Alpenwelt – Welt der Alpen

in Fragwürdige Momentaufnahmen/Tram & Zeitgeschehen von

Es gibt Momente – auch wenn mir das so manch ein Zeitgenosse jetzt beim Lesen dieser Zeilen nicht glauben mag – in denen ich absolut nichts denke, vollkommene Stille in meinem Kopf herrscht, so auch neulich, als ich etwas geistesabwesend am Meierhofplatz auf das Tram wartete, welches mich zur Arbeit bringen sollte. Ich schlenderte etwas planlos über das Perron, betrachtete meine Umwelt und blieb an einem Plakat hängen, welches wohl erst vor kurzer Zeit dort platziert worden war, es kam mir recht neu vor. Als ich mir alle Textpassagen durchgelesen hatte, war es schlagartig vorbei mit der Ruhe in meinem Kopf, aber dazu später mehr. Die Verkehrsbetriebe Zürich haben für Besucher dieser Stadt und natürlich auch ihre Einwohner verschiedene Angebote, die nicht dem regulären Liniendienst von Tram und Bus zuzuordnen sind. So können Kinder zum Beispiel sich in einem speziell dafür hergerichtetem Tram Geschichten vorlesen lassen, man kann sogar in einem Tram heiraten (etwas, was mir so niemals in den Sinn kommen würde, aber so sind nun einmal die Menschen: Sehr verschieden…), aber die meisten Angebote umfassen das Gebiet der Kulinarik. Ein Renner ist in jedem Winter das Fondue-Tram, mit dem in den Wintermonaten durch Zürich gondeln und hinter den beschlagenen Scheiben eines alten Trams Fondue verputzen kann, aber es gibt auch Angebote aus vielen anderen Teilen der Welt, die je nach Saison durch Zürich verkehren. Sonderlich billig sind diese Vergnügungstouren allesamt nicht, aber sicherlich immer ein besonderes Erlebnis. Und sie sind beliebt! Nun kündigte eben jenes bereits erwähnte Plakat eine Variante an, die mir neu erschien: Das „Alpenküche-Tram“. Bis hierher nichts aussergewöhnliches, die Küche der Länder, deren Landesgrenzen durch den Alpenraum verlaufen, ist reichhaltig (wenn auch meist recht bodenständig…), die Schweiz, Österreich, Deutschland, Frankreich und Italien haben viel zu bieten, wenn es um das Wohlbefinden des eigenen Magens geht. Aber darum geht es nicht in diesem Beitrag, auch wenn ich so manch ein Gericht aus dem Alpenraum durchaus sehr zu schätzen weiss. Ich blieb – mal wieder – an einer Kleinigkeit hängen, die so wahrscheinlich einmal mehr bisher niemandem ausser mir selbst bei der Lektüre dieses Plakates aufgefallen ist. Ick kann nu ma nischte dafür, so tickick nu ma!

Die Überschrift lautet „Alpenküche-Tram“. Weiter unten rechts steht dann aber „Food-Trends aus aller Welt“. Ja was denn nun? Nur die Küche der Alpen? Doch ein paar Trends? Mit Trends aus aller Welt aufgepeppte Alpenküche? Oder doch solche Kreationen wie zum Beispiel „Fondue a la Mallorca“ (und das gibt es wirklich!)? „Thai-Rösti“, „Saucisson Canadoise“ oder „OLMA Bratwurst mit Argentinia Beef“ von Dieter Meier? So oder so: Nur „Schweizer Fleisch“ – zumindest in diesem Punkt ist die grosse Welt der Alpen ab VBZ-Plakat auf einen vergleichsweise kleinen Raum beschränkt! „Les Alpes? C’est moi, la Suisse!“ Nix mit gutem deutschen Augustiner Bier oder italienischem Grappa, kein Kaiserschmarren oder ein leckeres Tartiflette aus der Haute Savoie! Aber immerhin ist das Alpenküche-Tram „tierfreundlich“. Ich bin mir nur nicht so ganz sicher, ob Madamme Zürcherin ihren Taschenklappköter (meinetwegen auch „Wadebiisser“) oder Herr Zürcher seine (deutsche…) Dogge mitnehmen darf oder aber das Schweizer (!!!) Fleisch von garantiert freundlich geschlachteten Tieren stammt, so eindeutig ist diese Formulierung nun einmal nicht. So alles in allem wirkte dieses Plakat auf mich ein klein wenig, als sei es irgendwie „zwischen Tür und Angel“ (und die gibt es auch im Alpenraum!) zusammen gezimmert worden, unruhig, wenig professionell. Das es anders geht, haben die Verkehrsbetriebe schon oft bewiesen, ich liebe das Plakat zum Fondue-Tram, auf dem kleine Mäuse eine Räuberleiter bauen, um in das Tram zu gelangen und den Fondue-Käse zu klauen! Aber das hier? Und mal ehrlich: Wer in aller Welt wäre so bekloppt, einen Tisch, zwei Stühle und dann auch noch zwei Kerzenleuchter irgendwo einen Berg hinauf zu buckeln? Im Alpenraum machen Kerzen unter freiem Himmel so ziemlich alles, ausser irgendeinen Sinn, nur extrem selten ist es in dieser Region der Welt auch mal absolut windstill! Und wenn das Tram, welches da im Bild zu sehen ist, nicht vollständig aus Zuckerguss ist, dann dürfte laut Plakat dieser kulinarische Ausflug in die Alpenwelt doch etwas arg schwer verdaulich sein. Aber so ein Kellner in schicker weisser Livree vor grünem Alpengrashintergrund, das hat schon was!

Ich bin mir sicher, dass das Angebot dieses Sondertrams kaum Wünsche offen lassen wird, bisher mussten die VBZ diesbezüglich meines Wissens nach wenig bis gar keine „Kundenreklamationen“ entgegen nehmen. An dieser Stelle eine Frage an den Betrieb: Wird das Personal dieses Trams eigentlich auch mit Wagenbesuchen und zentralen Mitarbeiterbewertungen traktiert und wenn ja von wem? Gruppenleiter Daniel Bumann (Schweiz)? Gruppenleiter Massimo Bottura (Italien)? Gruppenleiter Paul Bocuse (Frankreich) hat ja nun jüngst den Löffel abgegeben, der fällt somit nun aus, aber was ist mit Team Coach Tom Franz (Deutschland) oder Team Coach Hans Galler (Österreich)? Und überhaupt: Was ist eigentlich mit dieser obligatorischen Frauenquote? Fragen über Fragen! Und alles das innerhalb von lumpigen vier Minuten, in denen ich am Meierhofplatz auf ein Tram der 13 wartete, um zur Arbeit zu fahren! Wirklich, so ab und an frage ich mich dann schon selbst, ob seinerzeit das Institut für Psychologie der Universität Zürich nicht doch einen Fehler gemacht hat, als es mich als „geeignet für diesen Beruf“ einstufte.

Trotzdem: Irgendwie ist dieses Plakat „Grütze“, wie man in meiner Heimat zu sagen pflegt. Und nein, meines Wissens nach ist „Grütze“ kein typisches Gericht aus dem Alpenraum…

Der Spickzettel

in Fundstück der Woche von

Ich machte auf dem Tram der Linie 4 meinen Rundgang und sammelte mal wieder allerlei Zivilisationsmüll ein, als ich am Ende des Wagens ein kleines Stück Papier auf dem Fussboden bemerkte, welches winzige Buchstaben trug, so klein, dass ich sie mit blossem Auge und ohne Brille nicht entziffern konnte. Da ich meine Lesebrille nicht dabei hatte, nahm ich das Stück Papier, welches in etwa 6 Zentimeter breit und 4 Zentimeter hoch war, an mich und nahm es mit nach Hause, wo ich es dann mit Hilfe meiner Brille entziffern konnte. Ich hielt einen waschechten Spickzettel in der Hand, aller Wahrscheinlichkeit nach von einem Schüler oder einer Schülerin der KV Business School am Escher-Wyss-Platz angefertigt! In dieser Schule werden Grundlagen für das Kaufmannswesen vermittelt und in Weiterbildungen Kaderpersonen heran gebildet, also allerlei – kompliziertes – Wirtschaftswissen verbreitet. Absolut nicht meine Welt! Die Buchstaben, die kaum grösser als ein bis zwei Millimeter und auf einem recht guten Drucker ausgegeben worden waren, spiegelten allerlei Fachlatein: Zahlreiche Abkürzungen, Fachbegriffe, die ich noch nie zuvor gelesen hatte, Definitionen – und alles das auf einem winzigen Stück Papier, mittig gefaltet, so dass es beidseitig im Kleinformat verwendbar war und von zwei Klebefilmstreifen schützend zusammengehalten.  Ein kleines Meisterwerk, wenn ich mich an meine Versuche von damals erinnerte (und mal ehrlich, daran gedacht hat sicherlich schon jeder Schüler einmal in seinem Leben, oder?).

Zahlreiche mir kryptisch erscheinende Wortkombinationen prangten auf jenem Papier: „Produktions ER: Verk.erlös – BÄ unfertige“, „(VVGK x 100): HK verk. Prod. %“, „BGM/DBM=(BG x 100): NE.“ und anderes. Wer auch immer jenen Spickzettel – oder meinetwegen auch „Minimalmerkhilfe“ – angefertigt hatte, sorgte sich wohl um die Grundlagen zu seinem zukünftigen Beruf beziehungsweise ihrer Präsenz im Schülerhirn bei allfälligen Prüfungen der KV Business School. Ich malte mir aus, wie jener Schüler oder die Schülerin irgendwo an einem Tisch sitzend jenen Zettel in der Hand versteckt ab und an in einem unbeobachteten Moment schnell überflog und die Antwort auf ein Prüfungspapier schrieb. Ich musste schmunzeln, wie wenig hatte sich trotz aller Entwicklung der Digitaltechnologie seit meinen eigenen Schultagen verändert! Allerdings musste meinereins derartiges früher noch von Hand schreiben, weshalb Spickzettel meistens grösser ausfielen, als jenes Exemplar hier, es gab damals einfach noch keine Heimcomputersysteme mit angeschlossenen Druckern, die solche Winzigstinformationswerke herstellen konnten. Ich selbst habe selten Spickzettel verwendet und auch nur in den Fächern, von denen ich bis zum heutigen Tag wenn überhaupt rudimentäres Wissen habe: Physik, Chemie, Mathematik und zuweilen auch Biologie. Ich habe es einfach nicht mit Zahlen und abstrakt anmutenden Formeln, so weit reicht mein Vorstellungsvermögen einfach nicht. Somit mussten auch in meinem Schülerleben ab und an solche Zettel vermeintlich vorhandenes Wissen vorgaukeln, welches innerhalb NullKommaNix nach Absolvierung einer Prüfung in diesen Fächern in den Untiefen meiner eigenen Verdrängungs- und Erinnerungslöschprozesse verschwand. Im Laufe der Schuljahre perfektionierte nahe liegender Weise auch ich meine Spicktechniken, der Kugelschreiber mit ausziehbarem, aber nur begrenzt neu beschreibbaren Rollband-Papier war lange Zeit ein Renner unter den Schülern, ich aber hatte das grosse Glück, auf ein besonderes Lineal aus durchsichtigem Kunststoff zurück greifen zu können. Dieses Lineal war ein Werbegeschenk einer Pharma-Firma, welches sich auf nicht mehr nachvollziehbaren Wegen in meinen Besitz verirrt hatte. Die Besonderheit des Lineals bestand darin, dass die Werbung nicht auf das Lineal aufgedruckt war, sondern aus einem herausnehmbaren Stück bedrucktem Karton bestand. Ein dahinter platzierter Spickzettel war wunderbar vor den forschenden Augen der Lehrerschaft verborgen! Allein, es brachte mir nicht viel, Mathematik war bereits damals ein Buch mit sieben Siegeln für mich und wird es wohl auch für immer bleiben.

Ich hatte eine längere Pause auf der 4 im Bahnhof Altstetten Nord, die mir nach einem recht turbulenten Tag sehr willkommen war. Ich grübelte ein klein wenig über meine Versuche, bei Prüfungen zu schummeln und was daraus bis heute geworden war. Interessanter Weise fiel mir dabei ein Spruch meines Vaters ein (selbst viele Jahrzehnte Lehrer an einer Berliner Schule), dass Spickzettel auch einen positiven Nebeneffekt haben können. Hat man sich erst einmal die Mühe gemacht, relevante Informationen derart klein auf einem Informationsspeicher unterzubringen, braucht man diesen selbst meistens nicht mehr, denn die Informationen sind aufgrund des Arbeitsaufwandes dann meistens im Hirn fest eingespeichert – nicht unbedingt immer „inhaltlich auch verstanden“, aber fest eingespeichert. So ganz konnte ich diese Feststellung meines Vaters nicht bestätigen, insbesondere, wenn es um mathematische und physikalische Formeln ging, aber grundsätzlich hatte er Recht! Spickzettel sind ja im Grunde genommen nichts weiter als Notizzettel, nur viel kleiner. Je öfter man sich Notizen anschaut, umso schneller und dauerhafter werden sie im Erinnerungsvermögen verankert. Dazu sind Notizzettel da!

Ich hoffe nur, dass die Schülerin oder der Schüler, welche oder welcher jenen Zettel angefertigt hatte, nicht auch in Zukunft mit solch fragwürdigen Mitteln seine berufliche Zukunft bestreitet. Es gibt leider immer noch viel zu viele Wirtschaftsskandale, die manchmal auch die ganze Welt an einen Abgrund führen und menschliche Existenzen bedrohen oder gar vernichten können… Fragen Sie mich bitte nicht, woher nachfolgende Weisheit kommt und wie sie entstanden ist, aber wenn ich an jenen Spickzettel denke, erinnere ich mich immer an sie: „Was Hans nicht lernt, lernt Hänschen nimmermehr!“.

Alles neu macht der (1.) Mai

in Arbeitsbedingungen/Tram & Zeitgeschehen von

Während der erste Mai in zahlreichen Städten – so auch oft in Zürich – Jahr für Jahr der Tag nicht nur als Feiertag der Arbeiterbewegung, sondern auch als Tag der offenen Krawalle und Unruhen begangen wird und ich fest damit rechnete, dass es auch dieses Jahr wieder unruhig wird, blieb es erstaunlicher Weise nicht nur ruhig, sondern sogar geradezu leise in der Stadt. Mir kam das gerade recht, ich bin derzeit nicht empfänglich für noch mehr Unruhe, als ohnehin schon und unbedingt nötig. Obwohl die Überstunden immer noch sehr an meiner eigenen Grundverfassung rütteln, hilft mir derzeit mein Beruf, wenigstens ein klein wenig Gleichmässigkeit in Zeiten aufrecht zu erhalten, in denen sich einmal mehr so ziemlich alles ändert. Die Umleitung, die ich auf der 15 zu fahren hatte, war zwar etwas „gewöhnungsbedürftig“, aber ansonsten verlief dieser Tag für mich insgesamt ruhig. Kurz nach Ende des öffentlichen Umzuges zu diesem Tag rollte ich durch das Limmatquai, nahezu nichts erinnerte daran, dass kurz zuvor hier grosse Menschenmengen entlang gelaufen waren. Aber eben: Nahezu nichts. Ein kleines „Detail“ am Rathaus zeigte mir einmal mehr, dass in der Schweiz und so auch in Zürich die Dinge etwas anders laufen, der Tag der Arbeit etwas anders „aufgearbeitet“ wird, als anderswo. Während des Umzuges flogen wohl einige Farbbeutel aus der Menschenmenge an die Wände des Rathauses. Diese sichtbaren Zeichen eines höchst schwammig-diffusen Protestes gegen alles, was irgendwie „Oben“ und „Macht“ bedeutet, prangten in schwarzer und roter Farbe an der Fassade des Rathauses. Da Zürich aber nun einmal eine sehr saubere Stadt ist und zu sein hat und das Rathaus im Zentrum der städtischen Touristik liegt, dauerte es nicht lang, bis ein Hebebühnenwagen bewaffnet mit einem Hochdruckreinigungssystem sich jener „Verzierungen“ widmete. „Typisch Züri!“ dachte ich still bei mir. Was das „rote Pack“, wie ein Arbeitskollege alles zu titulieren pflegt, was nicht seiner eher konservativ-rechten Auffassung entspricht, an dem Symbol für Macht und Obrigkeit hinterlassen hatte, wurde umgehend entfernt. Sozusagen eine „Null Toleranz Politik“ gegenüber flugfähiger Farbe… In der Nähe der türkischen Botschaft, die an diesem Tag eines jeden Jahres fast ausnahmslos immer Ziel eines Protestmarsches (gegen was auch immer) ist, bemerkte ich noch einen Müllcontainer, der durch eine Farbbombe seiner eigentlichen Funktion beraubt worden war. Mehr war zumindest für mich nicht davon zu bemerken, was an einem ersten Mai in dieser Stadt sonst noch so geschehen kann aber dennoch empfand ich eine Art „revolutionäres“ Gefühl an jenem Tag, denn erst kurz zuvor war ich nun einer der drei Gewerkschaften beigetreten, denen man sich anschliessen kann, wenn man bei den VBZ tätig ist. „Kann nicht schaden…“. Oder doch? Ich werde sehen…

Vielleicht haben Sie bemerkt, dass sich mein Überstundenkonto etwas geschmälert hat. Wahrscheinlich beginnen die Anwerbungsmassnahmen so langsam zu greifen, möglicher Weise sind so viele neue Kolleginnen und Kollegen angeworben worden, dass unter anderem auch ich darauf hoffen darf, wieder so etwas wie ein „Privatleben“ haben zu dürfen, in welchem ich mich um ausnahmslos mir wichtige Dinge kümmern kann. Es gehen so viele Dinge verloren oder bleiben liegen, wenn man so wie in den vergangenen Tagen und Monaten praktisch nur noch für den Betrieb existiert, wichtige und manchmal eben auch liebe Dinge und Menschen. Unter solchen Arbeitsbedingungen, wie sie in der vergangenen Zeit herrschten, leidet so ziemlich alles, da ist es lebensnotwendig, einen starken Rückhalt im sonstigen Umfeld zu haben. Erstaunlicher Weise bot mir der Betrieb sogar von sich aus an, wieder etwas mehr Zeit für jenes Umfeld nutzen zu können. An dem Tag, an dem ich eigentlich hätte fahren sollen, klingelte das Telefon und eine freundliche Stimme der Tagesdisposition vermeldete mir (fast exaktes Zitat):

„Jens, Du arbeitest so fleissig, möchtest Du nicht heute frei haben?“

Hierzu ist eine erklärende Anmerkung notwendig. Man kann, wenn man zum Beispiel Minus-Stunden hat (also keine Überstunden) zusätzlich arbeiten kommen, manche Kolleginnen und Kollegen fahren sogar zusätzlich, weil sie diesen Beruf so sehr lieben. Ich selbst mache das nicht, schliesslich habe ich nachwievor viele Überstunden auf meinem Konto, aber auch sonst versuche ich zumindest, meinen Arbeitsauftrag von 100 Prozent zu erfüllen. Nicht 80, nicht 90, aber auch nicht 110 oder gar 120 Prozent. Ich willigte ein und genoss so einen zusätzlichen freien Tag, an dem ich selbst wieder ein klein wenig zu mir selbst finden konnte. Formal gesehen bin ich durch meine Überstunden „zusätzlich arbeiten“ gegangen und hatte so ein gewisses „Vorrecht“, einen zusätzlichen freien Tag zugeteilt zu bekommen, so interpretierte ich für mich zumindest das kleine Wörtchen „fleissig“ im Satz des Kollegen der Disposition. Mich verwunderte es daher schon etwas, dass eine Kollegin, die bei der Disposition lediglich an einem bestimmten Tag einen Dienst haben wollte, der etwas früher enden würde als der, den sie ursprünglich zugeteilt bekommen hatte, anders behandelt wurde. Auch sie kommt nicht „zusätzlich arbeiten“. Ihrer Bitte wurde deswegen mit genau jener Begründung auch nicht entsprochen – ganz im Gegensatz zu mir. Nochmal: Die Disposition nahm von sich aus zu mir Kontakt auf, der ich über 100 Überstunden aufzuweisen habe und nicht zusätzlich arbeitet, wenn es nicht zwingend sein muss. Ich bekam frei. Dem Wunsch jener Kollegin wurde nicht entsprochen mit der Begründung, sie würde ja nicht zusätzlich arbeiten kommen. Dass jene Kollegin schlappe 80 Überstunden auf ihrem Konto hat und sie nicht einmal einen freien Tag beantragte, sondern nur einen anderen Dienst, reichte nicht. Wirklich, die Prozesse der Dienstverteilung und gesonderten Zuteilung freier Tage innerhalb der VBZ verstehen zu wollen, grenzt zuweilen an eine geistige Quadratur des Kreises. Unnötig zu erwähnen, dass ich mich nicht einer leicht zynischen Interpretation jenes Satzes des Kollegen von der Disposition erwehren konnte, denn kaum hatte ich mal wieder frei, klingelte mein Telefon und ich wurde gefragt, ob ich doch noch vielleicht… Nun ja.

Aber vielleicht habe auch ich etwas dazu beigetragen, dass im Mai etwas neues geschehen wird. Vor kurzer Zeit meldete sich ein sehr freundlicher Mann bei mir, der sich über die Einstellungsmodalitäten bei den VBZ etwas näher erkundigen wollte. An eben jenem freien Tag, an dem sich auch die Tagesdisposition meldete, nahm ich mir dann doch lieber Zeit für jenen Mann, der hoffentlich bald mein neuer Kollege sein wird, anstatt aushelfender Weise einen Dienst zu übernehmen. In dieser (im übrigen unbezahlten!) Zeit setzte mich mit jenem Mann zusammen und beantwortete seine Fragen. Ich fühlte mich sehr an meine eigene Anfangszeit erinnert, noch bevor ich das erste Mal am Rad drehen sollte und durfte, viele Fragen waren mir seinerzeit selbst in den Sinn gekommen und ich konnte auch sowohl seine Neugier, als auch seine leichte Nervosität gut nachvollziehen. Ich gab ihm einige Ratschläge, wie er sich bei seinem ersten Zusammentreffen mit dem Betrieb verhalten könne, erläuterte ihm, wie wohl der erste Einstellungstest verlaufen würde, beantwortete viele Fragen, die für ihn erst dann wirklich Realität werden, wenn er so wie ich heute ein Tram durch Zürich steuern darf. Ein sehr aufgeschlossener, freundlicher, interessierter und vor allem motivierter Zeitgeist! Es würde mich sehr wundern, sollte er nicht in sehr naher Zukunft so wie ich in blauer Uniform anzutreffen sein, für meine Begriffswelt ist ein Mann seines Formates eine echte Bereicherung für den Fahrdienst Tram. Ich bot ihm auch für seine eigene Zukunft in dem Betrieb VBZ jede erdenkliche Hilfe an, sollte er mal solche benötigen, beruhigte ihn noch einmal ein klein wenig, dass er sich bezüglich des ersten Tests keine übermässig grossen Sorgen zu machen bräuchte, wünschte ihm alles erdenklich Gute insbesondere für die bevorstehende Zukunft und entschwand wieder nach Hause, wo ich nunmehr erste Schritte unternehme, in sehr absehbarer Zeit einige Umzugskartons zu füllen. Manchmal ist es nicht nur von Vorteil, sondern schlicht und ergreifend auch notwendig für das eigene Seelenheil, angestammte Räumlichkeiten durch neue zu ersetzen. Auch wenn nicht alles, was dieser erste Mai des Jahres 2018 für mich an Veränderungen vorgesehen hatte, leicht, geschweige denn einfach zu nennen war und ist, so ist so manch eine Neuerung auch ein Neuanfang. Vielleicht haben ja auch einige Umzugsteilnehmer an jenem ersten Mai begriffen, dass stumpf-blödes „Farbe an öffentliche Gebäude werfen“ manchmal doch etwas anachronistisch, ewig gestrig wirkt und eher bremst, als in neue Richtungen bewegt…

„Wunst“ & Vandalismus

in Fragwürdige Momentaufnahmen/Tram & Zeitgeschehen von

Ich habe ein etwas gespaltenes Verhältnis zu „Graffitti“, jenen mit Farbsprühdosen im Stadtbild verteilten Werken eher jüngerer Menschen, die man an Hauswänden, Türen und jüngst nun auch wieder an unseren Trams finden kann, wie im Bild zu sehen. Ich war auf dem Rückweg von meinem Töff-Mechaniker in die Innenstadt und stieg zu diesem Zweck vom Bus auf die Linie 7 in Wollishofen um. Das Tram, welches einfuhr, war über Nacht „verziert“ worden, drei grosse Buchstaben prangten auf der Seite des Anhängers. In anderen grossen Städten ist das fast schon ein unnormaler Anblick, wenn ein Fahrzeug nicht mit solchen Sprühwerken verziert ist, aber in Zürich ist das höchst ungewöhnlich und selten. Ich erinnere mich noch gut an den ersten Eindruck von dieser Stadt, als ich vor nunmehr mehr als zwölf Jahren hier meine Zelte aufschlug. Mein erster Gedanke war: „Mensch, hier isset so sauber, hier kannste ooch vom Fussboden fressen, wenns sein muss!“. Insbesondere in der Innenstadt fallen Arbeiten dieser Art besonders auf, wenn sie sich dann auch noch bewegen, hinterlassen sie oft noch mehr Eindruck – was ganz im Sinne des Erstellers ist. Nun gibt es aber zwei „Arten“ von Graffitti, die sich grundlegend unterscheiden, die eine finde ich persönlich wirklich schön, spannend und extrem kreativ, die andere ist für mich das, was Stadt und Betrieb „Vandalismus“ nennen (obwohl für meine Denkmuster jener Begriff nicht passend ist). Die eine Art umfasst regelrechte Kunstwerke, meisterhaft umgesetzt und an den entsprechenden Orten auch sehr passend und schön. Die andere, so wie sie im Bild zu sehen ist, umfasst auf den Punkt reduziert lediglich die darstellerische Form eines hohen Selbstdarstellungsbedürfnisses des „Künstlers“: Sein „Künstler-Name“ (wie auch hier in Buchstabenkombinationen erfasst, die seinen realen bürgerlichen Namen nicht reflektieren) soll  möglichst für viele sichtbar sein, an prominenter Stelle platziert. Es soll auch zum Ausdruck kommen, dass die Sprüherei an sich unter riskanten Umständen zustande gekommen ist, es viel Mut bedurfte, um das zu sprühen. Ein Tram im Depot-Bereich zu besprühen, ist riskant, denn unsere Anlagen werden von bestimmten Sicherheitsdiensten kontrolliert.

Apropos „Kunst“: Eines meiner Schulfächer, in denen ich damals gesondert für das Abitur geprüft wurde, war „Darstellende Kunst“. Mein Lehrer war ein – nun ja, nennen wir es mal zuweilen recht „gewöhnungsbedürftiger“ Mensch, aber er hatte immer einen Spruch in der Hinterhand, der bis zum heutigen Tage durchaus einen hohen Stellenwert in meinem Leben hat:

„Der Begriff „Kunst“ kommt von dem Wort „können“. Würde er von dem Begriff „wollen“ kommen, so würde es „Wunst“ genannt werden.“

Das war seine Art, mangelnde Kreativität und allenfalls geringfügig künstlerische Begabung einiger Mitschüler zu umschreiben und zu charakterisieren. So ganz unrecht hatte er mit dieser Charakterisierung nicht, aber ob sie auch in pädagogischer Hinsicht sonderlich „feinfühlig“ war, das möchte ich doch dahin gestellt lassen. In Bezug auf „Graffitti“ umschreibt seine Charakterisiereung aber genau meine Zwiespältigkeit, wenn es um meine Haltung zu dieser Form der Darstellung geht. So oder so ist durchaus einiges an „Können“ notwendig, um mit Spühdosen Bilder und Motive irgendwo zu hinterlassen, aus rein „handwerklicher“ Sicht also sollte es eigentlich „Kunst“ sein, was da an der Seite des Trams prangt. Aber es sind nur drei Buchstaben, die das Geltungsbedürfnis des „Künstlers“ zum Ausdruck bringen sollen, keine Kunstwerke, in denen man ganze Geschichten und Weltanschauungen wieder finden kann! Solche Arbeiten werden von der Stadt sogar gefördert, wenn sie an entsprechend dafür vorgesehenen Plätzen angebracht werden – Tram und Bus gehören aber nicht zu diesen Plätzen! Erst vor kurzer Zeit befasste sich ein Team von Journalisten mit dem ÖV von Zürich und attestierte unseren Fahrzeugen eine angenehme Sauberkeit (allerdings waren sie wohl auch nicht zu den kritischen Tageszeiten und Wochentagen unterwegs, aber ja, so alles in allem empfinde auch ich die Fahrzeuge der VBZ als angenehm sauber und einladend. Wenn ich da an meine Geburtsstadt Berlin denke…. Na ja.). Zugegeben: Auch diese drei nicht sonderlich kunstvollen Buchstaben hinterlassen allein aufgrund der Tatsache, dass sie gross sind und vom Tram durch Zürich bewegt werden, durchaus ihre eindrückliche Wirkung. Aber selbst für meine in Bezug auf „Graffitti“ recht tolerante Begriffswelt gehören sie insbesondere in Zürich nicht auf unsere Fahrzeuge, es passt einfach nicht und es stört zu sehr. Anders sähe es wohl aus, wenn ein Tram legal mit einem Kunstwerk aus der Sprühdose versehen werden dürfte, aber das wird wohl nie statt finden.

So oder so: Diese Testamente des eigenen Geltungsbedürfnisses wieder zu entfernen, verursacht hohe Kosten – unnötige Kosten, die letztlich mehr oder minder direkt an Sie als die Nutzer unserer Fahrzeuge weiter gegeben werden. Es spielt keine Rolle, ob es sich um ein echtes Kunstwerk handelt oder lediglich solche Buchstabenreihen, es ist mit hohem Material- und Zeitaufwand verbunden.  Immerhin werden Fahrzeuge, die so „gestaltet“ sind, so schnell wie möglich aus dem Verkehr gezogen und gereinigt. Im Gegensatz zu Berlin (Hamburg, New York, Paris etc. pp.) fahren hier solche Wagen praktisch nie länger als 48 Stunden im Netz herum. Das Zeugnis Deines eigenen Geltungsbedürfnisses, werter „Wünstler“, hat also nur eine sehr kurze Lebensdauer. Unter Umständen sehen es noch nicht einmal die, die Du damit erreichen wolltest. Ganz abgesehen davon erreichst Du unter Umständen das Gegenteil von dem, was Du hättest bewirken können, wenn Du es an einem legalen Ort platziert hättest. Selbst ich, der „Graffitti“ im Grundsatz mag und als Kunstform betrachtet, lehnt solche „Werke“, wie Du sie hinterlassen hast, einfach ab. Auch wenn Deine Buchstaben erreicht haben, dass ich sogar ein paar Worte zu dieser Thematik verliere, so wirst Du es schwer haben, mit derartiger Arbeit auch Anerkennung anderer zu finden. Und sollte dann doch ein Sicherheitsdienst vor Ort sein, wenn Du wieder tätig wirst, dann könnten selbst solche eher einfachen, wenig künstlerischen Buchstaben Dein späteres Leben nachhaltig negativ beeinflussen.

Ist es das wert?

„Licht“

in Schöne Momentaufnahmen/Tram & Zeitgeschehen von

So manches Mal hat mich schon dieser Kollege oder diese Kollegin gefragt, was das mit mir und jenem Ding „Tram“ ist, man würde mich so oft irgendwo in der Stadt herum geistern und die Rumpelkästen fotografieren sehen. Eine vollumfassend verständliche und nachvollziehbare Antwort konnte ich oft nicht auf diese Frage geben, die Wenigsten verstehen, warum ich noch viel Zeit ausserhalb meiner Arbeitszeit opfere, um meinen Beruf abzubilden. Und ja, es ist wahrscheinlich auch kaum nachzuvollziehen, aus welchen Gründen man sich mit diesem Beruf befasst, obwohl jede noch so kleine Minute Freizeit in diesem Beruf so unendlich wichtig ist. So ist das nun einmal mit der Liebe, rational erklären lässt sie sich nicht, die fühlt man. Zugegeben: So manch eine „Liebe“ kann auch ausgesprochen frustrierend sein, wir alle kennen das. Manchmal kann man auch eine Liebe regelrecht verlieren. Wir Menschen haben schon zuweilen eine reichlich hinterfragenswürdige Beziehung zu jenem ominösen Zustand des eigenen, stetig sich ändernden Hormonhaushaltes… Eines steht für mich, der ich seit fünf Jahren für die VBZ fährt, fest: Ohne einen Ausgleich zu diesem Beruf, ohne Hobby oder Hingabe zu einem Interesse (oder einen anderen Liebe) ausserhalb jenes Berufes geht es einfach nicht! Und so bewahrte ich mir meine Liebe zur Fotografie und verband sie mit meiner Liebe zum Tram, das Fahrzeug, welches ich durch Zürich steuern darf.

Wenn man diesen Beruf einige Zeit lang ausübt, so kann einem selbst auffallen, wie unterschiedlich zwei Dinge, die gleichzeitig an einem Ort statt finden, sein können: Die Zeit und die Geschwindigkeit. Mein Fahrlehrer merkte hin und wieder an, dass das Tram manchmal auch Ruhe in das tagtäglich statt findende Chaos von Zürich bringen würde. Nun, er hat – bedingt – durchaus recht, zahlreiche Automobilisten und Velo-Fahrer dürften das aber anders sehen, für viele bremsen wir alles aus. Bevorzugt! Jedoch empfinde ich es als Privileg, wie in einer Seifenblase mit einem vollkommen anderen Zeit-Raum-Gefüge durch Zürich fahren zu dürfen, insbesondere in der Nacht. Ich kann dann sehen, wie unterschiedlich sich Zeit und Geschwindigkeit zeigen, beleuchtet von den zahllosen Lampen, die in der Stadt vor sich hin glimmen oder strahlen, deren Licht tausendfach gebrochen und reflektiert wird. Ein unglaublich schöner, reicher und friedlicher Anblick (wenn Automobilisten und Velo-Fahrer das auch so zulassen…). Aus diesem Grunde habe ich irgendwann vor zwei Jahren damit angefangen, ein von mir sehr geliebtes Teilgebiet der Fotografie mit meinem Beruf zu verbinden: Die Zeitraffer-Fotografie. Hin und wieder zog ich durch Zürich und baute hier und da meine Kamera auf, machte erste Versuche. Ich lernte viel über meine Kamera, die rein optische Sicht auf den Nahverkehr in Zürich und letztlich auch über mich selbst. Es ist um ein Vielfaches leichter, am Tage solche Zeitraffer zu erstellen, da ich aber die Schönheit und Faszination der Nacht abbilden wollte, bedurfte es einiger weiterer Versuche. Irgendwann im September vergangenen Jahres begann ich dann mit den ersten Aufnahmereihen. Es folgten zahlreiche Wochen und Monate, in denen ich bei zum Teil widerwärtigen Witterungsverhältnissen zu oftmals vorgerückter Stunde einen ganzen Berg an technischer Ausrüstung mit mir herum schleppte, manchmal sogar direkt im Anschluss an einen Arbeitstag.

Es ging viel Zeit dabei drauf, sehr viel! Komplett unbezahlt! Riesige Datenmengen stapelten sich auf meinen Festplatten! Grob geschätzt hat meine Kamera in den vergangenen acht Monaten über 500.000 Bilder geschossen, von denen letztlich 11.115 übrig blieben. Über Umwege fand ich noch eine Musikerin, die für den resultierenden Film die notwendige Musik spielte, zwischenzeitlich verwandelte sich mein Wohnzimmer in ein recht improvisiertes Tonstudio. Ja, ich habe einen sehr grossen Aufwand betrieben! Alles aus Liebe. Alles unbezahlt! Wirklich! Wenn Sie das Resultat von alledem sehen möchten, dann klicken Sie bitte auf den nachfolgend aufgeführten Link:

„Licht“

Zum Abschluss möchte ich mich an dieser Stelle bei den so zahlreichen Kolleginnen und Kollegen bedanken, die mir bei der Durchführung dieses Langzeitprojektes tatkräftig geholfen haben, ohne Euch wäre es nicht möglich gewesen, diese einmalige Schönheit einzufangen! Besonderer Dank gebührt auch Anita Sautter, die mit dem Instrument „Hang“ dem Film genau die Atmosphäre verlieh, die mir vorschwebte. Ganz besonderen Dank Dir, Anita!

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