Tram-Pilot in Zürich

Vorstrafe: Schwarzfahren

in Fragwürdige Momentaufnahmen/Tram & Zeitgeschehen von

Vor wenigen Tagen fuhr ich mit „meiner“ 13 in die Innenstadt, um ein paar Dinge zu erledigen und etwas zu fotografieren. Irgendwo in Höngg betraten drei Kollegen das Tram, um die Billets zu kontrollieren, zwei von ihnen kannte ich, den einen nicht, ich hatte ihn nie zuvor gesehen und er mich offensichtlich auch nicht. Er fragte mich nach meinem Billet, ich zückte das GA erster Klasse für Fahrdienstmitarbeitende, er erkannte mich nun als Kollegen und damit war die Sache formal gesehen erledigt. Wenn ich in Uniform unterwegs bin, dann werde ich nie nach einem Billet gefragt, in Zivil wurde ich aber bisher auch nie danach gefragt, weil mich nun einmal zahlreiche Kollegen mehr oder minder kennen und wissen, dass ich für die VBZ tätig bin und sie davon ausgehen, dass ich ein gültiges Billet welcher Art auch immer besitze. Szenenwechsel. Ebenfalls vor ein paar Tagen hinterliess ich auf einer der „Social Media Plattformen“ einen Link zu einem Artikel im SRF, der sich mit dem frisch eingeführten Register befasst, in dem landesweit Schwarzfahrer erfasst werden sollen. Ich kommentierte diesen Link nicht weiter, ab und an mache ich das, um Kommentare anderer zu lesen, nach Möglichkeit unbeeinflusst von meiner eigenen Sicht. Ich kann so oft andere Meinungen erfassen und manchmal werde ich auch auf Überlegungen gebracht, die mir selbst wahrscheinlich nicht eingefallen wären. Heute nun erschien im Tagesanzeiger ein weiterer Beitrag zu jenem Register, der die Problematik (wenn nicht die Absurdität) gut beleuchtet. Auf den Punkt gebracht wird nun landesweit erfasst, wer wann wo für die Nutzung eines Verkehrsmittels nicht bezahlt hat. Wenn also in Zürich jemand „schwarz gefahren“ ist, so wird das registriert und gespeichert. Wird jene Person dann beispielsweise später in Genf oder in Chur erneut beim Schwarzfahren erwischt, so wird nicht mehr die erste normaler Weise fällige Busse jenes Verkehrsbetriebes (also Genf oder Chur) erhoben, sondern bereits eine erhöhte Zweitbusse. Der Umstand, dass jene Person bereits zum zweiten Male schwarz gefahren ist, wird dann in Folge ebenfalls landesweit anderen Verkehrsbetrieben zur Verfügung gestellt. Diese Informationen werden zwei Jahre lang in jenem Register gespeichert, erst, wenn in jenen zwei Jahren kein weiterer Vorfall vergleichbarer Art bei jener Person registriert wurde, wird der Eintrag gelöscht.

Da es sich beim „Schwarzfahren“ grundsätzlich „nur“ um eine Leistungserschleichung handelt (und nicht um vorsätzlichen Betrug, Diebstahl und dergleichen), werden diese Daten von den jeweiligen Verkehrsbetrieben erhoben und landesweit zentral gespeichert, die in jenem Register zusammen geschlossen sind – und nicht von irgendeinem Amt oder Departement des Bundes, einer Stadt oder eines Kantons, welches in einem juristischen Rahmen dazu berechtigt ist, Strafregister zu führen.

Ich denke nicht daran, mich auch nur ansatzweise auf die Grundsatzdiskussion einzulassen, was vom „Schwarzfahren“ zu halten ist. Die oftmals stark subventionierten und meist auch defizitär arbeitenden öffentlichen Verkehrsbetriebe der meisten Länder, die solche Netze unterhalten, bieten Billets an, die in Bezug auf ihren Preis nicht einmal ansatzweise die Kosten decken, mit denen ein solches Netz betrieben wird. Mit anderen Worten: Man bekommt eine Leistung, die weit unter Wert verkauft wird. Wer dann immer noch meint, er oder sie müsse diese ohnehin schon „spottbillige“ Leistung sich absichtlich kostenlos zu eigen machen, sollte dafür auch belangt werden. Aber so, wie jetzt seit Anfang Februar praktiziert, habe ich doch erhebliche Mühe damit. Nochmal: Ich habe keine Mühe damit, wenn jemand (auch landesweit) belangt wird, der absichtlich schwarz gefahren ist. Ich habe aber massive Bedenken mit der Vorgehensweise der zentralen Speicherung, insbesondere, wenn jemand nachweisbar unabsichtlich schwarz gefahren ist, wie im Artikel des Tagesanzeigers beschrieben. Der folgende Eintrag in jenes Register ist nichts anderes als eine Vorstrafe mit einer über zwei Jahre andauernden Bewährungsfrist – nur dass jene Vorstrafe von den jeweiligen Verkehrsbetrieben verwaltet wird und nicht von dafür vollends juristisch ausgebildeten und fähigen Personen und Amtsstellen, welche sich aber in einem juristisch abgesegneten Rahmen bewegen und handeln dürfen. Einmal mehr werden Daten erhoben und gespeichert, wo es zumindest bis jetzt nicht glasklar ist, wer damit wie umgehen kann und darf. Und was das Thema „Fichen“ (Datenspeicherung, „Akten zu einer Person“) anbelangt, so bewegt man sich in der Schweiz auf sehr heiklem Boden, denn auch in diesem Punkt sind zahlreiche Schweizer den Deutschen weitaus ähnlicher, als sie selbst das eingestehen würden: Sie lieben es, Daten zu sammeln, egal, ob jene Sinn machen oder nicht und oft genug auch unter höchst fragwürdigen Vorgaben gesammelt und gespeichert wurden. Ich selbst kann aus eigener Erfahrung davon ein Lied singen, wenn es um ein gewisses Departement der Stadt Zürich geht, aber ganz generell habe ich recht fragwürdige Erfahrungen mit „Datensammlungen“ zu meiner eigenen Person; der Mauerfall 1989 förderte Dinge aus dem sozialistischen Deutschland zu meiner Person ans Licht, obwohl ich im „kapitalistischen“ anderen Deutschland lebte…

Grundlegend bin ich der Ansicht, dass bei Begleichung einer fälligen Busse nach absichtlichem Schwarzfahren der Eintrag in jenem Register sofort gelöscht werden sollte – und nicht erst nach zwei Jahren Bewährungsfrist. Somit hätten diejenigen, die nachweislich nicht absichtlich schwarz gefahren sind, die Möglichkeit, wieder „normal“ ÖV-Systeme zu nutzen. Bleibt dieser Eintrag aber bestehen, so ist es durchaus möglich, dass kontrollierende Institutionen eben nicht immer mit dem notwendigen Augenmass reagieren, wenn sie bei einer Kontrolle einen solchen Eintrag im Register vorfinden. Es ist dann nicht von Belang, ob jemand absichtlich oder unabsichtlich schwarz gefahren ist, der Eintrag allein zählt. Wir alle wissen, wie ein „durchschnittlicher“ Mensch reagiert, wenn er auf einen anderen mit einer Vorstrafe trifft: Misstrauen, Vorverurteilung etc., und da zahlreiche ÖV-Nutzer in der Schweiz jene Plastikkarten besitzen, auf denen weitaus mehr gespeichert ist, als nur ein Beleg über die Begleichung einer Nutzungsgebühr für ein ÖV-System würde bei Kontrolle einer solchen Karte ein solcher Eintrag auch unweigerlich sichtbar werden – anders als bei bedruckten Papier-Billets.

Nun stelle ich mir mal vor, was wohl geschehen wäre, hätte ich an jenem Tag auf der 13 mein GA nicht dabei gehabt – oder nie eines besessen (denn dazu sind wir nicht verpflichtet, tatsächlich aber haben sehr viele meiner Kolleginnen und Kollegen dieses GA für Fahrdienstmitarbeitende). Obwohl ich für die VBZ tätig bin, hätte ich dann konsequenter Weise einen Eintrag in jenes Register kassiert – mit Bewährungsfrist in Höhe von zwei Jahren. Dann hätte es mir wohl auch nichts gebracht, wenn ich am Folgetag bei einer zuständigen Institution durch Vorlage meines GAs bewiesen hätte, dass ich unabsichtlich schwarz gefahren bin, so zumindest interpretiere ich die mir bisher zu diesem Register vorliegenden Informationen (und ich betone, dass ich mitnichten vollumfassend informiert bin in dieser Sache!). Ob die VBZ das tatsächlich so rigoros seit Anfang Februar umsetzen, ist mir nicht bekannt, vielleicht frage ich mal zu gegebener Zeit nach. Nun kenne ich zahlreiche Kollegen, die zur Kontrolle eines Billets befähigt sind und ich kenne auch ihr oftmals gutes Augenmass, insofern wäre es wahrscheinlich bei einer unangenehmen – aber eben auch von vornherein potentiell vermeidbaren – Situation geblieben, die nach Vorlage meines GAs am Folgetag bereinigt gewesen wäre. Was wird aber jetzt aus jenem Augenmass, wenn landesweit solche Verfahrensweisen Einzug halten?

Und ganz generell: Kann ich überhaupt Einsicht in jenes Register nehmen und wenn ja wo und wie? Wenn das auch nur annähernd so kompliziert und verworren (eben typisch Deutsch – oder doch Schweizerisch?) läuft, wie seinerzeit bei der Einsichtnahme in meine Akten, die die Staatssicherheit der zerfallenen DDR angelegt hatte und in Folge von der „Gauck-Behörde“ verwaltet wurden (wiederum sehr „deutsch“ verwaltet…), dann hätte ich noch mehr Mühe mit jenem Register, als ohnehin schon…

Verwöhnte Zürcher

in Arbeitsbedingungen/Fragwürdige Momentaufnahmen/Tram & Zeitgeschehen von

Eigentlich wollte ich bereits in der ersten Woche meines Urlaubes weit weg von Ihnen weilen, das Wesen Mensch geht mir irgendwann einfach zu sehr auf den Zünder, als dass ich mich diesem noch länger, als unbedingt nötig aussetzen will, aber wie das nun einmal mit ein paar anderen „Wesen“ mit Namen Bakterien und Viren ist, verhinderte derzeit ein Fall, in dem eines jener Wesen ein anderes Wesen befiel, zumindest meine anfänglichen Pläne. Egal, inzwischen bin ich ausgeschlafener und ausgeruhter, also kann ich mich auch mit einer Thematik eingehender befassen, die, seit dem ich in Zürich lebe, immer mal wieder auf unterschiedlichsten Ebenen präsent war: Die Verwöhntheit der Zürcher Bevölkerung. Vielleicht ist es ja Absicht, dass einige von uns „da vorne“ oft, wenn nicht chronisch übermüdet sind, so kommen wir nicht in Versuchung, uns solcher Verwöhntheit gesondert anzunehmen und das Bestreben des Betriebes um durchweg positive Nutzererfahrungen unserer Fahrgäste zu ruinieren, nun bin ich aber mal ausgeschlafen und so langsam auch wieder auf meinem gewohnten geistigen Niveau, also wird es an der Zeit, anhand des im Bild gezeigten Beispiels sich mal diesem Thema anzunehmen und auch mal ein paar klare Worte zu hinterlassen. In jenem Bild zu sehen ist der Ausschnitt einer kurzen Konversation eines Arbeitskollegen mit einer ihm bekannten Person (und ja, ich habe gefragt, ob ich dieses Bild verwenden darf, so viel mal dazu, trotzdem nenne ich aus gutem Grund keine Namen!). An jenem Wochenende, an jenem Konversation ihren Lauf nahm, wurde eine Linie umgeleitet und zusätzlich diese, sowie zwei andere, nach einem anderen Fahrplan geführt, was wiederum zur Folge hatte, dass die Beschwerde führende Person zwei Mal (…!…) ein Tram der 17 verpasst hatte. Mein Kollege empfahl die ZVV App (woraus ich schliesse, dass die Beschwerde führende Person in der Lage ist, Tablet oder Smartphone zu bedienen – oder vielleicht doch nicht?), jedoch wurde diese Empfehlung als überhebliche Belehrung empfunden.

Ganz ehrlich – und das mal vorab: Wer trotz Umleitung und geändertem Fahrplan zwei Mal hintereinander ein Tram der gleichen Linie verpasst, hat etwas ganz grundlegendes nicht verstanden. Selbst bei Umleitungen und geänderten Fahrplänen halten die Trams einer Linie grundsätzlich immer an den vorgesehenen Haltestellen, hat man eines verpasst, kann man dort einfach stehen bleiben und auf das nächste warten, zumindest ist das so und wird immer so bleiben, so lange während einer Umleitung aus unvorhersehbaren Gründen keine weitere Umleitung eingeleitet werden muss. Also, werter Beschwerdeführer, dieses Prinzip der Wiederkehr eines Transportmittels an ein- und dieselbe Haltestelle ist grundlegendes Prinzip aller Nahverkehrssysteme auf der ganzen Welt! Und DAS war jetzt mal wirklich belehrende Klugscheisserei! Belehrend, weil de facto seit Existenz von ÖV-Systemen von je her so angewandt und Klugscheisserei, weil es mich ganz persönlich unglaublich nerven kann, wenn jemand ein sackteueres Smartphone besitzt, aber nicht einmal in der Lage ist, wirklich wichtige und nützliche Dinge damit anzustellen – und damit meine ich nicht, wirklich dümmliche Konversationen in Messenger-Systeme zu tippen, sondern vielleicht mal wenigstens eine der zahlreichen Nahverkehrs-Apps der Schweiz zu verwenden. Oder einen ausgehängten Fahrplan zu lesen. Oder mal auch auf die digitalen Haltestellen-Anzeigen zu schauen. Oder oft genug auch einfach mal nur überhaupt das eigene Hirn zu benutzen, insbesondere, wenn an Tagen wie diesen leuchtend orange Hinweistafeln an jener Linie aufgestellt waren, die über dem Umstand der Umleitung sachdienlich informierten.

Aber ja, so ist das mit zahlreichen unserer Fahrgäste nun einmal. Nach allem, was mir bisher aus der Welt des öffentlichen Nahverkehrs aus anderen Ländern bekannt ist, so muss ich sagen, dass sich sowohl ZVV, als auch VBZ wirklich viel Mühe geben, Ihnen so viele Informationen wie nur denkbar so zeitnahe wie nur möglich zur Verfügung zu stellen. Wenn ich aber nach bald über einem Jahr immer noch Fahrgäste (zum Beispiel auf der 8) habe, die fragen, warum das Tram an einer verschobenen Haltestelle („Römerhof“) halten würde und man so furchtbar rennen müsse, dann hakt es auch irgendwann bei mir aus! Nach über einem Jahr, in dem diese Haltestelle bereits verschoben ist! Gut, bei Besuchern von Zürich, ortsunkundigen und alten Personen erkläre ich dann schon noch, wenn dann aber so ein Smartphone-Ignorant solche Fragen stellt, dann weise ich schon hin und wieder darauf hin, dass es zuweilen ganz nützlich sein kann, vor allem die Augen mal wieder dazu zu benutzen, wozu sie einstmals gemacht worden sind. Da kann es schon mal vorkommen, dass so eine wahrnehmungsgedämpfte Person sich bei mir über das „Nicht-Vorhandensein“ irgendwelcher Informationen beschwert, während wir direkt neben einem dieser leuchtend orangen Hinweistafeln stehen:

„Ich steige hier seit Jahrzehnten um und noch NIE habe ich hier irgendwelche Informationen gefunden, dass…“

„Na dann drehen Sie sich mal um, da steht so eine Hinweistafel.“

„Die stand da gestern aber noch nicht!“

„Entschuldigung, die steht dort seit gut 12 Monaten und wenn der Wind die mal umgeweht hat, so kommen extra Kollegen und stellen die wieder auf.“

„Das ist eine Unverschämtheit, was soll dieser Ton, ich werde mich über sie beschweren etc. pp. bla bla bla.“

„Machen Sie das. Können Sie auch über eine passende App machen nebenbei, gibt es für Android und Ihr iPhone X, ist extra vor wenigen Tagen an Ihr iPhone X angepasst worden.“

„Ich bin Eidgenosse von Rang und Namen, so spricht man nicht mit mir…“

Und so weiter und so fort. Verstehen Sie in etwa anhand dieser Schilderungen, was ich und meine Kollegen damit meinen, wenn wir zahlreiche (und eben nicht nur einige wenige) unserer Fahrgäste als reichlich verwöhnt ansehen? Zugegeben: Als ich in die Schweiz kam und begann, SBB, Postbus, VBZ und andere zu nutzen, war ich von der vor allem sauberen Umgebung und der extrem hohen Kundenorientiertheit sehr angenehm überrascht. Nur benötigte ich diese Kundenorientiertheit gar nicht! Wann immer es geht nutze ich ÖV-Systeme – egal, wo auf der Welt ich mich gerade befinde. Da lernt man, wie man sich auch ohne Smartphone zurecht finden kann! In Berlin muss man sich „nur“ an die unter Umständen etwas rotzige Antwort gewöhnen, wenn man „dumme“ Fragen in Gegenwart von Hinweistafeln stellt, Sie dürfen sich aber sicher sein, dass man Sie in Berlin für „PlemmPlemm“ erklärt, wenn Sie mit dem „Eidgenossen von Rang und Namen“ aufzutrumpfen suchen. Nun nehmen Sie mal eine solche Situation und verfrachten Sie diese an – zum Beispiel – den Bosporus, nach Istanbul. Stellen Sie sich vor, die haben da sogar Apps! Dummer Weise aber nicht für das gesamte Netz, sondern nur für Teile von diesem! Und dann auch nur in türkischer Sprache, die Übersetzungen sind teilweise derart fragwürdig, dass zumindest ich mich ab und an gefragt habe, ob es sich wirklich um eine ÖV-App handelt und nicht etwa um ein türkisches Kochbuch! Und dann die horrenden Roaming-Gebühren!!! In Istanbul gibt es noch nicht einmal Hinweistafeln, wenn etwas nicht so läuft, wie es sollte. Da gibt es noch nicht einmal „Kundenberater“, die einem Auskunft geben könnten! Auf Englisch schon mal gar nicht! Und die „da vorne“ in Istanbul machen genau das, was auch ich zunehmend mache: Ich stehe während er Fahrt nicht für Informationen zur Verfügung! Ich konzentriere mich aufs Fahren auch dann, wenn das Tram still steht (und ich genau sehen kann, dass jemand sein eigenes Smartphone oder Tablet aus blanker Faulheit nicht verwenden will).

Damit Sie mich richtig verstehen: Ich verweigere keine Informationen, wenn mein persönliches Augenmass mir sagt, dass jemand wirklich hilflos ist! Wenn ich aber Faulheit diagnostiziere, dann beschreite ich den Weg der „indirekten Belehrung“ – scheiss freundlich so vorgetragen, sodass sich mein Gegenüber erst dann allenfalls von mir als „dumm“ eingeschätzt vorkommen wird, wenn ich schon weit weg bin:

„Schauen Sie mal, da gibt es so eine App… Am Bürkliplatz zum Beispiel haben Sie kostenloses WLAN, dann müssen Sie keine Roaming-Gebühren bezahlen… Wenn Sie sich mal (und dieses „mal“ intoniere ich bewusst etwas stärker und länger ausgesprochen) umschauen (es folgt ein Husten mit anschliessender Bitte um Verzeihung) würden, dann….“.

Manchmal kommt es vor, dass dann jene Information-suchende Person sich noch nicht einmal bedankt, ganz genau wie so viele, für die ich Türen extra öffne oder länger offen halte, weil sie keinerlei Bezug zu Fahrplänen und vor allem Uhren haben. In solchen Fällen, in denen die Faulheit – Verwöhntheit? – sogar über die minimalen Grundregeln des Anstandes siegt, lasse ich dann hin und wieder schon einmal ein sehr deutlich in den Raum geschalltes

„Gerngeschehen!“

erklingen. Das – zugegebener Massen erzwungene – „Dankeschön“ oder „Merci“ mit jenem verschrocken-peinlich-berührtem Gesichtsausdruck ist einfach unbezahlbar!

Bezug zur Realität

in Arbeitsbedingungen/Schöne Momentaufnahmen von

Um die Mittagszeit herum verliess ich mein Tram und übergab es an einen Kollegen, der vor kurzer Zeit ebenso wie ich aus dem Depot an der Kalkbreite zum Depot am Escher-Wyss-Platz gewechselt hatte. Durch Zufall war ein anderer von mir sehr geschätzter Kollege gerade anwesend und so unterhielten wir uns kurz, obwohl ich Feierabend hatte und nur noch nach Hause wollte. Im Verlaufe jenes Gespräches liess er einen Satz fallen: „Jens, Du brauchst wirklich Urlaub!“. Recht hat er und so erlaube ich mir, Ihnen hier und jetzt mitzuteilen, dass ich jetzt für längere (!) Zeit das mache, was ICH will. Und nicht Sie. Schon gar nicht, was der Betrieb oder die Stadt will! JETZT kann es mir mal sowas von egal sein, was da draussen im Netz der VBZ geschieht! Aber die Lunte, die an meinem persönlichen Pulverfass hing, war schon arg kurz, als ich heute morgen mich aufraffte und zum Depot lief, um mit einem der ersten 11er auszufahren! Nun glaube ich nicht an irgendeine übergeordnete „Gottheit“, insofern richtete ich meine tonlosen Worte auf dem Weg zum Depot nicht an eine solche, aber ich murmelte etwas in mich hinein, was man normaler Weise wohl unter dem Begriff „Stossgebet“ kennt: „Jens, Du hast nur die 11 und die 13, keine 8, keine 15. Es ist Freitag, den Wahnsinn von Zürichs Nachtleben am beginnenden Wochenende musst Du nicht mehr mit machen. Im zweiten Teil fährst Du eine sehr kurze Runde auf Deiner Lieblingslinie, nicht ganz so, wie Du es Dir vorgestellt hast (sonst hättest Du Dich vom Albisgütli selber nach Hause bringen können), aber immerhin nur ein kurzer Dienst. Und keinen 8er! Alles ist gut!“. Dummer Weise hatte ich wohl übersehen, dass mein guter alter Freund, Schutzpatron aller Fahrdienstleistenden, old „Murphy“ wohl neben mir her gelaufen sein musste. Und der sah das mit dem „Alles ist gut!“ vollkommen anders…

Statistisch gesehen passieren die meisten Unfälle im Fahrdienst kurz vor Feierabend und / oder kurz vor einem (sehr sauer verdientem) Urlaub. Ich bilde da keine Ausnahme, beides hatte ich bereits erlebt (kurz vor Feierabend und kurz vor Urlaub), also riss ich mich trotz aller Müdig- und Überdrüssigkeit zusammen, bezog mehr Kaffee aus dem Automaten im Depot, als sonst und suchte mein Tram. Im Führerstand angekommen grinste mich bereits jener mit Malerband aufgeklebte Zettel höhnisch an, der im Bild zu sehen ist. „Jens, nur damit das mal klar ist: Wenigstens war ich so freundlich zu Dir und habe Dich vorgewarnt, das NICHTS, absolut NICHTS in diesem Beruf wann auch immer in Bezug auf welche Vorgänge inner- oder ausserbetrieblicher Art so laufen wird, wie Du es Dir immerhin inzwischen nur noch erhoffst! Du bist vorgewarnt, dieses Tram ist anders…„. Nach Lektüre jenes Zettels schmeckte mein Kaffee noch fragwürdiger, als ohnehin schon, aber ich liess mich davon nicht irritieren und machte mein Tram startklar. Zumindest den ersten Wagen, der zweite wollte sich zunächst nicht zu erkennen geben, frei nach dem Motto: „Ich hänge da zwar an einem anderen Wagen aber ich bin trotzdem nicht da.“. Irgendwann war alles zumindest halbwegs so, wie es sein sollte und ich rullerte in Richtung Rehalp. Dort angekommen zog ich den Schlüssel ab und rauchte eine Zigarette, stieg wieder ein nur um fest zu stellen, dass ich nicht mehr auf der 11 unterwegs war. Da war zwar ein Tram, aber das war nicht mehr im Netz vorhanden. Schon gar nicht auf der 11. Also steckte ich den Schlüssel wieder in das Schloss, meldete mich neu am System an, war wieder als 11er unterwegs. Aus reiner Neugier zog ich den Schlüssel wieder raus und schwupps war ich wieder nicht existent. Nix 11. Tram ja, im Liniennetz der VBZ vorhanden nö. Also alles nochmal von vorne mit der Randnotiz „neu anmelden wenn Schlüssel abgezogen“. Von der Rehalp nach Auzelg liess Murphy ein wahres Feuerwerk an Eigenheiten über mir ergehen, welches ich so noch nie gesehen hatte, das Tram machte wirklich höchst eigenartige Dinge. Selbstredend zur Hauptverkehrszeit, wann sonst? Die 11 war recht anstrengend an diesem Morgen, unnötig zu erwähnen, dass ich ganz neue Varianten davon zu Gesicht bekommen habe, wie man einen Kinderwagen unter anderem auch in ein Tram bekommen kann. Inhalt des Tragenetzes für Einkäufe und ursprünglich einst im Kinderwagen platziertes Kind Stück für Stück nacheinander, anstatt einstmals – zumindest geplant – im Gesamtpaket.

Mein bedauernswerter Kollege aus Oerlikon übernahm mein Tram, welches mich aufgrund der zuvor zwangsweise gesammelten Erfahrungen weniger an ein betriebstaugliches, geschweige denn -sicheres Tram, als vielmehr an einer jener Oldtimer auf Cuba oder in Istanbul erinnerte, diese Ami-Schlitten aus den 50er Jahren, bei denen nur noch die Karosserie als „Orginalteil“ zu klassifizieren war, alles andere aber eher als „Flickschusterei“. Aber gut, die Gurke von Tram hatte auch stolze 40 Jahre auf dem Buckel und sah zumindest noch wie ein Tram aus, nach 40 Jahren im Fahrdienst würde niemand von meinen Kolleginnen oder Kollegen auch nur ansatzweise noch wie ein Mensch aussehen, dessen bin ich mir sicher! Ich bin kein Optimist und kein Pessimist, ich bin Realist und glauben Sie mir, Realist zu sein ist ein Fluch! Bei den beiden anderen Lebens- und Sichtweisen handelt es sich um „sich selbst erfüllende Prophezeiungen“, alles, was man sich erhofft oder ahnt, trifft auch ein. Einen Realisten kann beides erwischen! Und man kann nichts dagegen machen, sich nicht einmal ansatzweise darauf vorbereiten! Hatte mir bis hier hin „nur“ das Tram den Tag ordentlich durcheinander gewürfelt, so dachte ich bei meinem Fahrweg im Bus vom Buchegg- zum Escher-Wyss-Platz still in mich hinein: „Fehlt nur noch, dass mein Gruppenleiter oder ein anderer Vorgesetzter mich besucht.“. An diesem Tag wäre es eine „Heimsuchung“ geworden, ich wollte nur noch weg von alledem. Und so wunderte es mich auch absolut nicht, dass mein direkter Vorgesetzter an der Haltestelle auftauchte, wo ich kurz darauf meine 13 übernehmen sollte:

„Na? Willste überprüfen, ob ich meinen Urlaub auch verdient habe und bis dahin dennoch nicht die Fahrgäste leiden lasse?“

„Nein, ich habe anderes zu erledigen.“

„Na dann kannste auf der 13 Kurs 6 hinterher noch vorbei schauen bis 12:30 Uhr, danach habe ich Urlaub.“

„Ah, Du hast Urlaub? Wohin geht es denn?“

Ein freundlich distanziertes „Gespräch“ und nein, er tauchte nicht auf, aber es würde mich absolut NICHT wundern, wenn er am ersten Tag NACH meinem Urlaub auftauchen würde um nachzuschauen, ob ich mich gründlich genug erholt und nicht nur gefeiert und gesoffen habe in der Zwischenzeit. Schliesslich muss ich danach wieder jemand sein, der ich nur bedingt bin, zu dem Wohle der Stadt, des Betriebes und dem Wohle meiner Vorgesetzten. Und das ist auch in Ordnung, es war meine Entscheidung, einen Beruf im Dienstleistungssektor zu ergreifen. Trotzdem sind manchmal gewisse Abläufe und Prozesse in diesem Beruf und auch in diesem Betrieb so durchschaubar auf einem gewissen Niveau, dass ich mich manchmal selbst frage, ob eine vorgesetzte Person dazu in der Lage ist, so ein Niveau „in Vorbildfunktion“ einem Untergeben vorzuleben, damit jenes Niveau auch jederzeit seine Existenzberechtigung hat. In diesem Zusammenhang fiel mir jüngst ein Zitat ein, welches man gerade in dieser Zeit auf so vieles anwenden kann, wenn es um die VBZ geht:

Der Betrieb ist nicht gewillt, sich durch Bezüge zur Realität in seinen Vorhaben stören zu lassen.

Ist ja auch o.k. irgendwie. Wir alle sind ja nur Menschen und somit Träumer, nicht wahr? Aber was bestimmte Dinge anbelangt, ist zumindest mir, der ich als Mensch nur Teil eines Menschenhaufens mit Namen „Stadt Zürich“ oder „Betrieb VBZ“ bin, ein Bezug zur Realität ausgesprochen wichtig. Und deswegen erlaube ich mir, ganz normalen menschlichen Bedürfnissen nach zu gehen und wenigstens für ein paar Tage und Wochen so zu leben, wie ich es mir als Mensch vorstelle. So mehr oder minder.

Realistisch betrachtet rechne ich aber damit, dass die Tagesdisposition…. Ach, was soll’s, Prost!

„Herbert“

in Schöne Momentaufnahmen von

Nein, dieses Mal geht es nicht um einen Bewohner Zürichs, sondern um einen Film. Ich schaue nur noch selten Fernsehen, meistens nur an freien Tagen und wenn das Wetter schlecht ist, ich sonst nichts vor habe (was ausgesprochen selten der Fall ist). Ich sah ich einen Film, den ich wenige Tage zuvor aufgezeichnet hatte und der mich sehr beeindruckte: „Herbert„. Es ist ein sehr bedrückender Film, definitiv keine leichte Kost, aber das wusste ich vorab nicht. Wenn dieser Film nicht zwei kurze Sequenzen beinhalten würde, die mit meinem Beruf zu tun haben, so würde ich ihm hier keine besondere Aufmerksamkeit zuteil werden lassen, aber jene zwei Szenen waren für sich allein genommen schon sehr eindrücklich, aber ich möchte zunächst einmal in ganz groben Umrissen hinterlassen, worum es in jenem Film geht. Herbert war in der ehemaligen DDR Profi-Boxer, konnte aber nach dem Mauerfall in der Sportart nicht Fuss fassen und schlug sich seitdem als Türsteher, Eintreiber und Boxtrainer durch. Aus was für einem Grund auch immer landete er im Gefängnis und verlor so Kontakt zu seiner damals sehr jungen Tochter; eine Mutter wird zwar erwähnt, taucht aber nicht auf, auch wird nicht der Grund genannt, warum Herbert, ein Bulle von einem (älteren) Mann, überhaupt im Gefängnis gelandet ist. Der Zuschauer erhält einen Einblick in Herberts Leben, der Tristesse von Leipzig, der Stadt in Deutschland, man bekommt einen  ausgesprochen „realistischen“ Einblick in die Lebensumstände und -bedingungen eines allein stehenden Mannes, der ausser seiner Körperkraft wenig zu bieten und in seinem Leben so ziemlich nichts erreicht hat, was der Grund dafür ist, warum er sich mit reichlich zwielichtigen Tätigkeiten über Wasser halten muss. „Herbert“ ist eine der mit Abstand treffendsten und eindrücklichsten Millieu-Studien, die ich seit sehr langer Zeit zu sehen bekommen habe, ein kleines Meisterwerk – wenn auch ein sehr bedrückendes.

Aufgrund seiner Lebensweise und seiner Tätigkeiten erkrankt Herbert an einer bestimmten Form von Muskelschwund, aus dem Berg von Mann wird im Laufe des Filmes ein Mensch, der zunehmend unfähig wird, einfachste Handlungsabläufe zu umzusetzen, er kann bald nicht mehr gehen, später nicht einmal mehr sprechen – das absolute Gegenteil von dem, wofür er einst bekannt und auch berüchtigt war im Leipzig nach dem Mauerfall. In der kurzen Zeit, in der er sich noch ausdrücken und mitteilen kann, versucht er das Verhältnis zu seiner Tochter, die als allein erziehende Mutter in Leipzig Tram fährt, zu verbessern und wenigstens ein klein wenig „gerade zu rücken“, was er selbst einst verbogen hatte. In zwei Szenen des Filmes sitzt Herbert in einem Tram und schaut immer wieder zu der Frau, welche das Tram steuert und seine Tochter ist. Und genau um jene zwei Szenen, in der Herbert im Tram sitzt, welches seine Tochter steuert, geht es mir, diese zwei Szenen sind der Grund, warum ich jenem Film solche Aufmerksamkeit schenke und ihn empfehle. So manches Mal habe ich mich gefragt, welches Schicksal hinter diesem oder jenem Fahrgast stehen mag, den ich durch Zürich beförderte. Manche von ihnen teilen sich auf die eine oder andere Art und Weise absichtlich und bewusst mit, aber ich denke, die meisten bevorzugen es, mit sich und ihrer Welt auch im Tram eher alleine zu bleiben.

Trams tauchen in der Literatur- und Filmgeschichte immer wieder auf. In den meisten Fällen, die mir selbst bekannt sind, wirken die Momente, in denen dieses Fahrzeug auftaucht, eher traurig, egal, ob es in Amerika, Europa, Asien oder wo auch immer ist, was geschildert wird. „Herbert“ bildet hier keine Ausnahme, auch hier ist das Tram der Schauplatz einer sehr tragischen Geschichte. Trams (und Busse) vereinen für kurze Zeit nicht nur soziale Schichten, Abstammungen, Vergangenheiten, sie vereinen auch Lebenslagen und Stimmungen, Gemütsverfassungen. Aber im Gegensatz zu jenem Film „Herbert“ erfährt man von alledem eher wenig bis nichts und wenn, dann sind es eher mehr bedrückende Momente, denn schöne, das Verhältnis ist unausgewogen. Es mag auf Sie ein wenig befremdlich, vielleicht sogar irritierend wirken, aber ich habe mich schon so manches Mal gefragt, was für eine Geschichte diese oder jene Sitzbank, ein Fenster, ein Türknopf oder eine Haltestange wohl zu erzählen hätte – aber auch der Führerstand, in dem ich meinem Berufsauftrag nach gehe. Vielleicht ist es aber auch gut, dass diese Gegenstände und Räume sich uns nicht mitteilen (oder wir das weder sehen, noch hören können), in einem Tram oder einem Bus können sich an einem einzigen Tag manchmal noch weitaus mehr und unfassbarere Dinge abspielen, als vor einem Tram oder Bus. Und dieser Film „Herbert“ hat mir das sehr deutlich in Erinnerung gerufen.

Ein mir gut bekannter Mensch nannte einst U-Bahn, Tram und Bus generalisierend „Gesindel-Container“. Nein, das sind unsere Fahrzeuge nicht! Sie transportieren auf kleinstem Raum Menschen – und kein „Gesindel“, so viel mal dazu. Da prallen zuweilen schon mal Welten aufeinander, die bis zu jenem Zeitpunkt gar nicht wussten, dass es sie überhaupt gibt, Welten, die man zumindest auf dieser Welt „Menschen“ nennt. Und diese Menschen haben ihre Eigenheiten, Gewohnheiten, Schicksale. Und genau das versuche ich mir immer wieder in Erinnerung zu rufen, wenn mein Arbeitgeber gewisse Dinge zu „optimieren“ sucht. „Kundenorientiertheit“, „Kundennähe“ und dergleichen sind elementarer Bestandteil der Leistungsbewertung unserer Vorgesetzten. Aber das umzusetzen, wird zunehmend schwieriger, diverser „Optimierungen“ sei Dank (und ja, das ist Sarkasmus in Reinform!). Manchmal ist es selbst für mich, der von sich selbst sagt, er sei nicht unbedingt ein Menschenfreund und erpicht darauf, so viel Nähe zu einem unbekannten Menschen aufzubauen, sehr schwierig, die wachsende Verlogenheit zwischen ethischem Anspruch an meinen Berufsauftrag und betriebswirtschaftlicher „Notwendigkeit“ (von wem auch immer als solche definiert) noch mit mir und meinen eigenen Werten und Ansprüchen unter einen Hut zu bekommen…

Dann hoffe ich nur, dass mir ein solches Schicksal wie das von Herbert nicht gerade dann in meinem Tram über den Weg läuft, nachdem mir die neuesten Sparmassnahmen von Seiten des Betriebs oder der Stadt offenbart wurden, die Anforderungen aber an unsere so genannte „Sozialkompetenz“ noch immer so gestellt werden, als wären diese Einsparungen überhaupt nicht vor genommen worden…

Der Testosteron-Smombie

in Arbeitsbedingungen/Extremsituationen/Fragwürdige Momentaufnahmen/Tram & Zeitgeschehen von

So manches Mal wundere ich mich noch darüber, wie mir gewisse „Artgenossen“ der Spezies, der Sie und somit auch ich angehören, den Rückschritt gewisser Weiterentwicklungen der Menschheit derart überdeutlich vor Augen führen, dass ich mich selbst wie ein Relikt aus sehr, sehr lange vergangener Zeit fühle. Meistens bleibt es bei Momentaufnahmen von Millisekunden Länge, die ich schnell wieder vergesse, aber hin und wieder sind jene „Eindrücke“ darwinistischer Experimentierfreudigkeit mit nachweislichem Misserfolg am Ende der Forschungskette derart nachhaltig, dass ich mich noch Wochen danach an sie erinnern kann. So auch an den „Mann“, der einst am „Sihlquai / Hauptbahnhof“ zu mir in die Cobra stieg. Warum mir dieser ausgerechnet heute wieder in den Sinn kam, kann ich Ihnen nicht erklären, wahrscheinlich war jene Begebenheit derart gründlich in meine Hirnwindungen fremd-eingespeichert worden, dass sie da wieder raus musste. Sie musste da wieder raus, weil sie selbst für meine Begriffswelt so vollkommen irrational und sich selbst widersprechend war, dass mir das alles wie ein Aufeinandertreffen dieser Welt mit einer interstellaren Parallelwelt erschien, eine Welt, in der es auch Trams, Zürich, Smartphones und das ganze Zeug gibt, aber alles eine vollkommen andere Wertigkeit besitzt.

Wie ich in die Haltestelle einfuhr, bemerkte ich bereits jenen „Mann“, der wie so viele andere „Aliens“ um ihn herum unablässig auf das Display seines Handys starrte. Und wie so viele „Aliens“, die in Zürich einen Zwischenstopp auf ihrer interstellaren Reise zwischen Alpha Zentauri und dem Restaurant am anderen Ende der Galaxis einlegen, bestieg auch er vollkommen auf jenes Gerät fixiert mein Tram. „Fixiert“ bedeutet in diesem Zusammenhang in etwa folgenden Kurzfilm: „Lebewesen“ starrt auf Display und betritt wie von einer Schnur gezogen (ferngesteuert?) ein Fahrzeug der VBZ, ohne dabei auch nur eine Millisekunde irgendeinen Sinn – soweit überhaupt ab Geburt verabreicht – für die Umgebung einzusetzen. Auge, Ohr, Nase…. alles ist eins mit jenem Gerät. Bis hier hin ist das inzwischen vollkommen normal für mich geworden, es gibt sehr viele Aliens da draussen, die auf vergleichbare Art und Weise auf ihrem Zwischenstopp in dieser Welt unsere Fahrzeuge betreten. Hin und wieder versuche ich, an jenen Aliens Antennen oder dergleichen zu entdecken, aber bisher ist mir das nicht gelungen, auch hat bisher keiner jener Aliens seine Erscheinungsform, wie sie in seiner Parallelwelt zur Anwendung kommt, in meiner Welt zur Schau getragen, sondern sich schön anständig der Tarnung einer „menschlichen Erscheinung“ bedient. Aber wenn ich schon diesen Begriff „Erscheinungsform“ verwende, so möchte ich die Gelegenheit nutzen, die jenes „Mannes“ etwas näher zu beschreiben…

Es war zwar ein Wintertag, aber ein ungewöhnlich warmer und sonniger. Dieser „Mann“ huldigte dieser Wetterbedingung, indem er „Sneakers“ trug, jene de facto nicht sichtbaren „Schuhe-anprobieren-Socken“ und eine sehr eng anliegende Jeans, die gut 15 Zentimeter über jenen Sneakern endeten und somit eher das Attribut „Sommerkleidung“ verdient hätten. Auch trug er nur ein T-Shirt, wahrscheinlich sauteuer, aber das Design rechtfertigte nicht einmal im Ansatz den wahrscheinlich sehr hohen Kaufpreis. Es war ein sehr modern bedrucktes T-Shirt. Bis hierher war das – so gewöhnungsbedürftig das auch für Menschen meiner Generation klingen mag – normal, so kleidet sich „die Jugend“ von heute nun einmal. Streichholzbeinchen sind wohl irgendwie „angesagt“. Ganz im Gegensatz zu diesem Teil der Erscheinungsform, allerdings der Jahreszeit weitaus entsprechender, stand die Jacke jenes „Mannes“: Ein Parka mit Fellbesatz an der Kapuze. Doppelt so lang, wie der Oberkörper des „Mannes“ und vor allem doppelt so breit. Sollte wohl irgendwie die „räumliche Präsenz“ jenes ausserirdischen Wesens unterstreichen, nehme ich an. Obwohl die Sonne herrlich wärmend schien, hatte der „Mann“ seine Kapuze über die eigene Denkmurmel gezogen, der Mantel aber an sich war offen, sollte wohl der gebührende Rahmen für das „Kunstwerk“ T-Shirt sein. Die eine Hand in der Tasche jenes Mantels vergraben betrat er mit der anderen Hand das Smartphone haltend mein Tram an der vordersten Türe, zog es aber vor, unter nachdrücklicher Inanspruchnahme der vollen Gangbreite zwischen den Sitzen sich etwas weiter nach hinten… nun ja, wie soll ich es bloss ausdrücken…. zu Vercontainerschiffen. Normaler Weise kann man einem jungen Menschen durchaus eine gewisse Dynamik, vielleicht noch nicht ausgebildete, aber allemal vorhandene Eleganz in Sachen Fortbewegung zuschreiben (wenn ausgeschlafen und nicht in der Schule). Dieser „Mann“ hatte aber wohl eher einen Faible für unhandliche, grosse und vor allem unendlich träge Containerschiffe, entsprechend erinnerte mich sein Abgang in den mittleren Bereich der Cobra an ein solches Schiff in einem viel zu kleinen Hafen…

Kaum war er verschwunden, widmete ich mich dem weiteren Verlauf, steuerte das „Museum für Gestaltung“ an. Tür auf, Tür zu, weiter. Am „Limmatplatz“ zumindest anfänglich das gleiche Szenario: Tür auf. Aber dann begann jene Szenerie, die mir nun mal in Erinnerung geblieben ist, zweifelte ich daran, ob es sich bei jenem „Mann“ nicht vielleicht doch um einen „Alien“ handeln könnte, der zum ersten Mal in meiner Welt unterwegs war. Der „Mann“ wiederum bemerkte, dass etwas nicht so lief, wie er es gewohnt war (oder der Hafen für ihn das interplanetarische Containerschiff wohl doch zu klein sein musste). Diese Welt und eine Parallelwelt prallten aufeinander…

Ich hatte mehr als genug Zeit. Am „Limmatplatz“ stehen Ihnen und mir normaler Weise 20 Sekunden zur Verfügung, ich hatte aber etwas mehr, also schaute ich nicht in den Aussenspiegel, um den richtigen Zeitpunkt abzupassen, die Türverriegelung zu betätigen. Ich wartete auf jenen ganz leisen knacksenden Ton, wenn sich alle Türen von alleine geschlossen hätten, um erst dann diese zu verriegeln. Aber der Ton kam nicht. Statt dessen stand auf einmal jener interstellare Reisende in der Nähe der vordersten Türe, öffnete diese, blieb aber auf dem Perron stehen.

„Ey, Du (…!…) Chauffeur, Du machst die Türen so schnell zu, dass ich gar nicht aussteigen kann!“

Nochmal: Ich hatte mehr Zeit, als sonst üblich. Ich wartete auf einen bestimmten Ton, der nicht kam. In diesen Sekunden hatte ich die Türverriegelung nicht einmal angesehen, geschweige denn angefasst. Zu diesem Zeitpunkt hätte jeder Mensch (oder Alien…) problemlos noch ein- oder aussteigen können. Bis zu diesem Zeitpunkt war es ein sonniger Tag, an dem ausnahmsweise mal alles so angenehm verlaufen war, wie man sich „da vorne“ es nur wünschen kann. Aber offensichtlich haben Aliens eine andere Vorstellung davon, wie etwas zu laufen hat, also baute sich jener Alien-„Mann“ schön Testosteron-überladen (was in jenem Moment die exorbitante Übergrösse jenes Mantels, nicht aber die hauteng anliegende Jeans rechtfertigte) da auf dem Perron des „Limmatplatzes“ auf und pöbelte in meine Richtung. Da der Alien-„Mann“ mich mit „Du“ ansprach, hielt ich es nicht für notwendig, den VBZ-Universalübersetzer für interstellare Kommunikation zur Anwendung zu bringen, sondern mich meiner eigenen Wurzeln zu bedienen:

„Wat is dit Problem?“

Sinngemäss beschwerte sich jenes Alienmännchen darüber, dass ich an der Station zuvor „Museum für Gestaltung“ die Türen derart schnell geschlossen hätte, sodass es ihm nicht möglich gewesen sei, auszusteigen. Was er nicht wusste: Erstens hatte ich bereits an dieser Haltestelle so viel Zeit, die Türverriegelung erst dann zu betätigen, als wirklich niemand mehr ein- oder aussteigen wollte und zweitens hatte ich ihn den Alien auf der kurzen Strecke bis dahin mit ein oder zwei Blicken in den Innenspiegel bedacht. So weit hatte er sich dann eben doch nicht vercontainerschifft. Und bei beiden Anblicken war er vollkommen auf sein Smartphone fixiert. Nun schien jener Alien derart überfordert von der unerwarteten Anomalie in seinem Zeit-Raum-Kontinuum, dass sein Testosteron das zu Tage förderte, was man bei vielen vor allem jüngeren Menschenmännchen antreffen kann:

„Ey komm raus, dann klären wir das hier draussen!“

Nun langte es mir, das war mir einfach zu doof! Mich mit einem Alien bei schönstem Wintersonnenschein auf dem Limmatplatz herum zu schlagen, lag mal so was von absolut nicht in meinem Interessenbereich, dass ich mich zu einer an Aliens angepassten Version von Kommunikation entschloss. Ich stand auf, sicherte das Tram, trat in den Türbereich (aber nicht auf das Perron) und antwortete:

„Ok, wenn Sie so blöde sind (ja, man kann auch höflich jemanden für dumm erklären, in diesem Beruf inner- wie ausserbetrieblich grauenhaft wichtig!!!) Ihre eigenen Wahrnehmungssinne der Anwendung eines Smartphones unterzuordnen und dabei „Ihre“ Station verpassen, so ist das nicht mein Problem. Ich habe einen Fahrplan, an den ich mich halten muss und Sie sich halten könnten, wenn Sie dazu in der Lage wären. Wenn Sie jetzt noch das Bedürfnis haben sollten, dass hier und jetzt vor Ort zu klären, dann erlaube ich mir, Ihnen ein paar andere Kollegen in Blau vorbei zu schicken, die sind sicherlich in wenigen Minuten da.“

Wie ich da so im Türrahmen der Cobra stand, bemerkte jener Alien-Mann, dass er mir wohl in zwei Punkten unterlegen war. Erstens beherrschte ich im Gegensatz zu ihm zwei Ausdrucksweisen (Dialekt und Hochsprache) und zweitens war ich ohne jeglichen Uniformmantel von menschlicher Natur aus genau so breit, aber sicherlich nochmal eineinhalb Köpfe länger als er (und nein, menschliche Länge hat absolut NICHTS mit menschlicher Grösse zu tun!). Er schaute mich sichtlich entgeistert an, pöbelte aber weiter.

„Gut Kollege, nur so ein Hinweis: Die Zeit, die Sie verbraucht haben, um Ihre Station zu verpassen und obendrauf mich anzupöbeln hätte allemal gereicht, die kurze Strecke zum „Museum für Gestaltung“ zu Fuss zurück zu legen, sowohl vom „Sihlquai / Hauptbahnhof“, als auch vom „Limmatplatz“ aus.“

Offensichtlich begriff nun dieser Alien, dass in meiner Welt auch Längeneinheiten etwas anders gehandhabt werden, als in seiner Welt. Immer noch vor sich hin pöbelnd entschwand er in seinem Testosteron-überladenen Mantel, dessen Kapuze sich immer noch auf seiner Alienmurmel befand, wieder zurück in Richtung „Museum für Gestaltung“. Keine Ahnung, ob er noch im Restaurant am anderen Ende der Galaxie angekommen ist oder nicht, wenigstens hatte dieser Alien begriffen, dass Zürich nicht wie seine Welt funktioniert. Und ich schon mal gar nicht.

1 2 3 57
Gehe zum Seitenanfang