Tram-Pilot in Zürich

Seilbahn = Innovation?

in Tram & Zeitgeschehen von

Wenn man nicht als wahlberechtigter Bürger Zürichs (und ich bin das nicht…) aufpasst, dann kann es schon einmal vorkommen, dass in der Stadt Zürich „Innovationen“ platziert werden, die sich innerhalb überschaubarer Zeit als fragwürdig erweisen, in der gesamten Stadt findet man Beispiele von Bauvorhaben, die weitaus mehr versprachen, als sie halten konnten (im Bild zu sehen die Neubauten an dem seinerzeit revolutionär gestalteten Bucheggplatz…). Zur Zeit dreht sich so ziemlich alles um ein Fussballstadion auf dem Grund und Boden des alten Hardturmstadions. Um dieses Projekt wird derzeit heftigst diskutiert und Sie können mir glauben: Hätte ich die Möglichkeit, auch nur einen minimalen Einfluss auf dieses Projekt zu nehmen, so würde ich das machen! Aber ja, gewisse Dinge brauchen sehr viel Zeit und Geduld… Dazu mehr zu gegebener Zeit. Während sich die Gemüter an jenem Stadionprojekt erhitzen, wird ein anderes Projekt, welches meines ganz subjektiven Erachtens mindestens genau so fragwürdig ist, wie jenes Stadion, in den Hintergrund gedrängt: Eine Seilbahn über das Herzstück des Zürichsees. Ich will mich gar nicht erst darüber auslassen, wie dieses Projekt von wem auch immer ins Leben gerufen wurde und finanziert werden, auch nicht über die gegenseitigen Absprachen, wie dieses Konstrukt in die Zukunft der Stadtentwicklung integriert werden soll, damit befasst sich eine Interessengruppe weitaus intensiver und fundierter, als ich das jemals könnte und aus diesem Grunde empfehle ich vor allem jedem wahlberechtigten Bürger der Stadt Zürich die Lektüre einer Webseite zu diesem Thema (und bitte, lesen Sie sich mal ganz genau durch, was dort hinterlegt ist!):

Seebecken Seilbahnfrei!

Aber warum befasse ich mich mit einer Seilbahn, ich, der keinerlei Einfluss auf solche Vorhaben hat? Ein Argument, welches von Seiten der involvierten „Parteien“ ins Feld geführt wird, ist die mögliche Integration jener geplanten Seilbahn in das Konstrukt des Zürcher Verkehrsverbundes. Anders formuliert: Jene Seilbahn könnte fester und somit dauerhaft installierter Bestandteil eines Nahverkehrsnetzes werden, Fahrten von der einen zur anderen Seite des Zürichsees kürzer (?) und vor allem touristisch attraktiver werden, eine Seilbahn würde also zu einer regulären Verkehrslinie werden. Aus meiner nicht repräsentativen, geschweige denn allgemeingültigen Sicht würde sich der Zürcher Verkehrsverbund damit ins eigene Fleisch schneiden, er würde mit dieser Seilbahn die Schiffsverbindungen torpedieren, die letztlich auch unter dem Verwaltungsmantel jenes Verbundes liegen und damit Situationen für jene Schifffahrtsgesellschaften provozieren, über die zur Zeit wenn überhaupt nur am Rande gesprochen wird. Dabei sind es insbesondere die Schiffe, die einen See zu dem machen, was er ist: Ein Transportweg zu Wasser! EIne Seilbahn ist ein Transportweg in der Luft – na ja, sind wir mal ehrlich: Nicht in der Luft, nur etwas weiter weg vom Erdboden, nicht wahr? Diese Seilbahn – so sehr sie auch einen anderen, touristisch betrachtet vielleicht schöneren Blick auf das betroffene Gebiet ermöglichen würde – kann per se nicht ein Fahrgastaufkommen bewältigen (würde sie als reguläre Verkehrslinie eingesetzt werden), wie ein Schiff. Dazu muss man in Mathematik noch nicht einmal ein Genie sein, um derartiges berechnen zu können (und nein, ich bin kein Mathematikgenie). Es dürfte ausser Frage stehen, dass eine Fahrt mit jener Seilbahn um ein Vielfaches teurer sein dürfte (in Bezug auf den Billlet-Preis), als eine gemütliche Schifffahrt. Nun mag das Argument ziehen, dass eine Seilbahn – zumindest nach Aussen hin – ökologisch vertretbarer sei, als ein von fossilen Brennstoffen betriebenes Schiff, auch dürften die Kosten für das Betriebspersonal tiefer sein, aber mal ehrlich, lieber ZVV, liebe Stadt Zürich: Diese Stadt lebt von dem See und nicht von dem, was über ihm schwebt (fliegt?). Ein See, an dessen Gefilden Konstrukte stehen, die an Hochspannungsmasten erinnern, mag vielleicht für Technik-Fans attraktiv sein, aber für Touristen, die einen schönen (!) Anblick einfangen wollen? Da wäre ich mir dann doch nicht so sicher. Und wie stark der Tourismus Einfluss auf die wirtschaftliche Entwicklung und den Fortbestand einer Stadt hat, sollte eigentlich jeder hier lebende Mensch inzwischen begriffen haben. Ich für meinen Teil möchte jedenfalls bezweifeln, dass eine solche Seilbahn das Angebot eines Verkehrsverbundes entscheidend verbessert und darüber hinaus noch mehr Touristen anzieht, als ohnehin schon. Nicht, dass Sie mich falsch verstehen: Aus meiner Sicht kommen so viele Touristen hierher, eben weil insbesondere der See so schön ist! Ich transportiere sie letztlich Tag für Tag dort hin, also kann ich auch ein klein wenig mitreden! Ob aber eine Seilbahn noch mehr Touristen anziehen würde, möchte ich massiv bezweifeln. Sollte ich mit dieser Annahme falsch liegen (so möchte ich doch dem Schweiz-Tourismus in Erinnerung rufen), dann – sollte dieses Hochspannungsmastkonstrukt wirklich realisiert werden –  muss auch für eine entsprechende Menge vor allem bezahlbarer Betten in dieser Stadt gesorgt werden – nicht auf Kosten der Einwohner! Wohin das führen kann, sieht man derzeit an der wunderschönen Stadt Porto in Portugal!

Sollte diese Seilbahn wirklich gebaut und als Innovation zum Wohle der Stadt Zürich verkauft verkauft werden, dann würde ich wahrscheinlich das eine oder andere Foto aus einer vollkommen neuen Perspektive von dieser Stadt machen. Aber ich würde sicherlich weniger Fotos von dem See machen, wie ich sie bisher erstellt habe. Denn dann würde der See nicht mehr so aussehen, wie es weltweit durch unzählige Fotos über Jahrzehnte hinweg dokumentiert worden ist. All den Technik- und Innovationsfreaks, denen ich mit diesen Zeilen auf den Schlips getreten sein sollte, möchte ich einen wahrhaftig uneingeschränkt gültigen „Spruch“ aus der Welt der Informationstechnologie (auch als „IT“ bekannt) in Erinnerung rufen:

„Never change a running system!“

Die Stadt Zürich, der See und all die Transportsysteme, die bis jetzt hier vorhanden sind, sind ein „running System“. Ich und alle meine Kolleginnen und Kollegen wissen das. Do not change it!

Zürich – Gesichter (m)einer Stadt

in Schöne Momentaufnahmen von

Ein – wohl etwas älteres – Sprichwort sagt: „Wen Gott liebt, dem schenkt er ein Haus in Zürich.“ Wieso älter? Nun, heutzutage auf Stadtgebiet eine halbwegs bezahlbare Wohnung zu finden, ist schon schwierig genug, aber ein ganzes Haus? Und dann auch noch geschenkt? So oder so ist Zürich in vielen Ecken eine sehr schöne Stadt und mit dem Tram oder Bus der VBZ kommt man innerhalb sachdienlicher Zeit überall gut hin. Wann immer es mir möglich ist, streife ich durch Zürich, entdecke diese Stadt für mich und nahe liegender Weise benutze ich dafür fast ausschliesslich Bus oder Tram. In gewissem Sinne verbinde ich meinen Beruf mit meinem grössten Hobby, der Fotografie. Auf Instagram sind einige meiner Bilder zu sehen, nun möchte ich Ihnen etwas anderes vorstellen, ein Thema, welches mir bisher selbst weitestgehend unbekannt war und in das ich mich erst einarbeiten musste: Eben jene bereits erwähnte semi-professionelle Videografie. Zur Zeit liebe ich es, mit einer höchst anspruchsvollen Videokamera durch Zürich zu streifen und kurze Sequenzen von Orten zu filmen, die mir aus sehr unterschiedlichen Gründen wichtig sind und zu denen ich in grösseren Abständen immer mal wieder zurück kehre. Diese kurzen Sequenzen sollen absichtlich wie belebte Fotografien erscheinen, ich habe bewusst auf den sonst möglichen und leider auch oft üblichen Schnickschnack verzichtet, den man heutzutage in Videofilmen unterzubringen meinen muss. Wie bereits angedeutet, bin ich nahezu immer mit Bus oder Tram zu jenen Orten gelangt. Vorab habe ich mir einen eigenen Fahrplan erstellt, wie ich möglichst effektiv und schnell an einem Tag zu bestimmten Orten gelangen könnte. Obwohl ich selbst Trams steuere, ist mir erst bei diesen Unternehmungen aufgefallen, wie gut Zürich erschlossen ist und wie präzise die einzelnen Elemente des hier verkehrenden ÖV ineinander greifen. Ich glaube, Zürich mit den Fahrzeugen der VBZ zu erkunden, dürfte der beste, schnellste und auch schönste Weg sein. So stieg ich an bestimmten Orten aus, lief ein kleines Stück, baute meine Technik auf und filmte die gewünschte Sequenz, baute wieder alles ab und schon stand wieder ein Bus oder ein Tram vor meiner Nase, um mich an einen anderen Ort zu bringen. Manchmal lag ein solcher Ort in der Nähe einer Tram-Linie oder aber ein Tram fuhr direkt an einem Sujet meiner Begierde vorbei, dennoch ging es mir vorwiegend um die Orte in Zürich, die mir aus ganz unterschiedlichen Gründen wichtig waren und sind. Es ist also kein klassischer Tram-Film, der Sie erwartet, aber auch keine typische Tourismuswerbung für Zürich. Es ist Zürich, wie ich es sehe.

Wenn ich durch Zürich streife, so bleibe ich manchmal einfach stehen und lasse die Ansicht und Umgebung auf mich wirken, betrachte das Treiben eine Zeit lang, bevor ich ein Foto mache. Zu manchen der gezeigten Orte habe ich ganz persönliche Bindungen, andere haben eher irgendwelche nicht näher beschreibbaren Emotionen in mir ausgelöst, was unter Umständen erklären kann, dass ich auch Orte in jenem Film gebannt habe, die man nicht unbedingt als „schön“ einstufen würde. Aber so ist Zürich eben auch: Zürich ist eine schnell wachsende, sich rasant verändernde Stadt, bei der zuweilen Gegensätze aus verschiedenen Jahrhunderten weniger als drei Meter voneinander entfernt stehen. Architektonische und historische Gegensätze, die deutlicher kaum abzubilden sind, finden sich in dieser Stadt in praktisch jedem Quartier. Da treffen manchmal im Laufe von Jahrhunderten gewachsene Perlen der Architektur mit wunderschöner, uralter Begrünung auf innerhalb von in wenigen Monaten aus dem Boden gestampften Bausünden, deren Farbgestaltung – und das ist oft unabhängig vom Stil der jeweils vorherrschenden Architekturrichtung der Moderne – in etwa so viel „Charme“ ausstrahlt, wie… Nein, da fehlen sogar mir zuweilen passende Worte!

Heraus gekommen ist bei alledem eine kleine Hommage an die Stadt an der Limmat, so, wie ich sie sehe, so, wie ich sie liebe und auch so, wie ich sie erlebe, beruflich, wie auch privat. Ungeduldige finden diesen Film (allerdings in entsprechender Qualität…) auf Youtube:

Wenn Sie diesen Film auf Ihrem Mac, Apple TV, iPad oder iPhone betrachten möchten, so können Sie diesen unter nachfolgender Adresse herunter laden (4,3 Gigabyte):

http://www.blackmac.ch/transfer/ZurichAPPLE.zip

Möchten Sie lieber diesen Film im MPEG4 Format haben, dann können Sie ihn hier herunter laden (5,7 Gigabyte):

http://www.blackmac.ch/transfer/ZurichMPEG.zip

Gruss aus der Vergangenheit

in Schöne Momentaufnahmen von

Ich habe am Morgen einen relativ festen Ablauf, ohne Kaffee und Frühstück geht bei mir gar nix! Während die Maschine den Kaffee zusammen kleistert, wurstele ich irgendwas vor mich hin und sehe mir, wenn der Kaffee dann fertig ist, meistens neu eingegangene E-Mails an, die meistens Überschriften im Stil von „Mr. Okambe has a Business proposal abuot 45 Million Euros“, „Nadine will dich kennen lernen und noch mehr“ oder „In nur fünf Minuten zum Millionär“ haben. Hätte ich nicht bereits eine Tasse Kaffee intus gehabt, so hätte ich wahrscheinlich auch eine weitere E-Mail sofort gelöscht, die da den Titel „Gruss aus der Vergangenheit“ trug. In Deutsch und vor allem korrekt geschrieben. Also zündete ich mir eine Zigarette an, nahm einen weiteren Schluck Kaffee und öffnete die Mail, denn ausnahmsweise ging es mal nicht um absurd hohe Geldgeschenke oder reichlich fragwürdige Kontaktangebote in der Waagerechten mit recht eigenartiger Schreibweise und teilweise kyrillischen Buchstaben, sondern um Vergangenheit. Meine Vergangenheit?
Ich las mir die wenigen Zeilen durch, die an mich gerichtet waren – dezidiert an mich! Und ich las den Namen, der unter alledem stand. Sofort hatte ich wieder ein Bild vor Augen, ich habe ein manchmal schon fast unheimlich gutes Gesichtsgedächtnis (im Gegensatz zum Namensgedächtnis, gewisse Namen habe ich erstaunlich effektiv und schnell aus meiner Erinnerung streichen können…). Schlagartig war ich hellwach! Obwohl ich meinen Kaffee immer sehr stark trinke und nur ausgesprochen selten mit Milch (noch seltener mit Zucker!), weckte mich dieses Bild aus meiner Erinnerung besser und gründlicher auf, als der recht starke Robusta-Kaffee aus Java. Wir hatten uns sicherlich an die sechzehn, wenn nicht noch mehr Jahre nicht gesehen (in solchen Dingen bin ich eine grauenhafte Niete, Daten bedeuten mir einfach nichts, aber sechzehn Jahre waren es sicherlich!). Er war auf der Durchreise von Porto über Zürich nach Berlin, war irgendwie über dieses Blog gestolpert und hat meine zweitälteste E-Mail Adresse bemüht, um Kontakt zu mir aufzunehmen. Er deutete nicht an, wann und für wie lange er in Zürich sein würde, auch nicht, wo er sich in Zürich aufhielt. Also schrieb ich ihm zurück, wann er mich an jenem Tag wo auf welcher Linie abpassen könnte. Mehr war nicht machbar.

Ich fuhr zum Depot und wartete dann auf mein Tram, begann meine Runden auf der 4. Bei Einfahrt in das Sihlquai erkannte ich ihn bereits von Weitem, er hatte sich praktisch nicht einmal im Ansatz verändert. Sein etwas spitzbübisches Grinsen, welches mir von damals in Erinnerung geblieben ist, auch nicht. Und so grinsten wir uns entgegen, noch bevor das Tram zum Stillstand kam. Er hatte nicht viel Zeit, offensichtlich ging sein Zug nach Berlin bald vom Hauptbahnhof ab, dennoch begleitete er mich für zwei weitere Stationen. In nur fünf Minuten erwachte sehr viel wieder zum Leben, welches ich vor vielen Jahren aus verschiedenen und guten Gründen hinter mir gelassen hatte. Nahe liegender Weise konnten wir nicht viel austauschen, aber das wenige war sehr intensiv, als wäre es gestern gewesen. Was ist aus der und der geworden? Was machst Du denn jetzt so? Und wie war es in Porto? Kleiner Schnitt: Ich selbst weilte vor einiger Zeit für ein paar Tage in Porto, das zweite Foto ist dort entstanden. Ich empfehle Ihnen dringend, dieser so schönen Stadt noch schnell einen Besuch abzustatten, bevor sie vollends für den Tourismus modifiziert worden ist! Selten habe ich in meinem Leben eine derart schöne, bereichernde und lebendige Stadt kennen gelernt! Da kann man solche Sonnenaufgänge erleben, wie ich ihn seinerzeit einfangen durfte – sowas bekommt man in Zürich so nie zu sehen (naheliegend, so einen Hafen hat Zürich nun einmal nicht!). Er stieg am Limmatplatz aus und fuhr wieder zurück zum Hauptbahnhof, ich drehte weiter meine Runden. Es war ruhig in der Stadt und so hatte ich auch genügend Raum für all die Erinnerungen, die mir vor sechzehn Jahren (oder mehr) in Berlin in meinen Kopf eingebrannt wurden. Die Wohngemeinschaft in einem ehemaligen Pfarrhaus im Nordosten Berlins (welches mich aus einem nicht erklärbaren Grunde immer an die „Rote Fabrik“ in Zürich erinnert), relativ kurz nach dem Mauerfall, das Sommerfest dort mit fast schon operettenhaft anmutendem Gesang, stundenlange nächtliche Gespräche über Gott und die Welt, Psychologie, Religion, Indien, Frauen und Männer und die einhergehenden Diskrepanzen in Bezug auf diese Thematik, der Vorzug von Macs gegenüber Windows PCs (ich habe da wieder so einen Virus, kannst Du den mal eben weg machen?), meine ewig lang anmutenden Fahrten auf dem Velo dorthin quer vom ehemaligen West-Berlin nach dem ehemaligen Ost-Berlin bei brütender Sommerhitze, Spaghetti Bolognese in der Küche, daneben der Wäscheständer mit reichlich „reduzierter“ frisch gewaschener Damenunterwäsche in allen erdenklichen Varianten zum Trocknen aufgehängt, eine ganz bestimmte Halskette, die knarzenden Dielen unter den Füssen, übervolle Aschenbecher und manchmal auch der Gestank von der Braunkohle, welche seinerzeit noch oft in den Heizöfen der Ost-Berliner Wohnhäuser verbrannt wurde, ein Geruch, der wie das Reinigungsmittel aller Schulhäuser in Berlin und der Geruch der Berliner U-Bahn auf ewig in meine Erinnerung eingebrannt ist. Und zwischen alledem der Mann, der mich heute für fünf Minuten im Tram besuchte. Mit dem gleichen spitzbübischen Grinsen, wie er es bereits damals hatte. Und auch mit der „Berliner Schnauze“, die mir hier in Zürich so manches Mal fehlt.

Bisher ist das einer der schönsten Momente, die ich in meinem Beruf erleben durfte! Danke Dir dafür!

Im erschte Tram

in Schöne Momentaufnahmen von

Vor kurzer Zeit wurde ich auf ein YouTube-Video aufmerksam gemacht, ein (bedauerlicher Weise qualitativ schlechter) Musik-Clip zweier Schweizer Musiker, in dem es sich um das erste Tram dreht, welches am frühen Morgen unterwegs ist (nein, nicht in Zürich, sondern in Bern und ja, das ist „Bärndüütsch“, was da gesungen wird). Um nicht alles ins Hochdeutsche übersetzen zu müssen, hier stark zusammengerafft der Inhalt: Am frühen Morgen begegnet einer der beiden (oder doch beide?) einer ansehnlichen Dame im Tram. Aber sie anzusprechen, das wird nichts, im ersten Tram am frühen Morgen wird nicht gesprochen. Und tatsächlich ist das auch in Zürich so, auch hier wird (fast) nicht gesprochen. Und genau deswegen ist das erste Tram der Linie 11 (ja ja, ist ja gut, das erste ist eines der 10), welches kurz vor fünf Uhr am Morgen in die Innenstadt ausfährt, auch mein Lieblingstram. Nur ein „Guten Morgen!“ oder „Morgä!“ zwischen denen, die immer dieses Tram benutzen und sich kennen, keine sinnentleerten Telefonate oder belanglose Gespräche, kein lästiges Geknistere der verschiedenen in Papier verpackten Frühstücksvarianten zum Mitnehmen, einfach Ruhe in einem nahezu vollends schlafenden Zürich. Und das alles im gemütlich schaukelnden alten 2000er Tram. Einfach herrlich! Unter der Woche sind jetzt fast ausschliesslich Kleinlieferwagen und Laster unterwegs, die irgendwelche Geschäfte in der Innenstadt bedienen und auf die muss man aufpassen, auch sie stehen immer irgendwie unter Zeitdruck und fahren zuweilen entsprechend. Die Putzfahrzeuge der Stadt sollte man auch nicht aus dem Auge lassen, auch sie machen manchmal fragwürdige Dinge, aber sonst ist es wunderbar entspannt so früh am Morgen. Der Bereich um den Bahnhof Stadelhofen und das Bellevue herum scheint aber nie so richtig zur Ruhe zu kommen und man kann das auch gut an den Hinterlassenschaften derjenigen erkennen, die sich in der Nacht bei den namhaften Hamburger-Ketten „ernährt“ haben. Sind um den Escher-Wyss-Platz, dem Hauptbahnhof und der Bahnhofstrasse die Gehwege von den zuvor erwähnten Putzfahrzeugen bereits fast schon „klinisch“ rein gefeudelt worden, liegen hier noch wilde Mixturen von Pommes, halb gegessenen Matsch-Burgern, Plastikbechern und vor allem leeren Flaschen, in denen noch vor kurzer Zeit hochprozentige Alkoholika enthalten waren, herum, während bereits die ersten Menschen mit den Frühzügen der SBB in die Stadt gelangen. Nur hier ist die Haltestelle auch am frühen Morgen meistens gut besucht, viele Arbeitnehmer wollen in die Kliniken fahren, die am Stadtrand liegen. Nicht selten versorgen sie dann dort diejenigen, die in der Nacht zuvor die „Errungenschaften“ der Fast-Food-Kultur auf dem Stadelhoferplatz verteilt haben. Am „Balgrist“ platzen dann all diese Menschen aus dem Tram, wie von Schnüren gezogen strömen sie in die Kliniken. In der kurzen Pause in der „Rehalp“ grüsse ich die Kollegen von der „Forchbahn“, die an dieser Endhaltestelle des Trams vorbei fahren.

Auf dem Rückweg sind bereits mehr Menschen unterwegs, aber Zürich ist noch lange weit davon entfernt, vor Menschenmassen zu brodeln. Ein paar Krähen sammeln jetzt am Stadelhofen die Pommes ein, die die Putzfahrzeuge nicht fassen konnten. Hier und da kann man die Geister der Nacht sehen, die aus den nahe gelegenen Clubs und Diskotheken nach Hause… nun ja… „geistern“ dürfte es eben wohl am treffendsten beschreiben. Dankenswerter Weise sind in diesem Gebiet die Gehwege und Plätze grosszügig gestaltet, denn nicht selten nutzen diese Geister die volle Gehwegbreite aus. Nach wie vor wirkt sich das hochprozentige Zeug, welches aus den jetzt leeren Flaschen in den Putzfahrzeugen stammte, auf den Bewegungssinn jener Stadtgeister aus. Schimpfend weichen die Krähen ihnen mit den typisch hopsenden Bewegungen aus. Noch immer ist die Bahnhofstrasse weitestgehend leer, lediglich vor dem „Apple“-Store kampieren ein paar wenige Fans jenes Technik-Konzerns, um als erste das neue iPhone-Modell zu ergattern. Auch wenn ich selbst ein „Apple“-Anwender bin, so werde ich nie verstehen, wie man teilweise mehrere Nächte vor so einem Laden verbringen kann, nur um der erste zu sein. Was ändert das an dem iPhone? An diesem wohl kaum etwas, wohl aber an der Bahnhofstrasse. Je näher der Öffnungstermin des Ladens rückt, desto mehr unaufmerksame Menschen finden sich dort ein. Nahe zu unseren Gleisen…

Bis zum Bucheggplatz geschieht nicht viel, Zürich hat allenfalls mal kurz die Augen aufgemacht, auf den Wecker geschaut und sich wieder umgedreht, nur ein paar Bauarbeiter machen sich verschlafen auf den Weg, um irgendwo in den Eingeweiden der Stadt herum zu wühlen, oft ebenso nahe an unseren Gleisen, aber professionell und nicht geisternd oder gar technisch ferngesteuert. Erste fahle Morgenlichter verwandeln das Schwarz des Himmels in ein tiefes Dunkelblau. Am Bucheggplatz warte ich wie vorgegeben auf den Bus der Linie 32, fahre weiter in Richtung Oerlikon. Gerade wird mir bewusst, dass die ansonsten eher gering frequentierte Haltestelle „Radiostudio“ wohl in Zukunft auch mehr Menschen fassen muss. Wenn es dabei bleibt, dann ziehen aus dem grossen Radiostudio des SRF in Bern viele nach Zürich um, das Radio soll hier konzentriert werden. Ich grübele eine Zeit lang nach, lasse die verschiedenen Zeitungsartikel, die zu diesem Thema veröffentlicht wurden, mir nochmal durch den Kopf gehen. Wirklich sinnvoll erscheint mir das Vorhaben nicht. Aber wenn das so umgesetzt wird, dann wird wohl auch in absehbarer Zukunft die ÖV-Struktur um diese Haltestelle herum erneuert und vergrössert werden müssen. Wieder eine Baustelle… Inzwischen ist auch der Bahnhof Oerlikon zum Leben erwacht. Wie am Stadelhofen strömen auch hier erste grössere Menschenmengen in die Stadt oder an den Stadtrand. Aber auch hier haben die Putzkolonnen ganze Arbeit geleistet, keine Krähe hopst hier herum und sucht nach fressbarem. Der Markt auf dem Platz in der Nähe ist bereits in vollem Gange, er wird dann mit seinen wenigen Hinterlassenschaften dann die schwarzen Rabenvögel der Stadt ernähren, während sich die Kunden, die hier zuvor ihre Besorgungen erledigt haben, es sich am heimischen Mittagstisch gut gehen lassen. Weiter geht es am Depot Oerlikon vorbei auf die „Rennstrecken“, die zum Stadtrand führen. Ein Büro- und Verwaltungsklotz reiht sich an den anderen, schnurgerade verschwinden die Gleise in der Morgendämmerung. Ein wenig anheimelnde Ecke, wo die Grenzen zwischen Zürich, Glattbrugg und Opfikon ineinander fliessen. Wie übergrosse Lego-Steine ragen hier die Schlafsiedlungen in den Morgen, neue werden aus dem Boden gestampft. Über der Endhaltestelle „Auzelg“ siegt dann die Sonne mit den ersten wärmenden Strahlen über die Nacht. Die grossen Flieger der „Swiss“ setzen über mir zum Landeanflug auf den Flughafen Zürich an und aus den nahe gelegenen Kleingartenanlagen steigt der erste Bodennebel auf. Man kann es riechen, dass sich der Herbst nähert. Auch wenn die 13 meine Lieblingslinie ist, so hat sie nicht jenen ausgeprägten Reiz der Gegensätze der 11, die ich ganz besonders am frühen Morgen sehr liebe, wenn ich mit dem ersten Tram um 4 Uhr 46 aus dem Depot am Escher-Wyss-Platz ausfahre, dann ist sie für ein paar Stunden die schönste Linie von ganz Zürich. Für mich.

RAL 3020

in Arbeitsbedingungen/Schöne Momentaufnahmen/Tram & Zeitgeschehen von

1925 wurde in Berlin in Zusammenarbeit der Regierung der Weimarer Republik und der Privatwirtschaft jener Zeit der so genannte „Reichsausschuss für Lieferbedingungen“ gegründet, kurz „RAL“. Dem einen oder anderen mag diese Abkürzung noch bekannt vorkommen: Noch heute wird diese bei Farben und Lacken angewendet. Jener Reichsausschus war so eine Art Normierungsbehörde, die sich weitestgehend mit der Erstellung und Vereinheitlichung von Standards befasste und bis zum heutigen Tage beschreibt, welchen Güte – und Prüfbestimmungen ein Produkt der Industrie unterliegt. Eines jener Produkte war „RAL 3000“, im Volksmund als Feuerwehrrot bekannt, wobei heute eher „RAL 3020“ (Leuchtrot) bei Fahrzeugen dieser Art angewendet wird. Viele Jahre später, es muss wenn ich mich recht entsinne gegen Ende der achtziger oder Beginn der neunziger Jahre des vergangenen Jahrtausends gewesen sein, brachte der Fahrzeughersteller „Ford“ eine neue Version seines Mittelklassewagens „Escort“ auf den Markt, ab Werk – und das war ungewöhnlich für diese Zeit – auch in einem dem Feuerwehrrot sehr ähnlichen Farbton. Kurz darauf veröffentliche der „ADAC“ eine Unfallstatistik, in der vor allem die roten Ford Escort Modelle auffielen. Nicht, weil sie besonders viele Unfälle hatten, sondern ungewöhnlich wenige innerhalb dieser Fahrzeugklasse. Und das lag an jenem Rot! Aber warum erzähle ich Ihnen das? Nun, heute durfte ich eine Werbe-Cobra fahren, die die Direktverbindung zwischen Zürich und Paris mit dem TGV anpreist („train à grande vitesse“, Hochgeschwindigkeitszug) und die Grundfarbe dieses Trams ist Rot, laut Farbmesser meines iPhones sehr wahrscheinlich RAL 3020, Leuchtrot. Bis hierher ist das nicht weiter spektakulär, Werbung muss irgendwie auffallen und diese Cobra fiel auf! Ich hatte aber mehrmals im Fahrbetrieb am heutigen Tage den Eindruck, dass sowohl Passanten, als auch viele andere Verkehrsteilnehmer mich früher und vor allem bewusster wahr nahmen, als es sonst mit den Trams in gewohnter Farbgebung der Fall ist. Und da erinnerte ich mich an jenen RAL-Farbton, den Ford Escort und die Unfallstatistik des ADAC. Ich meinte mich sogar erinnern zu können, warum Rot eine lange Zeit eine in der Automobilindustrie eher unbeliebte Farbe war, irgendwas liess sie schneller verwittern, als andere Lackierungen (und wenn man heute alte rote Fahrzeuge sieht, so ist die Lackierung auffällig oft nicht mehr ansehnlich).

Tatsächlich fallen mir vor allem rote Fahrzeuge im täglichen Betrieb auf, zum Beispiel die Sharing-Fahrzeuge von „Mobility“ oder ältere Feuerwehrfahrzeuge, wie sie teilweise noch in den an Zürich angrenzenden Gemeinden zum Einsatz kommen. Aus irgendeinem Grund erkenne ich sie auch schneller im Rückspiegel, als die knallig gelb leuchtenden Rettungsfahrzeuge, zumindest am Tage. Obwohl ich mich viele Jahre mit Farbsystemen und teilweise auch der psychologischen Wirkung dieser oder jener Farbe beschäftigt habe, kann ich Ihnen nicht sagen, warum mir diese Farbe im Gewühle der Stadt sehr schnell auffällt. Und nicht nur mir! Heute konnte ich einige Male beobachten, dass Passanten weitaus früher darauf verzichteten, meinen Weg zu kreuzen, auch schien ich im Rückspiegel manch eines Kraftfahrzeuglenkers schneller aufzufallen, als ich das sonst so beobachten darf. Manchmal auch muss, zuweilen reagieren Passanten und Chauffeure erst dann, wenn der Abstand zwischen Tram und Augenpaar weniger als 30 Zentimeter beträgt. „Oh! Heidewitzka! Ein Tram! Wo kommt das denn auf einmal her?“ oder auch „Hoppla! Seit wann fahren denn auf diesen Schienen hier Trams?“. So in etwa.

Ich will nicht an DEN beiden Zürich-Farben schlechthin herum sägen, mit denen unsere Fahrzeuge sonst ausgestattet sind, ganz so blasphemisch und bilderstürmerisch bin noch nicht einmal ich eingestellt. Mich würde aber mal interessieren, ob zum Beispiel die ÖV-Fahrzeuge in Bern im direkten Vergleich zu Zürich unter anderem auch weniger Unfälle haben, weil sie in roter Farbe gestaltet sind (keine Ahnung, welcher Rot-Farbton dort verwendet wird, aber weit entfernt von RAL 3000 oder 3020 dürfte er nicht sein). Studien zu diesem Thema dürften aufwändig und teuer sein, aber so manches Mal habe ich mich gefragt, ob nicht die Veränderung des Wiedererkennungswertes „Blau-Weiss“ an unseren Fahrzeugen zu so einem Rot, wie es diese Cobra derzeit trägt, zur Senkung der Unfallzahlen beitragen würde, meinetwegen auch ein kräftiges Orange (lag meiner Erinnerung nach bei der ADAC-Unfallstatistik seinerzeit auf Platz 2 der am besten sichtbaren Farben). Allerdings fallen die Trams, die grossflächig nur eine, sich deutlich vom Umfeld abgrenzende Farbe tragen, für meine Begriffswelt ohnehin besser auf. Ein anderes Beispiel aus dem aktuellen Fahrzeugpark der VBZ ist die Cobra, die die Werbung von „Allianz“ durch Zürich transportiert. Dieser grosse hellblaue Tram-Wurm fällt auch weitaus besser auf, als unsere normal gestalteten Trams (nur leider habe ich noch kein Bild von diesem Tram, sonst könnte ich den Effekt verdeutlichen), ganz ähnlich verhielt es sich seinerzeit bei dem vor allen bei Kindern beliebten „Zoo Zürich“ Tram, auf dem im Wasser schwimmende Elefanten abgebildet waren (und nach diesem Foto habe ich verzweifelt in meiner riesigen Tram-Bilderdatenbank bisher gesucht, vielleicht finde ich es irgendwann durch Zufall wieder). Wäre doch sicherlich mal ein interessantes Forschungsprojekt für die ETH in Zusammenarbeit mit den VBZ?

Ein Detail der Werbung an jenem Tram freute mich aber besonders: Der gesonderte Schriftzug im vorderen Bereich! Vielleicht gebe ich mir das mal eines Tages, dass ich wirklich mit dem TGV von Zürich nach Paris reise! Irgendwie sieht man viel mehr von dem eigentlichen Prozess der Reise, wenn man in einem Zug sitzt, als wenn man mit dem Flieger  abhebt (und die meiste Zeit davon ohnehin nur im Abfertigungsterminal verbringt und nicht an der Laterna Magica mit Namen „Zug-Fenster“). Reisen mit dem Zug mochte ich von je her weitaus lieber, als das Fliegen. Es gibt so viel zu sehen und der Wandel von einer Welt zur anderen vollzieht sich gleichmässig. Wenn das dann noch dazu beiträgt, dass das der Umwelt gut tut, dann sollte es einem jeden von uns das doch eigentlich auch wert sein, selbst wenn eine Zugreise – reduziert auf den grundlegenden Fortbewegungsprozess – immer noch länger dauert, als ein Flug, oder? Und in einem Flieger nimmt man nur beim Start und der Landung die Geschwindigkeit wahr. Bei einem Schnellzug aber immer. Ist doch auch schön, nicht nur immer auf endlose Wolkenfelder und dunkelbraune Kerosinschwaden zu schauen, sondern eine am Zug-Fenster vorbei flitzende Landschaft. Fast wie ein Daumenkino, nur grösser und vor allem weitaus länger!

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