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2019

Made for China

Die Schweiz lebt stark vom Tourismus und das verwundert auch nicht sonderlich, auf relativ kleinem Raum hat dieses Land zahlreiche sehr schöne Gegenden und Städte zu bieten. „Pittoresk“ ist wohl das zutreffendste Wort, welches sich auf das Erscheinungsbild der Schweiz weitestgehend anwenden lässt. Zur Zeit weilen sehr viele (an die 12.000) Chinesen im Land, vorwiegend im Kanton Luzern, die von einem Kosmetikunternehmen als Belohnung für besondere Leistungen hierher geschickt worden sind, um ein klein wenig Urlaub zu machen. Mir war dieser Umstand bewusst, als ich mich recht früh auf mein Motorrad setzte, um ein paar technische Gerätschaften zu testen, die ich in meinem Sommerurlaub mit auf eine grosse Reise nehmen will. Zu diesem Zweck fuhr ich nach Vitznau am Vierwaldstätter See, um von dort aus mit eine der Zahnradbahnen einen kurzen Ausflug auf die Königin der Berge, die Rigi, zu unternehmen. Dort noch vor 9 Uhr am Vormittag angekommen waren bereits grosse Gruppen von Chinesen am Bahnhof angekommen, die sich in die knallroten Wagen der Rigi-Bahn zwängten. Es wurde einfach alles fotografiert und kommentiert, überall wuselten sie herum und machten sicherlich an jenem Tag fünfundzwanzig Milliarden von Selfies vor dem See, vor der Bahnstation, in dem obligatorischen Souvenirshop, vor dem Reisebus, vor und in dem öffentlichen WC, einfach überall, wo sie einen Platz dazu fanden. Entsprechend verlief die Fahrt zur am höchsten gelegenen Haltestelle „Rigi Kulm“. Was immer ihre Augen auch erblickten: es wurde kommentiert und fotografiert, nicht gerade zimperlich zwängten sie sich dazu in alle erdenklichen Ecken des Wagens, um erneut abertausende von Fotos mit ihren Smartphones zu schiessen! Alles fortwährend unterlegt mit jenem eigenartig nasal klingenden Chinesisch, in welchem jeder zweite Buchstabe ein „Ö“ zu sein scheint. Der Zug fuhr um eine Kurve, am Hang stand eine Ziege. „Haundagnak giamtsungtsöö!“ Klick, klick. Im Gras lag eine wiederkäuende Kuh. „Oooooh, haiundegag karamdagagkiumtsungtsööö! Klick, klick. Dazwischen das obligatorische Selfie, zwanzig verschiedene Posen innerhalb von zehn Sekunden. „Hongadundgdeg kerazetsungtsöö!“ Klick, klick, klick, klick, klick. „Hoooooo!“. Ein Souvenirshop tauchte an einer der Zwischenstationen auf. Klick, klick, klick. „Aaaaaah, tsödungadungtsö tsingaduntsööö!“ Klick, klick, klick, klickediklick, klick, klick.

So ging das ununterbrochen bis zum Berggipfel, der noch mitten in den Wolken lag und somit keine wirklich schöne Aussicht auf den See unter ihm bot, aber die Chinesen scheinen mit solchen touristischen Katastrophen kein Problem zu haben. In Windeseile verteilte sich die Reisegruppe auf dem gesamten Hang, alles wurde genauestens, wenn auch etwas hektisch anmutend in garantiert nicht Gipfel-tauglicher und oftmals sehr schräg anmutender Kleidung erkundet und fotografiert. Damen- und Herren-WCs von beiden Geschlechtern gleichermassen, der Abfallkübel, die Aschenbecher vor dem Tourismus-Restaurant, der in den Schnee geworfene Schneeball – einfach alles! Ich beobachtete das Treiben eine Zeit lang, wirkte wie eine angewachsene Eiche zwischen all den herum wuselnden, deutlich kürzer gewachsenen Chinesen jeden Alters, die hinter jede Tür schauen wollten und alles als Hintergrund für ihre Selfies nutzten – und wenn es die graue Nebelwand oder der nicht gerade sauber wirkende Abfallkübel war! Die oben auf dem Gipfel beschäftigten Mitarbeiter der Rigi-Bahn und der Tourismuseinrichtungen nahmen das recht stoisch und gelassen hin, was sich vor ihren Augen abspielte. In den grauen Wolken tauchte eine etwas dunklere auf. „Heeeiagungtsö maianandandakungtsöö. Hooooo!“ Klick, klick, klick. Ich wendete mich einem der Mitarbeiter der Bahnen zu und fragte, ob das immer so ablaufen würde. Er erwiderte sehr stoisch und unbeeindruckt: „Wir haben uns daran gewöhnt.“ In diesem Moment trat seine Kollegin auf mich zu, die mein GA (Generalabonnement) in der Bahn kontrolliert hatte. Ihr war aufgefallen, dass ich wohl Mitarbeiter eines Transportunternehmens sein musste, sonst wäre ich nicht im Besitz jenes gesondert gestalteten GAs. Ich verdeutlichte ihr kurz, für wen ich wo tätig sei, woraufhin sie mich fragte, ob ich nicht hier anfangen wolle, ich würde mich ja bereits mit derartigen Situationen bestens auskennen. Wir drei mussten für die Chinesen Grund genug gewesen sein, auch uns entsprechend kommentiert abzulichten. „Hooooo jagnakungtsöö meginaradek tsö! Ha, ha, ha! Hoooooo“. Klick, klick, klick. Ich stand noch eine Weile so da und wartete auf den Zug hinab ins Tal zurück nach Vitznau, als eine Chinesin reichlich überdreht und flatterig wie ein Huhn (alles in allem erinnerte mich auch ihr Erscheinungsbild etwas an ein hypernervöses Huhn) an mich heran trat und in einem sehr eigenwilligen Mischmasch aus Chinesisch und Englisch mich fragte, ob ich ein paar Fotos von ihr an einem der Wagen machen könnte: „Meggatsingtsungtsöö making fotto dekatsungtsö of me där, där at tsö waggon?“. Ich nahm ihr Handy und schoss nunmehr an die zwanzig Fotos von ihr in zwanzig verschiedenen Posen, wie sie im Eingangsbereich des Wagens der Rigi-Bahn hing und über beide Backen breitestens grinste! Unnötig zu erwähnen, dass diese Szenerie mit ihr und mir selbstredend auch innerhalb von Sekunden sicherlich tausendfach fotografisch fest gehalten wurde. „Haaaaaaaaa, tsingatsungtsöö dangagandak heiatsungtsööö, hooooooo!“ Begleitet von viel Gelächter, wahrscheinlich wirken Europäer auf Asiaten in etwa so, wie sie auf mich wie in jenem Moment wirkten…

Meine Bahn fuhr ein und ich suchte mir einen Platz weit weg vom Anhänger, der innerhalb von NullKommaNix von einem Teil der inzwischen stark angewachsenen Chinesen-Gruppe in Beschlag genommen worden war, nur wenige „verirrten“ sich in dem Zugwagen, machten aber auch hier sehr deutlich, dass alles irgendwie fotografisch fest gehalten und kommentiert werden musste. An jenem Tag wurden sicherlich noch im Schnelldurchlauferhitzer-Verfahren an die tausend Chinesen auf den Gipfel der Rigi verfrachtet, der Besuch dieser unglaublich grossen Menge war langjährig vorbereitet und durchorganisiert worden. Damit hat die Schweiz viel Erfahrung: Dienstleistung! Wie ich noch über jenen Begriff nachdachte, stieg an einer der Zwischenstationen eine Briefträgerin der Schweizer Post hinzu (hier „Pöstlerin“ genannt). Wahrscheinlich hatte sie ähnlich unbeeindruckt wie die sonst auf dem Gipfel der Rigi tätigen Menschen ihre Dienstleistung erbracht und die Post da oben verteilt, auch sie schien dieses Phänomen „Reisegruppen aus China“ zu kennen und dennoch ihrer Arbeit einer Dienstleistung vollkommen unbeeindruckt nachzugehen. So wendete sie auch ihren Kopf nicht in Richtung der Bahn, die aus dem Tal zum Gipfel unseren Weg kreuzte. Bummsvoll mit weiteren Chinesen…

„Hoooooooo!“ Klick, klick, klick. „Tsungtsöö! Ha, ha, ha!“ Klickediklick.

Papierli-Schweizer contra Eidgenosse

Wenn mich etwas interessiert, dann hänge ich mich zuweilen „voll rein“ und somit stöberte ich einmal mehr im Netz der Netze nach dem Ding „Staatsbürgerschaft“ und stolperte dabei über etwas, was mich – gelinde gesagt – in grosses Erstaunen versetzte. Bisher hatte ich angenommen, dass ein Reisepass oder eine Identitätskarte (meinetwegen auch Personalausweis) eine (Achtung, jetzt bitte genau lesen!) vollumfängliche, also auch jederzeit vollumfänglich juristisch verbindliche Form des Nachweises darüber ist, dass man a) überhaupt existiert und b) Bürger dieser oder jener Nation ist, man also mit jenen Ausweisen rechtsverbindlich tätig werden kann. Nun, um es kurz zu machen: Dem ist nicht so. Nicht in Deutschland und auch nicht in der Schweiz! Bei gewissen juristischen Vorgängen reichen selbst diese hochkomplex gestalteten Dinger nicht! In Deutschland benötigt man für sowas den so genannten „Staatsbürgerausweis“ – von dem ich noch nie in meinem Leben zuvor gehört oder gelesen hatte! Der im Volksmund auch gern „gelber Ausweis“ genannte Wisch wird nur auf Anforderung ausgestellt, also auf dezidierte Nachfrage eines Interessenten nach eben jenem. Er ist vollumfänglich rechtsverbindlich, bestätigt, dass man auch wirklich der ist, der man vorgibt zu sein und dass man Bürger des Staates Deutschland ist. „Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste“ dachte ich still bei mir und forschte nach, wie ich wohl in den Besitz jenes gelben Papiers kommen würde, ich, der zwar Staatsbürger auch von Deutschland ist, nicht aber auf dem Boden des Staates lebt. Ich wurde trotz intensiver Suche nicht fündig, lediglich Homepages einiger winziger Gemeinden in Deutschland flackerten über meinen Bildschirm. Wie sollte ich an diesen Ausweis gelangen? Eine nicht näher beschreibbare Stimme in mir sagte: „Jens, es kann nicht schaden, unter diesen Vorraussetzungen auch diesen Existenznachweis zu besitzen, also mach was!“. Somit kontaktierte ich einmal mehr schriftlich (!) die Deutsche Botschaft in Bern, welche zwei Tage später wiederum mich sehr freundlich telefonisch (!) über den Sachverhalt in Kenntnis setzte. Die Aussage war ein „klein wenig“ ernüchternd, sinngemäss liess diese sich auf folgende Grundaussage reduzieren: Nach Anerkennung der Möglichkeit, mehrere Staatsbürgerschaften zu besitzen (muss irgendwann im Jahr 2007 zwischen der Schweiz und Deutschland ausgehandelt worden sein), hat der Staatsangehörigkeitsausweis für in der Schweiz lebende Deutsche keinen Sinn und Zweck mehr, der nicht vollumfänglich rechtsverbindliche biometrische Reisepass reicht meistens für entsprechende Anliegen, abgesehen davon könne man jenen Ausweis nicht beantragen, wenn man nicht in einer Gemeinde Deutschlands leben würde. Für einen winzigen Moment baute sich das Abbild meiner Selbst aus jenem Reisepass vor meinem geistigen Auge auf und prompt wurde aus jenem „meistens“ ein „aller Wahrscheinlichkeit nach nie“, das dort hinterlegte Foto ist für meine Begriffswelt mindestens genau so fragwürdig, wie das aus dem Schweizer Pass. Moral von der Geschichte: „Jens, leg es einfach niemals mehr darauf an, dass ein vollumfänglich gültiger Nachweis über Deine eigene Existenz von Nöten werden könnte! Niemals nicht! Und schon gar nicht auf Deutschem Boden!“. Ein klein wenig beschlich mich das Gefühl, dass die Vorenthaltung jenes Ausweises, nur weil man nicht in Deutschland leben würde, die kleine Rache des grossen Deutschlands an all jenen wäre, die es vorzogen, eben nicht auf dem Boden Deutschlands zu leben. Die nicht vorhandene vollumfängliche Wirkung des Reisepasses der Bundesrepublik Deutschland könnte (…) eine Hintertür zu was auch immer werden oder sein…

Ich grübelte eine Zeit lang vor mich hin und machte mir die möglichen Konsequenzen jenes Sachverhaltes bewusst, ich wäre aber nicht ich, wenn da nicht folgender Gedankengang zustande gekommen wäre: „Was die Deutschen können, können die Schweizer mindestens schon genau so lange, nur machen die das aller Wahrscheinlichkeit nach wieder ein klein wenig anders!“. Ich machte mich also auf die Suche nach dem Schweizer Pendant zum „Staatsbürgerausweis“ Deutschlands. Irgendwann wurde mir das Angebot zu verwirrend, also wendete ich mich mit meinem Anliegen an die Behörde, die mir Schweizer Reisepass und Identifikationskarte ausgestellt hatte, beschrieb das ominöse Ding „Staatsbürgerausweis“ und fragte nach dem eidgenössischem Gegenstück zu dem gelben Wisch. Diese Antwort wiederum kam schriftlich, sehr zielführend und informativ in Form einer E-Mail, inklusive Links zu den relevanten Punkten und einigen sehr aufschlussreichen Hinweisen über die Funktion der insgesamt drei (!) Nachweise, die in ihrer Funktion dem einen (!) Deutschen Staatsbürgerausweis gleichen würden – selbstredend wurde auf das Ding aus Deutschland in jener Mail keinerlei Bezug genommen, schliesslich kam die Antwort aus dem „FedPol“ (Justizdepartement) der Confoederatio Helvetica! Wo Deutschland effektiv alles notwendige auf ein Schreiben reduziert, dehnt ein Schweizer in Sorge um die Gründlichkeit der Funktionsdefinition auf drei Schreiben aus: Personenstandsausweis, Bürgerrechtsnachweis (im Gegensatz zur Bürgerrechtsurkunde ist dieses Ding rechtsverbindlich!) und Heimatschein. Aber der Reihe nach…

1.) Personenstandsausweis

Dieses Ding liefert Informationen über den (Nach-)Namen und gegebenenfalls durch Heirat oder Partnerschaft dessen Veränderung, die allgemeinen Daten und den Zivilstand (ledig, geschieden, frisch-fröhlich verheiratet oder wie auch immer), Geburtsort etc. ppp. Gilt meinem Verständnis nach auch im Ausland, wofür auch immer im Bedarfsfall.

2.) Bürgerrechtsnachweis

Dieses Schreiben weist nach, dass man zu welchem Zeitpunkt auf welchem Wege auch immer die Schweizer Staatsbürgerschaft erlangt hat und enthält ebenso Angaben über Geburtsort, Geburtsdatum, (Nach-)Namen etc. ppp. Weiterhin ist hier aufgeführt, warum jemand die Schweizer Staatsbürgerschaft erlangt und welche Rechte man somit erworben hat, sowie es vor Erlangung der Staatsbürgerschaft um all das bestellt war. Dieses Schreiben wird ausschliesslich für Staatsbürger der Schweiz ausgestellt. Gilt meinem Verständnis nach rechtsverbindlich auch im Ausland. Ein wenig makaber empfand ich den zusätzlichen Vermerk, dass dieses Schreiben auch für verschollene und verstorbene Bürger der Schweiz ausgestellt wird. Wer beantragt in so einem Falle so ein Schreiben? Die Erben? Oder muss man dazu als Antragssteller von den Toten auferstehen? Und wie würde Deutschland das handhaben und vor allem nennen? „Ablebeausweis“? Oder doch vielleicht „Existenzannullierung“? „Staatsbürgerschaftseinäscherung“ oder noch schlimmer?

3.) Heimatschein

So, wie ich dieses Ding verstanden habe, dient es vorrangig dazu, im Inland nachzuweisen, dass man Staatsbürger der Schweiz ist und somit auf gewisse Rechte pochen kann, die für den aktuellen Wohnort gelten. Anders formuliert: Dieser Schein sichert zum Beispiel, dass man in der momentan als eigenen Wohnort bezeichneten Gemeinde auch wirklich an politischen Wahlen teilnehmen kann, die sowohl Belange der jeweiligen Gemeinde, als auch die des Staatenbundes mit Namen „Schweiz“ betreffen. Gilt meinem Verständnis nach nur im Inland und bedarf einer Aktualisierung, wenn man den Wohnort in eine andere Gemeinde und / oder Kanton verlegt.

Ich klickte auf die angeführten Links und bestellte alle drei Schreiben, die mir sehr kurz darauf auch zugestellt wurden (und die Gesamtkosten der Einbürgerung um weitere knapp 100 Franken nach Oben schnellen liessen, obwohl genau genommen keines dieser drei Schreiben für mich wirklich zwingend notwendig ist, zumindest jetzt und noch nicht). Und dann machte ich mich auf die Suche, welche Staaten überhaupt die doppelte Staatsbürgerschaft akzeptieren und erlauben, da ist Europa noch weit entfernt von einer gesamtheitlichen Union und Einigkeit (Achtung, da steht „Europa“ und nicht „EU“)! Norwegen, Estland, Litauen, Polen, die Niederlande, Österreich, Montenegro, Monaco und Andorra verweigern jegliche Form der Doppelstaatlichkeit. Für in den nachfolgend genannten Ländern geborene Menschen kann eine zweite Staatsbürgerschaft unter gewissen Vorraussetzungen und mit bestimmten Bedingungen in die Wege geleitet werden, nicht aber für Menschen die dort eingebürgert wurden: Slowakei, Rumänien, Bulgarien, Kroatien, Slowenien, Spanien und das Fürstentum Liechtenstein. Nahezu vollständig oder mit nur geringen Einschränkungen sind Doppelstaatsbürgerschaften in Irland, Island, Grossbritanien, Portugal, Irland, Italien, Kosovo, Albanien, Griechenland, Malta, Mazedonien, Serbien, Bosnien, Ungarn, die Tschechei, Frankreich, Belgien, Luxemburg, Deutschland, die Schweiz, Lettland, Finnland, Schweden und inzwischen auch sogar das Königreich Dänemark zulässig (Stand: 2017). Diese Staaten akzeptieren grösstenteils sogar mehr als zwei Staatsbürgerschaften. Während ich mir die Landkarte dieses Teils der Welt anschaute, kam mir ein reichlich blasphemischer Gedanke in den Sinn. Schweizer, die nicht ab Geburt, sondern per Einbürgerung Schweizer geworden sind, werden hierzulande gerne „Papierli-Schweizer“ genannt. Sie sind in den Augen derer, die ab Geburt Schweizer und somit meistens (…) Eidgenossen sind, nur auf dem Papier Schweizer, nicht aber in Bezug auf ihre Selbstidentifikation mit der Geschichte und Kultur dieses Landes. Dass damit gemeint sein könnte, ein Papierli-Schweizer sei nur deshalb Schweizer, weil sie oder er so viele Dokumente benötigt, um seine Staatsbürgerschaft belegen zu können, war der eine Teil jenes blasphemischen Gedankens. Der andere barg aber durchaus gewissen „Sprengstoff“ (ich zündele einfach wahnsinnig gern!). Mit Erhalt dieser Schreiben kann ich nunmehr lückenlos nachweisen, dass ich auch Schweizer bin. Wenn aber irgendwann demnächst sich ein überzeugter und vor allem bekennender „Eidgenosse“ vor mir aufbauen und anmerken sollte, ich sei ja nur ein „Papierli-Schweizer“, so werde ich fragen, ob er oder sie ebenso diese drei Schreiben besitzen würde. Wenn nein, so würde ich schon um des Stänkerns willen anzweifeln, ob er sie oder er wirklich belegen kann, ein Staatsbürger der Schweiz zu sein, vom „Eidgenossen“ mal ganz zu schweigen… Zu Eurer Beruhigung, „liebe“ Eidgenossen: Wenn ich mich in Deutschland aufhalten sollte, muss (!) ich mich mit dem Deutschen Pass ausweisen können, wenn danach verlangt wird. Zumindest in meiner alten Heimat wird der knallrote Schweizer Pass nicht als verbindliches Ausweisdokument anerkannt. Somit hat Deutschland (und eben nicht die Schweiz!) dafür gesorgt, dass ein so hohes Stück Schweizer Kultur und Identität auch rein schweizerisch bleibt – zumindest auf dem Boden der Bundesrepublik Deutschland. Auch das muss man mal so fest halten!

Was aber genau und im Detail einen Papierli-Schweizer vom waschechten Eidgenossen unterscheidet (genauer: unterscheiden könnte), werde ich ein anderes Mal beleuchten. Dafür brauche ich keines der drei Schreiben und auch nicht den Staatsbürgerausweis. Aber vielleicht in Zukunft Pfefferspray zur Selbstverteidigung… Apropos: Beantragen kann man als Bürger der Stadt Zürich diese Schreiben unter nachfolgendem Link:

Stadt Zürich – Dokumente und Bestätigungen beantragen

Nähe & Abstand

Ein grundlegender Unterschied zwischen Deutschland und der Schweiz fiel mir bereits sehr früh auf: Die Schweizer scheinen ein vollkommen anderes Verständnis von Nähe, meinetwegen auch Geselligkeit zu haben, als die Deutschen. Unnötig in diesem Zusammenhang zu erwähnen, dass dieses Verständnis durchaus regionale Unterschiede aufweist, was wäre die Schweiz ohne den berühmt-berüchtigten Rösti-Graben! Vorrangig kann man den Unterschied vor allem in Restaurants bemerken. Recht oft wunderte ich mich entweder über eine Vielzahl sehr kleiner Tische mit minimaler Nutzfläche oder aber riesige Tische, an denen Unmengen von Menschen Platz finden können. Ich vermute etwas „bilderstürmerisch“, dass dieses Bemühen um maximale Ausnutzung der Restaurant-Fläche vor allem den exorbitant hohen Mieten solcher Restaurationen geschuldet ist, aber das trifft genau genommen nur auf die grossen Städte der Schweiz zu. Aber selbst in kleineren Städten und Dörfern konnte ich jene Eigenart beobachten, dass es in Restaurants sehr viele eng beieinander platzierte Sitzmöglichkeiten anzutreffen sind. Gut, mir als chronisch „wachem“ Menschen kam das ab und an durchaus gelegen, es ist immer wieder interessant für mich, Gesprächsinhalte verfolgen zu können, auch wenn diese gar nicht auf einer Speisekarte vermerkt waren. Ich sage Ihnen: Was man da manchmal zu hören bekommen kann, ist schon im besten Falle „befremdlich“ – für ein Deutsches Ohr. In der Deutsch-Schweiz und auch in Graubünden und dem Tessin scheint der Schweizer „enge“ Geselligkeit zu geniessen, in der französischen Schweiz hingegen fand ich öfter schon eher das, was ich gewohnt war: Diskretion durch einen gewissen räumlichen Abstand der Sitz- und Essgelegenheiten. In den zuvor genannten Bereichen der Schweiz rückt man gerne nahe zueinander und geht davon aus, dass Diskretion auch durch ungewollte Zuhörer gewahrt wird, allerdings gibt es durchaus einige „Besucher“ solcher Lokationen, die mit diesem ungeschriebenen Gesetz auch spielen und es bewusst darauf anlegen, dass sich vermeintlich wichtige Dinge auf genau diesem Wege verbreiten, Diskretion also nicht ganz so diskret vorgetragen wird, wie „man“ das sonst so erwarten darf. Da werden manchmal absichtlich Tische näher zusammen gerückt, nur um unter dem Mantel der Diskretion reichlich undiskrete Dinge zu streuen…

Während der Deutsche gerne „das ist meins und entsprechend wahre ich auch die Grenzen“ propagiert (also Tische bewusst voneinander weg rückt), hebt ein Schweizer gerne solche Grenzen auf (rückt Tische also eher zusammen) – macht aber die Aufhebung an sich sehr wohl abhängig davon, wen er vor sich (oder neben oder hinter sich) hat. Was oder wer dem Schweizer zu fremd erscheint, das oder den hält er oder sie auf Distanz, wodurch er oder sie sich nur wenig von dem Durchschnittsdeutschen unterscheidet. Aber hier zeigt sich oft ein weiterer Unterschied: „Der Deutsche“, wenn man sich schon einer solchen Plattitüde bedienen mag, schaut mittelmässig angewidert von dem weg, was ihn oder sie stört, weil es fremd erscheint. Der Schweizer aber kann dann schon mal eine ganz andere Eigenart zeigen: Er oder sie starrt. Ein paar Mal ist mir selbst es widerfahren, dass Menschen in meiner unmittelbaren Umgebung mich oder das, was ich gerade machte, regelrecht anstarrten! Ob nun ungläubig, unwissend oder unverstehend entzieht sich meiner Kenntnis, aber wenn jemand starrt, dann sehe und fühle ich das! Kleiner Tipp von mir an neu hier zugezogene Deutsche: Je nach Umgebung macht es in solchen Situationen noch Sinn abzuwägen, ob man in so einem Moment des angestarrt werdens fragt: „Kann ich Ihnen irgendwie behilflich sein?“ (tendentiell für Schweizer besser verständlich und annehmbar) oder aber „Is wat?“. Selbst hart gesottene Zürcher (Basler, Berner etc.) haben noch ein grundlegendes Bedürfnis nach Diplomatie, das ist ihnen so mit auf den Weg gegeben worden! Ein „is wat?“ kann zum Beispiel im Zürcher Niederdorf durchaus genau gleich verstanden werden wie beispielsweise in Berlin Kreuzberg, Hamburg Altona oder auf der Platte in Köln. Mögliche Folgen sind dann bestenfalls als „sehr undiplomatisch“ einzuordnen. Diskretes Beobachten scheint nicht eine Stärke der meisten Schweizer zu sein, unverblümtes Anstarren hingegen schon. Irgendwann werde ich mal anders auf so ein Anstarren reagieren und fragen, ob ich irgendwie zum Austausch und besseren Verständnis der im Detail doch so unterschiedlichen Kulturen beitragen kann. Mal sehen, was dann passiert. Ich liebe solche Grenzgänge einfach zu sehr!

Auf einschlägigen Plattformen im Internet kann man Video-Beispiele sehen, wenn ein inzwischen auch in der Schweiz vorhandener Discounter zu absoluten Schleuderpreisen TV-Geräte oder Computer-Hardware anbietet. In Deutschland gleicht das Schauspiel der Schlacht im Teutoburger Wald, da geht es um das nackte Überleben! Apropos nackt: Zu solchen Verkaufsterminen kleidet sich ein Deutscher eher sachdienlich-zweckorientiert, qualitativ nicht gerade hochwertige Textilien mit viel Taschen und einem Modedesign, für das noch ein Name gefunden werden muss. Sollte die Kleidung bei der Vernichtung der Römer im Krabbeltisch Nummer Eins zerfetzt werden, findet sich garantiert im Krabbeltisch Nummer Zwei direkt daneben Ersatz für die textile Schlachtenrüstung, ebenso zu Schleuderpreisen, nicht sonderlich schick und in Hinsicht auf Produktionsland und verwendete Materialien allenfalls fragwürdig. Solche Szenerien wird man in der Schweiz vergeblich suchen, das soll aber nicht bedeuten, dass der Schweizer nicht drängeln kann! Er macht es nur anders. Und er oder sie kleidet sich dazu auch anders. Vielleicht ist Ihnen mal bei einem Besuch in der Schweiz aufgefallen, dass hier gerne selbst in Städten hochwertige Outdoor-Kleidung getragen wird. Abgesehen davon, dass man auf diesem Wege auch und insbesondere in den Städten gerne zeigt, wozu man finanziell in der Lage ist, macht diese Outdoor-Kleidung insbesondere beim Schweizer-Drängeln Sinn: Leicht, extrem belastbar ohne bei Anstrengungen welcher Art auch immer zu überhitzen oder zu erfrieren und mit Taschen für Gegenstände aller erdenklicher Grösse, alles muss seinen zugewiesenen Platz erhalten (nebenbei eine Maxime, die so ziemlich für alles und jeden in diesem Land wie ein ungeschriebenes Gesetz zu gelten scheint). Insbesondere bei Einkaufsbesuchen in Deutschland zahlt sich diese Kleidung für einen Schweizer aus.

Aber wie wird denn gedrängelt? Die Deutschen entsinnen sich in Hinsicht auf diese Frage eher an ihre Wurzeln biologischer Natur, weit entfernt vom Urmenschen erscheinen sie in solchen Situationen nicht. Das Recht des Stärkeren ist sehr Deutsch! Das gute alte Keulenprinzip hat es diesbezüglich bis in die heutige Zeit gebracht, wer auf der Strecke bleibt, hat selber Schuld, überhaupt zur Schlacht erschienen zu sein. Nicht so der Schweizer: Auch er oder sie kennt das Drängeln. Auch er oder sie hat begriffen, dass zu langes höfliches Warten nicht zum Ziel führt, man unter Umständen leer ausgeht. Der Schweizer blendet seine Umgebung im Moment der Faszination von etwas, was sonst nicht zu den üblichen Konditionen erhältlich ist, vollkommen aus. Es gibt keine anderen Interessenten, die existieren nicht (und die sackteure Outdoor-Kleidung garantiert, dass Spuren fremder Existenzen entweder beseitigt werden oder gar nicht erst anhaften können – trotzdem ist Teflon eine streng genommen französische Erfindung, keine schweizer und auch keine deutsche!). „Oh, lueg ma da!“ – „Oh, schau mal da!“ und schwupps hat Schweizer den noch so kleinen nutzbaren Raum gefunden, wird wie von einem Magneten angezogen und ist mitten drin und voll dabei. Nur ohne Keule! Ein Schweizer nutzt die kleinsten Leerräume, bringt sogar noch ein „Äxgüsi!“ („Entschuldigung!“) zu Stande, sollte die ansonsten in der Schweiz so geschätzte Nähe in Deutschland dann doch mal zu nahe geworden sein.  Dafür haben sie über Jahrhunderte hinweg trainiert, die Schweizer! Sogar Sportarten, die man nur in diesem Land kennt und sonst nirgends auf der Welt! Ein Schweizer hat es gelernt, auf wenig Platz alles erdenklich mögliche zu Stande zu bringen, das hat ein Schweizer einem Deutschen, der tendentiell von Geburt an territorial und erweiternd denkt und somit von Anfang an immer mehr Platz braucht, als unbedingt nötig, voraus. „Kleine aber feine und kaufkräftige Schweiz“ trifft auf „Alles meins!“ – ein Besuch zum Beispiel in Konstanz an einem Samstag würde Ihnen verdeutlichen, was ich damit meine. Ergänzend angemerkt: Ein Schweizer braucht nicht viel Platz zum Drängeln, aber das Fahrzeug, mit welchem er oder sie die Errungenschaften der Schlacht im Teutoburger Wald wieder zurück in die Schweiz schafft, unterliegt ganz anderen Klassifizierungen von jenem ominösen Ding mit Namen „Grösse“. Es würde mich absolut nicht wundern, wenn der Begriff „relativ“ eine Schweizer Schöpfung ist – und nicht, wie allgemein bisher angenommen – eine lateinische.

Ich könnte hier und jetzt recht waghalsige Vermutungen anstellen, warum die Begrifflichkeiten Nähe und Abstand in der Schweiz so manches Mal anders verstanden werden, als zum Beispiel in Deutschland. Abgeschnitten von der Aussenwelt durch extremen Schneefall, unüberwindbare Sprachbarrieren, extrem hohe Mieten für nur sehr wenig nutzbaren Raum, unzählige Tunnelverbindungen von einem Sprachenraum zum anderen, generelle Abgrenzung von dem umgebenden Ausland und und und, es würde eine endlose Aufzählung nach sich ziehen. Fakt ist und bleibt, dass man sich diesbezüglich auch so manch eine Eigenart gewöhnen sollte, die man so nur in der Schweiz antreffen kann, auch das ist Integration. Für mein persönliches Empfinden sind zahlreiche Schweizer, die mir bis anhin begegnet sind, doch um einiges aufgeschlossener in Bezug auf Annäherung, Verständnis und kennen lernen wollen, als viele Deutsche. So sehr manch ein Schweizer Wert auf (s)eine Landesgrenze legen mag, so sehr sucht er oder sie den Austausch, denn nur im Austausch findet man als Schweizer auch die leeren Räume, die noch nicht besetzt sind. Und die Nutzung selbst von kleinsten Räumen bis hin zur Perfektion, das ist sehr Schweizerisch, glauben Sie mir!

Das „Ja,aber…“-Land

Abgesehen von dem üblichen Gesülze, was man selbst als Ausländer über die eigene Heimat-Nation zuweilen zu hören bekommt und man als Ausländer selbst über dieses Land mit Namen „Schweiz“ denkt, gibt es eine ganz typische Ausdrucks- und letztlich auch Verhaltensform, die in unendlich vielen Varianten auftritt und wodurch sich ein „schweizerisch“ denkender Mensch (was auch immer das genau sein soll) vom Rest des homo sapiens jenseitig des helvetischen Tellerrandes grundlegend unterscheidet: „Ja, aber…“. In der Schweiz wird über vieles sehr viel diskutiert. Es gibt einen ganz grundlegenden Unterschied zwischen deutscher und schweizerischer Diskussionsführung! Deutsche Diskussion zielt oft darauf ab, eine Position, eine Meinung oder einen Standpunkt als „einzig richtig, zutreffend und allgemeingültig“ darzustellen und entsprechend zu vertreten, was meistens in einem Schlagabtausch endet. Auch ich musste in meinen ersten Jahren hier erst einmal lernen, dass dieser deutsche Stil hier in der Schweiz nur bedingt anwendbar ist und Sinn macht – und viele Schweizer nicht ganz unbegründet „den Deutschen“ genau deshalb das vorwerfen, was man am häufigsten über „uns“ aus dem grossen „Nachbarskanton“ zu hören bekommt: „Die Deutschen sind arrogant.“. Der Schweizer Stil ist anders: Es wird nicht um des Diskutierens Willen diskutiert und auch nicht, um gegenteilige Haltungen, Positionen und Meinungen zu demontieren, sondern um diese zu erweitern, den Blickwinkel auf eine Thematik zu vergrössern, zumindest ist das meine überwiegende, aber rein subjektive Erfahrung und Wahrnehmung aus zahlreichen Gesprächen. Aber auch hier gibt es am Ende teilweise unendlich langer Diskussionen einen Unterschied im Abschluss eben jener: Nicht selten macht der Schweizer „die Faust im Sack“ (gleichbedeutend mit: „Ich gebe klein aber deutlich wahrnehmbar murrend bei“) während der Deutsche erst recht auf den Tisch haut (was nicht selten zu einem noch arroganter anmutenden Bild über ihn führt). Es wird selten wirklich laut und aggressiv in einer rein Schweizer Diskussion und fast ausnahmslos bleibt am Ende ein „ja, aber…“ im Raum stehen. Das hat seine Vor- und Nachteile. Im Gegensatz zum eher deutsch anmutenden Stil, mehr oder minder allein sich von anderen Blickwinkelnd abgrenzend auf ein eigenes Ziel hin zu arbeiten, weist der Schweizer Stil auf das Prinzip der „Konkordanz“. Jeder muss irgendwie Abstriche machen, aber am Ende kommt ein Ergebnis heraus, welches von allen tragbar ist.

Dieses Streben nach „Einigkeit“ hat nicht zuletzt wegen jenes „ja, aber…“-Prinzips eine Eigenschaft, die von vielen als Nachteil angesehen wird. Prozesse der Entscheidungsfindung können in der Schweiz unglaublich lang andauern, weitaus länger, als dass das in Deutschland der Fall ist. Dabei spielt es praktisch nie eine Rolle, in welchem Bereich nach einer Entscheidung, nach weitestgehender und tragfähiger Gemeinsamkeit gesucht wird. Das „ja, aber…“ findet man in der Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und auch im Privatbereich, das existiert einfach überall. Deutsche „Vorschlaghammerpolemik“, die im Endeffekt nur aussagt: „So ist es und so ist es, weil ich es sage und damit basta!“ sorgt hierzulande bestenfalls für Befremden (aber wenn es ein Völkchen gibt, das wirklich überfreundlich ignorieren kann, dann sind es die Schweizer). In gewissem Sinne war ich auf dieses Schweizer Prinzip schon lange, bevor ich überhaupt hierher gekommen bin, vorbereitet. In meiner Familie wurde nur ausgesprochen selten laut und aggressiv argumentiert, ich wurde so durch meine Eltern erzogen, zunächst mehrere Standpunkte und Sichtweisen zu einem Thema zu betrachten, bevor ich mir meine eigene Meinung bildete. Bereits in Berlin mutete unser Diskussionsstil sehr schweizerisch an: Die Worte wurden sehr genau gewählt und der Ton, in welchem diese gewählten Worte vorgebracht wurden, spiegelte nur sehr selten das eigene Befinden unmissverständlich. Aber wenn, dann wurde es sehr deutsch, dann war das auch notwendig und so selten, wie das geschah, auch wirklich nicht mehr verhandelbar. Dann gab es bei uns kein „ja, aber…“ mehr. Mittlerweile „ticke“ ich schon recht schweizerisch, wenn ich mit anderen Menschen über bestimmte Themen rede, auch ich versuche zunächst Horizonte zu erweitern. Ich verwende zwar nur sehr selten dieses „ja, aber…“ und ersetze es durch andere Formulierungen, aber das Prinzip ist im Endeffekt das gleiche. Kommt aber auch immer darauf an, wen ich vor mir habe und wie sich sie oder er verhält (ob es sich aber um einen Deutschen, Schweizer, Eidgenossen oder was auch immer handelt, ist mir vollkommen egal).

In wenigen Wochen darf nunmehr auch ich wählen, Einfluss auf die Politik dieses Landes nehmen. Ich erhielt meine ersten Wahlunterlagen und erneut stolperte ich über eine Erscheinungsform dieses „ja, aber…“. In Deutschland wählt man vorrangig Personen und Parteien, Informationen über das jeweilige Parteiprogramm, die Bedeutung geplanter Änderungen in Politik und Gesellschaft aber muss man sich weitestgehend selbst zusammen suchen. In meinen Wahlunterlagen fand ich mehrere Begleitschreiben, die über die zur Wahl stehenden Punkte recht umfangreich informierten, aber auch die Positionen der Befürworter und Gegner gegenüber stellten und somit wieder ein „ja, aber…“ in meinem Kopf hinterliessen. Erfreulicher Weise muss man als politisch interessierter Mensch in der Schweiz nicht lange nach weiter führenden Informationen suchen, dieses Volk ist politisch für meine Begriffswelt weitaus engagierter und informierter, als das deutsche Wahlvolk. Am Ende muss man aber letztlich doch für sich selbst entscheiden und wählen, sich selbst politisch nicht nur formen, sondern auch positionieren. Und wenn man sich erst einmal irgendwo positioniert hat, klingelt garantiert wieder „ja, aber…“ an der Tür! Ich gebe unumwunden zu, dass ich manchmal sehr viel quasseln kann, nahezu endlos diskutieren (insbesondere, wenn ich mich vorab selbst informiert habe und mich nicht habe informieren lassen). Aber irgendwann schlägt dann ab einem gewissen Zeitpunkt dann doch wieder der Deutsche in mir hoch und haut auf den Tisch, irgendwann ist dann auch mal „fertig“, wie man hier so schön sagt. Man kann Dinge auch zerreden und damit Zeit schinden, obwohl keine Zeit mehr ist, um eine Entscheidung zu treffen. Das Ding mit der Geduld, das muss ich noch irgendwie üben und das mit dem Runterschlucken (oder „die Faust im Sack machen“) auch. Manchmal – nicht immer – macht das Sinn.

„Ja, aber…“

27.3., 15.4. & 24.4.2019

Heute fand ich in meinem Briefkasten ein Kuvert, welches als Absender die Stadtkanzlei von Zürich auswies. Eher beiläufig öffnete ich dieses Schreiben, während ich die zuvor getätigten Einkäufe im Kühlschrank verstaute, wendete mich diesem (dem Schreiben, nicht dem Kühlschrank) aber näher zu als ich erkannte, was ich da in den Händen hielt: Eine Bürgerrechtsurkunde, ausgestellt auf meinen Namen. Ich war etwas verwundert über diese Urkunde, ich hatte zuvor nirgendwo von der Existenz solcher Urkunden gelesen, niemand erwähnte, er oder sie habe nach Abschluss eines Einbürgerungsverfahrens eine solche erhalten. Die Urkunde selbst war auf den 27.3.2019 datiert, den Tag, den ich persönlich als „meinen“ Einbürgerungstag betrachte und an welchem mich der Kanton abschliessend aufgenommen hatte. Das Begleitschreiben zu dieser Urkunde hingegen war auf den 15.4. datiert, das Konvolut selbst erhielt ich heute, dem 24.4., also gut einen Monat nach Abschluss meines Einbürgerungsverfahrens. Ich nahm diese Zeitspanne zur Kenntnis und dachte mir meinen Teil dabei. Danach wendete ich mich der grundlegenden Dekontaminierung meiner vier Wände zu, im Frühlingslicht sieht man die Überbleibsel eines Winters (und anderer Ereignisse) zu deutlich, als dass man sie noch ignorieren könnte, es sei denn, man rennt auch in der eigenen Wohnung mit aufgesetzter Sonnenbrille herum. Während ich so vor mich hin schrubbte, grübelte ich über diese Urkunde und das Begleitschreiben nach. Das Begleitschreiben wies mich bereits in den ersten Zeilen einleitend darauf hin, dass diese Urkunde nicht für den Verkehr mit Ämtern und Behörden geeignet sei, dafür sei ausschliesslich die entsprechend lautende Verfügung des Kantons Zürich vorgesehen. Bei dem Wort „Verkehr“ schoss mir unweigerlich der Vergleich mit einem Billet durch den Kopf: Ich war zwar nunmehr in Besitz einer Urkunde, aber „verkehren“ konnte ich damit im „Verkehrs“-Netzwerk von Ämtern und Behörden nicht, diese Urkunde ist ein ungültiges Billet im Amtsverkehr! Ich glaube, ich brauche einfach mal nur wieder Urlaub, ich verkehre wahrscheinlich schon wieder zu viel im Verkehr oder verkehre überhaupt zu viel. Wo auch immer. In den nachfolgenden Zeilen wurde ich darauf hin gewiesen, dass ich als Schweizer (da stand NICHT Eidgenosse! Aber warum sollte das da auch stehen?) und Bürger von Zürich nunmehr zahlreiche Möglichkeiten hätte, politisch aktiv zu werden. Ich wurde ermutigt, meine neu gewonnenen Rechte zu nutzen, man würde sich freuen, wenn ich die Zukunft der Stadt, die des Kantons und die der Schweiz mit bestimmen würde. Keine Sorge, das werde und will ich, aber ob sich wirklich Stadt, Kanton und Schweiz über meine „Mitbestimmung“ freuen werden, steht auf einem anderen Blatt.

Man mag es mir als Blasphemie auslegen, aber der Hinweis darauf, dass diese Urkunde keinen juristisch relevanten Verwendungszweck bei Ämtern und Behörden im Falle bei Fragen und Angelegenheiten rund um meine Staatsbürgerschaft der Schweiz haben sollte, verwunderte mich: „Was soll ich dann mit dem Ding?“. Der Verfasser jenes Schreibens, der stellvertretend für die Stadtkanzlei und die Stadtschreiberin jenes Begleitschreiben an mich unterzeichnet hatte, gratulierte mir zu meiner Einbürgerung. Ich schloss daraus, dass diese Urkunde in einem gewissen Sinne Ausdruck jener Gratulation sein sollte. Bereits in den Tagen zuvor wunderte ich mich ein klein wenig darüber, warum mir einige mir liebe und wichtige Kolleginnen und Kollegen zu meiner Einbürgerung gratulierten. Ja, die Einbürgerungsrichtlinien der Schweiz gelten als sehr anspruchsvoll oder anders ausgedrückt sind die Hürden, bis man dieses Zeil erreicht hat, hoch, entsprechende Anmerkungen kann man an zahlreichen Orten (auch ausserhalb der Schweiz) finden. Mit Ausnahme des Einbürgerungsgespräches und den im direkten Vergleich zu anderen Gemeinden niedrigen anfallenden Kosten aber empfand ich den gesamten Vorgang als „allemal zu bewältigen“, da ich alles nachweisen konnte, worauf dieser Staat Wert legt, ich absolut nichts zu verbergen hatte und der Vorgang an sich zumindest in der Stadt Zürich einen fast ausschliesslich administrativen Charakter aufweist. Irgendwie erinnerten mich diese Urkunde und die Gratulationen an meine Schulzeit. Jahr für Jahr wurden auch in dem damals noch durch die Mauer geteilten West-Berlin die so genannten „Bundes-Jugendspiele“ durchgeführt – obwohl Berlin genau genommen nicht zur Bundesrepublik Deutschland gehörte. Die Bundes-Jugendspiele waren so eine Art „Sportwettkampf“, den jede Schule Jahr für Jahr durchzuführen hatte. Bei meist brütenden sommerlichen Temperaturen wurden  Kugeln mehr oder minder elegant und zielsicher durch die Luft geschleudert, man selbst schleuderte sich nach Anlauf in eine Sandkiste (auch „Weitsprung“ gennant), man hechelte entweder in selbstmörderischem Tempo wie von einer überdimensionalen Tarantel gejagt eine kurze Distanz oder aber in langzeitmörderischem Tempo eine lange (war immer meine Wahl, der Sprint ist einfach nicht meins). Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, ob da noch andere Disziplinen verlangt wurden, so oder so aber HASSTE ich diese „Jugendspiele“. Ich bin kein sportlicher Mensch und interessiere mich auch nicht im Übermass für irgendeinen Sport, meine Ausdauer und Kraft habe ich im Laufe von mehreren Jahren vor allem bei unzähligen „Zügeleien“ („Umzug von Wohnung zu Wohnung“) gewonnen, aber generell sehe ich keinen Grund darin, mehr zu schwitzen, als unbedingt nötig. Vor allem im Hochsommer.

Folgerichtig war ich somit auch keine Sportskanone, trotzdem erhielt jeder zwangsverpflichtete Schüler im Anschluss an jene Jugendspiele eine Urkunde, die zumindest seinerzeit noch auswies, ob und wie sportlich man selbst gemessen an irgendwelchen Punktesystemen war. Die Urkunde attestierte die Teilnahme mit erreichter Leistung. Ich besitze immer noch alle diese Urkunden (wie auch sonst jede Urkunde, die mir etwas für mich oder aus meinem Leben attestierte), aber da meine jeweils erreichte Punktezahl allenfalls die „Fähigkeit zur meist koordiniert wirkenden Bewegung frei von jeglicher sportlichen Anmut und Eleganz “ attestierte und nicht mehr, lagern alle diese Urkunden irgendwo in einem Sammelordner in meinem Regal. Und nun erhielt ich eine weitere Urkunde, meine „Bürgerrechtsurkunde“, die attestiert, dass der Stadtrat von Zürich (sozusagen die Regierung der Gemeinde „Stadt Zürich“), mir auf mein Ersuchen und nach Abklärung über die Erfüllung der rechtlichen Vorschriften das Bürgerrecht der Stadt Zürich erteilt worden ist, unterschrieben von der Stadtpräsidentin Corine Mauch und der Stadtschreiberin Claudia Cuche-Curti, in nahezu einwandfreiem Amtshochdeutsch (gemäss der geltenden Richtlinien, wenn mich mein Wissen um die reformierte deutsche Rechtschreibung nicht täuscht…)  . Ok, nicht wirklich „unterschrieben“, die Unterschriften wurden druckgraphisch reproduziert. Überhaupt wirkt diese Urkunde recht „sec“, wie man hier zu sagen pflegt: Trocken (ich liebe dieses Wort „sec“!). Nahezu perfekt ausgerichtet und aufgeteilt nach den Richtlinien des „goldenen Schnittes“, schön mit Stadt-Logo und der Standard-Schrifttype der Stadt, kein übermässig hochwertiges Papier, aber auch kein Standard-Kopierpapier, sogar ein fotografischer Hintergrund, die Sicht vom Dachbereich des Stadthauses in Richtung des Münsters, Vierfarbdruck. Nur für meinen Geschmack etwas viele Grossbuchstaben, ansonsten einwandfrei, korrekt, sogar sprachlich, grammatikalisch, nicht geknickt, um in kostengünstigere Kuverts zu passen etc. ppp. Eine vorbildliche Urkunde, für die ich mich nicht durch die Luft geworfen habe, für die ich nur einen Tag aufgrund ungewöhnlich hoher Temperaturen leicht schwitzen, mich dafür aber nicht körperlich abhetzen musste. Kein „so und so viel Punkte von so und so viel möglichen erreicht“. Nur nicht persönlich überreicht und amtlich nicht verwertbar.

Ich denke, ich werde sie trotzdem einrahmen und irgendwann mal aufhängen.

Mit wehenden Fahnen

Ich kann Ihnen nicht sagen, warum ich von je her meine Mühe mit Fahnen hatte (genauer: die aus Textilgewebe, nicht die aus einem gewissen gasförmigen Zustand bestehenden). Ich assoziiere mit Fahnen immer sehr „deutsch“ anmutende Menschenmengen, die ein Symbol für das schwenken, wofür auch immer dieses Symbol herhalten muss. Gerade die Deutschen haben ihre ganz besondere Erfahrung mit Symbolen und Fahnen! Nur leider vergessen das viele derzeit gerade einmal mehr und nehmen SchwarzRotGold als sichtbares Zeichen ihrer Abgrenzung von was auch immer, schreien es in die Welt hinaus und verhalten sich, als würde eine ganz andere Fahne wieder auferstehen. Wahrscheinlich ist das der Grund, warum mir von Anfang an in diesem Land mit Namen Schweiz vor allem eines auffiel: Es gibt hier unglaublich viele Fahnen! Bitte korrigieren Sie mich, sollte ich mich irren, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass de facto jede in diesem Land sichtbare Fahre wie die Nationalflagge auch quadratisch ist – und nicht rechteckig! Jede Gemeinde, jede Stadt, jeder Kreis, jeder Kanton hat seine eigene Fahne. Manche sind wirklich schön und spiegeln nachvollziehbar, woher sie kamen und was sie bedeuten, andere hingegen sind – nun ja – eben Fahnen, recht einfallslos gestaltete Symbole für was auch immer. Es gibt Tage in einem Jahr, in welchem eine Gemeinde, eine Stadt, ein Kanton oder die gesamte Nation in einem regelrechten Meer von Fahnen aller Art versinkt, überall angebracht, wo sich so ein Ding in welcher Grösse auch immer anbringen lässt. Die grösste dieser Fahnen wird immer zum „Geburtstag“ der Nation am 1. August eines Jahres an einem Berg befestigt, schön unübersehbar gegenüber dem Ort, an welchem der Geschichte (oder doch vielleicht der Legende?) nach die Schweiz in ihrer ursprünglichen Form, der „alten Eidgenossenschaft“, im Jahre 1291 gegründet wurde. Ich für mich selbst habe mir nie viel aus Fahnen gemacht, bis ich hier in der Schweiz sesshaft wurde. Ich habe nie die Flagge eines Sportvereins oder eines Landes besessen, für mich waren und sind diese Dinger ein Symbol von etwas, mit dem ich mich – wenn überhaupt – nur ansatzweise und auch nur teilweise identifiziere. Aber dann bezog ich mein Heim auf helvetischem Boden und beobachtete Jahr für Jahr, wie ein Bewohner des Hauses gegenüber dem meinigen immer die Fahne der „Zunft Höngg“ anlässlich des in Zürich beliebten Festes mit Namen „Sächsilüüte“ („Sechsuhrläuten“), hisste, eine schöne Fahne (und das meine ich ohne jeden Scherz oder Ironie), aber eine übergrosse Version von dem Ding! Irgendwann ging mir das etwas auf den Zünder und so bestellte ich im Internet die Fahne „meiner“ Stadt Berlin, die Amtsversion, die sich von der „normalen“ in kleinen Details unterscheidet.

Ich zögerte fast ganze zwei Jahre, bevor ich dieses Ding aufhängte, irgendwie ahnte ich, dass dieser Vorgang Folgen haben könnte, dennoch beschloss ich mich meiner Wurzeln entsinnend diese Fahne im Balkonbereich aufzuhängen. Nun ist das so eine Sache mit dem Aufhängen von Fahnen in der Schweiz. Es spielt eine Rolle, ob eine Fahne -> in <- einem Balkonbereich aufgehängt wird oder aber ob diese aus dem Balkonbereich heraus ragend weht (oder an einem extra dafür angeschafften und aufgestelltem Mast im Garten oder wo auch immer zu wehen hat). Da haben zahlreiche „Institutionen“ ein Wort mitzureden und die können so ein Vorhaben auch schon mal auf Kosten desjenigen, der das alles vom Zaun gebrochen hat, rückgängig machen. All dieser Umstände war ich mir bewusst. Und so hängte ich die Fahne der Stadt Berlin an eine Trennwand meines Balkons. Sie wehte also nicht ausserhalb des Gebäudeprofils im Wind! Ein kleines Stück Heimat auf meinem Balkon, mehr sollte das Ding nicht symbolisieren. Aber dann geschah etwas, was ich inzwischen auch als „typisch Schweizerisch“ bezeichne. Nicht einmal zwei Tage später, nachdem ich mein Berlin-Symbol aufgehängt hatte, klingelte es an meiner Tür und mein Vermieter stand vor mir. Kleine Anmerkung insbesondere für Zuwanderer aus Deutschland: Dem Vermieter muss (!) auf Verlangen jederzeit Zutritt zur „eigenen“ Wohnung gewährt werden, der braucht keine Polizei oder dergleichen (aber auch hier sind Grenzen gesetzt, die man erst einmal erkunden muss, auch das nur als Hinweis). Da stand er nun vor mir und attestierte, dass ich wohl eine Fahne auf meinem Balkon installiert hätte. Er fragte zwar höflich, ob er diese „mal“ sehen dürfe, aber es war mir klar, dass er dazu meiner Erleubnis nicht bedurfte und nach jener auch gar nicht erst fragte. So fegte er auf meinen Balkon, begutachtete den Fetzen und fragte mich dann, was das für eine Fahne sei. Ich erklärte ihm die Berliner (Amts-)Flagge, nicht aber, warum ich sie überhaupt angeschafft und aufgehängt hatte. Er nahm meine Erklärung mehr oder minder tonlos (vielleicht aber auch verständnislos) entgegen und verabschiedete sich, genau so schnell wieder aus „meiner“ Wohnung fegend, wie er sie betreten hatte. Kurze Zeit später begegneten wir uns erneut und ich nutzte die Gelegenheit, um nach dem Grund für jene „Fahnensichtung“ zu fragen. Lange Rede, kurzer Sinn: Der Nachbar vom Haus gegenüber, der mit der übergrossen Höngger Zunftfahne, wollte wissen, was das für eine Flagge sei, die da an meiner Balkonwand hing.

Ich bin jenem Mann bereits öfters auf der Strasse begegnet, aber wir grüssten uns stur mit „Grüezi“ und „Schönen juten Tach auch“. Er hat nicht auf eine Gelegenheit gewartet, mich persönlich anzusprechen, er ist einen anderen, einen typisch Schweizerischen Weg gegangen. Und das juckte mich dann doch!  So reifte im Verlaufe meines Einbürgerungsprozesses ein Gedanke in meinem Kopf, den ich nun vor sehr kurzer Zeit in die Tat umgesetzt habe. Ich stänkere manchmal ganz gerne herum, nur um anderen mal vor Augen zu führen, was sie mit ihrem Vorgehen, ihren Erwartungshaltungen und Ansprüchen anrichten. Im Stänkern bin ich gut! Und so bestellte ich ganze vier (!) Fahnen: Die normale Flagge von Berlin, die von Zürich, die der Schweiz und die von Deutschland (mit der ich immer noch erhebliche Mühe habe). Ich bastelte an diesen Dingern herum, besorgte mir in einem Möbelhaus aus einem Land Skandinaviens (welches meines Wissens nach weltweit vertreten ist) eine Aufhängevorrichtung, die normalerweise für Gardinen gedacht ist, lieh mir von einem anderen Nachbarn die einzige Bohrmaschine, die in Weltkriegs- und Atombomben-sicheren Schweizer Beton bohren kann und schraubte an dem Tag zwischen Karfreitag und Ostersonntag (wenn ich schon national am stänkern bin, nehme ich kirchliches gleich mit) das -> innerhalb <- meines Balkonbereiches, was Sie oben auf dem Bild sehen können: Einen veränderbaren Sonnenschutz aus den bereits genannten vier Flaggen, eine wehende Stänkerei nach Gegenüber! Aber keine Sorge, ich werde diese Flaggen in relativ absehbarer Zeit durch vollkommen Farb- und Nationen-neutrale Stoffbahnen ersetzen und mein Konstrukt nur noch am 1. und dem 2. August, sowie am 27. März eines Jahres aufhängen. Und wenn dieses Land anlässlich irgendeiner Weltmeisterschaft wieder überdeutlich zu verstehen gibt, woher jemand kommt und wofür er oder sie „einsteht“, so werde ich dieses Konstrukt erst recht nicht aufhängen, auch Stänkereien haben ihre Grenzen. Wie empfindlich die Schweizer Volksseele auf Symbole für Nationalität reagieren kann, soll ein Vorfall verdeutlichen, der meines Erachtens die Problematik hinter alledem in diesem Land nicht besser beschreiben kann. Bei irgendeiner Fussball-Weltmeister- oder Europameisterschaft (ich interessiere mich für diesen Sport sowas von überhaupt nicht!) zeigten zwei Spieler der Schweizer Nationalmannschaft mit ihren Händen das Symbol aus der Flagge des Kosovo, den Doppeladler. Aus dieser Geste entsprang eine heftige Diskussion darüber, wie weit her es mit der Integrität, der eigenen Identifikation jener Spieler für die Nation sei, die sie irgendwann einmal aufgenommen und gefördert hatte, ob sie „andere“ Schweizer sein würden als die, die…. nun ja, eben nicht stänkern. Aber das ist das Berlin in mir: Mein Balkon ist meins! Wer da rein pfuscht, der wird sehen (!), was er oder sie davon hat! Adé, Merci!

„Sie dürfen lächeln!“

In welchen Registern der Schweiz ich auch immer zwischenzeitlich „hinterlegt“ worden war, so konnte ich nunmehr Reisepass und Identifikationskarte (vergleichbar mit dem „Personalausweis“ in Deutschland, wobei mir sich bis zum heutigen Tage noch nicht erschlossen hat, von wem ich eigentlich genau „Personal“ seinerzeit war, in der Schweiz dient diese Karte zur Identifikation…) der Schweiz beantragen. Man kann wählen, ob man beide Dokumente zusammen oder einzeln ausgestellt haben möchte, entsprechend unterscheiden sich die Kosten. Zu diesem Zweck wurde mir sowohl ein Link im Internet, als auch eine Telefonnummer schriftlich auf Papier mitgeteilt, mit deren Hilfe ich mein Anliegen vorbringen konnte. Ich bin ein Mensch, der eine Stimme einer Internetseite bevorzugt, also wählte ich irgendwann die Telefonnummer, um, wie schriftlich fest gehalten, einen Termin mit dem zuständigen Passbüro des Kantons Zürich zu vereinbaren . „Drücken Sie bitte die 1 für…“. „Drücken Sie bitte die Taste 2 für…“. Egal, welche Taste ich auch drückte, so verdeutlichte mir die vom Band in mein Ohr gesprochene Stimme letztendlich immer die Empfehlung, ich möge mein Anliegen doch bitte online vorbringen – über das Internet. Nix persönlich, schön digital unpersönlich. Deutsch. Aber gut, ich kenne inzwischen beide Welten, also ging ich „online“. Es dauerte eine kurze Zeit, bis ich begriff (und ich bin NICHT blöd, wenn es um exakt solche Dinge geht), wie man überhaupt einen Termin hinterlegt, ob da überhaupt noch Platz ist und wie man erkennen kann, dass der selbst gewählte Termin auch bestätigt wurde. Mein Beruf hat mich gelehrt, auf gewisse Dinge zu achten, die nicht selbsterklärend sind. Immerhin erhielt ich die Terminbestätigung in vergleichsweise exorbitant kurzer Zeit an meine E-Mail-Adresse. Erfreulicher Weise konnte ich mit dem Tram dort hin fahren (Anmerkung: Auch wenn in Deutschland „die“ Strassenbahn logischer Weise „die“ Tram implementiert, so ist es hier in der Schweiz „das“ Tram – vom französischen „le tram“. Spätestens hier verrät sich jeder Deutsche selbst, egal, ob sprachlich angepasst, integriert und eingebürgert oder nicht. Kleiner Tipp: Sollten Sie nicht indo-europäische Sprachwurzeln aufweisen können oder gar wollen, so bleiben Sie bei „de Tram“, „de Bus“, „de PW“, „de Maa“, „de Frau“. Versteht auch hier jeder). Somit fuhr ich in die Gegend vom Escher-Wyss-Platz zum Passbüro, einem typischen Neubau aus den 90er Jahren, schmucklos und nicht sonderlich einladend (vielleicht ist aus genau diesem Grunde unter anderem dort auch die „Gemeinde Christi“ untergebracht…). Ich fand mich recht schnell in dem Gebäude zurecht, zog eine Warte-Nummer und nahm Platz, richtete mich auf mehr Wartezeit ein, weil ich einerseits zu früh da war und es andererseits in jenem Gebäudetrakt wie in einem Bienenstock zuging. Menschen aus allen erdenklichen Ländern waren dort, Eltern mit Kleinstkindern, ganze Grossfamilien, Einzelpersonen – das Abbild von Zürichs Bevölkerung, wie ich es Tag für Tag in meinem Beruf sehe.

Es ging sehr zivilisiert und trotz der emsigen Geschäftigkeit dann doch erstaunlich ruhig zu. Für die Erfassung meiner biometrischen Daten waren gerade einmal 15 Minuten veranschlagt, weitaus weniger, als ich seinerzeit für den gleichen Vorgang in der Deutschen Botschaft in Bern opfern musste, aber ich rechnete mit mehr Zeit, in gewissen Dingen bin ich Realist. So sass ich dort in etwa zehn Minuten und konnte das Treiben beobachten. Der Warteraum war gross, in der Mitte allerlei Sitzgelegenheiten, im Rücken und gegenüber mehrere Bearbeitungs- und Erfassungsstellen in Form von mit normalem Glas gesicherten Büroschaltern und einem Kabinenbereich, der entfernt an einen Photoautomaten oder den Aufenthaltsbereich des Personals in einem Flugzeug erinnerte. Ich musste meinen Deutschen Reisepass und die Meldebestätigung aus Zürich vorweisen können, ein Foto wurde nicht verlangt, selbiges wurde in dem gesamten Prozess geltenden Richtlinien entsprechend vor Ort gemacht. An diversen Stellen im Internet gab es Anleitungen, wie gegebenenfalls ein Foto auszusehen hatte, um als Passfoto herhalten zu können (nicht jede Gemeinde ist technisch so ausgerüstet, wie Zürich und dann muss man selbst ein Foto mitbringen). Zu hell, zu dunkel, Augen nicht geradeaus gerichtet und dergleichen, entsprechende Foto-Beispiele waren zur Orientierung abgebildet. Und dann stand in jenem Online-Dokument da noch jener eine Satz, der mir nachhaltig in Erinnerung blieb:

„Sie dürfen lächeln!“

In exakt dieser Schreibweise! Ein Passfoto mit einem Lächeln! Und das mir, ich, der sowieso schon mal nicht auf Bestellung lächeln kann! Soweit ich mich entsinnen kann war genau so ein Lächeln bei der Erstellung eines Passfotos in Deutschland zumindest unerwünscht, wenn nicht sogar strikt untersagt. „In Doitschland wirrrrd nöcht gelächelt!“ tönte in meinem Kopf bei der Lektüre dieses Satzes eine leicht nach „Wochenschau“ aus dem Dritten Reich klingende Stimme. „Verrrbotten! Strrrrrikt! Total!“ Und jetzt dieser Satz! Fast schon unweigerlich ertönten nunmehr eher Schweizerisch anmutende Klänge in meinen Kopf: „Sie dürfed au lächle!“ Schön mit Kuhglocken, Bienenbrummen und etwas Ziegengemecker obendrauf als Hintergrundklang, beim Aussprechen dieses Satzes mindestens zwei Oktaven abdeckend melodiös glückselig klingend. Zuweilen mache ich mir noch selbst Sorgen über meinen manchmal allzu kreativen Geisteszustand. Aber vielleicht sollte diese erlaubende Aufforderung auch dazu dienen, bereits ab Passfoto dem Rest der Welt die Glückseligkeit dieser Insel Schweiz in Form eines lächelnden Konterfeis des Inhabers zu vermitteln. So sass ich dort, beobachtete das Treiben, während ich parallel zu meinen Beobachtungen in meinem Hirn zu ermitteln versuchte, ob meine Gesichtsmuskeln überhaupt ein Lächeln auf Abruf erzeugen könnten, ein schweizer Lächeln, kein deutsches, begleitet von Kuhglocken, Bienenbrummen und Ziegengemecker.

Irgendwann tauchte meine Wartenummer auf der Anzeigetafel auf und ich begab mich zu dem Schalter, der rein zufällig exakt vor mir positioniert war, ich musste also keine weiten Wege zurück legen zu der dort tätigen jüngeren Dame, deren Aktivitäten ich zuvor schon teilweise in Augenschein nehmen konnte, als sie das Neugeborene eines jungen Paares biometrisch erfasste. Ich trat an den Schalter, wir begrüssten uns, ich in Hochdeutsch, sie in Schweizerdeutsch. Nach Vorlage meines Deutschen Reisepasses fragte sie zur Kontrolle ein paar andere Eckdaten zu meiner Person ab, aber nach der Meldebestätigung fragte sie nicht (im Zweifelsfalle hätte ich ALLES zu meiner Person vorweisen können, ich misstraue aus Prinzip der amtlichen Technik und so hatte ich auch wirklich ALLES mitgenommen, was es amtlich zu meiner Person zu lesen gab, inklusive der vier Versionen meiner Geburtsurkunde, meine Zivilstandsdokumente, sämtliche Führerscheine, sogar den zwischenzeitlich abgelaufenen alten Deutschen Reisepass, einfach alles. An jenem Tag trug ich buchstäblich mich selbst mit mir herum – vollkommen bekloppt und typisch ich, aber ich hatte gute Gründe dafür, Gründe, die auf deutschen Annahmen und Erfahrungen basierten, nicht aber schweizerischen…). Dass sich deutsche Amtstechnik zuweilen nicht von schweizerischer unterscheidet, sollte ich dann auch in jener „Erfassungskabine“ bemerken. Der mir bereits von der Deutschen Botschaft in Bern bestens bekannte Fingerabdruckscanner stammte vom gleichen Hersteller, wie jener, der da nun vor mir platziert war. Horrorszenarien spielten sich in meinem Kopf ab! Aber hier war dieser Scanner elegant in ein Gesamtkonstrukt eingebaut, welches wirklich nicht sonderlich von einem normalen Photoautomaten abwich, nur dass unterhalb der Fotokamera jener Scanner und noch eine Art Touchscreen verbaut waren, auf welchem ich meine Unterschrift zu hinterlassen hatte. Die bearbeitende Dame wendete sich per Mikrofon an mich, der da durch einen Vorhang von der Aussenwelt abgeschirmt auf seine biometrische Erfassung wartete. „Wir fangen dann mal mit dem Foto an. Schauen Sie bitte auf die drei roten Punkte.“ Ganz speziell dieses „wir“ liebe ich: Wir entnehmen dann mal in Ihrem Beisein Ihre Milz, Ihre Leber, Ihren Magen, Ihr Herz…! Die Kamera wurde von Geisterhand in eine andere Position bewegt und dann erklang erneut die Stimme aus dem unsichtbaren Lautsprecher:

„Sie dürfed au lächle!“

Da waren sie wieder, die Kuhglocken, das Bienenbrummen, das Ziegengemecker. Und ich bemerkte, wie sich meine Gesichtsmuskeln irgendwie in Bewegung setzten. Kein Blitz, kein Ton, kein gar nichts vermittelte mir, dass jemand auf einen Auslöser gedrückt hatte, statt dessen präsentierte mir die Stimme das entstandene Bild auf einem Monitor und fragte, ob mir das auch recht wäre, was bei Kuhglockengebimmel, Bienenbrummen und Ziegengemecker herausgekommen war, mir, der mit Fluglärm, Berliner Schnauze und Hundegebell aufgewachsen ist. Das Ergebnis war eine Mischung von alledem: Fluggebimmel, Hundebrummen und Berliner Gemecker. Ein typisches Passfoto. Nur wer mich sehr gut kennt würde sehen, dass ich einen Gesichtsausdruck aufweise, der bestenfalls ungewöhnlich für mein sonstiges Erscheinungsbild ist. Aber weit entfernt von einem glückseligen Schweizer Lächeln. Im Kopf die Worte „Kannste knicken mit einem blödglückseligen Jrinsen bei mir, dit funktioniaht bei mia in Ämtern nisch!“ segnete ich mit den gesprochenen Worten „Hilft alles nichts, ist in Ordnung so.“ die Aufnahme ab. Anschliessend wurden meine Zeigefinger gescant, dann unterschrieb ich auf jenem Touchscreen, sammelte meine sieben Sachen zusammen und trat wieder an den Schalter, an welchem mir die Dame ein Papier aushändigte, mit welchem ich zur Kasse gehen und den ganzen Vorgang bezahlen könnte. Ich wünschte ihr noch einen erträglichen Tag (was sie mit einem wissenden Schweizer Zitronen-sauer-macht-lustig, nicht deutsch Moralin-sauer-weil-anderes-ist-in-Deutschland-nicht-erlaubt Lächeln quittierte) und trat an die Kasse auf der anderen Seite des Raumes. Dort angekommen wollte ich den Betrag abgezählt bar bezahlen (auch typisch ich), aber anstatt der „online“ veranschlagten Kosten von 148 Franken schlug das Ganze mit 158 Franken zu Buche – online war keine Rede von der zusätzlich zu erhebenden Bearbeitungsgebühr. Also musste eine Karte herhalten. „Sie bekommen dann in ungefähr sieben Tagen zwei eingeschriebene Briefe.“ In weniger als sieben Tagen erhielt ich dann auch eine Abholungseinladung, beide Briefe vom „Bundesamt für Bauten und Logistik“ stammend. Bauten und Logistik? Bekomme ich als Neu-Schweizer etwa eine Parzelle von einem Quadratmeter Grösse irgendwo in den Hochalpen zum Bau von was auch immer geschenkt oder was? Nach etwas Recherche zeigte sich, dass dieses Amt für die Produktion von Identitätskarte und Reisepass zuständig ist, also nix mit Kuhglocken, Bienenbrummen und Ziegengemecker auf eigenem eidgenössischem, Verzeihung, Papierli-Schweizer Boden! Grund und Boden ist in der Schweiz bestenfalls knapp!

Wenige Tage später also holte ich mir Reisepass und Identifikationskarte auf der Poststelle ab. Nein, ich werde Ihnen hier nicht das entstandene Foto zeigen! Man könnte meinen, ich kann nicht einmal bis Zehn zählen! Das Resultat ist vielleicht ein biometrisches Abbild meiner Selbst, sicherlich aber kein mathematisch erklärbares, die Zahl „Zehn“ hin oder her! Da haben weder Fluglärm, noch Kuhglocken geholfen, Passfotos sind einfach per se die denkbar unvorteilhafteste Abbildungsform des Menschen. Aber man soll ja auch keine Vorteile automatisch haben dürfen, nur weil man einen bestimmten Pass vorweisen kann, oder? Aber überhaupt einen Pass zu besitzen – egal, wie bekloppt man selbst auch in so einem aussehen mag – hat durchaus seinen Sinn. Egal, ob man bis Zehn zählen kann oder nicht oder aber von gediegenem Fluglärm von zur Zeit theoretisch (!) drei Flughäfen in Berlin zwischenzeitlich zu weitaus angenehmerem Schweizer Bienenbrummen in Zürich übergegangen ist. Und was die Parzelle in den Schweizer Hochalpen anbelangt: Ich kann nunmehr wo auch immer auf der Welt den Schweizer Pass auf den Boden legen, mich darauf stellen und melodiös von mir geben: „Han zwar kei Parzell i dr Schwiizr Hochalpe, aber hier isch jetzt au Schwiiz!“.

Glückselig lächelnd.

Aber von sowas macht niemand ein Foto, erst recht kein biometrisches, das könnte „blöd“ rüber kommen so rein „national“ betrachtet. Abgesehen davon ist die Antwort auf alle Fragen 42. Und nicht 10.

Landeskennung

Mehr durch Zufall stolperte ich über eine Besonderheit – nein, nicht in der Schweiz -, sondern wenn es um die Schweiz im Ausland geht, also so ziemlich jedes an die Schweiz angrenzende Land. Es handelt sich dabei um eine „Kleinigkeit“, die durchaus teuer werden kann, wenn sie fehlt: Die Landeskennung an einem Fahrzeug, jener ovale Aufkleber, der Aufschluss darüber gibt, aus welchem Land das Fahrzeug kommt. An Fahrzeugen aus der Europäischen Union sucht man diesen Aufkleber meistens vergeblich, denn die Nummernschilder dort haben an der linken Kante ein blaues Feld, in welchem in weissen Buchstaben ein entsprechendes Landeskürzel eingeschlossen ist und müssen somit nicht jenen Aufkleber aufweisen. Das Fürstentum Liechtenstein und die Schweiz (und einige andere Länder) aber haben „nur“ das Wappen des jeweiligen Landes an der linken Seite des Nummernschildes – ohne zusätzliche Buchstaben. Und genau das ist der Umstand, weswegen laut einem Abkommen Fahrzeuge aus diesen beiden Ländern jenen Landeskennungsaufkleber haben müssen, wenn das umgebende Ausland mit jenem Fahrzeug durchfahren wird. Diese Pflicht gilt de facto für alle motorisierten Fahrzeuge, also auch Krafträder. Der Aufkleber muss eine bestimmte Grösse aufweisen, kleinere oder anderweitig von den Vorgaben abweichende Varianten sind nicht zulässig. Nun sieht man einen solchen Aufkleber nur noch sehr selten im Strassenbild, den wenigsten Fahrzeuglenkern aus der Schweiz und Liechtenstein ist diese Pflicht bewusst und so fahren sie meist ohne dieses Ding ins benachbarte Ausland, weil sie davon ausgehen, dass dieser Aufkleber nicht notwendig sei. Dabei kann man für das Fehlen eines solchen Aufklebers gebüsst werden. Tatsächlich findet das nicht oft statt (weswegen viele glauben, man brauche so ein Ding nicht), aber es ist in verschiedenen Ländern schon vorgekommen, dass das Fehlen geahndet wurde. Vollkommen rechtmässig. Das Schweizer Wappen allein ist also nicht „wirkungsvoll“ genug für Europa.

Ich habe vor, in diesem Sommer mit meinem Motorrad nach Katalonien zu fahren. Allein aus diesem Grunde werde ich diesen Aufkleber an einem meiner Koffern anbringen, dieses riesige Ding, was aus rein ästhetischen Gründen einfach nicht passt. Nur dort habe ich genug Platz, um diese Pflicht zu erfüllen, wie andere Motorrad-Fahrer mit dieser Problematik umgehen, entzieht sich meiner Kenntnis. Laut Vorgaben dürfte ich streng genommen diesen Aufkleber nicht dort anbringen, er muss sich – und das gilt auch für PWs! – am Fahrzeug selbst befinden, an „nicht veränderbaren“ Teilen. Nun Versuchen Sie einmal so ein riesiges Ding an der Rückseite (und nur dort darf der angebracht werden in einer Höhe von 20 bis 135 Zentimetern) eines Motorrades anzubringen, wenn Sie keine Koffer haben! Auf das Nummernschild direkt aufkleben würde das Prinzip hinter der Landeskennung ad absurdum führen (und ist nicht zulässig). Auf eine entsprechend grosse Rückleuchte kann man das Teil theoretisch kleben – ist aber nahe liegender Weise ebenso nicht zulässig. Gleiches gilt für Blinker-Leuchten (die ohnehin zu klein sind). Da das Ding gut von hinten sichtbar sein muss, macht es auch herzlich wenig Sinn, den auf dem Soziussitz anzubringen, irgendwo vorne oder auf einer der Benzintankseiten.

Nun könnte ich es drauf anlegen und ohne diesen Kleber los ziehen in der Hoffnung, dass ich nicht irgendwo in Frankreich oder Katalonien angehalten und gebüsst werde. Nun bin ich aber, teilweise aus selbst gemachten Erfahrungen heraus, ein Realist. Wie auch immer so manch ein Artgenosse auf diesen Gedanken kommt: Wer aus der Schweiz kommt, hat Geld, ist reicher, als so manch ein Durchschnitts-EU-Europäer. Das mag bis zu einem gewissen Grad auch zutreffen, ändert aber nichts an der Tatsache, dass man innerhalb der Schweiz auch mehr Geld zum Leben braucht. Genau das ist der Grund, warum so viele Schweizer in grenznahe Städte fahren, um dort günstiger einzukaufen. Meist ohne jenen Aufkleber am Fahrzeug! Ich bin mir ziemlich sicher, dass ein Schweizer Kennzeichen im Hinterland von Katalonien auffallen wird, schon in Deutschland wurde ich mehrfach angesprochen, ob ich wirklich aus der Schweiz käme und ob ich wirklich die lange Strecke von Zürich nach wohin auch immer mit dem Motorrad zurück gelegt habe. Die Vorstellung, ich könnte von irgendwelchen gelangweilten Beamten bei brütender Hitze in Motorradkleidung angehalten werden, erscheint mir nicht sonderlich erstrebenswert. Noch weniger erstrebenswert aber erscheint mir die Vorstellung, für einen fehlenden Aufkleber gebüsst zu werden, also kommt das Ding an den einen Koffer, bevor ich die Landesgrenzen der Schweiz überfahren werde. Ob diese Kennungspflicht aus dem Jahre 1968 überhaupt einen Sinn macht und wenn ja welchen, möchte ich zumindest in Frage stellen. Aber die Schweiz hat nun einmal jenes Abkommen ratifiziert, also komme ich im Rahmen meiner Möglichkeiten dieser Pflicht nach. Doppelbürgerschaft hin oder her. Nicht umsonst kommt mir die Schweiz in mancherlei Hinsicht wie jenes kleine gallische Dorf vor, welches in den weltweit bekannten „Asterix“-Comics auftaucht…

Nachtrag: Ein Arbeitskollege wies mich kurz, nachdem ich diesen Artikel hier veröffentlicht habe, darauf hin, dass diese Pflicht nicht gegeben ist. 1998, also gut dreissig Jahre nach dem Abkommen von Wien, wurde beschlossen, dass die Mitgliedsstaaten der EFTA, zu der auch die Schweiz gehört, nicht jene Landeskennung sichtbar am Fahrzeug haben müssen. Er selbst war in eine genau solche Situation gekommen, in welcher ein Beamter in Österreich ihn für das Fehlen jenes Klebers büssen wollte. Für meine Begriffswelt ist dieser Kollege ein Schweizer, wie er im Buche steht: Er setzte geltendes Recht alleine ohne juristischen Beistand vor Ort durch und musste die geforderte Busse nicht zahlen. Trotzdem taucht heute – wir sind im Jahre 2019 angelangt – immer noch der Hinweis auf, dass dieser Aufkleber Pflicht sei, auch an Stellen, die es besser wissen und entsprechend hinterlegen sollten. Lange Rede, kurzer Sinn: Diese Problematik der Widersprüchlichkeit ist auch gewissen Stellen des Bundes bekannt. Als Antwort kann man auf Nachfrage dann die Empfehlung erhalten, man möge diesen Aufkleber trotzdem anbringen, nicht jeder Beamter eines anderen Landes ist sich des Unterschiedes zwischen EU und EFTA bewusst, kann also unter Umständen gar nicht wissen, dass diese Kleber-Pflicht seit 1998 auch für die Schweiz abgeschafft wurde. Was sagt mir als Deutscher und Schweizer das? Informiert bleiben, beharrlich aber freundlich solche Informationen durchsetzen – die perfekte Mischung zwischen Deutsch und Schweizerisch. Trotzdem werde ich vor meiner Reise nach Katalonien nicht so viel Katalanisch lernen, nur um einem Beamten den Unterschied zwischen EU und EFTA klar zu machen…

Ablauf, Dauer & Kosten

Ein sehr (!) langer Beitrag… Sich in der Schweiz ordentlich einbürgern zu lassen, ist keine banale Angelegenheit und nicht ohne Grund kann man an zahlreichen Orten Hinweise darauf finden, dass die Hürden auf dem Weg zum Bürgerrecht der Schweiz im Vergleich zu anderen Ländern sehr hoch sind. Rein subjektiv kann ich das nur bedingt bestätigen, ich habe keine Vergleichsmöglichkeiten zu anderen Ländern dieser Welt und anderen Gemeinden und Kantonen dieses Staates, in Bezug auf die Gemeinde „Stadt Zürich“, welche mich als Bürger aufgenommen hat, kann ich fest halten, dass der gesamte Ablauf mit einer Ausnahme fast rein administrativer Natur ist und der Hauptaufwand für einen Bewerber in der Beschaffung notwendiger Unterlagen besteht. Leider kann ich mein Verfahren nicht als stellvertretend für andere darstellen, die in der Schweiz statt finden, denn einerseits wurde zum Jahreswechsel von 2017 auf 2018 eine ganze Reihe von Gesetzen, die auch Einbürgerungen umfassen, geändert (und ich hatte mich vor jenem Jahreswechsel in Bewegung gesetzt), und andererseits kann es je nach Kanton und Gemeinde zum Teil erhebliche Unterschiede im Ablauf eines Verfahrens, den Kosten und der Dauer geben. Dennoch gibt es einen groben Mantel, der in etwa Modell für alle Einbürgerungsverfahren ist. Eine ganz grundlegende Voraussetzung – und gleichzeitig meine persönliche Empfehlung – ist, dass man eine der insgesamt vier Amtssprachen der Schweiz so beherrscht, dass man entsprechend Formulare zu dem Gesamtprozess fliessend versteht, sowohl in Schrift, als auch in Sprache! Man muss und sollte sich in diesem Lande verständlich ausdrücken können, wenn man den Weg der ordentlichen Einbürgerung wählt. Das bedeutet nicht, dass man fliessend Schwiizerdüütsch (Schweizerdeutsch) sprechen MUSS (zumindest nicht in der Stadt Zürich), das bedeutet, dass man den Inhalt von Formularen nach Lektüre in Aussage und Bedeutung verstanden hat und entsprechend agiert – und dafür ist Kenntnis nach einem bestimmten Standard in mindestens einer der vier Amtssprachen zwingend nötig. Welches Sprachvermögen bei einem Bewerber vorhanden ist, wird gegebenenfalls durch einen Test ermittelt. In der Stadt Zürich ist vor allem Deutsch die Amtssprache schlechthin, aus welchem Grunde auch immer musste ich diesen Test nicht absolvieren, wurde gar nicht erst zu einem solchen geladen, das bedeutet aber nicht zwingend, dass die Kenntnisse eines Bewerbers nicht ermittelt werden, nur weil sie oder er über Deutschland in die Schweiz gekommen ist! Der Begriff Muttersprache zählt hier noch etwas.

Nahe liegender Weise will der Staat Schweiz, der Kanton und die Gemeinde, in welcher man sich einbürgern lassen möchte, recht genau Bescheid über den Menschen wissen, welcher sich bewirbt. Aus diesem Grunde setzt sich ein Teil der Anforderungen aus dem Zeitraum zusammen, welche diese Person auf dem Boden des Staates Schweiz bisher verbracht hat, als auch aus dem Vorleben jenes Bewerbers ausserhalb der Landesgrenzen: Ob das nun grundlegend gemacht wird oder nur bei Verdacht oder Bedarf: Gewisse Erkundigungen können und werden auch im Ausland eingeholt. Erste Anlaufstelle für eine ordentliche Einbürgerung ist die Gemeinde, in welcher man aktuell lebt. Dort wird zunächst ganz grundlegend ermittelt, ob man sich überhaupt einbürgern lassen kann. Bestimmte Punkte unterscheiden sich von Kanton zu Kanton und von Gemeinde zu Gemeinde, in der Stadt Zürich sind seit dem 1.1.2018 folgende Vorgaben zwingend zu erfüllen, bevor überhaupt ein Einbürgerungsantrag gestellt werden kann:

1.) Man muss eine so genannte „Niederlassungsbewilligung C“ besitzen. Um wiederum jene überhaupt zu erhalten, muss man sich bereits zehn Jahre mit einer Aufenthaltsbewilligung in der Schweiz aufhalten, darüber hinaus muss die jeweilige Aufenthaltsbewilligung in den letzten fünf jener zehn Jahre ununterbrochen im Besitz eines Bewerbers befindlich gewesen sein, sie darf also aus was für Gründen auch immer innerhalb jener fünf Jahre nicht entzogen oder nicht nicht verlängert worden sein. Die Art der Aufenthaltsbewilligung, vor der es insgesamt acht verschiedene gibt, entscheidet massgeblich darüber, ob und wann eine Niederlassungsbewilligung erteilt wird. Ich möchte hier jetzt nicht etwas nicht zutreffendes behaupten, aber ich meine mich entsinnen zu können, dass ich jene Niederlassungsbewilligung C automatisch bekommen hatte, nachdem ich zehn Jahre mit der Aufenthaltsbewilligung B bereits hier gelebt habe, aber das wurde mit den neuen Gesetzen geändert! Bitte fragen Sie mich nicht, wie genau, ich bin kein Jurist!

2.) Man darf innerhalb jener zehn Jahre nicht straffällig geworden sein. Ich kann hierzu nicht allzu viel schreiben, ich habe mir nichts zu Schulden kommen lassen (noch nicht einmal eine Park-Busse oder eine Geschwindigkeitsüberschreitung!). Ich vermute (und ich betone das, dass es sich um eine Vermutung handelt!), dass im Bedarfsfall abgewogen wird, ob eine Strafe begutachtet wird und wenn ja, wie sie sich auf ein Einbürgerungsverfahren auswirkt, aber ich bin mir recht sicher, dass Strafen, die Gefängnisaufenthalt umfassen, sicherlich anders gehandhabt werden, als „Ordnungswidrigkeiten“. Entsprechend werden Verurteilungen für Straftaten, die innerhalb der letzten zwanzig (!) Jahre begangen wurden, gehandhabt – das gilt auch für Straftaten, die ausserhalb der Schweiz begangen wurden und dort ebenso strafbar sind. Etwas plump formuliert muss man also eine mindestens zwanzig Jahre alte blütenreine Weste vorweisen können, egal, wo man zuvor gelebt hat.

3.) Man darf innerhalb der letzten drei der zehn Jahre keinerlei Sozialhilfeleistungen aus Kassen, die irgendwie „Schweiz“ implementieren, bezogen haben.

4.) Auszüge aus dem entsprechenden Register dürfen keine so genannten „Betreibungen“ aufweisen. Hat man über die eigenen Verhältnisse gelebt, werden entsprechend zuständige Institutionen irgendwann früher oder später ihr Geld zurück fordern, den Schuldner „betreiben“. So, wie ich diesen Punkt bisher verstanden habe, betrifft das den Zeitraum von fünf der zehn Jahre Aufenthalt in der Schweiz. Jetzt kann ich es Ihnen verraten: Ich wurde ganz am Anfang betrieben, aber nicht, weil ich nicht meine Krankenkassenbeiträge nicht gezahlt habe! Die Krankenkasse, die seinerzeit ausschliesslich „online“ funktionierte, hatte den Fehler begangen, mich zwei Mal als Versicherten aufzunehmen. Der eine Jens zahlte, der andere nicht, deswegen wurde der andere Jens Liedtke betrieben. Mit einigem Aufwand gelang es mir, der Krankenkasse den Fehler nachzuweisen und den Eintrag in jenem Register löschen zu lassen. Hätte ich das nicht gemacht, so wäre ich jetzt kein (Papier-) Schweizer. Es liegt also im eigenen Interesse, gewisse Vorgänge gründlichst zu durchforsten und beharrlich zu bleiben – und vor allem nicht blind dem zu vertrauen, was über einen Bildschirm flackert! Trotzdem habe ich meine Krankenkasse bisher nicht gewechselt.

5.) Die anfallenden Staats- und Gemeindesteuern müssen innerhalb der letzten fünf der zehn Jahre vollumfänglich gezahlt worden sein. Liest sich jetzt nicht sonderlich spektakulär, aber wenn man bedenkt, dass der Steuerbetrag für ein Jahr meistens, wenn nicht immer über einem kompletten Monatslohn liegt, dann birgt das eine gewisse – ja, wie soll ich das bloss nennen – Schwere, je nach ausgeübtem Beruf. Etwas zynisch formuliert verdient man in einem Jahr von zwölf Monaten per Gesetz dreizehn Löhne, aber man erhält oft „nur“ den Lohn von 11 1/2 Monaten für ein Jahr von zwölf Monaten…

6.) Zu dem Zeitpunkt, an dem man den Antrag auf Einbürgerung stellt, darf man nicht arbeitslos sein. Ich bin mir relativ sicher (will mich aber für jene Annahme auch nicht verklagen lassen), dass damit „nicht ohne vertraglich gesichertes Beschäftigungsverhältnis“ gemeint ist. Freiberufliche Tätigkeiten gehören aller Wahrscheinlichkeit nach NICHT zu dem Oberbegriff „erwerbstätig“!

7.) Sprachkenntnisse auf Niveau A2. Das ist nicht ohne! Aber sehen Sie selbst.

8.) Man muss bereits eine vorgegebene Zeit in der Gemeinde, in welcher man den Antrag stellt, „geordnet“ gelebt haben. Die Dauer eines solchen Aufenthaltes variiert von Gemeinde zu Gemeinde und ist NICHT vom Bund oder Kanton vorgeschrieben und festgesetzt!

Wenn diese Vorraussetzungen gegeben sind, kann man in der Stadt Zürich den Antrag auf Erwerb der Schweizer Staatsbürgerschaft stellen. In vielen Gemeinden kann man sich „online“ entsprechende Formulare herunter laden, diese anschliessend ausfüllen und dann zurück senden. Bereits von Anfang an legt die Schweiz exorbitanten Wert auf bestimmte Dinge, die zur Kenntnis genommen und entsprechend mit der Unterschrift eines Bewerbers abgezeichnet werden müssen. Die Eckpfeiler der Verfassung (die nebenbei angemerkt der der Bundesrepublik Deutschland in einigen Punkten sehr ähnlich ist) müssen akzeptiert werden. Aber die Schweiz wäre nicht die Schweiz, wenn in dem entsprechenden Formular bei der Frage, ob man alles verstanden habe, nicht nur ein „ja“ und „nein“, sondern auch ein „ich habe nicht alles verstanden“ stehen würde. Ich habe nicht die geringste Ahnung, was passiert, wenn man jenes Kästchen ankreuzen würde, aber ich kann es mir in etwa denken (und ich war aus reiner Neugier kurz davor, dort mein Häckchen zu setzen…). Ganz in Abhängigkeit von Kanton und Gemeinde… Aber da gibt es noch einen Aspekt, der zumindest mir immer mal wieder zu denken gegeben hat: Wer hier leben will, muss Militärdienst leisten, wer das aus was für Gründen auch immer nicht kann oder will, muss ersatzweise zahlen. Ich habe nie eine Waffe angefasst und nichts und niemand wird mich je dazu bringen, nur weil auf mich geschossen werden könnte! Abgesehen davon bin ich zu alt, bis ich meine Lesebrille aufgesetzt habe, ist die Deutsche Bundeswehr wahrscheinlich schon in Winterthur einmarschiert. Also werde ich wahrscheinlich irgendetwas zahlen müssen, aber jetzt ist mir dazu noch nichts bekannt, schaun wa mal, wat da noch kommt! Ansonsten ist das erste Formular, welches man erhält – mit Ausnahme von einem Punkt – selbsterklärend. Man muss einige Angaben zu beruflichen und familiären Verhältnissen, Kontakt zur Schweizer Bevölkerung (welcher denn bitte? Den Eidgenossen oder den eingebürgerten Schweizern oder den hier lebenden allumfassend und generell?) machen und das alles als der Wahrheit entsprechend unterzeichnen. Und nun kommt der eine Punkt: Wenn welche Institution auch immer nachweisen kann, dass in dieser ersten „Erklärung“ eines Bewerbers gegenüber dem Schweizer Staat etwas nicht der Wahrheit entspricht, dem oder der kann in einem Zeitraum von acht Jahren nach Erteilung der Staatsbürgerschaft eben jene auch wieder entzogen werden! Formal gesehen also ist ein Einbürgerungsprozess erst nach achtzehn Jahren vollumfänglich abgeschlossen und nicht bereits nach zehn! Wirklich, wäre ich nicht in Deutschland aufgewachsen, so hätte ich keinen besonderen Sinn für solche Zeilen, die vorzugsweise am Ende eines sehr langen Dokumentes noch so auftauchen können! ALLES lesen ist zuweilen sehr wichtig…

Es folgt die Auflistung der Dokumente, die der Schweizer Staat haben und sichten will, die Nachweise: Existiert ein Bewerber nachweislich überhaupt, ist man verheiratet, ledig, geschieden, Fotokopie der Aufenthaltsbewilligung (auch – vollkommen frei von jeder möglichen Wertung oder Interpretation – „Ausländerausweis“ genannt), Fotokopie des Reisepasses, Nachweise darüber, dass man auch in einer jeweiligen Gemeinde lebt (Wohnsitzbescheinigung genannt), eidesstattliche Erklärung über die wahrheitsgemässe Erfüllung der Anforderungen zur Einbürgerung, Nachweis über Schuldenfreiheit, Nachweis über die Erfüllung der Steuerpflicht, Nachweise über die Freiheit von Sozialleistungen, Nachweis über die sprachlichen Fähigkeiten und – wenn die jeweilige Gemeinde das verlangt – ein Kenntnistest (ganz ehrlich: Ich habe nicht die geringste Ahnung, wie so ein Vorab-Gemeinde-Test aussieht, ich musste sowas nicht absolvieren).

Bis zu diesem Punkt ist das ganze Vorhaben „Einbürgerung“ – abgesehen von den Kosten für Telefonate, Internet-Dienstleister, möglichem Schriftverkehr und dergleichen – allemal bezahlbar, noch bewegen wir uns in in einem zweistelligen Bereich und weit unter 50 Franken, sehr weit darunter. Soweit ich mich entsinnen kann, hatte ich diesen ersten Berg irgendwann im August oder September 2017 ausgefüllt und eingereicht – bei der Gemeinde „Stadt Zürich“. Diese sichtete meinen Antrag und befand, dass ich einer möglichen Einbürgerung würdig sei, wenn ich noch andere Dokumente nachliefern würde, so auch zum Beispiel eine beglaubigte Kopie meiner Geburtsurkunde aus Berlin in Deutschland. Zusätzlich zu den Auszügen aus den entsprechenden Registern über Schulden, Sozialhilfe, Straffälligkeit und dergleichen. Ich fand das noch etwas schräg, ich lebte ja nun schon einige Jahre hier und die Stadt Zürich beschäftigte mich per Verfügung bereits einige Jahre, aber die Stadt wollte dennoch wissen, ob ich wirklich existiere und ob das auch von Deutschland bestätigt werden könnte. Berlin bestätigte das im Endeffekt und schon schnellten die Kosten von ungefähr 25 Franken auf 60, Porto und Bearbeitungsgebühren (umgerechnet von Euro auf Franken) inklusive, die Auszüge aus den jeweiligen Registern brachten das auf ungefähr auf 90. Immer noch zweistellig. Es mag jetzt vielleicht etwas „hinterfragenswürdig“ anmuten, was ich hiermit von mir gebe: Es hat seinen guten Grund, warum (nicht nur) die Schweiz auf beglaubigte Nachweise besteht, insbesondere in Bezug auf „Geburtsurkunden“. Nur weil ein Mensch – wo immer sie oder er auch her stammen mag – „sichtbar existiert“, bedeutet das noch lange nicht, dass es sich auch um jenen Menschen handelt, der da vor einem steht. Papier ist geduldig. Und brennbar. Das ist nicht nur dem Schweizer (und vielen anderen) Staate bekannt, sondern auch so manch einem Antragssteller. Das zwanzigste Jahrhundert war in Bezug auf die Brennbarkeit von Papier ein sehr feuriges und nicht gerade selten war es vor allem die Geburtsurkunde, die so manches Mal zum Vorteil eines Antragsstellers „abgeändert“ wurde und der Empfängerstaat das nicht bemerkte. Betrifft nicht nur die Schweiz, sondern derzeit so ziemlich jede Industrienation in Europa.

Zunächst befasste sich die Stadt Zürich – genauer: der Stadtrat – mit meinem Anliegen, begutachtete mich als von ihr per Verfügung beschäftigte Person, unterhielt sich mit mir und verlangte für dieses Paket 1.200 Franken. Wir sind bei 1.290 Franken angelangt (spätestens jetzt sollte offensichtlich sein, warum man für eine Einbürgerung in festen Arbeitsverhältnissen befindlich sein sollte, denn von den bereits erwähnten 11 1/2 Monatslöhnen waren somit nur noch 11 übrig – vor Abzug der Steuern des Bearbeitungsjahres meines Anliegens). Dieser Betrag MUSS innerhalb genannter Frist von dreissig Tagen gezahlt werden, sonst ist der Antrag hinfällig und wird nicht zurück erstattet! Man sollte also schon ein Auge auf die eigenen Finanzen und Ausgaben haben, um einen entsprechend guten Zeitpunkt zu wählen. Und man sollte im eigenen Interesse Belege über jeden einzelnen Geldtransfer zumindest so lange aufbewahren, bis das gesamte Verfahren abgeschlossen ist. Immerhin kann man in diesem Zusammenhang weitestgehend auf digitale Belege zurück greifen und muss nicht wieder brennbares Papier bemühen! Ist der städtische Prozess mit der vorläufigen Aufnahme in das Bürgerrecht beendet und vor allem der bereits erwähnte Betrag gezahlt, befasst sich der übergeordnete Kanton mit der ganzen Angelegenheit. Was auch immer da genau geschieht: Für den entstehenden Arbeitsaufwand verlangt der Kanton 500 Franken, ebenso innerhalb gesetzter Frist zu zahlen. Wir sind bei 1.790 Franken angelangt. Der Kanton leitet das Gesuch an den Bund weiter, der wiederum 100 Franken verlangt – 1.890 Franken, wenn nicht von Kanton oder Bund weitere Dokumente angefordert werden, dann kann diese Gebühr ansteigen. Am Ende des gesamten Prozesses steht noch die Beantragung und Ausstellung der so genannten „ID“ und des Reisepasses an. Je nachdem, ob man beides gleichzeitig zusammen oder aber einzeln beantragt, fallen weitere 148 oder 160 Franken an. Bei mir sind es 148 Franken. Macht summa summarum 2038 Franken. Dieser Betrag ist von einer einzelnen Person in etwa zu bezahlen, die nicht verheiratet ist, keine Kinder hat und den Grossteil der verlangten Dokumente bereits ab Antragsstellung vorweisen kann. Ich könnte jetzt noch Kleinstbeträge in Form von weiteren Portogebühren, Telefonaten etc. ppp. dazu rechnen, aber das würde keinen grossen Unterschied machen. Wohlgemerkt: Die hier gemachten Angaben betreffen mein Ersuchen, welches ich vor dem 1.1.2018 gestellt habe, ob sich seitdem die Gebühren verändert haben, entzieht sich meiner Kenntnis.

In diesem Zusammenhang ein paar gut gemeinte Ratschläge an die, die mit dem Gedanken spielen, den gleichen Weg wie ich zu gehen:

1.) Geforderte Beträge sollten umgehend (!) gezahlt und Belege darüber aufbewahrt werden (Ausdruck, PDF, etc.). Man wird NICHT daran erinnert, dass ggf. noch gewisse Beträge ausstehen – weder von der Gemeinde, noch vom Kanton oder dem Bund! Verpasst man Zahlungsfristen, ist der Antrag auf Einbürgerung automatisch nichtig (zumindest habe ich das so verstanden)! Man sollte sich in diesem Zusammenhang gut auskennen, wie man entsprechende Belege bei Banken oder dergleichen beziehen kann, zumindest grundlegende Kenntnisse im Umgang mit Computern, Webseiten, etc. sind definitiv von Vorteil! Digitale Kommunikation geht – meiner Erfahrung nach – schneller von Statten, als die mit Papier und das kann in Bezug auf Fristen durchaus eine Rolle spielen!

2.) Bewahren Sie Kopien von Belegen und Kommunikationen (Mail, Brief, etc.) auf, bis das Verfahren vollumfänglich abgeschlossen ist – Sie also den Schweizer Reisepass und die ID in den Händen halten! Die Meldebestätigung, die Sie im Verlaufe des Prozesses zugestellt bekommen, brauchen Sie noch viel länger, die ist wichtig!

3.) Und wenn wir schon bei „Dokumenten“ angelangt sind: Sehen Sie zu, dass Sie von Anfang an wirklich alle erforderlichen Dokumente beieinander haben (von denen bestimmte nebenbei angemerkt nicht älter als drei Monate sein dürfen!). Anders formuliert: Gewöhnen Sie sich an den Gedanken, dass Sie eine Zeit lang sehr viel administrativen Kram am Stück zu erledigen haben, bevor Sie einen Antrag auf Einbürgerung ausfüllen und absenden! Insbesondere in Bezug auf die Kommunikation mit Ämtern anderer Länder als der Schweiz kann das eine grosse Rolle spielen, je nach Land sind drei Monate sehr wenig!

4.) Informieren Sie sich vorab gründlichst (!) darüber, was die Gemeinde (der Ort, an dem Sie in der Schweiz leben) an gesonderten, von Kanton und Bund unabhängigen Anforderungen stellt! Fragen Sie in Ihrem eigenen Interesse per Telefonat, Mail oder persönlichem Erscheinen nach und lassen Sie sich nicht abwimmeln, wenn Sie etwas nicht verstehen aber bleiben Sie – und das ist exorbitant wichtig – höflich und freundlich! Auch wenn es Sie noch so nervt! Die Anforderungen variieren von Kanton zu Kanton und von Gemeinde zu Gemeinde, ebenso variiert die amtliche Reaktion auf fremdländische Mentalität (aber das wissen Sie, die sie oder der sie schon lange hier leben, sicherlich selbst inzwischen gut genug: Auch die Reiter des Amtsschimmels sind im Endeffekt nur Menschen und die haben nun einmal ihre Belastungsgrenzen…).

Ausgehend von der Annahme (ich kann mich bei bestem Willen nicht mehr daran erinnern, wann genau ich mein Gesuch online einreichte), dass ich meinen Antrag irgendwann Mitte September 2017 abschickte und der Gesamtprozess mit Erhalt von ID und Reisepass abgeschlossen sein wird, dauert der Prozess der ordentlichen Einbürgerung einer Einzelperson in der Stadt Zürich knapp 19 Monate. In der Zeit, in der das Verfahren läuft, dürfen sich gewisse Grundvoraussetzungen nicht oder nur bedingt ändern: Erwerbstätigkeit, Straffälligkeit (auch in anderen Ländern!) und dergleichen. Mit dieser Dauer und den genannten Gebühren bewegt sich die Gemeinde „Stadt Zürich“ im unteren Mittelfeld schweizweit gesehen. Immerhin ist ab einem gewissen Zeitpunkt der Prozess ein „Selbstläufer“, man hat keinen Einfluss mehr, muss aber auch nahezu nichts mehr machen, wenn man die Grundvoraussetzungen erfüllt und die geforderten Beträge beglichen hat. Abgesehen von kleineren Sandkörnern im Getriebe meines Prozesses kann ich „attestieren“, dass mein Gesuch sehr zeitnahe und flüssig behandelt wurde, aber ich musste auch ab und an sehr kurzfristig reagieren und umplanen. Wie bereits erwähnt habe ich keinerlei Vergleichsmöglichkeiten mit anderen Gemeinden und Kantonen, aber ich denke, dass der von einem Antragssteller zu leistende Aufwand, die Kosten und die Dauer eines Einbürgerungsprozesses im Vergleich zu dem, was man im Endeffekt erhält (und das ist so manch einem hier geborenen Eidgenossen nicht einmal ansatzweise bewusst!), zumutbar und vor allem sehr moderat sind – wenn man eine blütenreine Weste hat, die Amtssprache fliessend versteht, sich in der digitalen Welt wenigstens grundlegend auskennt und vor allem überpünktlich geforderte Gebühren zahlt. Ich hätte mich vor Jahren bereits „erleichtert“ einbürgern lassen können, aber wie dieser Weg sich gestaltet hätte, ist mir nicht bekannt. Er dürfte aber sicherlich leichter gewesen sein (und gewissen Äusserungen mir bekannter Personen nicht einmal ansatzweise mit dem vergleichbar, was ich hinter mich gebracht habe. Ich werte das nicht, ich musste das alles ja im Grunde genommen auch gar nicht machen. Aber ich wollte und wenn ich einen Beschluss gefasst habe, dann mache ich das auch, was ich beschlossen habe: Sehr deutsch).

Abschliessend noch ein kleiner Denkansatz: Nun transferieren Sie das mal auf einen Menschen, der in einem Land wie der Schweiz einfach nur in Ruhe, Frieden und geordnet leben will, seinen eigenen Freiraum braucht, aber auch nicht in Konflikt mit irgendwelchen Gesetzen geraten und auf Kosten der bereits hier lebenden Bürger existieren möchte, nie einen Computer besessen hat und eine Sprache erst einmal erlernen musste, die gelinde gesagt hochkomplex ist. Mir kam das alles ab einem gewissen Zeitpunkt „unendlich, langwierig, schwierig, komplex und irgendwo auch stur“ vor. Vor noch nicht allzu langer Zeit hatte ich eine Konversation mit einer mir wichtigen Person aus meinem Vorleben in Berlin. Sie wollte nicht, dass ihre Tochter in diesem Berlin aufwächst, wie es sich derzeit gestaltet. Wohlgemerkt: Berlin, meine Geburtsstadt in Deutschland, einer Industrienation, in der Deutsch gesprochen wird und man als Staatsbürger Deutschlands dort geboren auf gewisse Leistungen pochen kann! Wie muss es bei solchen Ausgangsvoraussetzungen jemandem wohl gehen, der aus einer ganz anderen Region dieser Welt hierher gekommen ist und nicht einmal eine der Amtssprachen fliessend sprechen und schreiben kann, geschweige denn über 2000 Franken verfügt? Im direkten Vergleich hatte und habe ich es unendlich viel leichter. Von den erleichtert eingebürgerten mal ganz zu schweigen, oder?

Warum eigentlich?

Von einigen wenigen Kolleginnen und Kollegen wurde gefragt, warum ich überhaupt die Schweizer Staatsbürgerschaft erwerben wollte. Die Antworten hierzu waren vielfältig – nicht, weil ich etwa in Erklärungsnot geraten würde, sondern weil es davon abhing, wer genau mich da fragte, beziehungsweise, welchen Hintergrund die fragende Person aufwies. Entsprechend vielfältig war die Reaktion auf mein Vorhaben. Bereits vor sehr langer Zeit, lange bevor ich überhaupt daran dachte jenen Weg zu gehen, führten mir die Schilderungen einer Kollegin vor Augen, wie wichtig die Staatsangehörigkeit vor allem innerhalb der Landesgrenzen werden könnte. Sie selbst stammte aus dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawiens und ihr Nachname endete auf „-ic“, wie das in jenem Kulturkreis nun einmal üblich war und ist. Nun haben zahlreiche Eidgenossen und Schweizer aus was für Gründen auch immer erhebliche Mühe mit diesen Menschen, nicht selten stark von Vorurteilen geprägt und zuweilen reichlich nahe, wenn nicht jenseitig rassistischer und generell fremdenfeindlicher Grenzen. Solche Menschen machen sehr feine Unterschiede, woher ein anderer Mensch stammte und entsprechend reagieren sie, da gibt es nicht nur eine Zwei-Klassen-Gesellschaft, sondern eine ganze Reihe von Klassen, die durch nichts genau erklärbar sind. Als Deutscher war ich – so sehr mir entsprechende Äusserungen anderer Unwohlsein verschafften – Ausländer erster Wahl, die meisten Deutschen seien den Schweizern am ähnlichsten, wenn es um Bewusstsein, Definitionen von Anstand und Moral und andere zuweilen sehr verschrobene Dinge ging. Ich selbst habe ein paar Male diese Erfahrung machen müssen, dass man mit mir als Deutschem am wenigsten Probleme hätte, ich aber immer ein Ausländer bleiben würde, aber eben einer, der den Schweizern lieber ist, als zum Beispiel ein „-ic“. Solche Ressentiments sind weit verbreitet und werden zuweilen überlaut kund getan, weil „man“ sich unter gleichgesinnten glaubt. Je weiter man sich von den grösseren Städten der Schweiz entfernt, umso deutlicher können solche Ressentiments auftauchen. Jene Kollegin suchte mit ihrer Familie nach einer neuen Wohnung, die bezahlbar und vor allem nicht zu weit weg von ihrem Arbeitgeber liegen würde – einem Arbeitgeber, der als „renommiert“ anzusehen ist und nicht einfach jeden x-beliebigen Interessenten einfach mal eben so anstellt. Dennoch war ein gewisser Vermieter einer in Frage kommenden Wohnung erst dann zuvorkommend und bis zu einem gewissen Grade „beruhigt“, als sie ihre Schweizer Staatsbürgerschaft nachwies. Und nicht einen Aufenthaltsstatus anderer Art. Ich denke, ich lehne mich nicht allzuweit aus dem Fenster, wenn jener Vermieter mir lieber diese Wohnung zugesprochen hätte, auch wenn ich nur den Aufenthaltsstatus „C“ zu jenem Zeitpunkt inne hatte. Die Deutschen gelten oft als arrogant, aber sie sind im direkten Vergleich zu einem „-ic“ vertrauenswürdig und vor allem korrekt. So eine weit verbreitete, stark vorurteilsbehaftete Denkweise in den Köpfen einiger Bürger dieses Staates. Dankenswerter Weise nicht aller! Die Schweizer Staatsangehörigkeit öffnet vor allem innerhalb dieses Landes gewisse Türen. So einfach – und kalt – ist das zuweilen und insbesondere die Zuwanderer aus dem ehemaligen Jugoslawien (aber auch anderen Ländern…) können bis zum heutigen Tage ein Lied davon singen.

Zugegeben: In Hinblick auf Reisen in die weite Welt, brachte und bringt mir der Deutsche Pass mehr, als der der Schweiz. Ich kann in mehr Länder dieser Welt ohne Visum einreisen. Aber mir fehlt ohnehin die Lebenszeit, um noch alles zu sehen, was ich gerne sehen würde, also ist das für mich persönlich ein vollkommen nebensächlicher Aspekt. Wenn ich aber an das Vereinigte Königreich denke, welches zur Zeit an seinem Austritt aus der Europäischen Union – nun ja – herum pfuscht, so könnte mir auf lange Sicht der Schweizer Pass weitaus mehr bringen. Ich habe eine hohe Affinität zu jenem Inselreich, irgendwie erinnert mich deren Volk, so viel groben Unfug es in seiner Historie auch zustande gebracht hat (und derzeit gerade wieder fabriziert), an dieses renitente Bergvolk in der Schweiz. Ja ja, ist ja gut, ist keine Beleidigung, sondern eher eine leicht ironische Sichtweise auf gewisse Interessen und Entscheidungsprozesse, keine Sorge! Derzeit ist nicht klar, wie England mit Bürgern der EU in Zukunft umgehen wird. Mit den Schweizern ist das weitestgehend bereits geregelt, die dürften in naher Zukunft weniger Probleme auf den Britischen Inseln haben. Und ich wollte nochmal da hin, bevor ich auf meiner letzten Reise in diesem Leben sicherlich keinen Pass welcher Nation auch immer mehr benötigen werde. Abgesehen von dem Plastik-Anteil in einem biometrischen Pass wird so ziemlich alles zu dem Element zurück kehren, aus dem sehr viel in dieser Welt gemacht ist: Kohlenstoff. Ende der Diskussion hierzu, da spielt es keine Rolle mehr, ob man das Schweizer Kreuz, den Bundesadler oder was auch immer ein Leben lang mit sich selbst herum getragen hat. Geht leider auch oft vergessen diese Tatsache…

Die meisten Deutschen konnten meinen Entschluss nur sehr bedingt nachvollziehen. „Aber man hat es hier doch auch ohne Schweizer Pass gut!“ war da so eine Standard-Antwort, die ich auch als durchaus zutreffend ansehe (abgesehen von jenen ab und an auftretenden Zwei-Klassen-Ressentiments). Ähnlich sahen das einige hier lebende Italiener, aber den meisten von jenen war es nicht nachvollziehbar, was ich da vor hatte, weil sie für sich selbst es sich nicht vorstellen konnten, in Folge ihre Italienische Staatsangehörigkeit abgeben zu müssen, zu verbunden, ja manchmal sogar stolz waren und sind sie auf den Umstand, dass sie Italiener sind, vergleichbares gilt auch für Dänen, von denen es in Zürich doch einige gibt. Die Verbundenheit zu deren Königshaus ist grösser, als die Identifikation mit dem Land, in welchem sie gerade leben. Und unter den hier meistens durchaus gut lebenden Deutschen kann man ebenso noch sehr viele finden, die die Vorzüge eines Lebens in der Schweiz durchaus zu nutzen wissen, aber emotional sich fast kompromisslos immer noch nur mit Deutschland verbunden sehen. Eine Politikerin der AfD mit Nachnamen „Weidel“ kann davon ein Lied singen, ein sehr doppelgesichtiges, meiner Meinung nach. Kolleginnen und Kollegen aus Südamerika, dem ehemaligen Jugoslawien oder anderen Ländern des ehemaligen Ost-Blocks aber konnten meinen Entscheid sehr gut nachvollziehen. Nicht selten kommentierten diese es mit der Aussage: „Man hat es dann hier (also in der Schweiz) etwas einfacher!“. Trifft ebenso weitestgehend zu – aber nicht ausschliesslich und allumfassend, ebenso meiner eigenen Erfahrung nach. Vorurteile überdauern sehr lange in den Köpfen der Menschen und da kann selbst ein eingebürgerter Deutscher wie ich noch herab degradiert werden. „Bisch nur e Papierli-Schwiizer.“ „Bist nur auf dem Papier ein Schweizer. Aber nicht…“. Ich spare mir weitere Ausführungen hierzu. Von Arbeitskollegen, die selbst ab Geburt (oder was auch immer) Schweizer sind, wurde ich ebenso gefragt, warum ich diesen Weg gegangen bin. Die Antwort hierzu war meistens die gleiche: „Ich will mitbestimmen und das in dem Staat, in dem ich lebe, denn dieser entscheidet letztlich darüber, wie sich mein Leben hier gestaltet und darauf hätte ich gerne im Rahmen der gesetzlichen Gegebenheiten den mir zustehenden Einfluss.“ Bis vor einiger Zeit gab es noch ganz andere, sehr triftige Gründe, diesen Weg zu gehen und dennoch Deutscher zu bleiben, aber dazu äussere ich mich nicht eingehender, da es sich um weitestgehend sehr private Gründe handelte, die sich mittlerweile in Luft aufgelöst haben, also schildere ich jene Gründe auch nur dann, wenn ich eine gewisse Notwendigkeit dafür sehe. Auch darüber entscheide ich allein und niemand sonst.

Es gibt da aber noch einen anderen Grund, der je nach Betrachtungswinkel zumindest als „schwierig“ zu beschreiben ist. Ich mache sehr wohl einen Unterschied zwischen den beiden Begrifflichkeiten „Heimat“ und „zu Hause“. Meine Heimat ist und bleibt Berlin, mein zu Hause aber ist Zürich in der Schweiz. Dieser Aspekt ist also mehr emotionaler Art und nicht unbedingt für jeden Mitmenschen nachvollziehbar. Ein zu Hause ist für mich ein Ort, an dem ich mich wohl fühle, egal, wo auch immer auf dieser Welt und ob für längere oder kürzere Zeit. Orte dieser Art gibt es in meinem Leben ein paar, aber Zürich ist nun einmal der Ort, an dem ich zumindest noch eine ganze Zeit lang leben möchte, weil dieser Ort inzwischen auch emotional zu meinem zu Hause geworden ist, sozusagen meine eigene Insel der Glückseligkeit inmitten der grösseren Insel der Glückseligkeit. Vielleicht kennen Sie jenes merkwürdige Gefühl wenn man von einer Reise wieder heim kehrt und sich auch auf jene Heimkehr freut, obwohl man zuvor viele interessante, schöne und zuweilen auch magische Orte entdeckt hat. Die deutsche Sprache hat dafür einen sehr schönen Begriff: Geborgenheit. Nein, nicht Sicherheit, sondern Geborgenheit! Nun hat aber meine emotionale Bindung zu jenem Ort, zu dem ich immer gerne zurück kehre, mit Namen Zürich nur bedingt eine Rolle dabei gespielt, diesen Weg zu gehen. Aus rein emotionaler Sicht ist es auch ein beruhigendes Gefühl, jederzeit auch hierhin legal zurück kehren zu dürfen, egal, wo man zuvor für welche Zeit auch immer und aus was für Gründen auch immer geweilt hat. In gewissem Sinne ist es auch ein Bekenntnis zu jener Geborgenheit, die ich hier empfinden kann, ich fühle mich, trotz ab und an auftretender Hinweise, dass ich doch „nur“ ein Papierli-Schweizer sei, wohl. Es gibt in diesem Land tatsächlich Menschen, die sich aus Entrüstung über was auch immer vor einem aufbauen und dann lauthals kund tun: „Ich bin Eidgenosse von Rang und Namen!“. Solchen bewussten Abgrenzungen allerunterster Schublade kann ich nun mit Fug und Recht entgegnen: „Is mir vollkommen ejal, ick hab ooch den roten Lappen!“. Bisher war dann erst einmal die Ruhe und in gewissem Sinne auch die Ordnung wieder hergestellt. Vollkommen unnötig, es überhaupt soweit kommen zu lassen, aber wie bereits erwähnt: All das hatte und hat vor allem innerpolitische und innergesellschaftliche Gründe, diese Staatsbürgerschaft zu erwerben.

Wenn ich meiner Geburtsstadt Berlin irgendwann einmal wieder einen Besuch abstatte, dann werde ich mal die Schweizer Botschaft dort aufsuchen – aus reiner Neugier. Und dafür werde ich den Schweizer Pass mitnehmen, mal schauen, was passiert, denn irgendwie habe ich das unbegründbare Gefühl, dass ich hierfür dieses Ding erst recht brauchen werde, schliesslich handelt es sich um eine winzige, aber nicht ignorierbare Insel der Glückseligkeit im Ausland. Apropos Ausland, Vereinigtes Königreich, Staatenzugehörigkeit und das ganze drum herum: Auch wenn es mir im Grunde genommen egal ist, wie es mit England und der EU weiter geht, so hatte und habe ich Sorge, dass auch ich hier auf der Insel der Glückseligkeit wohl in Zukunft auf ein paar Dinge eine Zeit lang verzichten muss, die nun einmal aus England kommen. Dazu gehört auch der von mir heiss geliebte Colman Senf aus Norwich. Also habe ich kurzerhand in der Sihlcity Nachschub besorgt, denn was so manch einem Schweizer sein „Aromat“ oder „Streu mi“ ist, ist für mich dieser Senf. Aus rein kulinarischer Sicht ist dieser Senf, wenn es um englische Nahrungsmittel und Küchengerichte geht, eine absolute Ausnahme, eine echte Bereicherung! Und auf diese möchte ich nur ungern verzichten, da ist es mir nicht so ganz egal, wie es mit England und der EU weiter geht. Vielleicht werden sich ja auch mehr Engländer dazu entscheiden, ihre Zelte in der Schweiz aufzuschlagen? Wäre sicherlich noch einer demographischen Langzeitbetrachtung durchaus wert, meine ich…

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