengemecker, Bienenbrummen, Kuhglocken und glückseligem Lächeln? Oder doch eher die Geburtsortfreude mit Fluggebimmel, Hundebrummen und Berliner Gemecker? Da will sich dieser aktualisierte Führerschein wohl doch irgendwie nicht so recht festlegen. Warum auch immer.

Klein(gehaltene)-Kunst

Nach meinem Erachten gibt es eine sehr spezielle Verbindung zwischen Deutschland und der Schweiz, die wenn überhaupt nur unterschwellig oder am Rande zur Sprache gebracht wird. Alles, was im weitesten Sinne mit „Kunst“ zu tun hat, scheint in der Schweiz zumindest anders gehandhabt und gefördert zu werden, als in Deutschland. Wenn ich in Berlin (oder anderen Städten Deutschlands) Ausstellungen oder Aufführungen besuchte, so stolperte ich immer mal wieder über ein paar Merkwürdigkeiten, die ich erst besser zu begreifen verstand, als ich bereits länger in der Schweiz lebte. Ein paar Beispiele… Namhafte Maler der Schweiz waren nur selten in Deutschland ausgestellt, noch seltener gab es Ausstellungen, die sich allein mit Schweizer Malerei befassten. Dafür aber waren zahlreiche Kunstwerke anderer Maler, die in irgendeinem Museum ausgestellt wurden, Leihgaben aus Privatbesitz – sehr oft aus der Schweiz! Einige sehr bekannte Werke von Weltruhm gehören Schweizern, sind aber nicht von Schweizern gemalt worden. Ausstellungen, die sich zum Beispiel aber ausschliesslich und allein mit dem Maler Ferdinand Hodler (oder Hans Asper, René Bernasconi, Arnold Böcklin, den Giacometti-Brüdern und so vielen anderen mehr) befassten, gab es meines Wissens nach so gut wie nie oder nur sehr selten in Deutschland zu sehen – auch wenn einige von ihnen zu gewissen Zeiten vor allem in Deutschland zu Bekanntheit und Ruhm gelangten. Kunst wird in der Schweiz hingegen gerne gesammelt, wenn das notwendige Kleingeld dafür vorhanden ist, aber in der Schweiz selbst wird Schweizer Kunst nur selten dezidiert auch als solche beworben und über die Landesgrenzen hinaus bekannt gemacht – es sei denn, eine Kunst wird als „Kulturgut“ der Schweiz in Gesamtheit betrachtet. Auch wenn es in der Schweiz ein schier unüberschaubares Angebot an wirklich hervorragender Kunst gibt, so scheint nur wenig davon hinüber nach Deutschland zu schwappen. Natürlich gibt es einige Schriftsteller, Maler und Musiker aus der Schweiz, die auch in Deutschland bekannt und beliebt sind, einige sind überhaupt erst in Deutschland zu Bekanntheit gelangt (und eben nicht vorab schon in der Schweiz). Natürlich ist Deutschland attraktiver für Künstler, wenn es darum geht, sich selbst bekannt zu machen. In jenem Land eröffnen sich weitaus mehr Wege dafür, als in der auch in dieser Hinsicht eher kleinen Schweiz. Aber irgendwo scheint da eine kulturelle „Hürde“ in der Schweiz zu existieren. Nicht selten kann man nachlesen, dass gewisse Institutionen, die für die Kulturförderung in der Schweiz zuständig waren und sind, erhebliche Mühe mit Schweizer Künstlern hatten und auch immer noch haben, die inzwischen ausserhalb der Schweiz zu unangefochtenem Weltruhm gelangt sind. Manchmal erscheint es mir, als würde dieses kaum fassbare Ding mit Namen „Kunst“ in der Schweiz zuweilen absichtlich klein gehalten, damit sich diese Nation wenigstens ansatzweise mit dem identifizieren kann, was Bürger dieser Nation als Kunst erschaffen haben. Bei Ferdinand Hodler war das kaum ein Problem, Le Corbusier hingegen schien so manch einem Schweizer nicht schweizerisch genug zu sein. Nicht selten wurde das Verhältnis dieser Nation zu einem seiner kunstschaffenden Bürger zunehmend schwieriger, je bekannter dessen Name vor allem im Ausland wurde. Aber es gibt auch Beispiele dafür, wie ein bereits im Ausland sehr bekannter Schweizer Künstler nach Jahren oder Jahrzehnten der Ablehnung in der Schweiz fast schon von heute auf morgen wieder das geliebteste Kind jener Institutionen wurde, die ihm zuvor das Leben schwer gemacht hatten – als wäre nie etwas gewesen.

Zugegeben: Kunst, egal ob in Bild, Schrift oder Ton, ist eine Ausdrucksform, die zuweilen schwierig zu verstehen ist und viel Interpretationsspielraum lässt – und auch manchmal in kein bekanntes oder „angenehmes“ Umfeld passen will. Darüber hinaus sind Künstler auch nicht gerade selten Menschen, die zumindest ein klein wenig anders ticken, als „man“ (wer auch immer das sein soll) das vermeintlich erwarten darf. Wenn also eine Nation einen Künstler und sein Werk als eine Art „kultureller Botschafter eines Landes“ ansehen und entsprechend auch im Ausland bewerben will, kann es schwierig werden, da unterscheidet sich die Schweiz nicht von Deutschland (und mit grosser Wahrscheinlichkeit nach auch nicht vom Rest der Welt). Aber für meine Begriffswelt ist die Toleranzgrenze, was Kunst darf, kann und soll, in der Schweiz weitaus niedriger, als in Deutschland, wenn es um jene Botschafter-Funktion geht. Wen wundert das? Die Diplomatie ist wohl das, wofür die Schweiz im Ausland am besten bekannt sein dürfte (neben Uhren, Schokolade und Käse). Diplomatie vermittelt, sie eckt nicht an. Bei der Kunst sieht das schon ganz anders aus. Hoch stehende Schweizer Kunst erscheint mir nur ausgesprochen selten als „laut“, meinetwegen auch „sehr sperrig“, „kontrovers“, „nahezu unverständlich“, „knallig“, „provokativ“, dafür aber sehr oft als höchst „feinsinnig“, egal, ob international bekannt oder nicht. In diesem Land lernt man insbesondere als halbwegs gebildeter Deutscher, dass man sich hier nicht nur sprachlich, sondern eben auch künstlerisch besser differenzierter ausdrücken sollte, wenn man hier verstanden und akzeptiert werden will. Auch das nenne ich typisch Schweizerisch. Nahe liegender Weise ist so manch eine sehr feine Schweizer Kunst nur sehr wenigen Deutschen verständlich und genehm – und auch als solche überhaupt bekannt. Erst vor kurzer Zeit besuchte ich in Lugano ein fantastisches Museum, in welchem Werke von Schweizer Surrealisten ausgestellt waren. Ich habe mich viele Jahre zuvor mit dieser Stilrichtung der Malerei intensiv befasst, aber dass es einen sehr aktiven Kreis von Kunstschaffenden zu jener Zeit in der Schweiz gab, war mir weitestgehend unbekannt. Diese zum grossen Teil faszinierenden Werke hatte ich nie zuvor gesehen, in keiner Ausstellung und auch in keinem Kunstband, immerhin waren mir ein paar Namen bekannt. Nicht nur Namen einiger Künstler, sondern auch die Namen so manch eines Privatsammlers.

Ich kenne niemanden, der in der Schweiz lebend als Schweizer von der Kunst allein lebt, aber ein paar, die zumindest künstlerisch aktiv sind und sich mit ihrer Kunst ein Zubrot verdienen. Ich bin einmal der international bekannten Künstlerin Pipilotti Rist begegnet, die in dieser Hinsicht eine Ausnahme zu bilden scheint, aber da es sich um ein Zusammentreffen in privatem Kreise von nur sehr kurzer Dauer handelte und ich – ganz ehrlich gesagt – mit ihrer Kunst nur sehr wenig anfangen kann, ergab sich für mich auch nicht die Möglichkeit zu fragen, wie sie das macht – sollte dem auch so sein. Kunst kann zuweilen eine sehr kostspielige Angelegenheit sein, wenn sie Form annehmen soll und so konnte ich im Gespräch mit ein paar anderen zumindest zeitweise künstlerisch aktiven Menschen in Erfahrung bringen, dass es sehr hohe Hürden gibt, möchte man in der Schweiz staatliche Förderungen erlangen. Gut, das dürfte auch in Deutschland keine einfache Angelegenheit sein, aber nach den zahlreichen Schilderungen, die mir diese Menschen entgegenbrachten, wurde für mich deutlich, dass es dort zumindest ein klein wenig einfacher sein dürfte, sich einen Namen zu machen.  Es verwunderte mich auch nicht, dass in Gesprächen mit schriftstellerisch tätigen Menschen sich heraus kristallisierte, dass diese ihre Werke vor allem in Deutschland verlegen lassen würden. Deutsche Verlage scheinen andere, wenn nicht einfachere oder unkompliziertere Bedingungen zu stellen, als Schweizer Verlage, vielleicht ist es aber auch einfacher, das Buch eines Schweizer Schriftstellers in Deutschland unter die Leute zu bringen, als in der Schweiz. Wie so oft aber dürfte aber vor allem der Kostenfaktor eine Rolle spielen. Und welche Rolle vor allem „das liebe Geld“ in der Schweiz spielt, darüber lasse ich mich gegebenenfalls besser in einem anderen Beitrag aus. Apropos „Verlage in Deutschland“: Immer mal wieder wurde ich darauf angesprochen, ob ich nicht vielleicht mal ein Buch schreiben wollen würde (das wurde ich aber noch nie von einem Verlag gefragt, weder in der Schweiz, noch in Deutschland, nur von Privatpersonen). Ich schlage mich mit diesem Gedanken bereits seit sehr vielen Jahren herum und tatsächlich habe ich da drei „Werke“ im Kopf, an einem schreibe ich sogar ab und an. Das erste Werk kann nur ein Klon von mir selbst verstehen und bis jetzt existiert das bestenfalls rein fragmentarisch in meinem Kopf. Also wird das aller Wahrscheinlichkeit nach nie geschrieben, geschweige denn veröffentlicht werden, das würde niemand verstehen. Und wahrscheinlich auch nicht aushalten, was da dann geschrieben stehen würde. Das zweite Werk ist im Kopf nahezu fertig (Arbeitstitel: „Ich im öffentlichen Dienste Zürichs“ oder so ähnlich), wird aber erst geschrieben, verlegt und gedruckt, wenn ich meinen aktuellen Beruf nicht mehr ausübe und vor allem aus im weitesten Sinne „juristischen“ Gründen nicht mehr in der Schweiz leben sollte – und das überhaupt jemals verlegt werden sollte, egal, ob in der Schweiz, Deutschland oder sonstewo. Das dritte Werk, an welchem ich gerade erst vor kurzer Zeit dem bisher (und hoffentlich ein- für allemal) letzten Kapitel ein paar Zeilen hinzugefügt habe und welches sich im weitesten Sinne mit mir und den „Persönlichkeiten“, die mich im Laufe meines Lebens intensiver begleitet (und dann ad acta gelegt) haben, befasst, wäre – rein theoretisch – verlegbar. Aber sicherlich nicht in der Schweiz. Vielleicht sollte ich ein ganz anderes (schweizerisches?) Thema suchen. Vielleicht sollte ich aber auch gar nicht mehr schreiben (zumindest in Bezug auf Werk Nummer 3 kenne ich ein paar „Persönlichkeiten“, die darum nicht undankbar wären…). Kunst ist so eine grauenhaft launische Angelegenheit…

In der „Ausgangsuniform“ der Freiwilligen Feuerwehr Zürichs absolvierte ich einst den obligatorischen „Feuerwachrundgang“ im Schauspielhaus von Zürich, dem „Pfauen“. In der Pause setzte ich mich in die Personalkantine. Auf der Bühne wurde irgendein Werk von Samuel Beckett aufgeführt, den ich grundsätzlich sehr schätze, aber ich hatte dieses Werk bereits mehrfach gesehen (vor allem an anderen Orten auch ausserhalb der Schweiz) und diese Aufführung haute mich nicht vom Hocker, auch wenn sie durchaus „solide“ war. Ich knabberte an meinem „Sandwich“ und nuckelte an der „Cola Zero“, während ich den Gesprächen in der Personalkantine lauschte. Eine Statistin unterhielt sich mit dem „Bar Keeper“, er in Züri-Düütsch, sie in Hochdeutsch mit leichtem Akzent aus der Region Franken in Deutschland. Ich wurde neugierig, stellte mich vor und setzte mich zu ihnen. Irgendwann fragte ich die Statistin, wie und warum sie in Zürich gelandet sei. „Als ausgebildete Schauspielerin verdiene ich hier besser. Aber irgendwie komme ich hier auch nicht weiter. Vielleicht gehe ich irgendwann wieder zurück.“ entgegnete sie. Einmal mehr stellte ich fest, dass Kunst im Zweifelsfalle doch etwas mit „Geld“ zu tun hat, auch wenn wie in diesem Falle die Kunst der Schauspielerei aufgrund der Fähigkeit zum Hochdeutschen von Deutschland in die Schweiz herüber geschwappt war – aus rein monetären Gründen, nicht aber künstlerischen. Auch eine Form der Verbindung zwischen der Schweiz und Deutschland.

Rattenschwanz

Vielleicht kennen Sie das: Man bewirbt sich auf einen neuen Beruf, nachdem man eine Stellenausschreibung für interessant befunden und sich über ein jeweiliges Berufsbild informiert hat, bekommt einen positiven Bescheid und stellt dann mehr oder minder bald fest, dass da noch „Dinge“ sind, die weder bei der Stellenausschreibung, noch bei der Beschreibung des Berufsbildes an sich oder von irgendjemandem, der oder die den jeweiligen Beruf ausübt, in welcher Form auch immer erwähnt wurden. Man ist auf eine gewisse Form der (An-)Werbung angesprungen, hat sich davon beeindrucken lassen und stellt fest, dass die Realität dann doch zumindest ein klein wenig „anders“ aussieht. Wirklich, für meine Begriffswelt ist „Werbung“ die subtilste aller erdenklichen Formen von Manipulation des menschlichen Geistes, ein Meisterwerk der Hintertriebenheit schlechthin! Aber es geht nicht um jene Subtilität oder Hintertriebenheit, sondern um ein paar Dinge, die nicht zur Sprache gebracht werden (zumindest nicht offensichtlich und auch nicht offiziell), wenn es um dieses ominöse Ding mit Namen „Einbürgerung“ geht, Dinge, die mit all dem in Zusammenhang stehen, aber nicht unbedingt naheliegend oder gar selbsterklärend erscheinen, dafür aber weitere administrative Schritte zur Folge haben – einen „Rattenschwanz nach sich ziehen“, wie man das in meiner Heimat zu nennen pflegt. In meinem Falle bin ich eher zufällig über so einen Rattenschwanz gestolpert, als ich mich dazu entschloss, mir dann doch mal nach über zehn Jahren ein neues Portemonnaie zuzulegen. Das neue lag auf dem Tisch (zum Schutze meiner inzwischen zahlreichen „Identitäten“ sogar ein RFID-sicheres Exemplar), das alte bereit zur Plünderung daneben. Ich nutze die Gelegenheit und entfernte bei dem Transfer von Alt zu Neu noch ein paar Karten und Dinge, die ihre Bedeutung oder persönliche Wertigkeit für mich verloren hatten und bestückte das neue mit den Utensilien, die man dabei haben sollte (und ich selbst aus eigener Erfahrung immer dabei haben will). Bei diesem Transfer fiel mir auch ein Führerschein in die Hände, den ich beruflich bedingt zwingend benötige und welcher im Gegensatz zu einem regulären Motorfahrzeug-Führerschein für PW, Motorrad oder Roller nur zeitlich begrenzt gültig ist: Mein Tram-Führerschein. Auf jenem Führerschein waren die üblichen Notwendigkeiten vermerkt, so auch meine Nationalität, unter welcher ich jenen Führerschein erworben hatte – gemäss Schweizer Anforderungen zum Erwerb jenes „Triebwagenführerscheins“, wie das Ding offiziell genannt wird. Auf jener Plastikkarte stand „Deutschland“. Ich habe nicht die geringste Ahnung, ob und welchen Unterschied es macht, ob dort nun „Deutschland“ oder „Schweiz“ vermerkt ist (aus rein beruflicher Sicht), aber dass es einen Unterschied macht, sollte ich kurz nach Transfer der Inhalte meiner portablen Identitätstaschen erfahren…

Mehr aus Neugier gepaart mit schierem Unwissen stöberte ich im Netz der Netze herum um zu ermitteln, ob dieser nur zeitlich begrenzt gültige Führerschein an meine neuen „staatsbürgerschaftlichen Gegebenheiten“ angepasst werden müsste, wurde aber nicht fündig. Wer „den Liedtke“ wenigstens ein klein wenig kennt, wird wissen, dass dieser manchmal nicht lange fackelt: „Über Jahre hinweg habe ich in diesem Staate Steuern gezahlt, ohne direkten Einfluss darauf zu haben, wie diese verwendet werden, nun aber habe ich das Recht dazu, an entsprechenden Stellen nachzufragen, denn ich habe all diese Jahre auch diese Stellen und Ämter mitfinanziert!“. Lange Rede, kurzer Sinn: Eine für meine Verhältnisse eher kurz gehaltene E-Mail wanderte zu dem für solche Fälle zuständigen Amt, dem BAV (Bundesamt für Verkehr – und noch so einige andere Dinge). Und dieses Amt beantwortete mir meine Anfrage recht zügig, ebenso recht „reduziert“ formuliert, fast schon effektiv-deutsch: Mein Führerschein für Triebfahrzeuge (Trams) müsste aktualisiert werden, der Eintrag „Deutschland“ auf jenem Ding durch „Schweiz“ ersetzt werden. Dieser Prozess gestaltete sich länger, als ich das von vergleichbaren kannte, da einerseits der Bund mit Namen „Schweiz“ und andererseits mein Arbeitgeber für diesen besonderen Führerschein zuständig sind – im Gegensatz zum Führerschein für PW und / oder Motorrad, für den ist „nur“ das Strassenverkehrsamt eines jeweiligen Kantons zuständig. Und auch diesen musste ich an die neuen Gegebenheiten anpassen lassen, was vergleichsweise zügig über die Bühne ging. Obwohl beide Institutionen sowohl mit „Fahrzeugen“, als auch „Verkehr“ zu tun haben, stellten sie unterschiedliche Anforderungen für diese notwendigen Modifikationen. Das BAV verlangte einen rechtsverbindlichen Nachweis über die Rechtmässigkeit meiner Staatsbürgerschaft. Dafür kommen allein der „Bürgerrechtsnachweis“ und / oder der „Personenstandsnachweis“ in Frage, die ich bereits zuvor hier näher beschrieben hatte. Das kantonale Strassenverkehrsamt begnügte sich mit der Kopie meiner Schweizer Identifikationskarte und / oder mit einer meines Schweizer Reisepasses. Allerdings legt das Strassenverkehrsamt im Falle der Identifikationskarte grossen Wert darauf, dass beide Seiten der Plastikkarte kopiert werden. Warum auch immer. Auch wunderte es mich nicht sonderlich, dass dieses Amt im Gegensatz zum BAV eine Pass-taugliche Fotografie von mir selbst benötigte. Es scheint dem Kanton Zürich irgendwie zu gefallen, dass ich nunmehr auf zahlreichen „Identitätsnachweisen“ meinen fragwürdigen Gesichtsausdruck hinterlassen habe. Ohne glückseliges Schweizer Lächeln

Der Erwerb der Schweizer Staatsbürgerschaft zieht also einige kostenpflichtige Administrativarbeiten nach sich, die den Gesamtbetrag der Kosten eines Einbürgerungsprozesses anwachsen lassen können, auch wenn sie nicht in direktem Zusammenhang mit einer Einbürgerung stehen. Allerdings muss ich dazu anmerken, dass ich im Rahmen des Prozesses an sich an keiner Stelle darauf hin gewiesen wurde, dass Modifikationen wie diese zwingend zu erledigen sind. Ich bin in ein paar Stillen Minuten nochmals sämtliche Dokumente durch gegangen, die ich zu alledem erhalten habe, um diesen Umstand zu untermauern. Mit anderen Worten: Wäre ich nicht neugierig gewesen, so hätte ich wohl erst von dieser zwingenden Notwendigkeit erfahren, wenn ich aus was für einem Grunde auch immer diese Führerscheine hätte vorweisen müssen. Und das hätte weitere „Kosten“ nach sich ziehen können. Somit plünderte ich später alle meine wichtigen Dokumente und Ausweise um sicher zu stellen, dass diese nicht auch irgendwie umgeschrieben werden müssten, wurde aber nicht fündig. Immerhin hatte sich der Erwerb des „Personenstandnachweises“ und des „Bürgerrechtsnachweises“, die ich einst aus blankem Jux und Dollerei erworben hatte, bereits ausgezahlt. Ich empfehle Ihnen daher, sich vorab zu informieren, welche Dokumente, die sie aus Ihrem Heimatland mit in die Schweiz genommen haben, darauf hin zu überprüfen, ob diese dezidiert angepasst werden müssen, wenn Sie beabsichtigen, sich einbürgern zu lassen.

Touring Club Schweiz

Vor sehr, sehr vielen Jahren reiste die komplette Familie Liedtke – wenn ich mich recht entsinne – nach Frankreich. Zu diesem Zwecke musste einmal mehr unser VW Bus (in der Schweiz auch gerne „Bully“ genannt) Baujahr 1968, luftgekühlter Motor, zweifarbige Lackierung (Orange & Weiss) und bereits mit neuartiger Schiebe- statt Klappseitentür ausgerüstet, jeden einzelnen Quadratzentimeter Stauraum opfern, damit diese sechsköpfige Familie bei brütenden Temperaturen ohne Klimaanlage auch das Ziel wenigstens einigermassen spartanisch-komfortabel, wenn auch sicherlich vollkommen überladen, erreichen würde, was dieses treue Fahrzeug auch tat. Auf dem Rückweg aber, kurz nach der Grenze zwischen Deutschland und Frankreich, erwachte meine Mutter aus dem rollenden Sommer-Hitze-Tiefschlaf, wendete sich meinem Vater zu und liess den einen Satz fallen, den ein Mann und Familienvater in Angesicht von weiteren 700 zu fahrenden Kilometern bei noch brütenderer Hitze als auf dem Hinweg garantiert nicht hören will: „Du, Schatz, da klingt irgendetwas anders.“. Merke: Frau kann monate-, wenn nicht jahrelang mit einer glimmenden Warnlampe im Armaturenbrett herumfahren, das beeindruckt Frau meistens nicht sonderlich, weil das schon immer so war und bis jetzt nichts passiert ist (leicht dem Kontext angepasstes Orginalzitat!). Hauptsache, im Sommer funktioniert die Klimaanlage und im Winter die Sitzheizung. Wenn Frau aber Mann mitteilt, dass da was auch immer ein klein wenig anders klingt (und eben nicht anders aussieht), als sonst, dann ist das Drama vorprogrammiert. Es kam, wie es kommen musste. Der VW Bus blieb ausserplanmässig irgendwo in der Pampa stehen, ein Mechaniker musste kommen und noch Wochen danach fluchte mein Vater kaum hörbar, aber sehr energisch über die in Folge ausgestellte Rechnung. Bereits damals „offerierten“ findige Mechaniker auf den Pannenstreifen Deutschlands Mitgliedschaften im „ADAC“ (Allgemeiner Deutscher Automobilclub), um die zu erwartenden Kosten zu senken. Aber auch hier kam alles, wie es kommen musste und erneut liess meine Mutter irgendwann einen Satz fallen, den ein Mann und Vater einer Grossfamilie nun einmal auch nicht unbedingt hören will: „Du, Schatz, meinst Du nicht, dass es mal langsam Zeit für einen neuen Bus wird?“. Der ADAC wurde bei unserem alten VW Bus nicht mehr aktiv. Als dann Jahre später sein Nachfolger, ein noch spartanischerer ausgestatteter Mitsubishi L300, auf der Autobahn zwischen Brandenburg und Berlin auf einmal eine riesige weiss-graue Rauchwolke hinter sich her zog, war es zu spät für den ADAC. Nicht lange darauf kündigte mein Vater die Mitgliedschaft im ADAC, dessen Hauptsitz ironischer Weise gerade einmal drei Häuserblocks von der elterlichen Wohnung entfernt lag. Ich hatte aus alledem gelernt, das Frau in Bezug auf die ordentliche Funktion motorisierter Fahrzeuge wohl ein „musikalisch-harmonisches“ Empfinden zu haben scheint (vorausgesetzt, die Temperaturregulierung funktioniert einwandfrei und die Scheiben sind zumindest so sauber, dass man auf das Tragen der eigentlich obligatorischen Sehhilfe aus Gründen der Eitelkeit – Verzeihung, allgemeinen Harmonie – verzichten kann), während Mann eher von der „optischen“ Sorte ist. Wo nichts warnblinkt, ist auch nichts, egal, wie „belastet“ das Fahrzeug auch klingen mag. Wenn aber jene musikalische Belastungsharmonie nicht mehr stimmt, dann bleibt die Karre nun einmal stehen. Und dann kann es teuer werden – ein Prinzip, welches nicht nur auf motorisierte Fahrzeuge zutrifft, ganz nebenbei angemerkt.

Nun mache ich mich selbst in absehbarer Zeit auf den Weg in ferne Gefilde, vollkommen alleine mit einem Motorrad. Unter einem Helm motorisch-musikalische Harmonie wahr zu nehmen, ist bestenfalls nur begrenzt möglich. Und meine Maschine entspricht in etwa heute unserem alten VW Bus von damals. Ein zuverlässiges Ding, gross, unhandlich, sperrig, säuft je nach Fahrstil wie ein Loch, ein über Jahrzehnte hinweg erfolgreich weiter entwickelter und sehr zuverlässiger Motor (in gewissem Sinne also auch ein Spiegelbild von mir selbst). Aber wenn was ist, dann ist etwas. Nämlich dann meistens nix mehr. Bisher aber ist noch keines meiner Motorräder irgendwo in der Pampa stehen geblieben und zumindest in Deutschland und der Schweiz konnte und kann ich mir sicher sein, dass ich in so einem Falle vor keinem unlösbaren Problem stehen würde – ohne Mitgliedschaft in einem Fahrzeugclub. Trotzdem schloss ich vor kurzer Zeit einen Vertrag mit dem Schweizer Gegenstück zum deutschen ADAC ab, dem TCS (Touring Club Schweiz), da in dem Gebiet, in welchem ich mich aufhalten werde, sogar banale Tankstellen eine Seltenheit und gewisse Strecken, die ich befahren möchte, bestenfalls weit entfernt vom normalen Strassenstandard sind. Der Vertragsabschluss verlief schön „Swissy“, wie ich das zu nennen pflege. Alles war in weniger als 24 Stunden online erledigt und bestätigt (beim ADAC seinerzeit ging das alles mit der zumindest damals noch zuverlässigen und schnellen Deutschen Post per Brief und dauerte entsprechend länger, das Internet gab es damals so noch nicht). Heute gibt es für alles eine „App…“, sogar mit Dolmetscher-Funktion und die werde ich brauchen, sollte mein Zweirad beschliessen, ein anderes Verständnis von Harmonie zu entwickeln, als ich. Natürlich hoffe ich, dass ich die Dienstleistungen des TCS nicht in Anspruch nehmen muss, aber wenn, dann werde ich sicherlich recht bald erfahren, ob sich der Vertragsabschluss gelohnt hat und ob sich ein „Produkt“, welches sowohl in der Schweiz, als auch in Deutschland erhältlich ist, so weit in den relevanten Punkten unterscheidet, dass man das eine in „typisch Deutsch“ und das andere „typisch Schweiz“ unterteilen kann.

Sollte eine solche Differenzierung so nicht möglich sein, so habe ich mir den frühest möglichen Kündigungstermin zu jenem Vertrag bereits im Kalender notiert. Typisch ich. Typisch Deutsch. Aber ich fahre ja auch als Doppelbürger mit einem deutschen Motorrad, welches in Bayern konzipiert, aber in Berlin gebaut wurde in Gegenden herum, die manchmal Schweizer Diplomatie erfordern könnten. Auch typisch ich.

Was sich geändert hat

Wie bereits hier angedeutet, wurde zum 1. Januar 2019 das Ausländergesetz in einer neuen Fassung aktiv, das Wahlvolk der Schweiz hatte beschlossen, die Kriterien, nach welchen ein Ausländer sich in der Schweiz aufhalten, niederlassen oder einbürgern kann und darf, zu verschärfen. Ob es sich wirklich um eine Verschärfung handelt, mag dahin gestellt bleiben, aber darum geht es nicht in diesem Beitrag. War es vor dem 1.1.2019 ohnehin schon kein einfacher Weg, so ist es seit jenem Datum sicherlich nicht einfacher geworden, nachwievor werden im internationalen Vergleich die Hürden, die die Schweiz einwanderungs- und einbürgerungswilligen Menschen in den Weg stellt, als „sehr hoch“ angesehen. Ich persönlich erachte gewisse Aspekte als zwingend notwendig, wenn man dauerhaft hier leben will – oder in welch einem Land auch immer, insofern erscheinen mir ganz persönlich nur einige Aspekte als verschärft, nicht aber alle. Was aber hat sich geändert? Grundlegend enthält das neue „Ausländer- und Integrationsgesetz“ einige Punkte, die in ihrer neu festgelegten Klarheit in der alten Fassung nicht oder nur ansatzweise enthalten waren. Folgende Aspekte sind nunmehr deutlich fest gehalten: Man darf nicht straffällig werden, Gleichberechtigung von Mann und Frau ist zu respektieren, Meinungsfreiheit ist zu respektieren, Religionsfreiheit ist zu respektieren, Anordnungen von Behörden ist Folge zu leisten, Rechnungen sind zu bezahlen, man ist nicht von der Sozialhilfe abhängig und arbeitet und man hat Deutsch zu sprechen und zu verstehen. Je nach Sichtweise, Standpunkt, eigener Überzeugung und Einstellung, Bildung, Kulturkreis, Selbstidentifikation etc. ppp. dürfte klar sein, warum der eine oder andere Aspekt dieser Grundlagen durchaus eine Verschärfung für einen interessierten Menschen darstellen könnte. Aber für meine Begriffswelt ist all das nicht nur nahe liegend, sondern auch selbstverständlich und in einigen Punkten auch zwingend notwendig, dass Integration auch Anpassung bedeutet – nicht grenzenlos und auch nicht bis zur Selbstaufopferung, das sicherlich nicht. Ohne diese Grundlagen aber ist der so wichtige soziale Frieden in einer Gesellschaft schlicht und ergreifend nicht erreichbar. Ob aber sich aber so manch ein Eidgenosse oder bereits seit sehr vielen Jahren hier eingebürgerter Schweizer ebenso an diese Grundlagen hält, das steht auf einem ganz anderen Papier…

Wie so oft liegt die Tücke eines (in diesem Falle überarbeiteten) Gesetzeswerkes im Detail – und nicht in den Grundlagen. Und um jene Details geht es in diesem Beitrag. Neu ist, dass die beiden bekanntesten Bewilligungen zum Verbleib in der Schweiz – Ausländerausweis B und Ausländerausweis C – nunmehr nach anderen oder zusätzlichen Kriterien vergeben werden. Vor dem 1.1.2019 erhielt man als Bürger der EU den „einleitenden“ Ausländerausweis B dann, wenn man entweder mit einem Bürger der Schweiz verheiratet war und / oder ein geregeltes Einkommen in der Schweiz hatte – und somit also auch damals bereits nicht abhängig von Sozialhilfe war. Dieser Ausweis musste verlängert werden, man musste nachweisen, dass sich an den grundlegenden Gegebenheiten nichts verändert hatte. Nach zehn Jahren ununterbrochenen Wohnens in der Schweiz mit dem Ausländerausweis B (auch „Aufenthaltsbewilligung“ genannt) konnte der Ausländerausweis C (auch „Niederlassungsbewilligung“ genannt) beantragt werden, welcher dann auch oft nahezu „automatisch“ erteilt wurde. In meinem Falle war das eine Formalität, ich musste nichts von mir aus selbst aktiv nachweisen, der Ausweis C war für mich logische Konsequenz aus dem Ausländerausweis B. Der Ausweis C hätte mir verweigert werden können, wäre ich innerhalb jener zehn Jahre zuvor straffällig geworden, wobei anzumerken ist, das Straffälligkeit bei Besitz des Ausweises B nahezu ausnahmslos zu einem Landesverweis geführt hätte. Mir oder anderen den Ausweis C zu entziehen, wäre schwierig geworden – aber auch nicht unmöglich. Seit dem 1.1.2019 hat sich alles das geändert. Neu ist, dass sowohl für den Erwerb des Ausweises B, als auch für den Erwerb des Ausweises C zusätzlich zu den Grundlagen – die entsprechend dann von zuständigen Behörden überprüft werden – ein Sprachtest zu absolvieren ist, welcher sich an dem Europäischen Referenzrahmen orientiert, somit zwar nur eine Empfehlung darstellt, aber dennoch relativ klar umschreibt, wie Sprachvermögen zu kategorisieren ist. Mit anderen, etwas verallgemeinernden Worten: Will man sich überhaupt erst einmal für längere Zeit in der Schweiz aufhalten, muss man bereits zu Beginn nachweisen können, dass man sich in der Schweiz mit Hilfe wenigstens einer der hier anerkannten Amtssprachen schriftlich und mündlich verständigen kann. Kann dies nachgewiesen werden, erhält man den Ausländerausweis B, die „Aufenthaltsbewilligung“. Um nach genannter Frist die Niederlassungsbewilligung (Ausländerausweis C) zu erlangen, muss ebenso neu nachgewiesen werden, dass man sich hier schriftlich wie mündlich verständigen kann, wobei anzumerken ist, dass die Anforderungen von „A1“ (für den Ausländerausweis B) auf „A2“ (für den Ausländerausweis C) angehoben sind. Wenn man bedenkt, dass die Stufe „A“ im Prinzip die grundlegende Fähigkeit zur Äusserung in schriftlicher und mündlicher Form in einer hier anerkannten und verstandenen Sprache darstellt und jeweilige Gesprächspartner geduldig und helfend der- oder demjenigen entgegen kommen (indem diese zum Beispiel Hochdeutsch und eben nicht Schweizerdeutsch sprechen…), welche oder welcher die hier üblichen Amtssprachen nicht von Geburt an spricht sondern erst erlernen musste, so würde ich meinen, dass das allemal zulässig ist, wenigstens dieses Niveau von jemandem zu verlangen, der dauerhaft in der Schweiz (oder welchem Land auch immer) leben will. Aber aus eigener Erfahrung kann ich Ihnen mitteilen, dass ich in der Schweiz auf Menschen getroffen bin, die den Schweizer Pass inne hatten, aber dennoch keine einzige hier anerkannte Amtssprache auch nur ansatzweise fliessend sprechen konnten, vom Schreiben mal ganz zu schweigen…

Neu ist, dass sowohl die Aufenthaltsbewilligung (Ausländerausweis B), als auch die Niederlassungsbewilligung (Ausländerausweis C) entzogen werden können, wenn einige oder alle Kriterien der Integration nicht erfüllt werden. Nochmals zu Erinnerung: Der Ausweis C wurde de facto automatisch ausgestellt, wenn man sich zehn Jahre mit Ausweis B nichts zu Schulden hatte kommen lassen, egal, ob überhaupt ein Sprachniveau vorhanden und geprüft worden war war oder nicht. Um das klar zu stellen: Mir ist nicht bekannt, ob diese seit dem 1.1.2019 in Kraft getretene Regelung auch für diejenigen gilt, die vorher bereits eine Aufenthalts- oder Niederlassungsbewilligung inne hatten! Hierzu habe ich bisher keine weiter führenden Informationen gefunden, aber vielleicht frage ich bei Zeiten bei zuständigen Behörden mal nach. Wann aber kann eine Bewilligung wieder entzogen werden? Wie bereits angedeutet kann nunmehr auch neu die Niederlassungsbewilligung (Ausländerausweis C) entzogen werden, wenn „man“ sich nicht gut genug integriert hat. Alle fünf Jahre muss dieser Ausweis verlängert werden, also muss auch alle fünf Jahre nachgewiesen werden, dass man sich integriert hat. Bestehen Zweifel ob der geforderten Integration, kann ein hier lebender Mensch seine Niederlassungsbewilligung (Ausländerausweis C) verlieren. Dieser wird dann durch die Aufenthaltsbewilligung (Ausländerausweis B) ersetzt. Ein Antrag auf Neu-Erstattung der Niederlassungsbewilligung kann dann frühestens nach fünf Jahren wieder gestellt werden. Ähnlich verhält es sich mit dem Ausländerausweis B (Aufenthaltsbewilligung). Auch hier muss neu immer wieder nachgewiesen werden, dass sich eine Bewerberin oder ein Bewerber integriert hat. Bestehen hier Zweifel, wird die Aufenthaltsbewilligung entzogen und man hat das Land zu verlassen. Wann man es dann wieder dauerhaft betreten und hier längerfristig leben darf, entzieht sich meiner Kenntnis. War in meinem persönlichen Falle die Beantragung des Schweizer Passes und des Schweizer Bürgerrechtes die grösste Hürde, so ist es nunmehr bereits der Ausländerausweis B oder C – und diesen erteilen in der Regel die jeweiligen Gemeinden eines Kantons und nicht der Staat Schweiz! Es ist kein Geheimnis, dass gewisse Gemeinden höchst eigenwillige und in einigen Fällen zutiefst fragwürdige Kriterien für die Beurteilung einer erfolgreichen Integration ins Feld führen. Auf der anderen Seite ist es aber auch kein Geheimnis, dass findige Menschen zumindest bis zum 1.1.2019 sehr genau wussten, wie sie eben auch an die für sie so wichtigen Dokumente gelangen konnten…

Bisher hatte ein jeweiliger Kanton die „Entscheidungshoheit“ darüber, ob ein Mensch, der längerfristig in jenem Kanton (und eben nicht in der Schweiz gesamthaft!) leben wollte, dass auch durfte, entsprechend wurde gemäss geltendem Gesetz die jeweilige Bewilligung erteilt. Daran hat sich auch nichts geändert, weiterhin hat sich auch nichts daran geändert, dass es immer die jeweilige Gemeinde, in der ein Ausländer gedenkt dauerhaft zu leben, ermittelt, ob ein Mensch „bewilligungsfähig“ ist oder nicht und eine entsprechende Empfehlung dem übergeordneten Kanton weiter reicht oder nicht. Neu aber ist, dass nicht der Staat Schweiz und auch nicht ein jeweiliger Kanton, sondern bereits eine Gemeinde die grösste Hürde sein kann, wenn man sich dazu entscheidet, hier in der Schweiz länger leben zu wollen und genau das kann in Abhängigkeit von der jeweiligen Gemeinde durchaus eine Verschärfung darstellen. Zugegebener Massen habe ich mich bisher noch nicht intensiv damit befasst, ob Ausländer seit dem 1.1.2019 überhaupt eine Einspruchsmöglichkeit haben, sollte Zweifel an erfolgreicher Integration bestehen und wie jene Einspruchsmöglichkeit aussieht. So oder so dürfte aber als gesichert gelten, dass Einspruch gegen den Entzug einer Aufenthaltsbewilligung (Ausländerausweis B) oder Niederlassungsbewilligung (Ausländerausweis C) zumindest Sprachniveau B1 oder B2 von Nöten sein dürfte. Für solche Vorgänge reicht A1 oder A2 nicht mehr. Wie das mit Gesetzen nun einmal ist: Auch wenn die seit dem 1.1.2019 in Kraft getretenen Veränderungen als „Verschärfung“ angesehen werden können, so liegt es in der Natur von Gesetzen im Speziellen, wie auch der Jurisdiktion im Allgemeinen, dass Handlungs- und Interpretationsspielräume existieren. Daran hat sich ebenso seit dem 1.1.2019 nichts geändert. Ob aber überhaupt solche Spielräume existieren und zur Anwendung kommen, hängt seit dem 1.1.2019 in erster Linie von der jeweiligen Gemeinde ab, in der ein Ausländer – nein, eben nicht mehr bereits lebt – sondern zu leben gedenkt. Mit anderen Worten: Man muss sich das gut überlegen, ob man auf dem Grunde der Confoederatio Helvetica hier oder vielleicht doch lieber dort leben möchte. Kleine Empfehlung meinerseits an dieser Stelle: Die Gemeinde mit Namen „Oberwil-Lieli“ ist im Kanton Zürich für meine Begriffswelt kein empfehlenswerter Ort. Die Gemeinde mit Namen „Buchs“ im Aargau auch nicht…

Horizontverkleinerung

Das erste „technische“ Gerät, welches ich in meinem Leben mein Eigentum nennen durfte, war ein uraltes Radio, ein Erbstück, wenn ich mich recht entsinne. So ein Ding aus einem Holzrahmen, grossflächig an der Vorderseite mit einem Stoff im Stil der frühen 60er Jahre bespannt, zwei leicht angegilbte grosse Knöpfe, ein grosser Lautsprecher auf der Rückseite und die gelblich leuchtende Skala mit allerlei Orts- und Sendernamen aus der ganzen Welt. In Berlin (West) konnten wir nicht sehr viele Sender empfangen, einige waren schlicht und ergreifend zu weit weg, andere wurden wahrscheinlich von den Sowjets gezielt gestört, so war es auch meistens eher Glück, wenn man den Senderwahlknopf ganz nach rechts auf die Station „Beromünster“ drehte und anschliessend auch etwas hören konnte. Aus der Schweiz drang nicht sehr viel zu uns auf der West-Insel im DDR-Deutschland. Sender Freies Berlin, AFN (American Forces Network), die englische BBC, DDR 1 und DDR 2 auf der Ultrakurzwelle, andere schon etwas „exotischer“ anmutende auf der Kurz-, Mittel- oder Langwelle. Nicht viel anders war das mit dem Fernsehen. Lange bevor in den achtziger Jahren mit SAT 1 der erste Privatsender zu empfangen war, gab es nur die öffentlich-rechtlichen Anstalten ARD, ZDF und SFB (Sender Freies Berlin Fernsehen) aus dem „Westen“ und DDR 1 und DDR 2 aus dem Osten. Viel aus dem „Osten“ wurde in unserer Familie nicht akustisch oder visuell konsumiert. Wenn überhaupt waren es im Radio Übertragungen klassischer Musik und aus dem Fernsehen die Ost-Nachrichten und die zum Teil sehr krausen Propaganda-Sendungen des „Schwarzen Kanals“. Aber letzteren sahen mein Vater und ich vergleichsweise oft. Auf diesem Wege vermittelte mir mein Vater die Fähigkeit (und auch Notwendigkeit!), bestimmte Themen immer von mehreren Seiten zu beleuchten und zu durchdenken – und auch nicht immer alles blind zu glauben, was da aus dem Äther schwallte und über den Bildschirm flimmerte. In bereits vergleichsweise jungen Jahren lernte ich, Prinzipien und Vorgehensweisen der Kommunikation und Informationsvermittlung sehr genau unter die Lupe zu nehmen und mir eine eigene Meinung zu bilden. Das ist bis zum heutigen Tage so geblieben. Ich höre zwar so gut wie nie Radio, das geht mir einfach zu sehr auf die Nerven, für Fernsehen habe ich bedauerlicher Weise oft nicht die Zeit, die ich gerne hätte, aber manchmal kaufe ich mir unterschiedliche Zeitungen sowohl aus Deutschland und der Schweiz (manchmal aber auch internationale Werke), um die Sicht auf ein bestimmtes Thema so umfassend wie möglich zu gestalten. Die gute alte Zeitung kann manchmal sehr viel Ruhe in die heutzutage auf mich sehr unruhig wirkende Medienwelt bringen! Und dennoch versuche ich zumindest die Nachrichten der öffentlich-rechtlichen Anstalten aus Deutschland und der Schweiz anzusehen, insbesondere dann, wenn es um Themen geht, die beide Länder betreffen.

Umgekehrt scheint das lange Zeit zumindest in der Grenzregion beider Länder so gewesen zu sein, dass auch viele Deutsche sich über die Sender des Schweizer Fernsehens informiert hatten, nun aber soll aus vorwiegend finanziellen Gründen Schluss damit sein. Ich bedauere das sehr! Nachdem ich jüngst mal wieder auch einen kurzen Blick in das „Angebot“ der privaten Sender in Deutschland geworfen hatte, war ich umso beruhigter, dass es überhaupt noch öffentlich-rechtliche Anstalten mit einem qualitativ hoch stehenden Programm gibt. Die systematische Verdummung, die Sender wie RTL, SAT 1, VOX und Konsorten betreiben, hat für meine Begriffswelt inzwischen ein Niveau erreicht, welches sich allenfalls nur noch geringfügig vom Intelligenzquotienten eines Neandertalers unterscheidet. Nachrichtensendungen sind extrem kurz gehalten, Unterhaltungsprogramme hingegen tagesfüllend. Und selbst wenn mal im privaten Fernsehen relevante Nachrichten gezeigt werden sollten, so lenkt in den meisten Fällen das Erscheinungsbild (gesponsort von irgendeiner Firma, nur heute und hier zum Vorzugspreis erhältlich, nur noch 12 von 2957 Stück vorhanden…) der oft weiblichen Neandertal-Moderatorin das Hirn des männlichen Neandertal-Betrachters (der sowieso meistens nur auf die nächste Fussball-Übertragung wartet) von der Relevanz einer Nachricht massiv ab. Die Deutsche Tagesschau (öffentlich-rechtlich) dauerte so lange ich denken kann immer 15 Minuten. Im privaten Fernsehen reichen oft 3 bis 5 Minuten. Die des Schweizer Fernsehens dauern meistens 30 Minuten – und das empfinde ich als wohltuend, da im direkten Vergleich das Schweizer Fernsehen sich mehr Zeit nimmt, ein Thema genauer zu beleuchten. Und genau das schätzten die Zuschauer aus Deutschland in der Grenzregion. Ich kann es durchaus und sehr gut nachvollziehen, dass es in diesem Gebiet Europas Menschen gibt, die so wie ich gerne beide Seiten einer Medaille betrachten wollen! Gerade wenn es um Themen geht, die beide Länder und politischen Systeme betreffen. Hier wird aus Kostengründen ein Informationshorizont verkleinert. Und das ausgerechnet in Zeiten, wo Erkenntnis und Verständnis für die Positionen sowohl der Schweiz, als auch der EU beiderseitig unerlässlich sind! Was früher die Störsender der Sowjets um West-Berlin waren sind nunmehr die Sparmassnahmen, zu denen das Schweizer Fernsehen vom Bund der Schweiz verdonnert wurden. Meiner Meinung nach wird hier am falschen Ende gespart. Es wird darauf verweisen, dass man alle Informationen auch über Streaming-Dienste und das Internet weiterhin sammeln könnte. Aber selbst ich, der vergleichsweise früh mit dem Ding „Internet“ in Kontakt gekommen war und dieses auch nachwievor intensiv nutzt, schaut auf solche Entwicklungen mit Argwohn. Das Radio war die Informationsquelle schlechthin, als in Europa und anderswo auf der Welt die Bomben fielen. Das Internet kann zusammen brechen oder massiv gesteuert, blockiert und kontrolliert werden. Über Antenne empfangene Signale sind und bleiben aber eine zuverlässige Alternative zum Internet – aus rein technischer Sicht.

Ein erstes Beispiel: Als am 11. September 2001 das World Trade Center in Schutt und Asche gelegt wurde, war der Verbindungsstandard „ISDN“ noch nicht weit verbreitet, die meisten Nutzer verwendeten noch klassische Telefon-Modems. Ich erinnere mich noch sehr gut an jenen Tag! Ich hatte in meinen Computer eine TV-Karte eingebaut, die vom Internet unabhängig Fernsehen empfangen konnte. Zeitweise war es an jenem Tag sehr schwierig, wenn nicht gar unmöglich eine Verbindung zum Internet in Berlin herzustellen, aber das Fernsehen funktionierte! Ein zweites Beispiel, welches Resultat aus den gesammelten Erkenntnissen des ersten Beispiels war (ja, war, leider): Eine Zeit lang gab es TV-Empfänger auch für Smartphones und Tablets, inzwischen sind die nur noch sporadisch anzutreffen. Ich besass eine Zeit lang solche Geräte und konnte mich immer informieren, auch wenn das mobile Internet manchmal über Stunden oder gar Tage hinweg nicht zur Verfügung stand. Nun gut, man kann sich auch überinformieren und ja, auch ich schätze es inzwischen sehr, nicht immer alles erfassen zu müssen und auch nicht mehr zu wollen, ich „filtere“ inzwischen recht gründlich und genau, ob etwas für mich wichtig und interessant ist oder nicht. Aber ich habe es nachwievor überhaupt nicht gern, wenn ein Informations- und Kommunikationsweg, das transportierende Mittel an sich, verschwindet, obwohl es nachweislich funktioniert hat und genutzt wurde. Aus Kostengründen zu „filtern“ ist meines Erachtens nach der vollkommen falsche Weg! Aber so, wie es zumindest derzeit aussieht, werden die Deutschen in der Grenzregion zur Schweiz auf TV-Sendungen aus der Schweiz, die zuvor über Antenne zu empfangen waren, verzichten müssen. Schade, wie ich meine. Denn so verschwindet ein weiterer Kommunikationsweg, der über viele Jahre hinweg zu mehr Einsicht und Verständnis geführt hat. Aber auch das ist typisch für unsere Zeit: Meinungen können auch indirekt gebildet werden, indem man alt bewährtes (wenngleich auch kostenintensives und unhandliches) durch neues, oftmals nur vermeintlich besseres und billigeres ersetzt. Die gebildete Meinung transportiert dann diese Information: Das alte war kostenintensiv und unhandlich, sperrig, unflexibel. Aber das neue ist einfach und kann mehr in viel kürzerer Zeit! Auf diesem Wege haben sich innerhalb der letzten zwanzig bis dreissig Jahre so ziemlich alle Kommunikationsmittel verändert. Aber auch ihre Inhalte und ihre Verfügbarkeit…

Geld aus Deutschland

Irgendwann im September 2011 wurde bekannt, dass ein Angehöriger der Schweizer Grossbank UBS Milliarden in den Sand gesetzt hatte. Es folgten zahlreiche Ermittlungen gegen Personen und Unternehmen aus nahezu dem gesamten internationalen Ausland wegen Steuerhinterziehungen und am Ende wurde das, wofür die Schweiz bis anhin auch auf der ganzen Welt bekannt war und als Aushängeschild dieser Nation gegolten hatte so weit aufgeweicht, dass es keines mehr war: Das Schweizer Bankgeheimnis (oder verständlicher formuliert: bis dahin wurde mit absolut niemandem in jenem Land darüber gesprochen, auf welchen Wegen woher auch immer das Geld stammte, welches auf Schweizer Nummernkonten hinterlegt worden war). Ganz nebenbei erinnernd angemerkt war es vor allem der Steuerzahler in der Schweiz, der die beiden Grossbanken CS und UBS am Leben erhielt und nicht bankrott gingen liess, somit finanzierte auch ich die Rettung dieser beiden Grossbanken gezwungener Massen mit, obwohl ich zu jenem Zeitpunkt nicht Bürger dieses Landes war. Inzwischen haben wohl eben jene beiden (und einige andere namhafte) Grossbanken sicherlich andere Wege gefunden, um das Tauschmittel mit Namen „Geld“ zu managen, wie man das so schön neuschweizerdeutsch nennt. Ob diese neuen Wege immer einwandfrei sind, möchte ich zumindest in Frage stellen. Immerhin müssen jene Banken nunmehr mit Institutionen sprechen, wenn danach verlangt wird. Welche langfristigen Auswirkungen das haben wird, kann nur jemand erfassen, der sich mit der Materie auskennt. Ich tue das nicht, deswegen äussere ich mich hierzu auch nicht weiter. Im Jahr 2011 geschah aber noch etwas ganz anderes, gerade einmal drei Monate später im Dezember. Am 11. jenes Monats stand die Musikergruppe „Rammstein“ auf der Bühne des Zürcher Hallenstadions. Wie so oft waren die Karten zu jenem Konzert innerhalb von NullKommaNix ausverkauft, um ausbleibende Besucher muss sich „Rammstein“ seit Jahren keine Sorgen mehr machen. Die Halle tobte, die Luft brannte, ein Konzert, wie man es von jener Gruppe kennt (wenn man sich dafür begeistern kann). Hinterher erschienen in den üblichen Publikationen Artikel, die wie schon so viele Male zuvor bereits geschriebenes nur in neue Worte kleideten, die ewige Diskussion darüber, was das nun eigentlich für eine Art von Musik sei, wie man diese zu kategorisieren hätte, ob das eigentlich zumutbar sei, solche Musik mit derartigen Texten öffentlich vortragen zu lassen, ob „Rammstein“ nicht doch Nazis seien und und und. Das wird sich nicht ändern, solange „Rammstein“ Musik macht. Aber ich fand keine Anmerkung zu einer Begebenheit, die sich ganz am Ende des Konzertes zutrug, mir aber seitdem umso deutlicher in Erinnerung geblieben war.

Der Sänger (und nein, „singen“ kann der nun einmal wirklich nicht, vielleicht will er aber auch nur nicht) baute sich nach dem letzten Klang der Instrumente in der Mitte der Bühne auf, nur ein Scheinwerfer war auf ihn gerichtet, ansonsten war die Halle stockdunkel. Da stand dieser Berg von Mann, schwitzend, sichtlich gefordert von dem, was er und seine Begleitung zuvor geleistet hatte. Es wurde schnell leise in der proppevollen Halle. In der für ihn typischen Art schaute er über das Publikum hinweg in ein Nichts, was nur er in jenem Moment sah und sprach dann für jeden gut hörbar diese Worte:

„Die Schweiz. Hier bringen wir unser Geld hin.“

Der Scheinwerfer erlosch, das Konzert war beendet. Ich musste schmunzeln. Ich hatte zwar nicht damit gerechnet, dass etwas derartiges geschehen würde, gewundert habe ich mich darüber aber auch nicht. Solche Aussagen gehören zum Standard-Repertoire von „Rammstein“, Aussagen, die gerne und oft als „spaltend“ bezeichnet werden. Um aber überhaupt spalten zu können, muss zunächst nachgedacht und erkannt werden, dass unterschiedliche Ansichten existieren, zumindest sehe ich das so. Und nichts anderes machte dieser Mann da oben auf der Bühne: In der Zeit, als sich langsam aber sicher abzeichnete, wie gross der Schaden wirklich war, den jene beiden Grossbanken angerichtet hatten, wieviele Menschen auch aus Deutschland Steuern hinterzogen hatten, indem sie ihr Geld zu jenen Banken in der Schweiz gebracht hatten, hatte dieser Mann nichts besseres zu tun, als diese Worte in den Raum zu sprechen und damit auf seine Weise zum Nachdenken zu bewegen. Ob nun „Rammstein“ oder einzelne Mitglieder dieser Gruppe wirklich eigenes Geld hier in diesem Land hinterlegt hatten oder nicht, entzieht sich meiner Kenntnis, ich möchte das aber bezweifeln. Nicht, weil ich diese Gruppe und ihre Musik sehr mag, sondern weil sie trotz aller Kritik an dem Land, in welchem sie geboren worden waren, an eben jenem Deutschland fest halten. Sie fliehen nicht aus dem Konstrukt, in welchem sie leben, sie bleiben dort. Von dort aus regen sie zum Nachdenken an. Zugegeben: Oft ein Nachdenken bis an sehr heikle Grenzen aller Arten und nicht selten auch weit über jene Grenzen hinaus. Auch über die Grenze zur Schweiz und vielen anderen Ländern dieser Welt. Geld, Korruption, Kindermissbrauch, Migration, Kannibalismus, Hass, Wut, Liebe, Leid – alles Themen, die an keiner Grenze Halt machen. Auch in der Schweiz nicht. Wie aber über all das gesprochen wird – wenn überhaupt – ist ein ganz anderes Thema. Insbesondere in der Schweiz.

In Laufe der Jahre sah ich „Rammstein“ noch in Basel und Luzern. Sie verloren kein einziges „Schweiz-spezifisches“ Wort an jenen beiden Konzerten. Vielleicht ändert sich das heute Abend, wenn sie in „dem“ Stadion der Schweiz schlechthin, dem „Stade de Suisse“ in Bern, einmal mehr zum Nachdenken anregen. Überraschen würde es mich nicht, insbesondere, wenn es um die Thematik „Ausländer“ geht. Sie haben sich bereits mehrfach mit diesem Thema inhaltlich und musikalisch auseinander gesetzt. Allein schon aus diesem Grunde empfinde ich das, was ich heute Abend zu hören bekommen werde, anders, als die meisten anderen Besucher. War es 2011 noch „das liebe Geld“, welches das Weltgeschehen bestimmte und die Schweiz in einen Fokus rückte, in welchem dieses Land definitiv nicht stehen wollte, so ist das Thema „Migration und Ausländer“ aktueller denn je. Auch in der Schweiz. „Rammstein“ wird so oder so viel Geld mitnehmen, nur aus der Schweiz nach Deutschland. Und nicht umgekehrt.

Grenzgänge, Teil 2

Wenn das Wetter gut ist, strömt die Schweiz an irgendwelche Seen oder Aussichtspunkte, wandert, treibt Sport (Anmerkung: Gesehen werden ist dabei unglaublich wichtig!), belagert Grillplätze und und und… Sollte ich an einem Schönwettertag mal frei und keine Lust dazu haben, gewissen „Pflichten“ nachzukommen (nennt man auch „absichtliche und gezielte Prokrastination“), mache ich nichts von alledem. Ich schnappe mir eine Karte der Schweiz und überlege, wohin ich fahren könnte, entweder mit dem ÖV oder meinem Motorrad. Ich streune sozusagen durch „mein“ grosses Revier und entdecke dabei Ecken, die in kaum einem Reiseführer erwähnt werden oder die mich aus ganz bestimmten Gründen gesondert interessieren. Als ich jüngst mal wieder die Karte der Schweiz vor der Nase hatte, entdeckte ich eine wahre territoriale Besonderheit, die ich in vergleichbarer Form bis anhin nur aus Berlin vor dem dem Mauerfall kannte: Die kleine Ortschaft „Büsingen am Hochrhein“, eine waschechte Exklave der Bundesrepublik Deutschland. Exklave? Der Begriff „Exklave“ bezeichnet ein Gebiet, welches zu einem bestimmten Staat gehört, aber rundherum – und das ist „wichtig“ – von einem ganz anderen Staat umgeben ist, sozusagen eine „territorial-politische“ Insel darstellt. Das ehemalige West-Berlin hatte bis zum Mauerfall derer drei Stück, zwei davon waren lediglich landwirtschaftlich genutzte Flächen. Die Bauern (ja, die Grossstadt Berlin hat bis zum heutigen Tage auch Bauern!) fuhren mit ihrem landwirtschaftlichen Gerät durch bestimmte Kontrollpunkte an der Mauer, um ihre Felder zu bestellen. Die dritte Exklave war der winzige Ort mit Namen „Steinstücken„. Als der kalte Krieg seinen Höhepunkt erreichte, konnte man Steinstücken von West-Berlin aus nur über eine knapp zwei Kilometer lange Strasse erreichen, die durch einen 20 Meter breiten Korridor führte, zu dessen beiden Seiten die Berliner Mauer stand, dahinter Wachtürme mit bewaffneten Grenzposten der DDR. Zu dieser Zeit war Steinstücken ein zutiefst beklemmendes Relikt aus den Wirren des zweiten Weltkrieges und den Folgen aus jenem, ein Absurdum, ein in Landesgrenzen fest gehaltener Wahnsinn dessen, wozu machtpolitisches Denken zu jener Zeit nun einmal auch geführt hat. Umso erstaunter war ich, als ich bei meiner Suche nach einem möglichen Reiseziel auf diese Exklave der Bundesrepublik Deutschland stiess, von allen Seiten umgeben vom Hoheitsgebiet der Confoederatio Helvetica.

Eine knappe Stunde Fahrtzeit von Zürich vorbei an dem Flughafen durch das Zürcher Wein- und Spargelland führte mich an den Rhein, hier genau genommen „Hochrhein“ genannt. Bei Rheinau (CH) überquerte ich eine alte Holzbrücke, die nach Altenburg (D) führt. Am Ende der Brücke auf Deutscher Seite steht ein eher unspektakulärer Altbau, in dessen Erdgeschoss die alte Zoll-Stelle untergebracht war. Der obligatorische Amtsthresen, ein paar alte Aktenordner, ein Karton mit Silikon-Handschuhen, die üblichen Büro-Stühle, eine uralt anmutende Tischlampe, Hinweise darauf, wann diese Zollstelle geöffnet sein würde, schon seit Jahren nicht mehr aktuell. Diese Zollstelle war inaktiv, wurde seit einigen Jahren nicht mehr genutzt (aber sicherlich bis zum heutigen Tage immer noch vom deutschen Steuerzahler mitfinanziert). Ein Ehepaar aus Luzern machte sich in nächster Nähe auf deutschem Boden bereit, um mit sauteurem Tauchgerät in den Rhein zu steigen – bei nicht gerade anheimelnden Temperaturen. Alles in allem wirkte diese Seite des Rheins verlassen, nicht so aber die andere. Ich watschelte über die Brücke zurück auf die Schweizer Seite. Hier fanden sich gleich mehrere Gebäude, sogar zwei in Betrieb befindliche Gastwirtschaften. Ich musste grinsen als ich fest stellte, dass das „Grenzwachtkorps Rheinau“ im gleichen Gebäude untergebracht war, wie die eine der beiden Gastwirtschaften. Waren die deutschen Kollegen schon vor Jahren aus dem Altbau auf der einen Seite der Brücke abgezogen, so konnte das Schweizer Grenzwachtkoprs – theoretisch… – nach Dienstende noch im gleichen Ort es sich gut gehen lassen. Bis zum heutigen Tage.

Ich fuhr weiter an Schaffhausen vorbei und gelangte schliesslich an das Ziel meines Ausfluges: Büsingen. Inzwischen hatte ich in weniger als 15 Kilometern ganze drei Mal die Grenze zwischen Deutschland und der Schweiz überquert, aber war es in Rheinau / Altenburg und Nohlen aufgrund nachwievor existierender Zollstationen noch offensichtlich, so deutete mit Ausnahme des Ortsschildes von Büsingen nichts offensichtlich darauf hin, dass ich mich wieder auf deutschem (oder kurz darauf wieder Schweizer) Boden befinden würde. Ein kleines, hier und dort herunter gekommen wirkendes Dorf mit einer Durchgangsstrasse, einem mehr oder minder liebevoll gepflegtem Ortskern, einer kleinen Kirche, einem chinesischen Restaurant, welches aller Wahrscheinlichkeit nach zum letzten Male vor über fünf Jahren Gäste bewirtschaftet hatte, keine Zollstation. Auf kleinstem Raume Nummernschilder aus allen Ecken der Schweiz und Deutschland, sogar aus Berlin! Apropos Nummernschilder: „BÜS“ ist das seltenste Nummernschild aus Deutschland! Und davon gibt es auch noch zwei Versionen: „BÜS-A“ ist die häufigste, „BÜS-Z“ die allerseltenste (und ich habe dieses Nummernschild vor Ort nicht gefunden). In der Schweiz geben gewisse Menschen Unsummen für ganz besondere Nummernschilder aus. Vielleicht sollten die Deutschen auch endlich mal anfangen, Geld aus solchen Besonderheiten zu machen. Lesen Sie sich den Wikipedia-Artikel zu Büsingen mal gut durch! Hier ist das, worüber Schweizer weitaus intensiver nachdenken, als so ziemlich jeder Deutscher, schon längst Realität: Ein allumfassender Zusammenschluss der Schweiz mit der Europäischen Union. In dieser Exklave gelten Regelungen, die sogar mir vollkommen verquer erscheinen! Und trotzdem scheint das irgendwie mehr oder minder gut zu funktionieren, EU und CH hin oder her. Ich kann mich noch dunkel daran entsinnen, dass Büsingen sogar mal Schauplatz eines Kriminalfilms gewesen ist, vielleicht sogar aus der „Tatort“-Serie. Unnötig zu erwähnen, dass in jenem Film gerade jene staatspolitischen „Befindlichkeiten“ beider involvierten Staaten zu so manch einer Absurdität führten, die nur verstehen konnte und kann, wie diese beiden Staaten ticken und was es mit Exklaven ganz generell auf sich hatte und nachwievor hat. Es ist noch gar nicht mal übermässig viele Jahre her, dass vor dem Rathaus dieses kleinen Dörfchens zwei Telefonzellen direkt nebeneinander standen, eine der Deutschen Telekom und die andere der Swisscom. Inzwischen sind beide verschwunden.

In der jüngeren Vergangenheit gab es immer mal wieder Bestrebungen, Büsingen der Schweiz zuzusprechen, um die zuweilen vollkommen absurd anmutenden Sonderregelungen, die in diesem Ort nachwievor gelten, zu beseitigen und klare Verhältnisse zu schaffen. Manchmal scheiterten solche Bestrebungen an dem so genannten „Volkswillen“, manchmal aber auch an der Tatsache, dass die kleine Schweiz schlicht und ergreifend kein adäquat anmutendes Territorium Deutschland zum Tausch anbieten konnte. Somit wird es also wohl noch ein paar Jahre weiter gehen mit jenem Kuriosum „Exklave Büsingen am Hochrhein“, egal, was die bilateralen Verhandlungen der Schweiz mit der EU auch bringen werden. Oder eben auch nicht. In Exklaven gelten nun einmal Regelungen, die mit aller Deutlichkeit unterstreichen, dass Andersartigkeit nicht nur funktionieren kann, sondern auch im jeweiligen Falle zu funktionieren hat. Wäre das nicht gewährleistet, so liesse sich die Existenz einer Exklave nicht rechtfertigen. Exklaven zwingen zum Austausch, zur Kommunikation, zur Diplomatie. Zur Wahrung von aus gutem Grunde existierender Grenzen, auch wenn diese im Falle Büsingens nicht sichtbar, im Falle Steinstückens aber unübersehbar waren und sind. So absurd das Konstrukt einer Exklave auch erscheinen mag: Sie machen einen Sinn. Wussten Sie eigentlich, dass es im Süden der Schweiz, in direkter Nähe zur Grenze von Italien, noch eine weitere Exklave existiert? Dort läuft das alles anders. Diese Exklave grenzt sich in jedweder erdenklichen Hinsicht von der Confoederatio Helvetica ab. Muss dann wohl etwas mit diesem ominösen Ding „Temperament und Italien“ zu tun haben…

Kolonie Sankt Fondü

Zur Zeit bietet die National Aeronautics Space Administration, besser bekannt unter der Abkürzung „NASA“, Weltraumfahrtbehörde der USA, einen witzigen, vollkommen (oder vielleicht doch nicht?) sinnbefreiten Service an, weltweit kostenlos nutzbar. Anlässlich der ersten bemannten Raumfahrt zum Mars schickt die NASA einen Speicherchip zu jenem Planeten, auf welchem freiwillig abgegebene Namen von Menschen auf der ganzen Welt gespeichert sind, sozusagen eine Visitenkarte der Menschen auf dem Planeten Erde für diejenigen, die aus anderen Systemen darüber stolpern könnten, würden diese so wie die Menschheit an sich auf der Suche nach anderem ausserirdischen Leben sein. Ich gehöre zwar zu der Sorte von Mensch, die felsenfest davon überzeugt ist, dass andere „intelligente“ Lebensformen es tunlichst unterlassen würden, uns näher kennen lernen zu wollen, denn wenn es solche überhaupt geben würde, wären diese sicherlich viel weiter entwickelt, als wir, dennoch hinterliess ich meine Angaben, damit diese gespeichert und irgendwann zum Mars geschickt werden. Ich wäre aber nicht ich, wenn ich diesen Gedanken in meinem Kopf nicht weiter gesponnen hätte und wer mich nur ein klein wenig kennt, wird sich nach Lektüre dieser hier nieder geschriebenen Zeilen wenn überhaupt nur noch eines fragen: „Wie kommt der nur auf solche Ideen?“. Ganz ehrlich, ich kann Ihnen diese Frage bei bestem Willen nicht beantworten, das ist einfach in meinem Kopf, das ist mein tagtägliches Kopfkino! Wie ich da vor meinem Bildschirm sass und mir den digitalen Bordpass anschaute, den die NASA nach Eingabe meiner Daten generiert hatte (was Sie im übrigen kostenlos hier machen können), schossen mir fast schon zwangsläufig einige höchst fragwürdige Ideen durch den Kopf. Insbesondere die Auflistung, wieviele Menschen aus welchen Nationen der Welt bereits ihre Daten hatten abspeichern lassen, förderten meinen gedanklichen Amoklauf. An oberster Stelle steht nachwievor die Türkei, knapp eine Million Menschen hatten sich bereits speichern lassen. Die Schweiz kam mir da fast schon wie ein Fliegenschiss vor, lediglich etwas mehr als viertausend waren hier den gleichen Weg gegangen. Und so nahmen meine Gedanken ihren Lauf…

Der rote Planet, ein paar hundert Jahre später. Die NASA ist inzwischen Pleite gegangen, Donald Trump hatte einst den Grundstein zur systematischen Selbstzerstörung dieser grossen Nation mit Namen USA gelegt. Somit übernimmt auch nicht mehr die NASA Transportflüge zum Mars, sondern das türkische Pendant dazu. Bleibt nur noch zu klären, ob diese Behörde dann „Türk Uzay Yollari“ oder „Türk Uzay Yolculuğu“ genannt wird, aber das sind Nebensächlichkeiten. Als irgendwann am Anfang der 2000er Jahre die Europäische Union langsam aber sicher den Weg allen irdischen Utopien-Gedankenguts nahm und auch die NATO Stück für Stück das zeitliche segnete, wurden andere Nationen aktiv. Nein, nicht nur die Türkei, sondern auch die Schweiz! Einmal mehr hatte die Schweiz schon lange zuvor unter Beweis gestellt, dass Verhandlungen der einzig denkbare Weg sind. Das konnte die Schweiz schon immer gut: Still und leise (also nicht auf Ibiza, sondern am Paradeplatz in Zürich und in Bern) am Rande des grossen Weltgeschehens Verhandlungen führen und so verwundert es auch nicht, dass die grosse Türkei der kleinen Schweiz auf dem Mars eine kleine Kolonie zugestand, während EU und NATO bereits im Sterben lagen. Diese Kolonie hat exakt die gleichen Umrisse, wie ihr Vorbild auf der Erde, auch auf dem Mars gibt es Kantone und Gemeinden! Sie trägt dann den Namen „Sankt Fondü“ (und NICHT „Fondue“!). Warum? In sehr zähen Verhandlungen um Buchstaben rang die Türkei der Schweiz das Zugeständnis ab, mehr „Ü“s in die offizielle Amts-Sprache des Mars zu integrieren, folgerichtig mussten alle Schweizer, die zum Mars wollten, vorab ihre Schweizer Tastaturen weg werfen. Immerhin gelang es der Schweiz in jenen Verhandlungen dauerhaft abzusichern, dass die Türk Uzay Yollari regelmässig Fondue- und Raclette-Käse zum Mars liefert, selbstverständlich ausschliesslich in der Schweiz auf der Erde hergestellt.

Man sicherte der Schweiz ein Territorium auf der Nord-Kappe des Mars zu, die zahlreichen Nachfolger Erdogans waren sichtlich darum bemüht, dass sich Papierli-Schweizer und Eidgenossen auf dem roten Planeten wohlfühlen können, also schenkte man ihnen den Raum auf dem Mars, wo es viele Berge und vor allem viel Eis und Schnee gibt. Auch wurde den Obrigkeiten jener Kolonie zugesichert, dass allein sie über die Zuwanderung in jene Kolonie verfügen konnten, allerdings verhandelt jene Kolonie noch immer bis zum heutigen Tage mit der Türkei darüber, ob doppelte Staatsbürgerschaften da oben auf dem Mars förderlich und erwünscht sind, zu gross sind nachwievor kulturelle und vor allem religiöse Unterschiede. Immerhin gibt es an zwei Dingen da oben keinen Mangel, niemals: Rote und weisse Farbe. Beide Nationen brauchen das in exorbitantem Masse und pfiffig, wie die Türken nun einmal sind, haben die unter vollständiger Ignoranz jeglicher Urheber- und Kopierschutzrechte eine Eigenheit der Schweiz einfach mal eben so übernommen: Die Oberfläche des sichtbaren Teils des Mars zeigt überdimensional den Halbmond und den Stern, durch jedes bessere Teleskop auch von der Rütli-Wiese unten auf der Erde zu erkennen. Alle zehn Jahre muss aber dieses Nationensymbol nachgefärbt werden, der rote Mars-Staub verfärbt die kolonialen Absichten der Türkei regelmässig. Dafür liefert die Kolonie gerne hochspezialisierte technische Geräte von „Oerlikon Space“, die sich selbstredend auch in NullKommaNix in interstellare Angriffs-, nein, falsch, Verteidigungswaffen umfunktionieren lassen. Also zumindest auf dem Papier. Und gegen sehr viel Geld selbstredend, sonst wäre diese vertragliche Variabilität weltraumweit nur sehr schwer zu rechtfertigen gewesen.

Apropos Käse: Irgendwann kamen die Türken auf die Idee, auf dem Mars die erste Döner-Bude einzurichten. „Hüperraum Döner“ versorgt seitdem die ausserirdischen Archäologen, die irgendwann einmal jenen Chip mit Ihrem Namen darauf im Staube des Mars gefunden hatten. Döner macht auch Ausserirdische schöner! Die Kolonie Sankt Fondü hatte es zwischenzeitlich irgendwann aufgegeben, Käse auf dem Mars herzustellen. Das lag gar nicht einmal an den Umgebungsbedingungen dieses Planeten, vielmehr waren Bio-Labels auf dem Mars im Stil von „Aus der fernen Region“ und „IP Mars“ schlicht und ergreifend noch unglaubwürdiger, als ihre Gegenstücke auf der Erde, also brach man das Experiment „Förderung der Mars-Bergbauern“ ab und beschäftigte die Türkei mit der Zulieferung der Nationalspeisen. Trotzdem gelten die Mars-Chalets mit ihrem Angebot an Fondue, Raclette, Cervelat, Rösti und dergleichen als kulinarischer Geheimtipp unter den Reisenden von Serpens Nebula und Alpha Centauri. Nur mit den Uhren können die wenig anfangen, diese Reisenden rechnen in ganz anderen Dimensionen, die sich selbst auf dem besten Schweizer Ziffernblatt nun einmal nicht darstellen lassen. Aber immerhin gibt es in der Kolonie der Schweiz auf dem Mars eine Manufaktur, die eine ganz besondere Art von Uhren herstellt. Diese Uhr zeigt den Weg an den insgesamt drei Planeten des ehemaligen Deutschlands vorbei, wahlweise mit oder ohne dezidierte Annäherung und Landung. Drei deutsche Planeten? Nun, der erste ist mehr oder minder offensichtlich. Wie bereits im Film „Iron Sky“ gezeigt, hatten die Nazis kurz vor Ende des zweiten Weltkrieges auf der dunklen Seite des Mondes eine Basis errichtet. Heute leben dort die Anhänger der AfD, NPD und Reichsbürger (und nein, bisher hat Frau Weidel keinen zweiten Wohnsitz in der Kolonie Sankt Fondü auf dem Mars – noch nicht). Einige sehr reiche Apotheker aus Zürich Hottingen hatten es mit ihrem Schweizer Geld jenen schwarzbraunen Horden aus Deutschland ermöglicht, auch im Weltall Fuss zu fassen von wo aus sie nun gegen alles ausserirdisch-ausländische hetzen. Sie machen das immer noch, obwohl inzwischen kaum noch jemand seinen Fuss auf den Mond setzen will, der ist inzwischen in touristischer Hinsicht Schnee von gestern (weswegen sich auch mit absoluter Sicherheit auch nie ein Schweizer auf den Mond verirren wird, der Schnee dort taugt nicht zum Boarden und Carven, weil nicht vorhanden). Planet Nummer zwei ist der „Freiplanet Bayern“. Nachdem erkannt wurde, dass Stammtische und bierdünstige Reden an eben selbigen problemlos in der Schwerelosigkeit überdauern können, wurde nach dem Zusammenbruch der EU nach einem passenden Ausweichsplaneten gesucht. In Ermangelung blauer und weisser Rauten in der Gesamterscheinungsform des Planeten begnügte man sich mit einem schlicht blauen Planeten (Neptun). Die weissen Rauten werden seit je her mit weisser Farbe vom Mars hinzu gefügt. Die Kolonie Sankt Fondü finanziert den Farbentransfer stillschweigend mit, die Bayern und die Schweizer haben sich schon von je her besser verstanden, als man das glauben möchte.

Und der dritte Planet?

Nun, das ist eine sehr persönliche Sache mit diesem Planeten. Man vermutet jenen dritten Planeten im Reflexionsnebel „Ced 132“, ganz nahe beim roten Überriesen „Antares“ im Sternbild des Skorpions. Von ihm gehen Radiowellen aus, die sich im gesamten Weltall mit ganz herkömmlichen Radio-Empfängern hören lassen, wenn man denn auch offen für das ist, was von dort aus ganz offensichtlich systematisch gesendet wird – also mit Intelligenz und Verstand, ganz im Gegensatz zu dem Chaos, welches von jenem übergeordneten Sternbild Skorpion bisher erfasst und dokumentiert worden ist. Dieser Planet sendet immer zur gleichen Zeit sein Programm, eingeleitet mit dem Titel „Radio„, aber bisher gibt es keinerlei Bilder von jenem Planeten. Sicher ist, dass dort wirklich intelligentes Leben existiert, frei von jedem privat-konfusem, monetären oder sonst üblichen Staatsdenken. Wird angeblich auch gerne von einem ganz bestimmten Einwohner der Kolonie Sankt Fondü gerne und regelmässig gehört.

Wird Zeit, dass ich Urlaub habe… Planet Katalonien ruft.

Nachtrag, fiktives Gespräch eines dazu befugten Schweizer Staatsbeamten mit mir: „Aber Herr Liedtke, Sie als Neu-Schweizer sollten doch besonders gut wissen, dass es sich nicht gehört, so über andere Nationen und vor allem die Schweiz zu denken und zu schreiben!“ Antwort: „Ick darf dit. Ick wees wie dit aussieht, wenn die Türkei Berlin Kreuzberg in Neu-Istanbul verwandelt, von der Schweiz mal ganz zu schweigen.“

Schweizer Milliardäre & Russische Oligarchen

Ich liebe gute Karikaturen, die von Hand mit spitzer Feder gezeichneten Darstellungen zu aktuellem Zeitgeschehen. ich wünschte, ich könnte so zeichnen und vor allem gewisse Sachverhalte in einem einzigen Bild so zusammen fassen, wie es nun einmal nur gute Karikaturisten können. Manchmal sagt ein einziges Bild so unendlich viel mehr, als tausend Worte! Als ich vor wenigen Tagen eine Tageszeitung aus meiner Geburtsstadt Berlin studierte (den guten alten Tagesspiegel), stolperte ich über genau so eine hervorragende Karikatur, die sich sehr treffsicher mit dem aktuellen Tagesgeschehen in Österreich, wo derzeit eine ganze Staatsregierung aufgrund höchst fragwürdiger Hinterzimmergeschäfte kurz vor dem Abgrund steht, Parteispenden und deren Quellen, sowie jenem dunklen Geist mit Namen „Rechtspopulismus“, der in Europa derzeit wieder sein Unwesen treibt, befasst – und die ein für meine Begriffswelt typisches Verhältnis von alledem zu den Staaten Schweiz, Deutschland und Österreich beschreibt. Klaus Stuttmann vereint drei Themen meisterhaft in einem einzigen, sehr treffenden Bild, welches folgende Grundaussagen vermittelt: Die rechtspopulistische „AfD“ (Alternative für Deutschland) bedient sich – im Gegensatz zur „FPÖ“ (ebenso eine zutiefst rechtspopulistische Partei, nur in Österreich) – bei der Finanzierung ihrer Wahlpropaganda (und nichts anderes ist das, was die AfD fabriziert!), lieber diskret agierenden, sehr vermögenden Schweizern, als fragwürdigen Oligarchen aus Russland. Gewisse Vertreter der AfD gehen dabei sogar so weit, dass sie als Ausländer in der Schweiz lebend keinerlei Skrupel vor fragwürdigen Finanzierungswegen haben, sie, die selbst keine Gelegenheit auslassen, Ausländer generell und vor allem kriminelle Ausländer am liebsten sofort des jeweiligen Landes verweisen zu wollen (Deutschland, im genannten Falle). Dass eine Politikerin der AfD mit Namen Weidel sich unter Umständen selbst strafbar gemacht hat, als sie noch mit ihrer Lebenspartnerin selbst als Ausländerin in der Schweiz lebend solcher fragwürdigen Quellen bediente, darüber schweigt die AfD sich systematisch aus. Auf einem ähnlich fragwürdigen Niveau bewegt sich das, was sich derzeit in Österreich abspielt. Der Vizekanzler der Regierungskoalition hatte vor zwei Jahren in geradezu konspirativ anmutender Umgebung umfangreiches „Entgegenkommen“ wirtschaftlicher Natur versprochen, wenn ein gewisser russischer Oligarch „Spenden“ in grossem Umfang fliessen lassen würde – an die rechtspopulistische FPÖ. Es existiert ein heimlich aufgenommenes Video von jener Zusammenkunft, welches ich mir natürlich genau anschaute. Ich sah das, was man landläufig als „Bestätigung eines Vorurteils“ bezeichnen könnte. Ein Politiker, der sich vor laufender Kamera (öffentlich, nicht heimlich), sprachlich korrekt und durchaus gehoben ausdrückt, redet und verhält sich in vermeintlich vertrauenswürdigem Kreis wie ein Stammtisch-Redner der untersten Kategorie! Ein Zeitungsartikel einer anderen Publikation beschrieb jenes Auftreten dieses österreichischen „Staatsmannes“ mit den Worten „So zeigt der Rechtspopulismus in Europa seine wahre Fratze“.

Nun ist das Thema „fragwürdige Finanzierung von Parteien, Lobbyistentum und Filz in der Politik“ nicht neu – und sicherlich nicht nur auf Deutschland, die Schweiz und Österreich zu beschränken, vergleichbares tritt in jedem Konstrukt auf auf, in dem viele Menschen mit sehr vielen Interessen miteinander, untereinander und gegeneinander agieren, das gilt also auch für Wirtschaft und Gesellschaft. „Neu“ hingegen erscheint mir, dass insbesondere Vertreter und Anhänger des Rechtspopulismus sich inzwischen nicht einmal mehr scheuen, fragwürdige Methoden anzuwenden, da sie selbst sich als „bessere“ Staatsbürger betrachten und somit selbst solche fragwürdigen Methoden rechtfertigen lassen, weil diese einem vermeintlich besseren Zweck und einer besseren politischen Zukunft dienen, als „man“ das als Staatsbürger welchen Landes auch immer bisher von der eigenen Regierung erleben durfte. Da spielt es keine Rolle mehr, ob solche Menschen als Ausländer in einem anderen Staat leben oder in fernen Ländern strafbare Vorgänge in die Wege leiten, denn selbst in jenen Ländern trifft man auf Gleichgesinnte, man ist ja irgendwie überall in Europa „unter sich, unter Freunden“, unter Menschen, die unter einem „besseren“ Europa definitiv etwas grundlegend anderes verstehen, als zum Beispiel ich selbst. Unnötig zu erwähnen, dass bei der Erschaffung jenes „besseren“ Europas (oder doch vielleicht eher Einzelstaates?) das Ding mit Namen „Transparenz“ alles andere als förderlich angesehen wird, insbesondere wenn es um (Schweizer) Geld geht, ist maximale Diskretion geboten! Auch das gilt nicht für die Politik allein, je grösser ein (staats-)wirtschaftliches oder gesellschaftliches Konstrukt, umso diskreter wird mit nicht ganz so transparenten Verhältnissen umgegangen. Auch das ist nicht neu, nicht allein ein Problem der Schweiz, das dürfte auf der ganzen Welt so sein.

So oder so freute ich mich, dass ein Karikaturist der Tageszeitung, die ich in meiner Vergangenheit in Berlin regelmässig gelesen hatte, nicht nur dem EU-Europa seine Aufmerksamkeit geschenkt hatte, sondern auch der kleinen, in gewissen Dingen zutiefst diskreten Schweiz. Und eines hat „die Schweiz“ gar nicht gern: Wenn sie wegen fragwürdiger Vorgänge ins internationale Rampenlicht gerät. Trotz aller Diskretion.

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