Tram-Pilot in Zürich

Gruss aus der Vergangenheit

in Schöne Momentaufnahmen von

Ich habe am Morgen einen relativ festen Ablauf, ohne Kaffee und Frühstück geht bei mir gar nix! Während die Maschine den Kaffee zusammen kleistert, wurstele ich irgendwas vor mich hin und sehe mir, wenn der Kaffee dann fertig ist, meistens neu eingegangene E-Mails an, die meistens Überschriften im Stil von „Mr. Okambe has a Business proposal abuot 45 Million Euros“, „Nadine will dich kennen lernen und noch mehr“ oder „In nur fünf Minuten zum Millionär“ haben. Hätte ich nicht bereits eine Tasse Kaffee intus gehabt, so hätte ich wahrscheinlich auch eine weitere E-Mail sofort gelöscht, die da den Titel „Gruss aus der Vergangenheit“ trug. In Deutsch und vor allem korrekt geschrieben. Also zündete ich mir eine Zigarette an, nahm einen weiteren Schluck Kaffee und öffnete die Mail, denn ausnahmsweise ging es mal nicht um absurd hohe Geldgeschenke oder reichlich fragwürdige Kontaktangebote in der Waagerechten mit recht eigenartiger Schreibweise und teilweise kyrillischen Buchstaben, sondern um Vergangenheit. Meine Vergangenheit?
Ich las mir die wenigen Zeilen durch, die an mich gerichtet waren – dezidiert an mich! Und ich las den Namen, der unter alledem stand. Sofort hatte ich wieder ein Bild vor Augen, ich habe ein manchmal schon fast unheimlich gutes Gesichtsgedächtnis (im Gegensatz zum Namensgedächtnis, gewisse Namen habe ich erstaunlich effektiv und schnell aus meiner Erinnerung streichen können…). Schlagartig war ich hellwach! Obwohl ich meinen Kaffee immer sehr stark trinke und nur ausgesprochen selten mit Milch (noch seltener mit Zucker!), weckte mich dieses Bild aus meiner Erinnerung besser und gründlicher auf, als der recht starke Robusta-Kaffee aus Java. Wir hatten uns sicherlich an die sechzehn, wenn nicht noch mehr Jahre nicht gesehen (in solchen Dingen bin ich eine grauenhafte Niete, Daten bedeuten mir einfach nichts, aber sechzehn Jahre waren es sicherlich!). Er war auf der Durchreise von Porto über Zürich nach Berlin, war irgendwie über dieses Blog gestolpert und hat meine zweitälteste E-Mail Adresse bemüht, um Kontakt zu mir aufzunehmen. Er deutete nicht an, wann und für wie lange er in Zürich sein würde, auch nicht, wo er sich in Zürich aufhielt. Also schrieb ich ihm zurück, wann er mich an jenem Tag wo auf welcher Linie abpassen könnte. Mehr war nicht machbar.

Ich fuhr zum Depot und wartete dann auf mein Tram, begann meine Runden auf der 4. Bei Einfahrt in das Sihlquai erkannte ich ihn bereits von Weitem, er hatte sich praktisch nicht einmal im Ansatz verändert. Sein etwas spitzbübisches Grinsen, welches mir von damals in Erinnerung geblieben ist, auch nicht. Und so grinsten wir uns entgegen, noch bevor das Tram zum Stillstand kam. Er hatte nicht viel Zeit, offensichtlich ging sein Zug nach Berlin bald vom Hauptbahnhof ab, dennoch begleitete er mich für zwei weitere Stationen. In nur fünf Minuten erwachte sehr viel wieder zum Leben, welches ich vor vielen Jahren aus verschiedenen und guten Gründen hinter mir gelassen hatte. Nahe liegender Weise konnten wir nicht viel austauschen, aber das wenige war sehr intensiv, als wäre es gestern gewesen. Was ist aus der und der geworden? Was machst Du denn jetzt so? Und wie war es in Porto? Kleiner Schnitt: Ich selbst weilte vor einiger Zeit für ein paar Tage in Porto, das zweite Foto ist dort entstanden. Ich empfehle Ihnen dringend, dieser so schönen Stadt noch schnell einen Besuch abzustatten, bevor sie vollends für den Tourismus modifiziert worden ist! Selten habe ich in meinem Leben eine derart schöne, bereichernde und lebendige Stadt kennen gelernt! Da kann man solche Sonnenaufgänge erleben, wie ich ihn seinerzeit einfangen durfte – sowas bekommt man in Zürich so nie zu sehen (naheliegend, so einen Hafen hat Zürich nun einmal nicht!). Er stieg am Limmatplatz aus und fuhr wieder zurück zum Hauptbahnhof, ich drehte weiter meine Runden. Es war ruhig in der Stadt und so hatte ich auch genügend Raum für all die Erinnerungen, die mir vor sechzehn Jahren (oder mehr) in Berlin in meinen Kopf eingebrannt wurden. Die Wohngemeinschaft in einem ehemaligen Pfarrhaus im Nordosten Berlins (welches mich aus einem nicht erklärbaren Grunde immer an die „Rote Fabrik“ in Zürich erinnert), relativ kurz nach dem Mauerfall, das Sommerfest dort mit fast schon operettenhaft anmutendem Gesang, stundenlange nächtliche Gespräche über Gott und die Welt, Psychologie, Religion, Indien, Frauen und Männer und die einhergehenden Diskrepanzen in Bezug auf diese Thematik, der Vorzug von Macs gegenüber Windows PCs (ich habe da wieder so einen Virus, kannst Du den mal eben weg machen?), meine ewig lang anmutenden Fahrten auf dem Velo dorthin quer vom ehemaligen West-Berlin nach dem ehemaligen Ost-Berlin bei brütender Sommerhitze, Spaghetti Bolognese in der Küche, daneben der Wäscheständer mit reichlich „reduzierter“ frisch gewaschener Damenunterwäsche in allen erdenklichen Varianten zum Trocknen aufgehängt, eine ganz bestimmte Halskette, die knarzenden Dielen unter den Füssen, übervolle Aschenbecher und manchmal auch der Gestank von der Braunkohle, welche seinerzeit noch oft in den Heizöfen der Ost-Berliner Wohnhäuser verbrannt wurde, ein Geruch, der wie das Reinigungsmittel aller Schulhäuser in Berlin und der Geruch der Berliner U-Bahn auf ewig in meine Erinnerung eingebrannt ist. Und zwischen alledem der Mann, der mich heute für fünf Minuten im Tram besuchte. Mit dem gleichen spitzbübischen Grinsen, wie er es bereits damals hatte. Und auch mit der „Berliner Schnauze“, die mir hier in Zürich so manches Mal fehlt.

Bisher ist das einer der schönsten Momente, die ich in meinem Beruf erleben durfte! Danke Dir dafür!

Im erschte Tram

in Schöne Momentaufnahmen von

Vor kurzer Zeit wurde ich auf ein YouTube-Video aufmerksam gemacht, ein (bedauerlicher Weise qualitativ schlechter) Musik-Clip zweier Schweizer Musiker, in dem es sich um das erste Tram dreht, welches am frühen Morgen unterwegs ist (nein, nicht in Zürich, sondern in Bern und ja, das ist „Bärndüütsch“, was da gesungen wird). Um nicht alles ins Hochdeutsche übersetzen zu müssen, hier stark zusammengerafft der Inhalt: Am frühen Morgen begegnet einer der beiden (oder doch beide?) einer ansehnlichen Dame im Tram. Aber sie anzusprechen, das wird nichts, im ersten Tram am frühen Morgen wird nicht gesprochen. Und tatsächlich ist das auch in Zürich so, auch hier wird (fast) nicht gesprochen. Und genau deswegen ist das erste Tram der Linie 11 (ja ja, ist ja gut, das erste ist eines der 10), welches kurz vor fünf Uhr am Morgen in die Innenstadt ausfährt, auch mein Lieblingstram. Nur ein „Guten Morgen!“ oder „Morgä!“ zwischen denen, die immer dieses Tram benutzen und sich kennen, keine sinnentleerten Telefonate oder belanglose Gespräche, kein lästiges Geknistere der verschiedenen in Papier verpackten Frühstücksvarianten zum Mitnehmen, einfach Ruhe in einem nahezu vollends schlafenden Zürich. Und das alles im gemütlich schaukelnden alten 2000er Tram. Einfach herrlich! Unter der Woche sind jetzt fast ausschliesslich Kleinlieferwagen und Laster unterwegs, die irgendwelche Geschäfte in der Innenstadt bedienen und auf die muss man aufpassen, auch sie stehen immer irgendwie unter Zeitdruck und fahren zuweilen entsprechend. Die Putzfahrzeuge der Stadt sollte man auch nicht aus dem Auge lassen, auch sie machen manchmal fragwürdige Dinge, aber sonst ist es wunderbar entspannt so früh am Morgen. Der Bereich um den Bahnhof Stadelhofen und das Bellevue herum scheint aber nie so richtig zur Ruhe zu kommen und man kann das auch gut an den Hinterlassenschaften derjenigen erkennen, die sich in der Nacht bei den namhaften Hamburger-Ketten „ernährt“ haben. Sind um den Escher-Wyss-Platz, dem Hauptbahnhof und der Bahnhofstrasse die Gehwege von den zuvor erwähnten Putzfahrzeugen bereits fast schon „klinisch“ rein gefeudelt worden, liegen hier noch wilde Mixturen von Pommes, halb gegessenen Matsch-Burgern, Plastikbechern und vor allem leeren Flaschen, in denen noch vor kurzer Zeit hochprozentige Alkoholika enthalten waren, herum, während bereits die ersten Menschen mit den Frühzügen der SBB in die Stadt gelangen. Nur hier ist die Haltestelle auch am frühen Morgen meistens gut besucht, viele Arbeitnehmer wollen in die Kliniken fahren, die am Stadtrand liegen. Nicht selten versorgen sie dann dort diejenigen, die in der Nacht zuvor die „Errungenschaften“ der Fast-Food-Kultur auf dem Stadelhoferplatz verteilt haben. Am „Balgrist“ platzen dann all diese Menschen aus dem Tram, wie von Schnüren gezogen strömen sie in die Kliniken. In der kurzen Pause in der „Rehalp“ grüsse ich die Kollegen von der „Forchbahn“, die an dieser Endhaltestelle des Trams vorbei fahren.

Auf dem Rückweg sind bereits mehr Menschen unterwegs, aber Zürich ist noch lange weit davon entfernt, vor Menschenmassen zu brodeln. Ein paar Krähen sammeln jetzt am Stadelhofen die Pommes ein, die die Putzfahrzeuge nicht fassen konnten. Hier und da kann man die Geister der Nacht sehen, die aus den nahe gelegenen Clubs und Diskotheken nach Hause… nun ja… „geistern“ dürfte es eben wohl am treffendsten beschreiben. Dankenswerter Weise sind in diesem Gebiet die Gehwege und Plätze grosszügig gestaltet, denn nicht selten nutzen diese Geister die volle Gehwegbreite aus. Nach wie vor wirkt sich das hochprozentige Zeug, welches aus den jetzt leeren Flaschen in den Putzfahrzeugen stammte, auf den Bewegungssinn jener Stadtgeister aus. Schimpfend weichen die Krähen ihnen mit den typisch hopsenden Bewegungen aus. Noch immer ist die Bahnhofstrasse weitestgehend leer, lediglich vor dem „Apple“-Store kampieren ein paar wenige Fans jenes Technik-Konzerns, um als erste das neue iPhone-Modell zu ergattern. Auch wenn ich selbst ein „Apple“-Anwender bin, so werde ich nie verstehen, wie man teilweise mehrere Nächte vor so einem Laden verbringen kann, nur um der erste zu sein. Was ändert das an dem iPhone? An diesem wohl kaum etwas, wohl aber an der Bahnhofstrasse. Je näher der Öffnungstermin des Ladens rückt, desto mehr unaufmerksame Menschen finden sich dort ein. Nahe zu unseren Gleisen…

Bis zum Bucheggplatz geschieht nicht viel, Zürich hat allenfalls mal kurz die Augen aufgemacht, auf den Wecker geschaut und sich wieder umgedreht, nur ein paar Bauarbeiter machen sich verschlafen auf den Weg, um irgendwo in den Eingeweiden der Stadt herum zu wühlen, oft ebenso nahe an unseren Gleisen, aber professionell und nicht geisternd oder gar technisch ferngesteuert. Erste fahle Morgenlichter verwandeln das Schwarz des Himmels in ein tiefes Dunkelblau. Am Bucheggplatz warte ich wie vorgegeben auf den Bus der Linie 32, fahre weiter in Richtung Oerlikon. Gerade wird mir bewusst, dass die ansonsten eher gering frequentierte Haltestelle „Radiostudio“ wohl in Zukunft auch mehr Menschen fassen muss. Wenn es dabei bleibt, dann ziehen aus dem grossen Radiostudio des SRF in Bern viele nach Zürich um, das Radio soll hier konzentriert werden. Ich grübele eine Zeit lang nach, lasse die verschiedenen Zeitungsartikel, die zu diesem Thema veröffentlicht wurden, mir nochmal durch den Kopf gehen. Wirklich sinnvoll erscheint mir das Vorhaben nicht. Aber wenn das so umgesetzt wird, dann wird wohl auch in absehbarer Zukunft die ÖV-Struktur um diese Haltestelle herum erneuert und vergrössert werden müssen. Wieder eine Baustelle… Inzwischen ist auch der Bahnhof Oerlikon zum Leben erwacht. Wie am Stadelhofen strömen auch hier erste grössere Menschenmengen in die Stadt oder an den Stadtrand. Aber auch hier haben die Putzkolonnen ganze Arbeit geleistet, keine Krähe hopst hier herum und sucht nach fressbarem. Der Markt auf dem Platz in der Nähe ist bereits in vollem Gange, er wird dann mit seinen wenigen Hinterlassenschaften dann die schwarzen Rabenvögel der Stadt ernähren, während sich die Kunden, die hier zuvor ihre Besorgungen erledigt haben, es sich am heimischen Mittagstisch gut gehen lassen. Weiter geht es am Depot Oerlikon vorbei auf die „Rennstrecken“, die zum Stadtrand führen. Ein Büro- und Verwaltungsklotz reiht sich an den anderen, schnurgerade verschwinden die Gleise in der Morgendämmerung. Ein wenig anheimelnde Ecke, wo die Grenzen zwischen Zürich, Glattbrugg und Opfikon ineinander fliessen. Wie übergrosse Lego-Steine ragen hier die Schlafsiedlungen in den Morgen, neue werden aus dem Boden gestampft. Über der Endhaltestelle „Auzelg“ siegt dann die Sonne mit den ersten wärmenden Strahlen über die Nacht. Die grossen Flieger der „Swiss“ setzen über mir zum Landeanflug auf den Flughafen Zürich an und aus den nahe gelegenen Kleingartenanlagen steigt der erste Bodennebel auf. Man kann es riechen, dass sich der Herbst nähert. Auch wenn die 13 meine Lieblingslinie ist, so hat sie nicht jenen ausgeprägten Reiz der Gegensätze der 11, die ich ganz besonders am frühen Morgen sehr liebe, wenn ich mit dem ersten Tram um 4 Uhr 46 aus dem Depot am Escher-Wyss-Platz ausfahre, dann ist sie für ein paar Stunden die schönste Linie von ganz Zürich. Für mich.

RAL 3020

in Arbeitsbedingungen/Schöne Momentaufnahmen/Tram & Zeitgeschehen von

1925 wurde in Berlin in Zusammenarbeit der Regierung der Weimarer Republik und der Privatwirtschaft jener Zeit der so genannte „Reichsausschuss für Lieferbedingungen“ gegründet, kurz „RAL“. Dem einen oder anderen mag diese Abkürzung noch bekannt vorkommen: Noch heute wird diese bei Farben und Lacken angewendet. Jener Reichsausschus war so eine Art Normierungsbehörde, die sich weitestgehend mit der Erstellung und Vereinheitlichung von Standards befasste und bis zum heutigen Tage beschreibt, welchen Güte – und Prüfbestimmungen ein Produkt der Industrie unterliegt. Eines jener Produkte war „RAL 3000“, im Volksmund als Feuerwehrrot bekannt, wobei heute eher „RAL 3020“ (Leuchtrot) bei Fahrzeugen dieser Art angewendet wird. Viele Jahre später, es muss wenn ich mich recht entsinne gegen Ende der achtziger oder Beginn der neunziger Jahre des vergangenen Jahrtausends gewesen sein, brachte der Fahrzeughersteller „Ford“ eine neue Version seines Mittelklassewagens „Escort“ auf den Markt, ab Werk – und das war ungewöhnlich für diese Zeit – auch in einem dem Feuerwehrrot sehr ähnlichen Farbton. Kurz darauf veröffentliche der „ADAC“ eine Unfallstatistik, in der vor allem die roten Ford Escort Modelle auffielen. Nicht, weil sie besonders viele Unfälle hatten, sondern ungewöhnlich wenige innerhalb dieser Fahrzeugklasse. Und das lag an jenem Rot! Aber warum erzähle ich Ihnen das? Nun, heute durfte ich eine Werbe-Cobra fahren, die die Direktverbindung zwischen Zürich und Paris mit dem TGV anpreist („train à grande vitesse“, Hochgeschwindigkeitszug) und die Grundfarbe dieses Trams ist Rot, laut Farbmesser meines iPhones sehr wahrscheinlich RAL 3020, Leuchtrot. Bis hierher ist das nicht weiter spektakulär, Werbung muss irgendwie auffallen und diese Cobra fiel auf! Ich hatte aber mehrmals im Fahrbetrieb am heutigen Tage den Eindruck, dass sowohl Passanten, als auch viele andere Verkehrsteilnehmer mich früher und vor allem bewusster wahr nahmen, als es sonst mit den Trams in gewohnter Farbgebung der Fall ist. Und da erinnerte ich mich an jenen RAL-Farbton, den Ford Escort und die Unfallstatistik des ADAC. Ich meinte mich sogar erinnern zu können, warum Rot eine lange Zeit eine in der Automobilindustrie eher unbeliebte Farbe war, irgendwas liess sie schneller verwittern, als andere Lackierungen (und wenn man heute alte rote Fahrzeuge sieht, so ist die Lackierung auffällig oft nicht mehr ansehnlich).

Tatsächlich fallen mir vor allem rote Fahrzeuge im täglichen Betrieb auf, zum Beispiel die Sharing-Fahrzeuge von „Mobility“ oder ältere Feuerwehrfahrzeuge, wie sie teilweise noch in den an Zürich angrenzenden Gemeinden zum Einsatz kommen. Aus irgendeinem Grund erkenne ich sie auch schneller im Rückspiegel, als die knallig gelb leuchtenden Rettungsfahrzeuge, zumindest am Tage. Obwohl ich mich viele Jahre mit Farbsystemen und teilweise auch der psychologischen Wirkung dieser oder jener Farbe beschäftigt habe, kann ich Ihnen nicht sagen, warum mir diese Farbe im Gewühle der Stadt sehr schnell auffällt. Und nicht nur mir! Heute konnte ich einige Male beobachten, dass Passanten weitaus früher darauf verzichteten, meinen Weg zu kreuzen, auch schien ich im Rückspiegel manch eines Kraftfahrzeuglenkers schneller aufzufallen, als ich das sonst so beobachten darf. Manchmal auch muss, zuweilen reagieren Passanten und Chauffeure erst dann, wenn der Abstand zwischen Tram und Augenpaar weniger als 30 Zentimeter beträgt. „Oh! Heidewitzka! Ein Tram! Wo kommt das denn auf einmal her?“ oder auch „Hoppla! Seit wann fahren denn auf diesen Schienen hier Trams?“. So in etwa.

Ich will nicht an DEN beiden Zürich-Farben schlechthin herum sägen, mit denen unsere Fahrzeuge sonst ausgestattet sind, ganz so blasphemisch und bilderstürmerisch bin noch nicht einmal ich eingestellt. Mich würde aber mal interessieren, ob zum Beispiel die ÖV-Fahrzeuge in Bern im direkten Vergleich zu Zürich unter anderem auch weniger Unfälle haben, weil sie in roter Farbe gestaltet sind (keine Ahnung, welcher Rot-Farbton dort verwendet wird, aber weit entfernt von RAL 3000 oder 3020 dürfte er nicht sein). Studien zu diesem Thema dürften aufwändig und teuer sein, aber so manches Mal habe ich mich gefragt, ob nicht die Veränderung des Wiedererkennungswertes „Blau-Weiss“ an unseren Fahrzeugen zu so einem Rot, wie es diese Cobra derzeit trägt, zur Senkung der Unfallzahlen beitragen würde, meinetwegen auch ein kräftiges Orange (lag meiner Erinnerung nach bei der ADAC-Unfallstatistik seinerzeit auf Platz 2 der am besten sichtbaren Farben). Allerdings fallen die Trams, die grossflächig nur eine, sich deutlich vom Umfeld abgrenzende Farbe tragen, für meine Begriffswelt ohnehin besser auf. Ein anderes Beispiel aus dem aktuellen Fahrzeugpark der VBZ ist die Cobra, die die Werbung von „Allianz“ durch Zürich transportiert. Dieser grosse hellblaue Tram-Wurm fällt auch weitaus besser auf, als unsere normal gestalteten Trams (nur leider habe ich noch kein Bild von diesem Tram, sonst könnte ich den Effekt verdeutlichen), ganz ähnlich verhielt es sich seinerzeit bei dem vor allen bei Kindern beliebten „Zoo Zürich“ Tram, auf dem im Wasser schwimmende Elefanten abgebildet waren (und nach diesem Foto habe ich verzweifelt in meiner riesigen Tram-Bilderdatenbank bisher gesucht, vielleicht finde ich es irgendwann durch Zufall wieder). Wäre doch sicherlich mal ein interessantes Forschungsprojekt für die ETH in Zusammenarbeit mit den VBZ?

Ein Detail der Werbung an jenem Tram freute mich aber besonders: Der gesonderte Schriftzug im vorderen Bereich! Vielleicht gebe ich mir das mal eines Tages, dass ich wirklich mit dem TGV von Zürich nach Paris reise! Irgendwie sieht man viel mehr von dem eigentlichen Prozess der Reise, wenn man in einem Zug sitzt, als wenn man mit dem Flieger  abhebt (und die meiste Zeit davon ohnehin nur im Abfertigungsterminal verbringt und nicht an der Laterna Magica mit Namen „Zug-Fenster“). Reisen mit dem Zug mochte ich von je her weitaus lieber, als das Fliegen. Es gibt so viel zu sehen und der Wandel von einer Welt zur anderen vollzieht sich gleichmässig. Wenn das dann noch dazu beiträgt, dass das der Umwelt gut tut, dann sollte es einem jeden von uns das doch eigentlich auch wert sein, selbst wenn eine Zugreise – reduziert auf den grundlegenden Fortbewegungsprozess – immer noch länger dauert, als ein Flug, oder? Und in einem Flieger nimmt man nur beim Start und der Landung die Geschwindigkeit wahr. Bei einem Schnellzug aber immer. Ist doch auch schön, nicht nur immer auf endlose Wolkenfelder und dunkelbraune Kerosinschwaden zu schauen, sondern eine am Zug-Fenster vorbei flitzende Landschaft. Fast wie ein Daumenkino, nur grösser und vor allem weitaus länger!

Gitarrenverstärker

in Fundstück der Woche von

Das erste Mal, als ich an der Kreuzstrasse in Gegenrichtung mit Ziel „Bahnhof Tiefenbrunnen“ vorbei fuhr, nahm ich jenen Gegenstand lediglich aus dem Augenwinkel heraus wahr. Er stand im Wartehäuschen, direkt neben der Sitzbank am Boden. Es war bereits dunkel, also konnte ich nicht genau erkennen, worum es sich handelte, was da stand. Auf dem Rückweg in Richtung „Bahnhof Altstetten Nord“ identifizierte ich jenen schwarzen Kasten als irgendetwas „technisches“, konnte aber immer noch nicht genau erkennen, worum es sich handelte, was da am Boden herum stand und für das sich offensichtlich niemand interessierte. Normaler Weise ist es mir egal, was da an einer Haltestelle manchmal so herum liegt, lediglich ein Portemonnaie und ein Handy sammelte ich im Laufe der Jahre zuvor ein und überantwortete diese Gegenstände dem Fundbüro der Stadt Zürich, da sie sich – formal gesehen – auf „Grund und Boden“ der VBZ befanden. Auf der zweiten Runde in Richtung Tiefenbrunnen fuhr ich etwas langsamer vorbei, konnte aber immer noch nicht genau erkennen, worum es sich handelte, entfernt erinnerte mich dieses Ding an jene portablen Lautsprecher für Handys, die bei Jugendlichen so beliebt sind, deswegen wunderte es mich, dass der Kasten da immer noch herum stand. Ich überlegte ein wenig und entschloss mich, der Sache auf den Grund zu gehen. Auf dem Rückweg sprintete ich an der Kreuzstrasse aus dem Führerstand und sammelte jenen schwarzen Kasten ein, erst jetzt bemerkte ich, dass ein Zettel mit Klebeband an ihm befestigt war: „Zum Mitnehmen, funktioniert“ stand auf ihm geschrieben. Also handelte es sich genau genommen nicht um ein Fundstück, welches jemand verloren hatte, sondern um etwas absichtlich dort platziertes. In Zürich ist es nicht unüblich, dass man hin und wieder am Strassenrand auf ähnlich deklarierte Artikel stösst, manchmal stehen ganze Zimmereinrichtungen so beschriftet herum und wenn man genug Geduld hat, kann man sich eine komplette Wohnung vollkommen kostenlos mit solchen Gegenständen zusammen suchen.

Ich fuhr weiter, konnte mich erst einmal nicht näher um jene Gerätschaft kümmern, im Bahnhof Altstetten aber angekommen hatte ich dann genug Zeit zu ergründen, was ich gefunden hatte. Es handelte sich um einen tragbaren Gitarrenverstärker der Marke Behringer, kein übermässig teures Ding, aber durchaus beachtenswert und qualitativ höher stehend gemessen an den Rezensionen im Internet, die ich schnell überflog. Ich beschloss, das Ding an mich zu nehmen, schliesslich kann man an diesen Verstärker nicht nur Gitarren anschliessen. Zu Hause angekommen prüfte ich schnell, ob der Kasten auch wirklich funktionieren würde, leider gibt es da draussen auch so einige Bewohner Zürichs, die auf diese Art Müll entsorgen und nur behaupten, so etwas würde funktionieren. Aber wie erhofft erklang jenes typische leise Brummen aus dem Lautsprecher, welches für diese Art von Verstärker üblich ist, als ich ihn anschaltete. Vielleicht lerne ich eines Tages ja doch noch, eine Gitarre zu spielen (ich wollte immer mal gewisse Nachbarn in meinem Haus mit besonders lebensbejahend fröhlichen Improvisationen über „Rammstein“ nerven, so als direkte Konkurrenz zu jenem insbesondere vor „Sächsilüüte“ aufs Übelste malträtierten Dudelsack, der bedauerlicher Weise auch in meinem Haus existent ist…). Oder aber, ich funktioniere das Ding so um, dass man zukünftig alle Durchsagen von mir im Tram auch wirklich gut versteht. Mal sehen, was ich damit anstelle, irgendetwas wird mir schon einfallen…

Linie 8

in Liniencharakteristik von

Die 8 – Was könnte ich alles über diese Linie erzählen! Haarsträubende Vorfälle, bisher beispiellose Beispiele für Verkehrs- und Stadtplanerische Fragwürdigkeiten im Quadrat, innerbetriebliche Katastrophen beginnend bei chronischen Verspätungen über höchst zweifelhaft improvisierte WC-Pausen bis hin zu Zerwürfnissen privater Natur aufgrund diametral verschiedener Auffassung, wieviel ein Fahrdienstmitarbeiterleben im Vergleich zum Leben eines Kunden wert ist und so weiter und so fort! Aber darüber lasse ich mich gegebenenfalls ein andermal aus, hier möchte ich die jüngste Kreation im Tram-Netz der Stadt Zürich mal von einer anderen Seite beleuchten, die nur bedingt mit dem Alltag von uns „da vorne“ zu tun hat. Erst einmal ein paar Fakten und Eckdaten. Im Dezember 2017 wurde aus der alten 8 die neue, aus einer eher gemächlichen und daher von vielen geschätzten nunmehr eine Linie, die jetzt wohl in der Gunst der Fahrdienstmitarbeiter an unterster Stelle rangieren dürfte (eine Ausnahme: Ich, nur die 3 empfinde ich immer noch als Zumutung, weitaus schlimmer, als die 8. Aber das bin ich.). Auf einer Strecke von knapp 8,7 Kilometern benötigt man im Idealfall (und der ist auf der 8 in etwa der berühmt-berüchtigte Sechster im Lotto…) 35 Minuten, um vom Klusplatz zum Hardturm zu kommen (oder umgekehrt). Die Maximalgeschwindigkeit beträgt 48 Stundenkilometer. Die einzige nennenswerte Steigung ist in Hottingen, ansonsten bewegt sich die 8 genau genommen meistens auf nahezu ebener Erde – wenn man von natürlichen Erhebungen sprechen will. Abgesehen von dem katastrophalen Fahrplan und einer gewissen architektonischen Leistung der besonderen Art ist die 8 keine sonderlich spektakuläre Linie. Aber im Kern ist sie eine der spannendsten, die ich mir denken kann! Trotzdem würde ich gerne denjenigen, der diesen Fahrplan auf der 8 verbrochen hat, vorzugsweise an einem Sonntag nackt entlang des Linienverlaufes durch Zürich jagen. Nur so als eine im direkten Vergleich sehr kleine (!) Retourkutsche für das, was wir „da vorne“ seit Dezember 2016 auf der 8 hin nehmen müssen. Aber ja, ich wollte diese Thematik ja nicht jetzt und hier beleuchten. Fangen wir an beim

Klusplatz

Der Klusplatz ist eine Art Schnittstelle zwischen Zürich Stadt und dem Zürcher Oberland, hier enden die 3 und die 8, hier findet der Austausch zwischen Land und Stadt statt. Genauer: Könnte der Austausch statt finden, wenn denn mal Bus und Tram wirklich a) pünktlich wären und vor allem b) nicht gewisse technische „Schwierigkeiten“ das vorab unter a) genannte systematisch zunichte machen würden. Zur Zeit schaukeln an keinem anderen Ort in Zürich die Emotionen zwischen Fahrdienstpersonal und Kunden so hoch, wie hier – und das wird wohl noch eine lange Zeit so weiter gehen. Wenn es irgend geht, meide ich den Klusplatz, ich finde diese Ecke von Zürich ohnehin nicht sonderlich ansehnlich (deswegen wundert es mich auch nicht einmal im Ansatz, das sich ausgerechnet hier das Honorarkonsulat der Bundesrepublik Deutschland nieder gelassen hat. Eine wirklich herrlich lebensbejahend fröhlich „amtliche“ Ecke da, sehr deutsch für meine Begriffswelt, so unglaublich viele Varianten von Beton-Grau! Aber auch wenn es um die Emotionen geht, kann da so manch ein Schweizer eben doch noch weitaus deutscher sein, als es ein Deutscher jemals sein könnte…!).

Römerhof

Der Römerhof wirkt zuweilen auf mich wie eine Art Schleuse, eine Schleuse gesellschaftlicher Art. Hier versammeln sich diejenigen, die aus der Parallelwelt „Dolder“ gezwungener Massen irgendwie in den Schmelztiegel „Zürich“ hinab steigen müssen, hier fahren diejenigen, denen der eine Franken zum „100.000-Franken-pro-Monat-Zürcher“ fehlt, in die Stadt (die, die den einen haben, bleiben da oben oder aber fahren mit Bentley und Konsorten selbst in die Stadt, aber nur, wenn die Sonne nicht zu sehr scheint, das ist gar nicht gut für das Silikon…). Manchmal fahren aber auch von hier aus diejenigen in die Stadt, die sich mal wieder daran erinnern wollen, was das gesellschaftliche „unten“ bedeutet (aus dem wahrscheinlich einige von ihnen zwischenzeitlich sogar entfliehen konnten). Und manchmal kann man hier sogar beobachten, wie (meistens…) eine etwas in die Jahre gekommene „100.000-Franken-pro-Monat-Zürcherin“ einen noch nicht einmal im Ansatz in die Jahre gekommenen „Franken-kenne-ich-das-Wort-habe-nur-keinen-Zürcher“ in die hoch über dem Römerhof gelegene Parallelwelt entführt. In ganz seltenen Fällen darf dann unsereins „da vorne“ einen solchen von „unten“ am Folgetag sogar wieder da hin zurück befördern, wo er gesellschaftlich hin gehört. Ansonsten nervt ich der Römerhof einfach, es ist mühsam, dieses tonnenschwere Aas von Sänfte-Tram da um die Kurve zu manövrieren. Und es nervt vor allem, all die unterschiedlichen Varianten von „Ich trödele dann mal zum Tram“ im Rückspiegel ansehen zu müssen. Zugegeben: Sonderlich nahe beieinander liegen hier die Stationen der 8, der 3 und der Dolderbahn nicht beieinander, es sind aber vor allem jene durchtrainierten, die sich gerne mehr Zeit für ihren Gang lassen, als unbedingt nötig. Und natürlich wird nur die Tür benutzt, die am nächsten liegt: Die letzte.

Kreuzplatz

Der Kreuzplatz ist die – je nachdem aus welcher Richtung man kommt – Beschleunigungsspur aus Zürich raus oder aber die Abbremsspur nach Zürich rein, so eine Art Schnellstrasse ins Zürcher Oberland oder aber „Geschwindigkeitsbodenwelle“ nach Zürich rein. Die Forchbahn traut sich – aus gutem Grund – nicht zu weit in die Stadt, die ist so eine Art „Mittelgrob-Verteiler“ für diejenigen, die rein oder raus wollen, ohne dafür zu viel Zeit zu verlieren, die 11 und die 8 sind da eher „Fein-Verteiler“, die bleiben lieber in der Stadt. Und alle diese drei Schienenbahnen treffen sich hier. Besonders schön ist der Kreuzplatz nicht, da muss man schon in die Seitenstrassen gehen. Was aber wirklich immer wieder spannend ist (vor allem, wenn man auf der 11 unterwegs ist): Schichtwechsel in den grossen Kliniken um den Balgrist herum! Zumindest ich kann genau erkennen, wer in der Anästhesie tätig ist und wer nicht! Und es gibt gewaltige Unterschiede im Grinsen, je nach Tageszeit, Schichtlage und vor allem Betäubungsmittel!

Bellevue

Gibt nicht viel hierzu zu sagen. DER Verkehrsknotenpunkt schlechthin. Unglaublich viele Menschen. Touristenmagnet. Aus der Sicht des Fahrdienstes: Entweder, man kennt das Timing der Signale oder man kennt es nicht. Die fotografischen Juwelen muss man suchen oder auf sie warten. Wenn man auf diese wartet, dann wird einem hier viel geboten, so manches Mal erinnert mich diese Gegend an den „Alien-Bahnhof“ aus dem Film „Men in Black“. Die dunklen Anzüge kann man aber vor allem an einem anderen Ort häufig sichten. Am

Paradeplatz

Im Grunde genommen gibt es auch zu diesem Platz nicht viel zu sagen. Hier treffen Finanzwelt und Haute-Couture aufeinander, dazwischen zahlreiche Touristen, die das alles irgendwie interessant finden. Hier und da stolzieren lebende Matroschka-Figuren sehr selbstbewusst durch das Gewühle, ab und an sogar bekannte Menschen aus Wirtschaft, Kunst und Kultur, aber eine Seele hat dieser Platz, so schön er manchmal auch wirken kann, nicht. Irgendwie fühle ich mich immer in der falschen Parallelwelt, wenn ich mit der Sänfte auf der 8 hier einfahre, wie ein Alien, der sich im Mikrokosmos dieser Stadt verflogen hat oder zuvor im Serpens Nebula (Grossraum um den Zürisee herum) falsch abgebogen ist. Und tatsächlich scheine ich mit diesem Gefühl nicht alleine zu sein, so manches Mal muss dieser oder jener 8er hier wieder in richtige Bahnen gelenkt werden, denn hier kann man wirklich falsch abbiegen, wenn man nicht aufpasst. Und wenn das passiert, dann verpasst man unter anderem auch den

Bahnhof Selnau

Wenn man diese Station erreicht, hat man – ohne es wirklich bewusst wahr genommen zu haben – eine Grenze überschritten. Und das in noch nicht einmal mehr als 5 Minuten (oder insgesamt drei Stationen, Paradeplatz inklusive). In der Nähe befinden sich einige Sozialwerke, somit verwundert es auch nicht, dass man in diesem Gebiet auf Menschen aus den entsprechenden gesellschaftlichen Schichten trifft. Hier kann es manchmal wie in der Chemiewerkstatt eines Alchemisten zugehen, wenn jene Menschen auf die Vertreter der Finanzwelt treffen, die dieses Gebiet zum Kommunikationsaustausch bei entsprechend hochpreisigem Kaffee oder aber zum durchtrainieren ihrer Präzisionskörper nutzen. Insbesondere hier verschwimmen die gesellschaftlichen Grenzen oder aber treffen manchmal sehr ungebremst aufeinander. Entsprechend stelle ich mich darauf ein, dass es in diesem Raum manchmal auch für mich haarig werden kann, je nachdem, wer sich da wie in meinem Rücken (oder vor meinem Führerstand) aufführt. Wenn dann noch die Sihl, die in geringer Entfernung zu jener Station vorbei fliesst, rein geruchlich mehr an ein Ausflussrohr der städtischen Kanalisation erinnert, als an einen normalen Fluss, dann wird dieses Kontrastprogramm noch deutlicher, denn eigentlich ist das eine der eher ansehnlicheren Ecken von Zürich mit vergleichsweise viel Grün. Dieser „Grenzstreifen“ der Vermischung von Sozialschichten ist relativ breit und streckt sich bis zur nächsten Station aus, dem

Stauffacher

Der gesamte Fahrplan der VBZ ist an dieser Haltestelle orientiert, ein sehr komplexes Konstrukt, das wohl nur die allerwenigsten vollends durchschauen. So oder so ist der Stauffacher der Umsteigepunkt schlechthin, hier treffen insgesamt fünf Linien aufeinander und mit ihnen auch so ziemlich alle gesellschaftlichen Schichten und Berufssparten, die man sich nur denken kann, auch wird einem hier besonders deutlich, das Zürichs Bevölkerung sich aus sehr vielen Nationen zusammen setzt, entsprechend „vielseitig“ ist die Art all dieser Menschen, wie sie mit jenem ominösen Ding Tram umgehen und welche Erwartungshaltung sie an dieses Ding und sein Bedienungspersonal haben. Obwohl hier fast immer irgend etwas los ist, ist dieser Platz irgendwie „leblos“, zumindest wirkt er so auf mich. Insbesondere zu später Stunde fällt mir hier immer wieder auf, dass von all den Menschenmassen dann so gut wie gar nichts mehr zu sehen ist. Der Stauffacher ist ein Durchgangssieb, ist das zu siebende Material durchgesiebt, dann war es das, dann passiert hier meistens nicht mehr viel. Das Leben spielt sich dann etwas weiter entfernt ab, ausser Geschäften und ein paar Restaurationen gibt es am Stauffacher nichts, was die Menschen hier halten würde, sie strömen von hier aus überall hin, nachdem sie zuvor von den Trams der fünf Linien erst einmal hier hin geschwemmt wurden. Lediglich die Randständigen bieten eine gewisse Gleichmässigkeit im Bild jener Szenerie, aber auch sie haben zuweilen ein höchst eigenes Verständnis davon, wie man mit einem Tram umzugehen hat. Oder anders: Oftmals zu ignorieren, sehr zum Leidwesen von uns „da vorne“.

Helvetiaplatz

Dieser Platz ist für mich irgendwie das Kernstück des politisch linken Zürichs. Von hier aus starten all die Demonstrationen, die vor allem die Linie 8 für längere Zeit lahm legen können, hier finden die Grosskundgebungen gegen alles mögliche statt (und viele von diesen wiederholen sich nahezu stereotyp). Wenn Samstag ist, dann rechne zumindest ich immer damit, dass die 8 mal wieder irgendwie umgeleitet oder verkürzt wird, lediglich in den Sommerferien ist das eher selten der Fall, da sind wohl die meisten Aktivisten damit beschäftigt, ihrer „Volksseele“ wo auch immer auf dieser Welt Erholung zukommen zu lassen. Im direkten Umfeld jenes Platzes finden Märkte unterschiedlichster Art statt, es gibt ein alternatives Kino, welches ein für meine Begriffe oftmals sehr hoch stehendes Programm anbietet und es gibt das Volkshaus, in welchem sich in die Jahre gekommene Revolutionäre und Sozialdemokraten mit dem vielschichtigen Nachwuchs den Raum zur Entfaltung teilen, hier ist die politische und ideologische Waschküche Zürichs. Und hier finden auch die Konzerte unterschiedlichster Musikrichtungen statt, die man in Zürich in den sonst bekannten Grossveranstaltungsorten eher nicht hören würde. Der Helvetiaplatz ist eine sehr spannende Ecke dieser Stadt, aber sonderlich empfindlich sollte man nicht sein, wenn man gedenkt, hier herum zu streifen. Dieser Teil der Stadt ist diametral verschieden zu den sonst üblicherweise frequentierten wie zum Beispiel Bellevue, Niederdorf, Bahnhofstrasse und dergleichen. Das gilt nicht nur für das kulturelle und politische Spektrum, welches hier zugegen ist, das betrifft auch die Art der Menschen, die man hier antreffen kann. Ich halte es zumindest für recht unwahrscheinlich, dass gewisse Fahrgäste, die zuvor am Römerhof eingestiegen sind, gezielt hier wieder aussteigen wollen. Oder umgekehrt. Was diese Unterschiedlichkeit in Zürichs Seele anbelangt, so ist die Linie 8 wohl diejenige, auf der man all diese Gegensätze und Kontraste am deutlichsten und vor allem innerhalb vergleichsweise kurzer Fahrzeit vermittelt bekommt.

Bäckeranlage

Dieser Park wird intensiv genutzt und das liegt nicht nur daran, dass er so ziemlich die einzige grössere Grünfläche im weiteren Umfeld und auch ein wirklich schön gestalteter Park ist, sondern auch daran, dass eben auch hier alle Varianten von Gesellschaftsschichten aufeinander treffen. Zürichs Stadtpolizei ist hier oft zu sehen und nein, ich beneide die Kolleginnen und Kollegen aus dem anderen Departement dieser Stadt nicht darum. Aber es ist genau dieser Platz, der bei mir Erinnerungen an meine Geburtsstadt Berlin weckt, was sich hier zuweilen abspielt, könnte sich so auch an vielen Orten der Deutschen Hauptstadt abspielen. Insbesondere, wenn hier an Wochenenden viel grilliert wird, habe ich dann heimatliche Gefühle, dann ist es manchmal so verraucht, dass dieser ganze Platz wie eine Startrampe für Weltraumraketen wirkt (schon wieder Aliens…). Nur riecht es hier dann nicht nach verbranntem Raketentreibstoff, sondern nach allen Varianten von mariniertem und grilliertem Fleisch aus aller Herren Länder, in der jeweiligen Tradition der Esskultur einer Nation zubereitet. Hier sieht man auch oft junge Familien mit ihren Kindern (und seitdem auf der 8 die Sänfte verkehrt, mehrt sich auch die Zahl der Kinderwagen im Tram deutlich – was nicht immer förderlich für die Einhaltung des Fahrplans ist). Weiter geht es zum

Hardplatz

Bevor die 8 erweitert wurde, war hier Endstation. Es ist ein grosser Platz. Ein vollkommen lebloser und auch nicht sonderlich anheimelnder, obwohl er anlässlich der Erweiterung vollständig umgestaltet wurde. Es ist wohl ein typisches Element der Zürcher Stadtbildgestaltung, bei grossen Flächen so wenig wie möglich Grün zu integrieren, auch fehlt es an Möglichkeiten, Menschen zueinander zu bringen. Hier gibt es kaum Geschäfte (und den wenigen, die hier anzutreffen sind, geht es wohl auch nicht so wahnsinnig gut) und auch sonst gibt es hier wenig bis nichts, um zum längeren Verweilen zu bleiben. Vielleicht liegt das auch daran, dass sich von hier an die Hardbrücke durch Zürich schneidet, hier rollt den ganzen Tag viel Verkehr vorbei, gegen den es weder Sicht-, noch Schallschutz gibt. Die grosse freie Fläche dieses Platzes unterstützt auch noch diese ungemütlichen Einflüsse von Lärm und Gestank, allein schon deshalb wird sich wohl in absehbarer Zeit aus diesem Platz nicht das entwickeln, was einige visionäre Stadtplaner wohl im Kopf hatten. Hier begegnen Menschen sich nicht, sie laufen aneinander vorbei. Wenn überhaupt sammeln sich ein paar wenige an den Haltestellen von Tram und Bus, aber sonst hat der Hardplatz in etwa so viel Charme, wie eine Wüste. Kommen wir nun zum viel beworbenen Kernstück der erweiterten 8, dem Stolz der Stadt, der

Hardbrücke

Ich gebe unumwunden zu, dass ich die bautechnische Leistung bewundere, die für die 8 hier unternommen wurden. Eine Tramlinie über eine Brücke zu führen, über die viele Jahre lang ausschliesslich Motorfahrzeuge um den Kern von Zürich herum fuhren, ist schon eine gute und mutige Idee, allerdings habe ich so manche Frage, wenn es um die Lenkung des Verkehrsflusses da oben geht, insbesondere dann, wenn hier die Fahrzeuge der VBZ auf den Individualverkehr treffen. Aber egal, die Handdrücke verbindet nun mit der 8 beide Seiten der Bahnanlagen, die vom Hauptbahnhof ins Land führen. Bis zur Eröffnung der 8 musste dieser umfahren werden, wollte man von einer Seite der Bahnanlagen auf die andere, die 8 auf der Handdrücke stellt also nicht nur eine Direktverbindung dar, sondern auch eine bessere Anbindung an den Grobverteiler mit Namen „SBB“. Inzwischen nutzen immer mehr Pendler diese Haltestelle anstatt wie zuvor bis zum Hauptbahnhof zu fahren. Nun könnte man annehmen, dass diese Tatsache zur Folge hat, die Linien, die um den Bahnhof herum führen, würden entlastet, dem ist aber nicht so. Das Fahrgastaufkommen ist dort nach wie vor sehr hoch. Die 8 hat also meinem Empfinden nach eher mehr Menschen dazu veranlasst, vom Privatfahrzeug auf den ÖV umzusteigen (was ich ganz grundlegend sehr gut finde und als den einzigen Weg aus dem Zürcher Verkehrschaos betrachte). Momentan ist die 8 hier zu den Hauptverkehrszeiten zwar gut ausgelastet, aber noch weit davon entfernt, so vollgestopft zu sein wie die Linien 4, 11, 13, 14 und 17, die den Hauptbahnhof ansteuern, realistisch betrachtet dürfte es aber nicht mehr lange dauern, bis auch die 8 an ihre Kapazitätsgrenzen gelangt. Ich sehe, dass immer mehr Menschen die 8 sehr schnell in ihr eigenes Wegekonzept integriert haben, die 8 wurde als eine neue Verbindung angenommen und genutzt. Insofern hat die Stadt mit der Erweiterung ein Ziel erreicht und jenes auch gut umgesetzt. Nur wie es Tag für Tag von uns „da vorne“ umgesetzt werden muss, da scheinen wenn überhaupt nur wenige daran gedacht zu haben. Fakt ist, dass die 8 erst dann ihre volle Leistung erbringen kann, wenn neue Trams im Netz von Zürich auftauchen. Und das kann noch dauern. Fahren Sie mal mit der 8 über die Hardbrücke, das ist schon eine Besonderheit im ÖV-Netz dieser Stadt, wenn auch keine touristische Attraktion, so doch eine sehr eigene Möglichkeit, einen Blick auf die Lebensadern dieser Stadt zu werfen!

Escher-Wyss-Platz

Dieser Platz weist in etwa so viel Charme auf, wie der Hardplatz. Also gar keinen. Hier gibt es noch weniger Grün (und wenn,  dann setzt sich dieses aus den Blumenkübeln der anliegen Restaurants zusammen). Hier wurde der Ausstrahlung ausschliesslich von Beton und Asphalt maximaler Wirkungsraum zugeteilt, klägliche Versuche, mit reichlich fragwürdig gestalteten Kunststoffsitzelementen hier Menschen dauerhaft zusammen zu bringen, sollte man realistisch betrachtet als gescheitert ansehen. Auch wenn sich hier vor allem an Wochenenden das Nachtleben der eher jungen Generationen von Zürich abspielt, so ist diese Ecke nicht einladend. Aber sie ist dennoch einen Blick wert, dieses sehr schräge Konstrukt aus Hardbrücke, die diesen Platz überquert, den zahlreichen dicken Betonsäulen und der direkt daneben befindlichen alten Bausubstanz der Wohnhäuser liefert einen höchst eigenartigen Eindruck davon, was Stadtplaner als wohl zumutbaren Kontrast bezeichnen würden – oder aber als stadtplanerische Errungenschaft der gehobenen Art. So ist das nun einmal mit den Perspektiven, es reicht nicht, sie nur zu sehen, man muss eben auch etwas aus ihnen machen und sie analysieren um zu verstehen, warum solche Gebilde wie dieser Platz so heutzutage überhaupt entstehen können und dürfen. Auch wenn ich diesen Platz als „ganz und gar nicht schön“ bezeichne, so finde ich ihn dennoch spannend. Was man hier zuweilen an Menschen entdecken kann, ist schon interessant. Zum Beispiel wirkt es auf mich vollkommen absurd, wenn eingerahmt von jenen dicken Betonsäulen, unterlegt von dunklem Asphalt und überdeckt von der Brücke, über die in jenem Moment unendliche Kolonnen von Fahrzeugen rollen, eine Gruppe von Baghwan-Anhängern ihr merkwürdig unmelodiöses „Hare Krishna“ vor sich hin sängselt. Hin und wieder steht dort aber auch mal ein Mann, der eines der wohl ältesten und typischsten Instrumente des Alpenraumes bedient: Ein riesiges Alphorn! Das ist dann nicht nur ein maximaler Kontrast in Hinsicht auf die Kultur eines Landes, sondern auch in Hinsicht auf die akustische Kakophonie dieses Areals. Immerhin: Aus rein fotografischer Sicht ist dieses Gebiet für mich immer ein El Dorado! Aber nicht nur für mich, hier kann man oft Menschen mit ihren physischen Augenerweiterungen antreffen. Wahrscheinlich eignet sich die komplette Schrägheit dieses Platzes immer gut für bestimmte Aufnahmen.

Hardturm

Am neuen Ende der 8 landen die Trams dieser Linie an jenem sporthistorisch sehr wichtigen Ort. Hier stand ehemals das Stadion der „Grasshoppers“, dem Fussballclub GCZ. Ganz ehrlich: Ich interessiere mich nicht für Fussball, nicht einmal im Ansatz. Aber ich kann mich erinnern, dass ich diesen Namen bereits in ganz jungen Jahren wahr genommen hatte, als ich noch in Berlin lebte. Die Grasshoppers hatten weltweit einen Namen, was man vom gegnerischen Club mit Namen FCZ nun nicht wirklich behaupten kann. Aber es soll hier nicht um jenen Sport gehen, sondern um dieses Areal. Vor einigen Jahren wurde das alte Stadion dem Erdboden gleich gemacht. Seitdem wird diese Fläche immer wieder zwischengenutzt. Und wie sich das für Zürich gehört, wird seitdem auch immer wieder heftig darum gestritten, wie es dauerhaft mit jenem Areal weiter gehen soll. So oder so: Zürich wächst nach meinem Empfinden in diesem Teil der Stadt am schnellsten, hier werden immer mehr Neubauten aus dem Boden gestampft, die natürlich meistens einer geschäftlichen Nutzung zugedacht sind. Hier eine Tramlinie enden zu lassen (neben der 17, die weiter bis an den Stadtrand fährt), ist schlau. Irgendwann werden auch hier mehr Menschen ein- und aussteigen, jetzt geht es hier noch eher gemächlich zu. Für mich hat diese Ecke einen ganz besonderen Charme. Sie wirkt auf mich irgendwie „ist vergessen worden“. Aber das wird sich wohl in wenigen Jahren auch ändern, wenn es mit der Stadtentwicklung so weiter geht. Wenn ich auf der 8 vor allem zu später Stunde an einem Sonntag hier stehe, dann ist dieser Eindruck besonders stark. Manchmal ist unsereins „da vorne“ dann wirklich mit sich, dem Tram und der Stadt alleine, so ruhig ist es hier. Und dann kann man auch hin und wieder den einen oder anderen Stadtfuchs beobachten. Aber das wird dann auch irgendwann Vergangenheit sein, wenn sich hier ein Neubau an den anderen reiht und wir auf der 8 dann auch hier mehr Menschen hin- und wieder wegtransportierten.

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