Tram-Pilot in Zürich

Der „verirrte“ BH

in Fundstück der Woche/Schöne Momentaufnahmen von

Manchmal kann man endlos seine Runden drehen und abgesehen von dem „ganz normalen Wahnsinn“ vor der Scheibe des Führerstandes passiert nichts. Gar nix, zumindest nicht etwas anderes „aussergewöhnliches“, als unsereins „da vorne“ Tag für Tag zu sehen bekommt. Aber dann können Dinge passieren, die man – nun ja – nicht für möglich gehalten hätte! Mein Fahrlehrer pflegte immer einem Mantra gleich zu wiederholen: „In diesem Beruf musst Du Fischaugen haben!“. Nun, ich habe keine Fischaugen, aber mein Blickfeld ist schon recht gross und so sehe ich oft Dinge, die sehr (!) viele andere nicht sehen. Hin und wieder nehme ich am äussersten Rande meines Blickfeldes Dinge wahr, die so wahrscheinlich wirklich niemand beachten würde, weil sie oft nicht wichtig sind: Das Fenster, welches seit Jahren ungenutzt und verschlossen auf einmal sauber offen steht, der Blumentopf, in welchem auf einmal wirklich etwas wächst oder sonst eine Kleinigkeit, die sich seit langer Zeit zum ersten Mal überhaupt irgendwie verändert hat. Ein Beispiel für so eine „Kleinigkeit“ kreuzte den Rand meines Blickfeldes heute, als ich drei Runden auf der 13 drehte. Auf der ersten Runde nahm ich das mehr als Schatten wahr, auf der zweiten musste ich mich erst vergewissern, dass es wirklich das war, was ich ahnte und auf der dritten wusste ich dann definitiv, dass meine Ahnung mich nicht getäuscht hatte: In dem Blätterwerk eines Baumes kurz vor der Einfahrt zur Haltestelle „Rennweg“ in der „Bahnhofstrasse“ hing ein schwarzer BH, laut Aussage einer „von Natur aus dazu befähigten Person“ ein eher billiges Modell. Ich machte mir einen kleinen Jux und startete in DEM sozialen Netzwerk aller Netzwerke eine Art kleines Suchspiel, ich wollte wissen, wer sonst noch ausser mir jenes Ding erspäht hatte. In meiner Pause fuhr ich dann dort hin und machte die beiden hier ersichtlichen Fotos. Ich musste schmunzeln, wie all die Menschen zum Tram hasteten oder in Begriff waren, irgendwo irgendetwas einkaufen zu gehen, aber niemand von ihnen dieses kleine „Detail“ über ihren Köpfen bemerkte. Erst als ich meine Kamera ausrichtete, wendeten sich ein paar wenige Köpfe suchend nach oben.

Auf der Fahrt zu meinem zweiten Dienstteil machte ich mir etwas Gedanken darüber, wie dieser BH ausgerechnet in der Bahnhofstrasse wohl da hin gekommen sein mag. In Zürich liegt ja nichts „mal eben so“ einfach auf der Strasse herum, in den zwölf Jahren, die ich hier inzwischen lebe, habe ich gerade einmal drei Münzen mit einem Gesamtbetrag unter einem Franken gefunden! In der Nähe vom Limmatplatz hatte ich mal auf einer Bauabschrankung ebenfalls einen schwarzen BH gesichtet, aber sonst? Nix. Man kann hier vom Trottoir essen (mit Ausnahme von ein bis zehn Tagen nach der Streetparade, je nach Örtlichkeit, ERZ sei Dank!). Und nun dieses Exemplar hoch oben in einem Baum! Meinen Vermutungen entsprangen folgende Konstrukte:

  1. Die Unterwäsche-Firma „Triumph“ wollte einen neuen Werbe-Gag platzieren, zusätzlich zu jenem unsäglichen Tram, welches gerade produktplatzierend durch Zürich kurvt. Unwahrscheinlich, weil BH (attestiert!) zu billig, kann also kein „Triumph“-BH gewesen sein!
  2. „Grün Stadt Zürich“, die Institution, die Zürich begrünt, wollte die Belastbarkeit der Äste jenes jungen Baumes testen (für Weihnachtsschmuck) und hat mit „Triumph“ zusammen gearbeitet. Unwahrscheinlich, weil allenfalls  nur rote Unterwäsche als potentieller Weihnachtsbaumschmuck taugt! Abgesehen davon sind Gemeinschaftsprojekte zwischen kommerziellen und öffentlich-rechtlichen Unternehmungen streng reglementiert, insbesondere im Zwingli-Zürich.
  3. Eine weibliche Person hat sich entweder einen neuen BH gekauft oder hat von einem potenten Lebenssponsor einen neuen gekauft bekommen, der ihr Budget massiv überstiegen hätte. Vor lauter Freude flog der alte erst mal weg (in jenen Baum), bevor der neue sofort angelegt wurde. Unwahrscheinlich, das hätte Eingang in „20 Minuten“ oder den „Tagesanzeiger“ gefunden. Und das hat es nicht.
  4. Eine spät-revolutionär orientierte Frau wollte die Befreiung des weiblichen Körpers von der Unterdrückung durch BH und Konsorten reanimieren und in Erinnerung rufen (Merke: Nur weil es ROTE BHs gibt, sind diese noch lange nicht revolutionär!). Ebenso sehr unwahrscheinlich, denn erstens habe ich in den zwölf Jahren, in denen ich hier lebe, eine geradezu winzige Zahl von Frauen registriert, die keinen BH trug und zweitens machte keine einzige von denen dein Eindruck einer revolutionär orientierten Person. Die hatten meines Erachtens mit jener „Brustfreiheit“ etwas ganz anderes vor!
  5. Eine Frau betrachtet die Bahnhofstrasse als ihr Heim. Merke: Zahlreiche Frauen reissen sich jenes drückende, kneifende, juckende und beklemmende Ding vom Leibe, wenn sie ihre so genannte „Safe Zone“ betreten (was meistens ihr Heim ist oder zumindest ein Lebensbereich, in dem sie sich so sicher fühlen, als wären sie zu Hause – und das muss nicht zwingend IHR zu Hause sein!). Tür auf, eintreten, Tür zu, weg mit dem Ding! Habe ich selbst mehrfach beobachten dürfen diese Verhaltensweise! Unwahrscheinlich, dass das der Grund für die Platzierung dieses BHs im Baum war, ich habe bisher noch nie eine Frau IN einem der Bäume von Zürich leben gesehen.
  6. Eine Frau wollte die „Beats“ der Streetparade voll ausleben (oder das Ding hat bei der treibenden Hitze und den wummernden Schlägen der Bass-Töne jener „Musik“ einfach nur noch gestört). Sehr wahrscheinlich, denn erst kurz zuvor wandelten hier zahlreiche Streetparade-Fans und zweitens wird bekanntlich bei jenem Umzug alles gezeigt, was man hat. Oder wie in diesem Falle „man hatte“.

Ich bin mal gespannt, wie lange das Ding dort hängen bleibt. Und manchmal wünsche ich mir, ich hätte wirklich Fischaugen. Halt, nein, lieber doch nicht! Ich MUSS nicht mehr alles sehen!

Lesen, Jensine, lesen!

in Fragwürdige Momentaufnahmen/Tram & Zeitgeschehen von

Jüngst wurde ich höchst „staatsanwaltschaftlich“ zum Ehemann und Vater von zwei Kindern erklärt. Es müssen drei für mich sehr berauschende Feiern im Rahmen der Heirat und der Geburt (oder doch Adoption?) der beiden Kinder gewesen sein; ich kann mich bei bestem Willen nicht daran entsinnen, überhaupt geistig an jenen Feiern Teil genommen zu haben (und wenn doch, so habe ich mir sicherlich vorab mehr Mut angetrunken, als es vielleicht notwendig war), geschweige denn physisch. Lange Rede, kurzer Sinn: Was auch immer da in einem sehr spezifischen Kommunikationskanal der Stadt Zürich fehl geleitet wurde, klärte sich relativ schnell als Irrtum auf. Bereits einige Jahre zuvor war ich der Freiwilligen Feuerwehr der Stadt Zürich beigetreten. Allerdings weilte ich zu der im System hinterlegten Beitrittszeit noch in Berlin, eine Aufenthaltsbewilligung hatte ich für die Schweiz noch gar nicht und ganz abgesehen davon war mir die Confoederatio Helvetica zu jenem Zeitpunkt allenfalls von der Begutachtung von Landkarten her bekannt. Wie auch immer: Wir alle machen Fehler und das Informationssystem der Stadt ebenso. Insbesondere an heissen Sommertagen, wie sie derzeit herrschen. So wunderte es mich auch nicht übermässig, als ich das Wagenbesuchsprotokoll meines Vorgesetzten in den Händen hielt und über eine nahezu „vernachlässigenswerte Kleinigkeit“ stolperte, die nicht einer gewissen Komik entbehrte, insbesondere an jenem Tag, als ich jenes Protokoll aus meinem Briefkasten fischte. Es war der Morgen der „Streetparade“, jener Grossverantaltung mit stark exhibitionistischem Anstrich, bei dem die Geschlechtergrenzen oftmals zu verschwimmen scheinen. Wie passend! Die Kleinigkeit mit grosser Auswirkung bestand aus einem einzigen Wort und selbiges aus gerade einmal drei Buchstaben: „Sie“.

Dieses „Sie“ leitete die näheren Informationen zum Beurteilungspunkt „Pflichtbewusstsein“ ein, in welchem fest gehalten wird, ob bestimmte betriebliche Anordnungen und Regelungen, die Fahrdienstvorschriften und sonstige dienstlichen und administrativen Pflichten beachtet werden. Und da stand nun einmal „Sie setzt die Fahrdienstvorschriften um.“. Nicht „Er“. Formal gesehen eine Kleinigkeit – oder doch nicht? Nun hatte ich wenige Tage zuvor bereits erleichtert Luft abgelassen, als ich ent-heiratet und ent-Kindert wurde, wieder höchst staatsanwaltschaftlich und dieses Mal garantiert nicht irrtümlich. Aber diese Umwandlung war dann doch nochmal etwas „gewöhnungsbedürftig“ für mich. Hatte ich jetzt sowas wie Anspruch auf nachträglichen Mutterschaftsurlaub (vielleicht hatte jemand nur vergessen, dass die Kinder in der Regel bei der Mutter bleiben und nicht beim Vater und Ehemann, also dem, der jetzt höchst staatsanwaltschaftlich ent-Vatert und ent-Ehemannt ist)? Musste ich jetzt eine komplett neue Uniform-Ausstattung beziehen, jetzt, wo nur noch Restbestände zur Verfügung stehen, bevor die neue Uniform eingeführt wird? Und überhaupt, welches WC darf ich denn im Depot nun benutzen? Kann mir mal jemand dieses ominöse Ding mit Namen „Lippenstift“ erklären? Gibt es überhaupt Damensocken in Schuhgrösse 45? Und was ist jetzt mit meinem Namen? Jensine? Jensina? Jensburga? Jensola? Heidernei, wie soll ich das eigentlich dem Beamten auf der Deutschen Botschaft erklären, wenn ich meinen Reisepass verlängern muss? Fragen über Fragen…

Wir alle machen Fehler und sei es, dass in standardisiert vorausgefüllten Formularen gewisse Dinge übersehen werden… Deswegen ist es immer gut, alles (und damit meine ich wirklich alles) betriebsbezogen schriftlich fest gehaltene gründlich durchzulesen, nicht wahr, Jensine? Verdammt, ich darf nicht vergessen, ein neues Namensschild zu beantragen!

Keine Zeit

in Schöne Momentaufnahmen von

Wenn Sie aus dem Lautsprecher unserer Trams und Busse oder an den Haltestellen „Information der Züri-Linie…“ hören, dann spricht in der Regel ein Mitarbeiter der Leitstelle zu Ihnen. Irgendwann gehe ich mal näher auf die für uns „da vorne“ unerlässlich wichtige Institution ein, jetzt aber möchte ich Ihnen nur eine kleine „Spezialität“ bekannt machen, die diese Leitstelle uns „da vorne“ ab und an zukommen lässt – und die ich sehr schön finde! Manchmal erklingt kurz vor Betriebsende, also in etwa um Mitternacht herum, ein Sammelruf an alle Fahrerinnen und Fahrer, in dem sich eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter der Leitstelle meldet und uns einen schönen Feierabend und einen guten Heimweg wünscht. Feierabend ist nun einmal in Bezug auf „Verkehr in der Stadt Zürich“ wirklich erst dann, wenn man die Wohnungstüre hinter sich geschlossen hat – und keine Sekunde früher. Weitaus seltener erklingt ein solcher Sammelruf am Morgen, in etwa zwischen 5 und 6 Uhr. Manchmal bereichert dann die Mitarbeiterin oder der Mitarbeiter der Leitstelle den Gruss zum Tag mit einem Zitat, so auch heute früh. Durch die Führerstand-Lautsprecher der bereits im Netz fahrenden Busse und Trams erklang folgender Aphorismus:

Ich möchte keine Zeit haben, in der ich keine Zeit habe.

Sollten Sie nun erwarten, dass ich mich mal wieder über gewisse Dienstplankonstrukte oder Überstunden auslasse, so irren Sie sich (auch wenn dieser Aphorismus sich herrlich für eben jene eignen würde). Solche Worte zum Tag regen mein Denkvermögen an, dankenswerter Weise ist es im Netz dann noch so ruhig, dass man über solche Worte noch in Ruhe eine Zeit lang nachdenken kann. Und so stand ich im Albisgütli und liess mir diese Worte durch den Kopf gehen. Ich musste ein wenig in meiner Erinnerung kramen und wühlen, um mich an den Autor jener Worte zu erinnern (soweit ich mich entsinnen kann ein Herr Brie, Politikwissenschaftler, wenn ich mich nicht irre). Und so nahmen meine Gedanken ihren Lauf…

Naheliegender Weise dreht sich im Leben eines Fahrdienstmitarbeiters sehr viel, wenn nicht alles um jenes Ding mit Namen „Zeit“ und nicht selten wird diese knapp. Manchmal zu knapp. Dann noch die Ruhe zu bewahren ist nicht immer einfach und auch nicht immer machbar, aber sich in diesem Beruf manchmal auch bewusst die Zeit für was auch immer zu nehmen (und nicht nur sich von anderen nehmen zu lassen), ist die ganz hohe Kunst der Selbstbeherrschung – und auch Selbstbestimmtheit, man sollte sich auch dagegen wehren können, wenn andere Menschen oder Institutionen einem selbst die Zeit zu stehlen suchen (passendes Zitat von Napoleon Bonaparte: „Es gibt Diebe, die nicht bestraft werden und einem doch das kostbarste stehlen: Die Zeit.“)! Manchmal kann man da vorne die ausser Rand und Band geratene Zeit nur dadurch wieder in eine Ordnung bringen, indem man sie bewusst ignoriert – auch wenn das noch mehr Zeit kostet. Bewusst einen Gegenpol zu chaotisch hektisch anmutenden Zeitfressern in Form von Fahrgästen, Verkehrsteilnehmern, technischen Störungen und dergleichen zu setzen, bringt oftmals erst wieder Kontinuität in die Zeit zurück, die in diesem Beruf alles beherrscht. Das mag auf Sie absurd wirken (und auf mich hat es das auch einige Jahre lang), aber es ist wirklich so: Wenn schon alles drunter und drüber geht, dann ist es auch egal, was die Zeit in Form von Fahrplan und dergleichen diktiert. Die für uns so wichtige Zeit kann nicht funktionieren, wenn alles andere, was uns „da vorne“ umgibt und betrifft, nicht auch funktioniert. Oder wieder zum Funktionieren gebracht wird. So einfach ist das. Ist die Zeit an sich eine unveränderbare Konstante, so sind ihre Einheiten sehr dehnbar. Zu verstehen, wie weit man eine Zeiteinheit in diesem Beruf dehnen kann (passendes Zitat von Leonardo da Vinci: „Die Zeit verweilt lange genug für denjenigen, der sie nutzen will.“), das ist dann die Meisterklasse, dann hat man etwas über diesen Beruf gelernt, was einem kein Linieninstruktor oder eine Ausbildungsabteilung bei bringen kann. Insbesondere unsere Trams wirken auf mich manchmal wie der ruhige Kontrapunkt zum hektischen Fahrplan. In ihnen vergeht die Zeit etwas anders, manchmal langsamer, manchmal schneller als eine „normale“ Zeiteinheit üblicher Weise vergeht. Das zu steuern, das lernt man meistens erst nach ein paar Jahren.

Auf der Fahrt vom Albisgütli zum Frankental kreisten meine Gedanken um dieses obskure Ding „Zeit“. Es war noch nicht viel los, also konnte ich mir auch den Luxus erlauben, tiefgründiger nachzudenken. Mir fielen ein paar Zeilen und Aussagen anderer Menschen ein, die jene mir in jüngster Zeit haben zukommen lassen:

Am Ende wird alles gut und ist es dann nicht gut, dann ist es noch nicht das Ende.

Nur so als Beispiel. Irgendwann ist mal „fertig Leben“. Dann ist da ein Ende. Ob dann alles gut ist, ist eine andere Sache, diejenige oder derjenige, der dann „am Ende“ ist, der oder dem kann es dann auch egal sein, ob alles gut ist, in der Regel bekommt dann jene Person davon nichts mehr mit (nach mir die Sintflut…). Sehr wohl aber diejenigen, die noch nicht fertig sind (die schwimmen noch in der Sintflut). Und es mitnichten absolut sicher, dass dann auch alles wirklich gut ist (sprich: Eine Arche zur Verfügung steht für einige wenige, die die Sintflut noch nicht erreicht hat)! Anders, das ja, aber gut? Lange Rede, kurzer Sinn: Ich mag diesen Spruch nicht sonderlich, er ist zu wenig weit nachgedacht und relativiert sich selbst. Gute Aphorismen und Zitate relativieren sich per se nicht selbst, sonst wären sie nicht gut (passendes Zitat von Marie von Ebner-Eschenbach: „Wenn die Zeit kommt, in der man könnte, ist die vorüber, in der man kann.“). Ein anderes Beispiel aus jüngster Zeit:

Für immer.

Nein, es spielt keine Rolle, in welchem Zusammenhang diese zwei Worte an mich gerichtet wurden, das bleibt meins (passendes Zitat von Coco Chanel: „Es gibt eine Zeit für die Arbeit. Und es gibt eine Zeit für die Liebe. Mehr Zeit hat man nicht.“). Nur so viel: Der Begriff „Zeit“ ist ein vom Menschen geschaffenes Konstrukt. Und der Mensch ist auch das einzige, meines Erachtens vollkommen bekloppte Wesen, was ohne dieses Ding nicht kann. Oder nicht will, wie auch immer. Tiere kennen den Begriff „immer“ nicht. Kramen Sie mal in Ihrer eigenen Erinnerung, religiösen Überzeugung oder allgemeinen Weltanschauung, in Ihrer Mediathek oder Bibliothek, wie viele unterschiedliche Quellen anmerken, dass nichts für immer ist! Es gibt keine Unendlichkeit! Halt, Stopp, doch, eine gibt es! Die Dumm…. Ach, lassen wir das besser, das ist in etwa so zielführend, wie meine Gedankenketten vom Albisgütli bis zum Frankental, welches ich trotz aller Purzelbäume in meinem Kopf pünktlich erreichte. Denn ich hatte Zeit (passendes Zitat von Eugene Ionesco: „Wer sich an das Absurde gewöhnt hat, findet sich in unserer Zeit gut zurecht.“)…

An dieser Stelle ein Dank und auch ein kleiner Gruss an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Leitstelle, die sich noch die Mühe machen, wenigstens ab und an den Tag meiner Kolleginnen, Kollegen und mir mit solchen Worten zu bereichern! Bitte mehr davon!

Nachtrag: Eine sehr schöne Sammlung von Zitaten und Aphorismen zum Thema „Zeit“ findet sich unter https://www.studienscheiss.de/zitate-zeit/

Das Ziel vor Augen

in Arbeitsbedingungen/Extremsituationen von

Aus der nüchternen Sicht der Statistik gesehen geschehen die meisten Unfälle dann, wenn der Feierabend oder der sauer verdiente Urlaub kurz bevor stehen. Man ist mit dem Kopf dann nicht mehr ganz bei der Sache, konzentriert sich nicht mehr so, wie es sein sollte, auf den Berufsauftrag und dessen Ausübung, sondern weilt bereits ganz woanders: Weit weg von dem, was sich landläufig „Verkehr in der Stadt Zürich“ nennt. Ein wenig erging es auch mir so, als ich um den Beginn des August herum ein paar Tage für mich hatte, die ich auch dringend für mich benötigte. Die Schweiz feierte sich selbst, kurz darauf wollte ich für mich feiern, mein eigener Geburtstag ist einer der ganz wenigen Tage, die ich für mich haben will, entsprechend versuche ich, diesen Tag im Dienstplanungssystem der VBZ auch frei zu bekommen. Seit dem Tag, als ich vor einigen Jahren kurz vor meinem Urlaub jenen schweren Unfall hatte, wird mir die Problematik immer mal wieder bewusst, dass der Urlaub oder der Feierabend wirklich erst dann beginnt, wenn man die Uniform des Betriebes abgelegt hat – und keine Sekunde früher. Nun ist das so eine Sache, dieser Beruf bestimmt das eigene Leben grundlegend, manchmal ist es gar nicht so einfach, ihn wirklich so von einer Sekunde auf die andere abzulegen, manchmal ist man schon zu lange „am Stück“ in diesem Beruf tätig, als dass man ihn von einem Tag auf den anderen einfach so ad acta legen könnte. Für mich ist das eher kein Problem, was meins ist, ist meins – und wenn es jede einzelne Minute von Freizeit ist, die mich von diesem Beruf trennen. Allein schon aus diesem Grunde verwende ich nur so wenig Zeit wie möglich darauf, in meiner Freizeit irgendetwas Dienstbezogenes zu erledigen. Und deswegen ist es oft auch ein Ziel vor meinen Augen, Feierabend oder Urlaub zu erreichen, denn ohne Freizeit oder eine Freizeit, die sich immer noch voll und ganz jenem Beruf widmet, wird das nichts mit der Ausgeglichenheit und jener ominösen „Work-Life-Balance“, die meines Erachtens ohnehin in diesem Betrieb nur in allen anderen Bereichen zu erreichen ist, als dem Fahrdienst. Daher erscheint es mir extrem wichtig, diese Balance wenigstens in der Freizeit vollkommen ungestört (q. e. d.!) zu erreichen und darauf hin zu arbeiten, diese Freizeit auch ungestört als Ziel anzuvisieren.

Auch wenn derzeit Zürich als ruhige,  manchmal regelrecht menschenleere Stadt erscheint, so muss man immer „wach“ sein, wenn man „da vorne“ sitzt und seinen Auftrag erfüllt. Bei den zur Zeit herrschenden Temperaturen ist das mitnichten immer eine einfache Angelegenheit, da entscheidet manchmal die Schichtlage darüber, wie wach man selbst nach einem Tag im Fahrdienst noch ist. Ich hatte zwei Frühdienste hinter mir, Feierabend am frühen Nachmittag, aber am letzten Tag vor meinem „Kurzurlaub“ bedachte mich die Disposition wieder mit einem so genannten „Vorfrüh-Dienst“, Feierabend in etwa dann, wenn auch alle anderen Berufstätigen um mich herum Feierabend haben. Manchmal ist es nicht mehr für mich nachvollziehbar, warum solche „Unterbrechungen“ im Schichtlagen-Ablauf statt finden, beziehungsweise mir und anderen zugeordnet werden, zur Zeit wird das oft mit „Personal-Unterbestand“ begründet. Da bedarf es schon einer gewissen Dickfelligkeit, um solche Brüche im Schichtlagenablauf an- und hinzunehmen. Aber es wird dann noch schwieriger, die für diesen Beruf notwendige Konzentration aufzubringen und bis kurz vor dem Ziel auch wirklich immer am Ball zu bleiben. Hohe Temperaturen und leichter bis gesteigerter „Frust“ über solche Dienstzuordnungen sind alles andere, als motivierend, also setzte ich noch mehr daran, jenes Ziel „ein paar wirklich vollkommen ungestörte freie Tage“ zu erreichen. Apropos „Personal-Unterbestand“: Es ist noch nicht allzu lange her, als jemand anmerkte, die Personal-Situation würde sich stetig verbessern. Viel bemerke ich davon allerdings nicht. Genau genommen bemerke ich davon gar nichts. Insbesondere nicht bei solch fragwürdigen Dienstzuteilungen. Zur Zeit überwiegen die Interessen des Betriebes, kaum aber die derjenigen, die dann jene Interessen des Betriebes Wahrheit werden lassen sollen. Den Optimismus daran zu glauben, dass sich die derzeit herrschende Situation wirklich in absehbarer und vor allem sachdienlich erträglicher Zeit ändern wird, den muss sich unsereins „da vorne“ selbst erarbeiten – in der Freizeit. Ein Grund mehr, dieses Ziel zu erreichen – konzentriert und aufmerksam, denn sonst würde wieder Freizeit dafür drauf gehen, Unfallprotokoll, Dienstrapport und sonst noch zahlreiche andere Formulare auszufüllen. So einfach ist das.

Auch wenn es mir am letzten Tag vor meinem „Kurzurlaub“ insbesondere im zweiten Dienstteil bei Backofentemperaturen hier und da sehr schwer fiel, wach und vollends aufmerksam zu bleiben, so erreichte ich mein von mir selbst gestecktes Ziel ohne Unfälle oder andere Schwierigkeiten. Aber leicht war das nicht, ganz im Gegenteil. Wie sehr die derzeit innerbetrieblich herrschende Situation an meiner eigenen Verfassung aufgrund von Überstunden und Personalmangels innerhalb der vergangenen Wochen und Monate genagt hatte, zeigte ich an einem ganz einfachen Umstand: Ich habe in jenen freien Tagen weitaus mehr geschlafen, als sonst üblich, manchmal schon fast komatös tief geschlafen zu Tageszeiten, an denen ich sonst mein Programm für einen freien Tag abspule! Irgendwie erscheint es mir wie ein Warnsignal, wenn ich solche „Begleiterscheinungen“ meines Berufes registriere, freie Zeit zu „verschlafen“, nur um dann wieder voll einsatzbereit und sicher unterwegs zu sein. Das kann eigentlich nicht Sinn und Zweck der Sache sein, ist kein Garant für eine funktionierende „Work-Life-Balance“, oder? Es wäre schön feststellen zu dürfen, dass nicht nur ich auf ein Ziel hin arbeite, überhaupt ein Ziel vor Augen habe…

Vitamin D

in Arbeitsbedingungen/Schöne Momentaufnahmen von

Jede Kollegin und jeder Kollege von mir hat ihre oder seine bevorzugte Linie, Tageszeit, Schichtlage und Jahreszeit. Ich persönlich fahre gerne die langen Linien, wie zum Beispiel die 11, die 13 oder früher auch die 14. Ganz generell ist es mir egal, zu welcher Tageszeit ich fahre (kleiner Wink an die Disposition: Das soll nicht bedeuten, dass ich tendenziell die Übergänger bevorzuge, nur mal so am Rande erwähnt!), auch ist es mir egal, zu welcher Jahreszeit ich unterwegs bin, aber so ein klein wenig bevorzuge ich gerade diese Zeit, in der in Zürich die Sommerferien herrschen. Dann fahre ich sehr gerne die Spätschichten an den normalen Wochentagen, denn dann ist sehr wenig bis gar nichts los. Die meisten Einwohner sind verreist und das bedeutet, dass in der Regel nur wenige Menschen mit mehr oder minder ihnen selbst bewussten Selbstmordabsichten unterwegs sind, allerdings wirken sich lange Perioden mit hohen sommerlichen Temperaturen auf viele von den wenigen, die hier geblieben sind, ausgesprochen nachteilig aus. Es ist zwar weniger los, aber wenn was los ist, dann richtig. Meinen eigenen Erfahrungen nach muss ich in dieser Zeit weitaus weniger bremsen, um einen Unfall zu vermeiden, aber wenn ich bremsen muss, dann meistens sehr heftig. Die Velo-Fahrer nutzen die leerer gewordenen Räume der Stadt nunmehr noch waghalsiger aus, als ohnehin schon und so manch ein Lieferwagen- oder Taxi-Fahrer scheint zu vergessen, dass sich mit steigenden Temperaturen die allgemein gültigen Verkehrsregeln der Schweiz nicht in die von Italien, Jamaica, Dubai oder dergleichen ändern. Auch muss man zunehmend auf Touristen achten, die sich so gar nicht in Zürich auskennen und sich ab und an in Regionen verirren, in denen sie mit ihrem Fahrzeug nun mal sowas von gar nichts zu suchen haben, aber generell ist die Zeit der Schulsommerferien für die meisten von uns „da vorne“ die erholsamste von allen. Wer von meinen Kolleginnen und Kollegen nicht verreisen kann oder will, wird meistens weitaus weniger gefordert, als in anderen Zeiträumen eines Jahres. Selbstredend kann das an den Wochenenden ganz anders aussehen, der Kalender der Veranstaltungssüchtigen Stadt Zürich ist übervoll mit Anlässen, die nun einmal vorzugsweise an Wochenenden statt finden, im Winter sind die Wochenenden ein klein wenig erträglicher, wenn es nach meinem Empfinden geht.

Zur Zeit kann es durchaus vorkommen, dass man am frühen Morgen oder späten Abend eine ganze Runde fährt, ohne dass mehr als geschätzte zehn bis zwanzig Personen Tram oder Bus benutzen. Auch müssen wir sogar zu Hauptverkehrszeiten oftmals uns selbst bremsen, um nicht viel zu früh an den jeweiligen Haltestellen einzutreffen. Ein kleines Beispiel: Die Linie 13 hat zwei „Kurse“, wie das fachlich genannt wird, die zu regulären Zeiten immer irgendwann grauenhaft verspätet sind: Kurs 9 und sehr oft Kurs 13 (die „Kurse“ erkennt man an den kleinen gelben Zahlentafeln hinter der Frontscheibe unserer Fahrzeuge). Jetzt, wo Zürich zuweilen menschenleer erscheint, muss man sogar auf diesen Kursen aufpassen, dass man nicht zu früh irgendwo eintrifft oder abfährt. Wundern Sie sich also nicht, wenn Sie mal einen Bus oder ein Tram sehen, welches dahin zu schleichen scheint, dann ist es sehr wahrscheinlich, dass die Fahrerin oder der Fahrer Zeit abbauen muss. So schön diese Zeit für mich und wahrscheinlich auch viele Kolleginnen und Kollegen sein mag, so hat sie – zumindest nach meinem Empfinden – auch einen ganz gewaltigen Nachteil. Hin und wieder ertappe ich mich bei dem Gedanken, dass nur diejenigen in Zürich geblieben sind, die ohnehin schon so ihre liebe Mühe mit Pünktlichkeit, Rücksicht, Verkehrsregeln, Toleranz, sachgemässe Handhabung des Kinderwagens in Bus und Tram, sachgemässe Handhabung des eigenen Fahrzeuges (nennt sich im Fachjargon der Juristerei auch „Beherrschung des Fahrzeuges…“), Höflichkeit und schlagmichtot haben, also Mühe mit allem, was uns „da vorne“ dann sehr viele nachfolgende Mühen bereitet. Und eines kann ich Ihnen sagen: Murphy macht keinen Urlaub, schon gar nicht in Schulsommerferien! Da kann es tagelang ruhig, wenn nicht sogar langweilig sein, aber dann kommt so ein Tag, an dem alles derart gründlich daneben geht, dass man sich selbst doch lieber an einem Strand von Watweesick sieht, als im Führerstand eines ÖV-Fahrzeuges. Auch hier wieder: Es passiert weniger oft, aber wenn, dann richtig.

So oder so: Auch wenn es aufgrund defekter oder gar nicht erst vorhandener Klimaanlage für uns „da vorne“ zuweilen eine Zumutung sondergleichen darstellen kann, bei derart hohen Temperaturen, wie sie derzeit herrschen, den Arbeitsauftrag zu erfüllen, so ist zumindest für mich diese Zeit der Schulsommerferien die schönste, um meinen Beruf auszuüben. Da kann es sogar vorkommen, dass ich, der sonst nicht gerade für seinen freundlichen Blick, geschweige denn für seine zurückhaltende Körpersprache bekannt ist, manchmal leicht blöde grinsend durch die Gegend fährt. Unterschätzen Sie niemals die Wirkung des Vitamins D, auch „Sonnenvitamin“ genannt! Wir „da vorne“ bekommen sehr viel davon ab und das mag ich besonders an der schönsten Zeit eines Jahres, wenn es um die Arbeitsbedingungen eines Berufsfahrers geht, der Sie von A nach B transportiert. Da auch viele von Ihnen dieses Vitamin abbekommen, sind die meisten von Ihnen – nicht alle! – auch entspannter und freundlicher. Eine Überdosis aber tut auch hier selten gut. Manchen ist es dann eben zu heiss. Die meisten von Ihnen könnten das regulieren, wenn Sie das denn wollten, uns „da vorne“ ist das nicht so ohne Weiteres möglich. Mit diesem Vitamin verhält es sich genau so, wie mit den Volksdrogen Alkohol und Nikotin. Der begnadete deutsche Kabarettist Carl Valentin nagelte den Sachverhalt einst ausgesprochen treffend fest:

„Der Mensch fühlt sich besonders wohl, bei Nikotin und Alkohol, jedoch, es macht ihn nichts so hin, wie Alkohol und Nikotin.“

Übertragen auf so manch einen Bewohner Zürichs müsste das dann wohl eher so lauten:

„Bekommt der Mensch viel Vitamin D, so will er springen am liebsten in den kühlen Züri-See. Jedoch vergisst er oft in seinem Kühlungswahn, dass davor fährt Bus oder Tram.“

In diesem Sinne Ihnen eine schöne Sommerszeit! Und nein, ich erhebe keinerlei Urheberrechtsansprüche auf die Züri-Variante, dazu ist es zu heiss!

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