Rechtsberatung

in Extremsituationen/Fragwürdige Momentaufnahmen/Tram & Zeitgeschehen von

Ich stand an dem von mir nicht sonderlich geliebten, auch an diesem Tage wieder einmal sehr zugigen Bucheggplatz, ein paar wenige Sonnenstrahlen drückten sich durch die Spät–Novemberwolken, ich wartete auf meinen 15er, als ein Mann auf mich zutrat. Er war von fester Statur, grosse Hände, eher ein Arbeiter, denn ein Intellektueller. Sein Kleidungsstil war nicht auffällig, auf den ersten Blick jedenfalls wirkte er wie ein ganz normaler Mann, der mit einem Zettel in der Hand sich an mich wendete, Züridüütsch, mit einem fremdländischen Akzent. Nun wundert mich diese Situation nicht, es wenden sich oft Passanten an uns und fragen nach einer Möglichkeit, um zu einer bestimmten Adresse zu gelangen, die auf einem Stück Papier gedruckt oder notiert ist. Auf diesem Zettel aber stand etwas anderes, als ich erwartet hatte, etwas, was absolut nichts (oder allenfalls nur sehr wenig) mit meinem Beruf zu tun hatte.

„Entschuldigen Sie, darf ich Sie etwas fragen?“ eröffnete der Mann freundlich, höflich und mit dem notwendigen Respekt das Gespräch.

„Aber natürlich, wie kann ich behilflich sein?“ antwortete ich.

Er präsentierte mir ein Stück Papier und fragte:

„Können Sie mir erklären, was dieser Satz bedeutet?“

Ich studierte den abgedruckten Satz, der auf einem hochwertigen Amtspapier gedruckt war, anhand bestimmter Symbole als ein offizielles Schreiben zu erkennen. Sinngemäss transportierte jener Satz die Information, dass bei eingeleiteter Untersuchung eines möglichen Landesverweises der Termin zur Durchführung eines eben solchen unter Berücksichtigung bisheriger Straftaten gegebenenfalls neu berechnet würde.

Ich war etwas ratlos, ich konnte mir nur bedingt einen Reim darauf machen, warum jener Mann mit diesem Schreiben ausgerechnet auf mich zugetreten war, als Fahrdienstmitarbeiter der VBZ bin ich ja nun wahrhaftig nicht unbedingt als Auskunftsperson in Bezug auf juristische Sachzusammenhänge erkennbar, abgesehen davon gehören solche Tätigkeiten nun wahrhaftig nicht zu dem Arbeitsauftrag, den ich einstmals unterschrieben hatte. Dennoch lies der Mann nicht locker und beharrte auf eine mögliche Antwort. Ich las mir nochmals den Satz durch und studierte den Briefkopf ebenfalls erneut genauer, dennoch wurde mir nicht so ganz klar, worauf der Mann hinaus wollte. Da es sich um den einzigen Satz auf dem zweiten Stück Papier handelte, welche er in der Hand hielt, konnte ich den Gesamtzusammenhang nicht erraten, immerhin erfasste ich, dass es sich um einen so genannten „Privatauszug aus dem Strafregister“ handeln musste – und hier gab es den einzigen minimalen Bezug zu mir, meinem Beruf und anderen Dingen. Ein solcher Auszug wird oftmals verlangt, wenn man sich um bestimmte Berufe bewirbt, die Schweizer Staatsbürgerschaft beantragt, manchmal auch, wenn man sich um eine der sehr wenigen freien Wohnungen in Zürich bewirbt und andere Dinge. In so einem Auszug ist aufgelistet, was man so „ausgefressen“ hat, seit dem man sich auf dem Hoheitsgebiet der Confoederatio Helvetica aufhält. Im deutschen Sprachgebrauch auch unter dem Begriff „Kerbholz“ bekannt.

Nun hätte ich den Mann an eine dafür zuständige Stelle verweisen können, aber er machte einen hilflosen Eindruck auf mich, ausserdem war er mir offen und freundlich begegnet, also gab ich ihm zu verstehen, dass ich ihm den Sinn des Satzes nicht erklären könnte, wenn mir der Gesamtzusammenhang nicht klar sei. Ohne dass ich ihn darum gebeten hätte drückte er mir das andere Dokument in die Hand, das „Hauptpapier“, auf dem die „interessanten“ Angaben zu finden waren. Als alter Schnellleser erfasste ich die Angaben zu einer (seiner?) Person – und nein, ich werde hier absichtlich und bewusst NICHT die fest gehaltene Nationalität bekannt geben, gewisse Vorurteile müssen nicht immer und immer wieder neu bedient werden, erst recht nicht von mir. Nach den Angaben zu jener (seiner?) Person folgte eine kurze Passage, in der es sich um einen möglichen Landesverweis drehte, welcher aufgrund bereits begangener Straftaten zur Disposition stand.

Und dann folgte die Passage, in der die Straftaten aufgelistet waren…

Mir wurde dann doch etwas mulmig ob der Lektüre einer nicht gerade kurzen Liste von Vergehen, unter denen „Urkundenfälschung“, „Hausfriedensbruch“, „körperliche Gewalt“, „häusliche Gewalt“ und „sexuelle Nötigung“ gleich mehrfach auftauchten. Ich zog lautlos Luft ein, konzentrierte mich und lies mir nicht anmerken, was in mir vor ging. Was dort zu lesen stand, passte so gar nicht zum Auftreten jenes Mannes, wenn überhaupt eher zu seiner Postur… Ich redete mir ein, dass dieses Schreiben vielleicht nicht jenen Mann betraf, der da vor mir stand, sondern einen anderen, ihm bekannten oder anderweitig nahe stehenden Mann.

Ich erklärte ihm höchst laienhaft den Zusammenhang, wies ihn aber darauf hin, dass ich als Tram-Chauffeur keine Fachkraft in Sachen „Schweizer Recht“ sei. Ich vermied es ihn zu fragen, warum er sich mit jenem Schreiben ausgerechnet an mich gewendet hatte, auch wenn es mich interessierte. Ich teilte ihm mit, dass er (oder wer auch immer) wohl mit einem Landesverweis rechnen müsse, es aber aufgrund wohl noch laufender Untersuchungen nicht eindeutig klar sei, wann dieser erfolgen würde, laut jenem letzten Satz in diesem Schreiben müsste das wohl noch ermittelt werden.

Der Mann nahm seine beiden Dokumente, schaute mich mit etwas traurig anmutenden kugelrunden braunen Augen an, bedankte sich mehrfach sehr höflich und entschwand ohne besondere auffällige Reaktionen in Folge dieses Gespräches in Richtung der Bus-Haltestellen am Bucheggplatz.

Ich steuerte mein Tram an, welches kurz zuvor eingefahren war, übernahm den Wagen, meldete mich am Leitsystem an und dann sass ich noch ein paar Minuten einfach so da.

Wirklich, manchmal ist es schon sehr schräg, was einem in diesem Beruf so widerfahren kann…

Mütterliches Multitasking

in Schöne Momentaufnahmen/Tram & Zeitgeschehen von

Auch wenn Forschungen irgendwelcher international anerkannter Universitäten jüngst fest gestellt haben, dass das weibliche Wesen mitnichten um ein Vielfaches mehr „Multitasking-Fähig“ sein soll, als männliche Wesen (wie über Jahre hinweg zuvor angenommen und immer wieder propagiert), so staune ich immer wieder darüber, was insbesondere Mütter so gleichzeitig hin bekommen und vor allem wie sie was auch immer hin bekommen. Multitasking… Irgendwie muss ich immer wieder in mich hinein grinsen, wenn ich diesen Begriff höre! In grossem Rahmen hielt dieser Begriff Einzug in die Sprachen vieler Länder, als der Heimcomputer zum Standardgerät eines jeden Haushaltes wurde, ein Gerät, welches insbesondere von Männern sehr geschätzt und mehr oder minder verstanden wird. Ich selbst habe über Jahre hinweg wertvolle Zeit an diese Dinger verschwendet und dennoch war ich nicht in der Lage, während des Herumhantierens an solchen Gerätschaften mich gleichzeitig mit anderen, weitaus banaleren Vorgängen zu beschäftigen. Die meisten Frauen, die ich kenne, haben bis zum heutigen Tage keinen tieferen Bezug zu solchen Gerätschaften gefunden (Zitat: „Diese Computer (…oder Tablets und Smartphones…) haben gut auszusehen und zu funktionieren, alles andere richtet mein Mann / Freund ein.). Bevor ich aber nun in jene heikle Thematik „Geschlechterunterschiede“ abdrifte, reduziere ich mich auf das, was ich an Müttern bewundere, wenn sie unsere Fahrzeuge benutzen (oder generell Tätigkeiten gleichzeitig ausüben, die das Fassungsvermögen der meisten durchschnittlichen Männerhirne überschreiten)…

Mütter – insbesondere dann, wenn sie mehr als nur ein einziges Kind mit sich führen – haben Fähigkeiten, die sonst so in dieser Form nur noch ein anderes Lebewesen auf dieser Welt aufweist: Der Oktopus. Ja ja, ist ja gut, da sich zahlreiche Frauen selbst als Prinzessinnen oder gar Göttinnen betrachten, ist der Vergleich mit einem wirbellosen Tier etwas arg respektlos. Dankenswerter Weise hat die Buddhistische Mythologie einen passenden Ersatz für das, was ich zuweilen beobachten darf, wenn eine Mutter ihre Brut mit unseren Fahrzeugen nach wohin auch immer verfrachtet: Tara, welche oftmals mit mehr als nur zwei Armen dargestellt wird. Also, wenn so eine Tara (und eben nicht ein wirbelloser Oktopus) an einer Haltestelle wartet oder ein Tram besteigt, dann hat so eine Tara schon mal ihre Arme überall gleichzeitig dort, wo ich es als sehr einfach strukturiert denkender Mann zuweilen für physikalisch jeder bekannten Gesetzmässigkeit widersprechend einstufen würde. Kind-Handschuhe runter, im Tram ist es warm, Jacke aufknöpfen (eigene, wie die vom Kind), schnell SMS oder WhatsApp beantworten (einhändig), Strickmütze vom Kopf des Kindes ziehen (mit der anderen Hand während die SMS geschrieben wird), mit dem Fuss die Feststellbremse des Kinderwagens betätigen (während die Hände bereits geschildertes ausführen), gleichzeitig denkend, dass mal wieder ein paar schicke Schuhe notwendig wären und der Typ, dem sie da gerade schreibt, eigentlich ein Arsch, aber dennoch sooooo süss ist, irgendwie so, keine Ahnung warum), im rechten (oder war es doch der linke?) cerebralen Bereich die Einkaufsliste für den bevorstehenden Abend abarbeitend (fettig-süsse Eiscreme und „Frühstück bei Tiffany’s“ oder doch „sich selbst mal wieder aufbrezeln und Erzeuger verführen“? – Tiffany’s ist einfacher…), ich müsste eigentlich die Auto-Reparatur bezahlen aber da habe ich doch gerade genau DIE Schuhe gesehen, welche….

Alles das in – wenn es hoch kommt – ein bis zwei Minuten! Da hält kein noch so grosser Supercomputer mit!

Nun machen auch Computer Fehler (nie vergessen: Diese Dinger sind von fehlerhaften Menschen konstruiert worden!). Auch wenn Prinzessin oder Göttin das nicht gerne hört (aber ganz non-chalant zu überspielen versteht), so haben diese wandelnden Supercomputer auf zwei Beinen (aber eben mit bis zu acht Armen!!!) auch so ihre kleinen Aussetzer. Wie im Bild zu sehen. Da bleibt dann eben schon mal ein im Eifer des Acht-Arm-Gefechtes deplatzierter Schnuller auf einem unserer Ticketautomaten liegen, das Paar Kinder-Handschuhe auf einem der Sitze, die geleerte Kinderteeflasche auf dem Fussboden oder was auch immer letztlich im Fundbüro der Stadt Zürich.

Auf den Fundetiketten, die wir in unseren Trams und Bussen mitführen, gibt es drei Kategorien, nach denen Fundstücke eingeordnet werden:

  • Handschuhe
  • Regenschirm
  • Sonstiges (nähere Beschreibung von Hand auszufüllen)

Die beiden ersten Kategorien kommen vor allem im Herbst und Winter zum Zuge, letztere das ganze Jahr. Ich empfehle, eine vierte Kategorie hinzuzufügen: „Nachwuchsunterhaltsutensilien“ (mit Auswahlkästchen für „Oktopus“ oder „Göttin“). Dinge, wie Schnuller, Handschuhe, Trinkflaschen und ähnliches finden sich immer wieder als Fundstücke an, nach meinem persönlichen Empfinden genau so oft, wie Regenschirme und Handschuhe. Mütter sind überall!!! Wussten Sie eigentlich, dass sich ein Oktopus durch absurd kleine Öffnungen quetschen kann, um wo hin auch immer zu gelangen? Ja ja, ist ja schon gut, geistig kann das auch jede Prinzessin oder Göttin (trotzdem würde mich es mal brennend interessieren, wie es wohl aussehen würde, wenn sich eine Prinzessin durch ein Loch quetschen würde, welches mindestens hundert mal kleiner ist, als sie selbst… Wieder mal ein Paradebeispiel für mein eigenes Kopfkino!).

Mütter können unglaublich viel gleichzeitig. Es gibt sogar Mütter, die unglaublich viel gleichzeitig können und auch noch Tram-Pilotinnen sind! Vor deren Oktopus-Leistungen (Verzeihung, sollte „Göttlichkeit“ lauten), habe ich Hochachtung! Ich würde durchdrehen bei der Vorstellung, vergleichbares unter einen Hut bringen zu müssen! 24 Stunden am Tag! Dagegen erscheinen wir männlichen Kollegen geradezu als „Nicht-Existenzberechtigt“! Aber dankenswerter Weise finden auch diese Kolleginnen gewisse Errungenschaften gut. Nicht, dass sie sie vollumfänglich verstehen würden (Erinnerung: Diese Dinger haben zu funktionieren und gut auszusehen!), aber genau diese Dinger, die man landläufig unter dem Begriff „Automat“ oder auch meinetwegen „Computer“ kennt, geben uns Männern wenigstens eine minimale Existenzberechtigung. Ok, einigen von uns. Und wenn ein solcher Automat nur dazu zu dienen hat, einen Schnuller darauf abzulegen.

Egal, ob von einem Oktopus oder einer Göttin dort vergessen.

Ein besonderes „Geschenk“

in Arbeitsbedingungen/Extremsituationen/Fragwürdige Momentaufnahmen/Tram & Zeitgeschehen von

Im kommenden Dezember wird die Linie 8 neue Wege befahren, Zürich wird um eine eine erweiterte Nahverkehrsverteilung bereichert, das Angebot wird aufgestockt. Ab Dezember werden „wir da vorne“ dafür sorgen, dass Ihnen ein erweitertes Angebot zur Verfügung steht, um in Zürich von A nach B zu gelangen. Sie werden bereits jetzt über diesen Komfort, diese Zusatzleistung informiert, die VBZ geben sich sehr viel Mühe, diesen Zugewinn in Bezug auf die Lebensqualität in Zürich zu kommunizieren. Wie gewohnt erfolgt diese Kommunikation auf qualitativ sehr hohem Niveau, es wurden kaum Kosten gescheut, diese Bereicherungen zu publizieren. Ein Plakat wurde geschaffen, der passende Text „generiert“, irgend jemand hat das Endprodukt betrachtet und für „gut“ befunden und somit wurde dieses Plakat gedruckt. Ein sicherlich nicht sonderlich billiges Verfahren, aber sicherlich kostengünstig genug. Soll bedeuten, dass der erwartete Erfolg bei Ihnen als Nutzer unserer Fahrzeuge, als Einwohner der Stadt Zürich und im Idealfall auch wahlberechtigten Bürger dieser Stadt erreicht wird und somit sich der finanziell bis anhin geleistete Aufwand gegenüber jeder fragenden Stelle auch rechtfertigen lässt. Ja, die Linie 8 ist ein Zugewinn für die Lebensqualität in dieser Stadt, das unterschreibe ich!

Szenenwechsel, meinetwegen auch „Schnitt“, wie man in der Kinofilm-Branche zu sagen pflegt.

Am Escher-Wyss-Platz stehend unterhielt ich mich mit einem Kollegen, der seit vielen Jahren für die VBZ tätig ist. So wie ich hatte er „unten“, im Fahrdienst angefangen, wechselte aber bald in einen anderen Betriebsbereich. Er fragte mich:

„Du fährst hundert Prozent, oder?“ (Erklärende Anmerkung: Zu 100 Prozent fahren oder angestellt sein bedeutet in der Schweiz, dass man nicht in Teilzeit arbeitet und ausschliesslich diesen einen Beruf ausübt. Zu hundert Prozent).

„Ja.“ Lautete meine Antwort.

„Wirklich, ich habe Hochachtung vor Euch, ich könnte und wollte das nicht mehr!“ Lautete seine Antwort.

Erneuter Szenenwechsel, „Schnitt“, „Klappe ab…“.

Ich sass im Büro meines ehemaligen Stammdepots an der Kalkbreite und verrichtete einige Arbeiten am Computer. Was ich mir davon versprach, was davon letztlich eintraf und wie ich überhaupt da hin gekommen war, ich, der im Grunde genommen „nur“ ein Fahrer ist, soll hier nicht Gegenstand der Betrachtung sein. Es reicht zu wissen, dass ich recht nahe am Puls der innerbetrieblichen Vorgänge sass, als eine vorgesetzte Person (nein, nicht mir direkt vorgesetzt) bis auf den letzten Quadratzentimeter absolut makellos die Richtlinien in Bezug auf das Erscheinungsbild im Fahrdienst einhaltend das Büro betrat. Diese Person hatte an jenem Tag einen Dienstteil auf der Linie 3 absolviert. Jeder, der einen Tram- oder Bus-Führerschein besitzt und nicht zu hundert Prozent im Fahrdienst tätig ist, muss innerhalb eines Jahres hundert Stunden Fahrdienst leisten, um jenen Führerschein nicht zu verlieren. Ist wie in der Fliegerei: Ohne Pflicht-Flugstunden kein Flugschein. Diese Person hatte an jenem Tag einen Teil der Pflicht erfüllt, war an die fünf Stunden auf meiner Hass-Linie gefahren und hatte das Tram trotz der Widrigkeiten mindestens genau so makellos verlassen, wie eben diese Person es betreten hatte. Nun betrat diese Person das Büro, in welchem ich mich durch einen ganzen Stapel sehr fragwürdig abgefasster „Bedienungsanleitungen“ mühte und warf folgenden Satz in den Raum:

„Haben wir es also mal wieder gesehen.“

Sprach es, wandelte zum angestammten Bürostuhl, nahm Platz, startete den Rechner und schwieg für mindestens zehn Minuten, sichtlich abgemüht von fünf Stunden auf der 3. Kein „Guten Morgen!“ oder „Hallo Jens, was machst Du denn hier?“… Nichts von dem, was von uns „da vorne“ verlangt wird, wenn wir unseren Beruf ausüben. Ich könnte nun hier ähnliche Beispiele am laufenden Meter anführen, wie oft es Menschen innerhalb der VBZ zu etwas gebracht haben, nur um von den Belastungen des reinen Fahrdienstes an sich weg zu kommen, aber das würde den Rahmen sprengen. Es sei nur so viel dazu angemerkt: Sie alle haben zumindest für eine kurze Zeit genau das gemacht, was ich nunmehr seit mehreren Jahren Tag für Tag mache. Und sie haben noch sehr präsente Erinnerungen im Kopf an die Zeit, als sie genau das Gleiche wie ich machten. Sie wollten davon weg und haben es geschafft. Glückwunsch zu dieser innerbetrieblichen Veränderung Euch! Aber was hat all das mit der Linie 8 und dem Geschenk der Stadt Zürich an Sie zu tun? Sehr viel! Nur redet über das weder die Stadt, noch der Verkehrsverbund Zürich, noch die Verkehrsbetriebe der Stadt viel. Für diese drei Institutionen ist allein wichtig, dass nunmehr ein Langzeitprojekt in Form der Hardbrücke und der Einbindung von Bus und Tram auf jener sein Ende gefunden hat…

Ab Mitte Dezember sollen „wir da vorne“ dieses Geschenk an Sie weiter reichen. Zu diesem Zweck wurde auch ein Fahrplan generiert, zusätzlich zu jenem bereits erwähnten Plakat. Als ich jenen Fahrplan zum ersten Mal sah, verstand ich umso besser, warum so viele Mitarbeiter in diesem Betrieb aus dem aktiven Fahrdienst weg wollten. Ich reduziere meine Erkenntnisse aus der Lektüre dieses Fahrplanes auf eine Grundaussage:

Wir, die wir in Bus und Tram zukünftig Sie über die Hardbrücke durch Zürich befördern sollen, werden auf Akkord-Arbeiter reduziert.

Wie komme ich zu dieser Aussage? Stellen Sie sich – sollten sie Ihren eigenen PW dazu nutzen, um in Zürich zu welcher Arbeit auch immer zu gelangen – einmal vor, Sie müssten für fünf Stunden die Anforderungen des Pendelverkehrs aushalten. Ununterbrochen. Ohne Pause. Nichts mit „mal eben eine Zigarette rauchen“ oder „schnell noch einen Kaffee und ein Gipfeli an der Tanke kaufen“, nichts von „meine Lieblingsmusik hören, wenn ich im Stau stehe“ oder dergleichen. Fünf Stunden voller Einsatz bei maximaler Konzentration! Genau das verlangt der Fahrplan von uns „da vorne“ in Zukunft auf der Linie 8 ab, damit Sie das Geschenk, welches die Stadt Zürich auf Anordnung des ZVV als Auftrag an die VBZ weiter gereicht hat, auch in Anspruch nehmen können.

In Anspruch nehmen können… Aber mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht so geniessen können, wie es vorgesehen war. Ich muss und werde Ihnen nicht die Zusammenhänge erklären, die mich zu folgender Aussage verleiten:

Die Linie 8 wird ab Eröffnung mit Verspätungen zu kämpfen haben. Die Trams werden nicht das gewohnte, wenigstens halbwegs annehmbare Bild von Schweizerischer Sauberkeit bieten und zahlreiche Kolleginnen und Kollegen werden Ihnen auf eine Art und Weise begegnen, die Sie so nicht von anderen Linien her kennen.

Ich nahm diesen „Arbeitsauftrag“ (und das ist die diplomatischste Formulierung, die ich jenem Fahrplan der Linie 8 bisher abringen konnte) zur Kenntnis. Sie können sich auf das neue Angebot freuen. Ich freute ich einstmals auch darauf, mit einem der schönsten und sinnvollsten Fahrzeuge die Hardbrücke befahren zu können. Aber diese Freude ist einer gediegenen Ernüchterung gewichen. Ich muss fest stellen, dass „wir da vorne“ in einigen Kreisen dieser Stadt als Akkord-Arbeiter angesehen werden. Nicht als Menschen. Dabei haben auch wir „da vorne“ die Linie 8, die Hardbrücke und so viel mehr mit finanziert… Und ich stelle mit grosser Ernüchterung fest, dass insbesondere in Bezug auf die Linie 8 (wie auch schon seit langer Zeit in Bezug auf andere Linien) es eine klare Hierarchie zu geben scheint, wer innerhalb der Stadt, der Verkehrsbetriebe und des Verkehrsverbundes schützens- und fördernswert ist und wer nicht.

Mit der Linie 8 wird Ihnen einen Geschenk gemacht. Ja, das ist so. Aber wenn wir schon bei dem Thema „Geschenk“ sind, so möchte ich Ihnen mit einem anderen Bild vermitteln, was ich empfinde, wenn ich zu den Stosszeiten die Linie 8 zu fahren habe:

Weihnachten steht vor der Tür. Zahlreiche Menschen stürzen sich erst ein bis zwei Tage vor Weihnachten in das unerträgliche Gewühl, weil sie noch für wen auch immer ein Geschenk kaufen müssen. Sie sind genervt, reizbar. Aber sie finden ein Geschenk für wen auch immer. Weihnachten geht glatt über die Bühne, der Stress geht für Sie vorbei. Für uns da vorne aber wird die Linie 8 mit dem Fahrplan, den unter anderem auch ich umzusetzen habe, an den kommenden 365 Tagen des Jahres 2018 der 22. oder 23. Dezember sein. Und was das bedeutet, können Sie einmal mehr am 22. oder 23. Dezember 2017 in Zürichs Bahnhofstrasse sehen.

Ich hätte es mir gewünscht, dass mich und meine Kolleginnen und Kollegen jemand vor solchen Auswüchsen schützt. Ich empfinde es als zutiefst ernüchternd fest stellen zu müssen, dass ich mich selbst davor schützen muss…

Zeughauskeller

in Arbeitsbedingungen/Schöne Momentaufnahmen von

In dem Flur meiner Wohnung habe ich eine Magnettafel (selbstverständlich besitze ich auch die Magnete der VBZ, welche die Tram-Linien zeigen!) aufgehängt, an der ich verschiedene Dinge und Schriftstücke sammele, welche irgendeine Bedeutung für mich haben – oder hatten. Vor ein paar Tagen sortierte ich wieder ein paar der Dinge und Schriftstücke aus, die keine Wichtigkeit mehr für mich hatten, überhaupt ist bei mir der Spätherbst die Zeit, in der ich mich von verschiedenen Dingen und Altlasten trenne, sozusagen eine Zeit des „geistigen Jahresputzes“, bevor ich dann im Frühjahr die höchst leidige Aufgabe des „Frühjahrsputzes“ meiner Wohnung angehe (nachdem ich den Vorsatz dazu sicherlich unzählige Male verschoben habe…). Bei dieser Reinigungsaktion fiel mir ein Gutschein in die Hände, den ich vor knapp einem Jahr vom Betrieb erhalten hatte: Einen Konsumationsgutschein in Höhe von 50 Franken, zu verbrauchen im Zeughauskeller am Paradeplatz. Obwohl ich inzwischen seit mehr als zwölf Jahren hier lebe, habe ich bisher noch nie einen Fuss in dieses Etablissement im Herzen Zürichs gesetzt, ich bin einfach kein grosser Freund von Touristenrestaurants und mir sind bis auf den letzten Platz belegte Hallen dieser Art, die entfernt an die Oktoberfest-Bierzelte erinnern, ein Graus. Obwohl ich ab und an gern „bodenständig einfache“ Gerichte geniesse, sind mir genuss- und stilvolle Speisen in spezieller Umgebung weitaus lieber, dennoch beschloss ich dieses Jahr, diesen Gutschein einzulösen (nachdem ich die der Vorjahre ungenutzt habe verfallen lassen).

Da der Zeughauskeller nach Aussagen einiger mir bekannter Personen oft gut besucht ist, suchte ich mir einen Tag und eine Uhrzeit aus, zu der wohl weniger los sein würde, demnach erschien mir ein Montag zur späteren Nachmittagszeit als am besten für mein Vorhaben geeignet. Auch beschloss ich, alleine dort hin zu gehen. Ich liebe es, manchmal einfach alleine etwas schönes zu geniessen und dabei das Treiben um mich herum zu beobachten, sozusagen einen Blick aus meiner Welt in eine Parallelwelt zu werfen. Für manch einen mag diese meine Eigenart wie eine fragwürdige Marotte anmuten, für mich ist das aber auch eine Art von Entspannung und Genuss, auch das hilft mir, ein wenig herunter zu kommen und für eine Zeit lang zu vergessen, was mich sonst so beschäftigt und umgibt. Also fuhr ich mit der 13 in die Innenstadt und unterhielt mich während der Fahrt mit meinem Kollegen „da vorne“. Wir hatten uns schon eine Zeit lang nicht gesehen und so entstand schnell ein interessantes Gespräch über ein paar „Eigenheiten“ im Betrieb, die uns beiden und sicherlich auch zahlreichen anderen Kolleginnen und Kollegen bestens geläufig sein dürften. Am Paradeplatz angekommen verliess ich das Tram und schlenderte hinüber zum Zeughauskeller, studierte die Speisekarte beim Eingang und trat ein.

Erfreulicher Weise waren noch viele Plätze frei, aber dennoch genug Besucher anwesend, die mehr oder minder unfreiwillig als Statisten für mein Kopfkino herhalten konnten und auch mussten. Besucher aus Korea, China, Russland, Pakistan, aber auch ein paar Zürcher sassen verstreut an den Tischen, der Lautstärkepegel war angenehm. Ich schlich durch die grosse Halle und suchte mir einen Platz in einer der Ecken, weit genug entfernt vom „Durchgangsverkehr“, aber bestens gelegen, um nichts zu verpassen. In Bezug auf meinen Nachbarstisch wäre es ohnehin unmöglich gewesen, etwas zu verpassen, denn dort sassen zwei Paare, die es sich offensichtlich schon längere Zeit dort haben gut gehen lassen. Schnell erfasste ich, dass es sich wohl um Touristen aus den USA handeln musste, Sprache und Dialekt liessen keinen anderen Schluss zu, aber allein die Leibesfülle aller vier Besucher hätte jenen Rückschluss zugelassen, jeder von ihnen brachte mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit das doppelte auf die Waage von dem, was ich „zu bieten“ habe und ich bin nun sicherlich kein Leichtgewicht! Während ich nochmals die Speisekarte studierte fragte ich mich, warum mir unweigerlich bei Nennung des Begriffes „USA“ sofort der Begriff „Fettleibigkeit“ durch den Kopf schiesst, aber wieder konnte ich keine Antwort darauf finden, denn das Gelächter der einen „Dame“ jener vier Besucher war derart laut, penetrant und nervös, dass meine Gedanken irgendwie vollkommen unkontrolliert von „Fettleibigkeit“ zu „Minnie Mouse“ mutierten. Um ähnliche Gedankenquerschläger wenigstens für die kommenden Minuten in meinem Kopf auszuschalten, entschloss ich mich zu einem Wiener Schnitzel und dem Hausbier vom Zeughauskeller. Einfach. Nicht sonderlich kreativ, geschweige denn übermässig anregend oder beflügelnd, aber zuverlässig wirkend allemal. Und manchmal sind die einfachen Dinge die schönsten auf der Welt!

Die Kellnerin kam herbei geflogen, sah meinen Gutschein, wies mich darauf hin, dass mögliche Fehlbeträge nicht erstattet werden, nahm meine Bestellung auf  („Rösti, Pommes oder Kartoffelsalat dazu?“ – „Kartoffelsalat!!!“) und flog wieder davon. Für einen kurzen Moment überlegte ich sie zu fragen, ob sie sich nicht als Tram-Pilotin bei den VBZ bewerben wolle. So effektiv, schnell und sachdienlich sie meine Bestellung aufnahm und dabei ihre Freundlichkeit sowohl in Aussprache als auch Gesichtsausdruck auf das absolut minimal notwendige reduzierte, wäre sie eine perfekte Kollegin geworden! Aber ich verwarf den Gedanken wieder, sie hätte meinen Vorschlag auch missverstehen können… Während ich auf mein Essen wartete, studierte ich das anwesende Publikum. Nach kurzer Zeit stand das wirklich gute Hausbier vor meiner Nase und nun wurde auch jenes „Minnie-Mouse“-Gelächter von nebenan schlagartig erträglicher. Es lohnt sich nicht, den Inhalt des Gespräches der vier wieder zu geben, das war in etwa so anregend und bereichernd, wie die unübersehbaren Fettrollen (nicht Röllchen!), die sich zwischen übergrossen Jeans und viel zu knapp geschnittener Oberbekleidung aller vier USA-Touristen hervor pressten, aber dieser Anblick erinnerte mich daran, dass ich mir mal wieder eine wirklich gute Waadtländer Saucisson zulegen müsste. Wie bin ich nur auf diesen Gedanken gekommen? Wirklich, Liedtke, manchmal musst selbst Du zugeben, dass die „Produkte“ deines eigenen Hirnes zumindest das Prädikat „fragwürdig“ verdient haben… Bald darauf stand auch der Rest meiner Bestellung auf dem Tisch, im Rahmen der Möglichkeiten auf ein Minimum an geschmackvoller Darbietung reduziert und dennoch auf Zürcher Niveau, wenn es um die Preisklasse geht. Aber es schmeckte mir gut und bald war der Teller vollständig geleert. Ich bestellte ein weiteres Glas vom Hausbier, legte den Gutschein auf den Tisch und schenkte den Restbetrag in Höhe von fünf Franken der Kellnerin, die sich – nunmehr ein echtes Leuchten der Freundlichkeit ausstrahlend – sichtlich über diesen Zustupf und die Anerkennung für ihre sachdienlich geleistete Arbeit freute. Sie wünschte mir noch einen schönen Abend und auch für die kommende Zeit gute Fahrt – sie hatte offensichtlich erfasst, dass der Gutschein von den VBZ stammte.

Ich erwiderte fachentsprechend jenen Wunsch, schlenderte aus dem Zeughauskeller zum Paradeplatz und fuhr mit der 13 wieder nach Hause. Gesetzt den Fall, ich erhalte dieses Jahr wieder einen Gutschein für den Zeughauskeller, so werde ich diesen vielleicht im kommenden Jahr wieder einlösen. Vielleicht auch zu einer anderen Tageszeit. Sicherlich aber werde ich den „Fehlbetrag“ wieder als Trinkgeld ummünzen, denn mir ist die Wirkung eines Dankes für eine gut dargebrachte Dienstleistung allemal bewusst. „Es wäre schön, wenn mehr Einwohner und Besucher Zürichs ein ähnliches Bewusstsein und eine vergleichbare Einstellung gegenüber denen zeigen würden, die im Dienstleistungssektor tätig sind.“ dachte ich still bei mir, als die vorweihnachtlichen Lichter der Bahnhofstrasse an mir vorbei zogen…

Für alles eine App…

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Vor einigen Tagen las ich im Tagesanzeiger einen Artikel, der sich mit einer so genannten „App“ der Schweizerischen Bundesbahnen befasste. Ein Smartphone oder Tablet ohne Apps macht herzlich wenig Sinn und inzwischen haben viele grosse und namhafte Firmen (so auch die VBZ) eigene Programme (Apps) entwickelt, die Firmen-intern verschiedene Funktionen zur Verfügung stellen. Die App der SBB aber integriert – wenn die Berichterstattung des Tagesanzeigers auch so zutrifft – eine Funktion, die mich sehr nachdenklich macht: Sie ermöglicht dafür zuständigen Bereichen innerhalb der SBB die Meldung von Mitarbeitern und deren Auftreten und Verhalten. Fairer Weise sei angemerkt, dass nicht nur negatives, sondern auch positives Verhalten gemeldet werden kann, aber bleiben wir realistisch: Der Hang zur Denunziation dürfte weitaus stärker ausgeprägt sein, als der zur Motivation, es ist einfacher, jemand anderen schlecht zu machen, als bestärkend, klärend und fördernd zu wirken. Zahlreiche, vor allem langjährige VBZ-Mitarbeiter singen bis zum heutigen Tage verschiedenste Lieder von jenem Umstand.

„Wir da vorne“ arbeiten an exponierter Stelle, uns schauen zahlreiche Personen auf die Finger. Auch in Zürich gibt es einige Menschen, die nur darauf warten, ein Fehlverhalten dokumentieren und anprangern zu können und auch hier helfen ihnen entsprechende Apps schnell und unkompliziert weiter. „Kundenreaktionen“, wie gemeldete Vorfälle (negativer wie auch positiver Art) VBZ-intern genannt werden, haben einen grossen Einfluss darauf, wie insbesondere ein Fahrdienstmitarbeiter bewertet und in Folge behandelt wird. Aber auch hier wieder: Positiv, wie negativ. Bisher habe ich die Erfahrung gemacht, dass sich dafür zuständige Vorgesetzte und Betriebsbereiche sachdienlich und offen um solche Rückmeldungen gekümmert haben. Es ist zwar in meiner bisherigen „Karriere“ nicht oft vorgekommen, dass wer auch immer sich über dezidiert mein Verhalten beschwert hätte, insofern kann ich meine eigene Erfahrungen sicherlich nicht auf andere übertragen. Aber ich durfte feststellen, dass sich der Betrieb durchaus des Umstandes bewusst ist, dass es da draussen unter unseren zahlreichen Fahrgästen auch einige gibt, die vollkommen substanzlos ganz schlicht und ergreifend nur eines machen:

Sie denunzieren.

Es gibt sogar Fahrgäste, die sich über bestimmte Apps und Kommunikationswege darüber beschweren, dass sie 10 Sekunden zu früh an einer Haltestelle angekommen sind.

Nochmal: 10 – Sekunden – zu früh!

Es muss für solche Fahrgäste eine schier unerträgliche Last darstellen, wenn sie nun 10 Sekunden mehr zur Verfügung haben, um ohne sich abhetzen zu müssen beispielsweise ihren Anschlusszug oder was auch immer zu erreichen, eine derart grosse Last, dass sie sich – selbstredend anonym – darüber beschweren. Wirklich, als Mensch, der aufgrund der Innerdeutschen Teilung einige Erfahrungen sammeln und mit den Auswüchsen einer solchen Denunziationskultur aufwachsen und leben musste, kommen mir solche Vorfälle wie die maximal mögliche Form von Absurdität vor! Eine sehr schädliche und meiner Meinung nach auch gefährliche und vollkommen kontraproduktive Absurdität!

Nun ist eine vergleichbare Funktion nicht in die App der VBZ integriert, insofern müsste ich mir im Grunde genommen keine grossen Gedanken machen, schliesslich habe ich – zumindest in meinem Bereich „Betrieb Tram“ – eine grundlegend andere Kommunikationskultur kennen lernen dürfen. Und gab es dennoch gewisse Vorgänge, die mich an Denunziationen im Stile der DDR und anderer vergleichbarer Staatssysteme erinnerten, so versuchte ich zumindest, dass erst einmal in einem direkten Gespräch zu klären. Was nicht immer gelang, aber meistens. Nicht anonym, sondern konsequent und zielführend. Es geht ja auch anders, wenn man nur will, nicht wahr?

Nun unterscheiden sich aber die Betriebsbereiche innerhalb der VBZ in einigen Punkten voneinander, zum Beispiel wenn es um die Kommunikationskultur oder das offene Auftreten in „Social Media Kanälen“ geht. Da ist – und das ist noch sehr diplomatisch formuliert – die Präsenz zum Beispiel auf Facebook oder dergleichen „unerwünscht“. Auch herrscht eine andere Kultur, wenn es um die Mitarbeiter innerhalb eines jeweiligen Betriebsbereiches geht. Ich bin immer sehr vorsichtig, wenn gewisse Gerüchte (Denunziationen…) an mein Ohr dringen, um die meisten kümmere ich mich nicht, aber wenn bestimmte „Informationen“ (die sich nicht selten als Halb- oder gar Unwahrheiten herausstellen) auftauchen, die mich entweder an die Zeiten der DDR oder der jüngeren Vergangenheit der VBZ erinnern, dann werde ich hellhörig und frage gegebenenfalls nach.

Auch wenn die Meldefunktion innerhalb der App der SBB angeblich rein rechtlich als „zulässig und nicht bedenklich“ angesehen wird, so hätte ich erhebliche Mühe damit, sollte eine vergleichbare Funktion Einzug in die App der VBZ halten. Mir persönlich reicht es vollends, dass „wir da vorne“ bereits unter Dauerbeobachtung zahlreicher Fahrgäste stehen (auch hier wieder: Nicht immer und ausnahmslos mit negativen Konsequenzen!) und dass der Geist eines respektablen und vor allem offenen und freundlichen Umganges nicht in jedem Betriebsbereich der VBZ umgesetzt wird – aus was für Gründen auch immer. Da brauche ich nicht noch zusätzlich eine anonyme Anlaufstelle zur gezielten Denunziation! Als Mitarbeiter der VBZ, der sich hin und wieder ganz alleine auf weiter Flur mit mir vollkommen unbekannten Menschen und deren zuweilen höchst hinterfragenswürdigen „Anliegen“ herum schlagen muss, bin ich selbstbewusst genug, mit Vorgängen solcher Art umzugehen. Auch innerbetrieblich, denn schliesslich sind „wir da vorne“ nicht nur Aushängeschild, sondern auch oft genug Prellbock für die Unzufriedenheit manch eines Fahrgastes mit den VBZ. Was diesen Punkt anbelangt, kann nur für mich alleine sprechen, nicht für meine Kolleginnen oder Kollegen, auch nicht für andere Betriebsbereiche und erst recht nicht für die gesamte VBZ.

Aber ich denke, dass die Integration einer Funktion in der Art, wie sie die SBB derzeit vollführt, vollkommen kontraproduktiv für die ohnehin schon stark ausgeprägte Hypersensibilität innerhalb des Fahrdienstes der VBZ wäre. Dass es auch anders geht und zumindest in meinem Betriebsbereich zahlreiche Anstrengungen unternommen worden sind, jene Hypersensibilität gegenüber jedwedem Kontrollwahn zu senken, kann zumindest ich aufgrund eigener Erfahrungen bestätigen.

Es wäre bedauerlich, sollten diese Bemühungen durch solche Funktionen einer App zunichte gemacht werden…

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