Mit wehenden Fahnen

Ich kann Ihnen nicht sagen, warum ich von je her meine Mühe mit Fahnen hatte (genauer: die aus Textilgewebe, nicht die aus einem gewissen gasförmigen Zustand bestehenden). Ich assoziiere mit Fahnen immer sehr „deutsch“ anmutende Menschenmengen, die ein Symbol für das schwenken, wofür auch immer dieses Symbol herhalten muss. Gerade die Deutschen haben ihre ganz besondere Erfahrung mit Symbolen und Fahnen! Nur leider vergessen das viele derzeit gerade einmal mehr und nehmen SchwarzRotGold als sichtbares Zeichen ihrer Abgrenzung von was auch immer, schreien es in die Welt hinaus und verhalten sich, als würde eine ganz andere Fahne wieder auferstehen. Wahrscheinlich ist das der Grund, warum mir von Anfang an in diesem Land mit Namen Schweiz vor allem eines auffiel: Es gibt hier unglaublich viele Fahnen! Bitte korrigieren Sie mich, sollte ich mich irren, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass de facto jede in diesem Land sichtbare Fahre wie die Nationalflagge auch quadratisch ist – und nicht rechteckig! Jede Gemeinde, jede Stadt, jeder Kreis, jeder Kanton hat seine eigene Fahne. Manche sind wirklich schön und spiegeln nachvollziehbar, woher sie kamen und was sie bedeuten, andere hingegen sind – nun ja – eben Fahnen, recht einfallslos gestaltete Symbole für was auch immer. Es gibt Tage in einem Jahr, in welchem eine Gemeinde, eine Stadt, ein Kanton oder die gesamte Nation in einem regelrechten Meer von Fahnen aller Art versinkt, überall angebracht, wo sich so ein Ding in welcher Grösse auch immer anbringen lässt. Die grösste dieser Fahnen wird immer zum „Geburtstag“ der Nation am 1. August eines Jahres an einem Berg befestigt, schön unübersehbar gegenüber dem Ort, an welchem der Geschichte (oder doch vielleicht der Legende?) nach die Schweiz in ihrer ursprünglichen Form, der „alten Eidgenossenschaft“, im Jahre 1291 gegründet wurde. Ich für mich selbst habe mir nie viel aus Fahnen gemacht, bis ich hier in der Schweiz sesshaft wurde. Ich habe nie die Flagge eines Sportvereins oder eines Landes besessen, für mich waren und sind diese Dinger ein Symbol von etwas, mit dem ich mich – wenn überhaupt – nur ansatzweise und auch nur teilweise identifiziere. Aber dann bezog ich mein Heim auf helvetischem Boden und beobachtete Jahr für Jahr, wie ein Bewohner des Hauses gegenüber dem meinigen immer die Fahne der „Zunft Höngg“ anlässlich des in Zürich beliebten Festes mit Namen „Sächsilüüte“ („Sechsuhrläuten“), hisste, eine schöne Fahne (und das meine ich ohne jeden Scherz oder Ironie), aber eine übergrosse Version von dem Ding! Irgendwann ging mir das etwas auf den Zünder und so bestellte ich im Internet die Fahne „meiner“ Stadt Berlin, die Amtsversion, die sich von der „normalen“ in kleinen Details unterscheidet.

Ich zögerte fast ganze zwei Jahre, bevor ich dieses Ding aufhängte, irgendwie ahnte ich, dass dieser Vorgang Folgen haben könnte, dennoch beschloss ich mich meiner Wurzeln entsinnend diese Fahne im Balkonbereich aufzuhängen. Nun ist das so eine Sache mit dem Aufhängen von Fahnen in der Schweiz. Es spielt eine Rolle, ob eine Fahne -> in <- einem Balkonbereich aufgehängt wird oder aber ob diese aus dem Balkonbereich heraus ragend weht (oder an einem extra dafür angeschafften und aufgestelltem Mast im Garten oder wo auch immer zu wehen hat). Da haben zahlreiche „Institutionen“ ein Wort mitzureden und die können so ein Vorhaben auch schon mal auf Kosten desjenigen, der das alles vom Zaun gebrochen hat, rückgängig machen. All dieser Umstände war ich mir bewusst. Und so hängte ich die Fahne der Stadt Berlin an eine Trennwand meines Balkons. Sie wehte also nicht ausserhalb des Gebäudeprofils im Wind! Ein kleines Stück Heimat auf meinem Balkon, mehr sollte das Ding nicht symbolisieren. Aber dann geschah etwas, was ich inzwischen auch als „typisch Schweizerisch“ bezeichne. Nicht einmal zwei Tage später, nachdem ich mein Berlin-Symbol aufgehängt hatte, klingelte es an meiner Tür und mein Vermieter stand vor mir. Kleine Anmerkung insbesondere für Zuwanderer aus Deutschland: Dem Vermieter muss (!) auf Verlangen jederzeit Zutritt zur „eigenen“ Wohnung gewährt werden, der braucht keine Polizei oder dergleichen (aber auch hier sind Grenzen gesetzt, die man erst einmal erkunden muss, auch das nur als Hinweis). Da stand er nun vor mir und attestierte, dass ich wohl eine Fahne auf meinem Balkon installiert hätte. Er fragte zwar höflich, ob er diese „mal“ sehen dürfe, aber es war mir klar, dass er dazu meiner Erleubnis nicht bedurfte und nach jener auch gar nicht erst fragte. So fegte er auf meinen Balkon, begutachtete den Fetzen und fragte mich dann, was das für eine Fahne sei. Ich erklärte ihm die Berliner (Amts-)Flagge, nicht aber, warum ich sie überhaupt angeschafft und aufgehängt hatte. Er nahm meine Erklärung mehr oder minder tonlos (vielleicht aber auch verständnislos) entgegen und verabschiedete sich, genau so schnell wieder aus „meiner“ Wohnung fegend, wie er sie betreten hatte. Kurze Zeit später begegneten wir uns erneut und ich nutzte die Gelegenheit, um nach dem Grund für jene „Fahnensichtung“ zu fragen. Lange Rede, kurzer Sinn: Der Nachbar vom Haus gegenüber, der mit der übergrossen Höngger Zunftfahne, wollte wissen, was das für eine Flagge sei, die da an meiner Balkonwand hing.

Ich bin jenem Mann bereits öfters auf der Strasse begegnet, aber wir grüssten uns stur mit „Grüezi“ und „Schönen juten Tach auch“. Er hat nicht auf eine Gelegenheit gewartet, mich persönlich anzusprechen, er ist einen anderen, einen typisch Schweizerischen Weg gegangen. Und das juckte mich dann doch!  So reifte im Verlaufe meines Einbürgerungsprozesses ein Gedanke in meinem Kopf, den ich nun vor sehr kurzer Zeit in die Tat umgesetzt habe. Ich stänkere manchmal ganz gerne herum, nur um anderen mal vor Augen zu führen, was sie mit ihrem Vorgehen, ihren Erwartungshaltungen und Ansprüchen anrichten. Im Stänkern bin ich gut! Und so bestellte ich ganze vier (!) Fahnen: Die normale Flagge von Berlin, die von Zürich, die der Schweiz und die von Deutschland (mit der ich immer noch erhebliche Mühe habe). Ich bastelte an diesen Dingern herum, besorgte mir in einem Möbelhaus aus einem Land Skandinaviens (welches meines Wissens nach weltweit vertreten ist) eine Aufhängevorrichtung, die normalerweise für Gardinen gedacht ist, lieh mir von einem anderen Nachbarn die einzige Bohrmaschine, die in Weltkriegs- und Atombomben-sicheren Schweizer Beton bohren kann und schraubte an dem Tag zwischen Karfreitag und Ostersonntag (wenn ich schon national am stänkern bin, nehme ich kirchliches gleich mit) das -> innerhalb <- meines Balkonbereiches, was Sie oben auf dem Bild sehen können: Einen veränderbaren Sonnenschutz aus den bereits genannten vier Flaggen, eine wehende Stänkerei nach Gegenüber! Aber keine Sorge, ich werde diese Flaggen in relativ absehbarer Zeit durch vollkommen Farb- und Nationen-neutrale Stoffbahnen ersetzen und mein Konstrukt nur noch am 1. und dem 2. August, sowie am 27. März eines Jahres aufhängen. Und wenn dieses Land anlässlich irgendeiner Weltmeisterschaft wieder überdeutlich zu verstehen gibt, woher jemand kommt und wofür er oder sie „einsteht“, so werde ich dieses Konstrukt erst recht nicht aufhängen, auch Stänkereien haben ihre Grenzen. Wie empfindlich die Schweizer Volksseele auf Symbole für Nationalität reagieren kann, soll ein Vorfall verdeutlichen, der meines Erachtens die Problematik hinter alledem in diesem Land nicht besser beschreiben kann. Bei irgendeiner Fussball-Weltmeister- oder Europameisterschaft (ich interessiere mich für diesen Sport sowas von überhaupt nicht!) zeigten zwei Spieler der Schweizer Nationalmannschaft mit ihren Händen das Symbol aus der Flagge des Kosovo, den Doppeladler. Aus dieser Geste entsprang eine heftige Diskussion darüber, wie weit her es mit der Integrität, der eigenen Identifikation jener Spieler für die Nation sei, die sie irgendwann einmal aufgenommen und gefördert hatte, ob sie „andere“ Schweizer sein würden als die, die…. nun ja, eben nicht stänkern. Aber das ist das Berlin in mir: Mein Balkon ist meins! Wer da rein pfuscht, der wird sehen (!), was er oder sie davon hat! Adé, Merci!

„Sie dürfen lächeln!“

In welchen Registern der Schweiz ich auch immer zwischenzeitlich „hinterlegt“ worden war, so konnte ich nunmehr Reisepass und Identifikationskarte (vergleichbar mit dem „Personalausweis“ in Deutschland, wobei mir sich bis zum heutigen Tage noch nicht erschlossen hat, von wem ich eigentlich genau „Personal“ seinerzeit war, in der Schweiz dient diese Karte zur Identifikation…) der Schweiz beantragen. Man kann wählen, ob man beide Dokumente zusammen oder einzeln ausgestellt haben möchte, entsprechend unterscheiden sich die Kosten. Zu diesem Zweck wurde mir sowohl ein Link im Internet, als auch eine Telefonnummer schriftlich auf Papier mitgeteilt, mit deren Hilfe ich mein Anliegen vorbringen konnte. Ich bin ein Mensch, der eine Stimme einer Internetseite bevorzugt, also wählte ich irgendwann die Telefonnummer, um, wie schriftlich fest gehalten, einen Termin mit dem zuständigen Passbüro des Kantons Zürich zu vereinbaren . „Drücken Sie bitte die 1 für…“. „Drücken Sie bitte die Taste 2 für…“. Egal, welche Taste ich auch drückte, so verdeutlichte mir die vom Band in mein Ohr gesprochene Stimme letztendlich immer die Empfehlung, ich möge mein Anliegen doch bitte online vorbringen – über das Internet. Nix persönlich, schön digital unpersönlich. Deutsch. Aber gut, ich kenne inzwischen beide Welten, also ging ich „online“. Es dauerte eine kurze Zeit, bis ich begriff (und ich bin NICHT blöd, wenn es um exakt solche Dinge geht), wie man überhaupt einen Termin hinterlegt, ob da überhaupt noch Platz ist und wie man erkennen kann, dass der selbst gewählte Termin auch bestätigt wurde. Mein Beruf hat mich gelehrt, auf gewisse Dinge zu achten, die nicht selbsterklärend sind. Immerhin erhielt ich die Terminbestätigung in vergleichsweise exorbitant kurzer Zeit an meine E-Mail-Adresse. Erfreulicher Weise konnte ich mit dem Tram dort hin fahren (Anmerkung: Auch wenn in Deutschland „die“ Strassenbahn logischer Weise „die“ Tram implementiert, so ist es hier in der Schweiz „das“ Tram – vom französischen „le tram“. Spätestens hier verrät sich jeder Deutsche selbst, egal, ob sprachlich angepasst, integriert und eingebürgert oder nicht. Kleiner Tipp: Sollten Sie nicht indo-europäische Sprachwurzeln aufweisen können oder gar wollen, so bleiben Sie bei „de Tram“, „de Bus“, „de PW“, „de Maa“, „de Frau“. Versteht auch hier jeder). Somit fuhr ich in die Gegend vom Escher-Wyss-Platz zum Passbüro, einem typischen Neubau aus den 90er Jahren, schmucklos und nicht sonderlich einladend (vielleicht ist aus genau diesem Grunde unter anderem dort auch die „Gemeinde Christi“ untergebracht…). Ich fand mich recht schnell in dem Gebäude zurecht, zog eine Warte-Nummer und nahm Platz, richtete mich auf mehr Wartezeit ein, weil ich einerseits zu früh da war und es andererseits in jenem Gebäudetrakt wie in einem Bienenstock zuging. Menschen aus allen erdenklichen Ländern waren dort, Eltern mit Kleinstkindern, ganze Grossfamilien, Einzelpersonen – das Abbild von Zürichs Bevölkerung, wie ich es Tag für Tag in meinem Beruf sehe.

Es ging sehr zivilisiert und trotz der emsigen Geschäftigkeit dann doch erstaunlich ruhig zu. Für die Erfassung meiner biometrischen Daten waren gerade einmal 15 Minuten veranschlagt, weitaus weniger, als ich seinerzeit für den gleichen Vorgang in der Deutschen Botschaft in Bern opfern musste, aber ich rechnete mit mehr Zeit, in gewissen Dingen bin ich Realist. So sass ich dort in etwa zehn Minuten und konnte das Treiben beobachten. Der Warteraum war gross, in der Mitte allerlei Sitzgelegenheiten, im Rücken und gegenüber mehrere Bearbeitungs- und Erfassungsstellen in Form von mit normalem Glas gesicherten Büroschaltern und einem Kabinenbereich, der entfernt an einen Photoautomaten oder den Aufenthaltsbereich des Personals in einem Flugzeug erinnerte. Ich musste meinen Deutschen Reisepass und die Meldebestätigung aus Zürich vorweisen können, ein Foto wurde nicht verlangt, selbiges wurde in dem gesamten Prozess geltenden Richtlinien entsprechend vor Ort gemacht. An diversen Stellen im Internet gab es Anleitungen, wie gegebenenfalls ein Foto auszusehen hatte, um als Passfoto herhalten zu können (nicht jede Gemeinde ist technisch so ausgerüstet, wie Zürich und dann muss man selbst ein Foto mitbringen). Zu hell, zu dunkel, Augen nicht geradeaus gerichtet und dergleichen, entsprechende Foto-Beispiele waren zur Orientierung abgebildet. Und dann stand in jenem Online-Dokument da noch jener eine Satz, der mir nachhaltig in Erinnerung blieb:

„Sie dürfen lächeln!“

In exakt dieser Schreibweise! Ein Passfoto mit einem Lächeln! Und das mir, ich, der sowieso schon mal nicht auf Bestellung lächeln kann! Soweit ich mich entsinnen kann war genau so ein Lächeln bei der Erstellung eines Passfotos in Deutschland zumindest unerwünscht, wenn nicht sogar strikt untersagt. „In Doitschland wirrrrd nöcht gelächelt!“ tönte in meinem Kopf bei der Lektüre dieses Satzes eine leicht nach „Wochenschau“ aus dem Dritten Reich klingende Stimme. „Verrrbotten! Strrrrrikt! Total!“ Und jetzt dieser Satz! Fast schon unweigerlich ertönten nunmehr eher Schweizerisch anmutende Klänge in meinen Kopf: „Sie dürfed au lächle!“ Schön mit Kuhglocken, Bienenbrummen und etwas Ziegengemecker obendrauf als Hintergrundklang, beim Aussprechen dieses Satzes mindestens zwei Oktaven abdeckend melodiös glückselig klingend. Zuweilen mache ich mir noch selbst Sorgen über meinen manchmal allzu kreativen Geisteszustand. Aber vielleicht sollte diese erlaubende Aufforderung auch dazu dienen, bereits ab Passfoto dem Rest der Welt die Glückseligkeit dieser Insel Schweiz in Form eines lächelnden Konterfeis des Inhabers zu vermitteln. So sass ich dort, beobachtete das Treiben, während ich parallel zu meinen Beobachtungen in meinem Hirn zu ermitteln versuchte, ob meine Gesichtsmuskeln überhaupt ein Lächeln auf Abruf erzeugen könnten, ein schweizer Lächeln, kein deutsches, begleitet von Kuhglocken, Bienenbrummen und Ziegengemecker.

Irgendwann tauchte meine Wartenummer auf der Anzeigetafel auf und ich begab mich zu dem Schalter, der rein zufällig exakt vor mir positioniert war, ich musste also keine weiten Wege zurück legen zu der dort tätigen jüngeren Dame, deren Aktivitäten ich zuvor schon teilweise in Augenschein nehmen konnte, als sie das Neugeborene eines jungen Paares biometrisch erfasste. Ich trat an den Schalter, wir begrüssten uns, ich in Hochdeutsch, sie in Schweizerdeutsch. Nach Vorlage meines Deutschen Reisepasses fragte sie zur Kontrolle ein paar andere Eckdaten zu meiner Person ab, aber nach der Meldebestätigung fragte sie nicht (im Zweifelsfalle hätte ich ALLES zu meiner Person vorweisen können, ich misstraue aus Prinzip der amtlichen Technik und so hatte ich auch wirklich ALLES mitgenommen, was es amtlich zu meiner Person zu lesen gab, inklusive der vier Versionen meiner Geburtsurkunde, meine Zivilstandsdokumente, sämtliche Führerscheine, sogar den zwischenzeitlich abgelaufenen alten Deutschen Reisepass, einfach alles. An jenem Tag trug ich buchstäblich mich selbst mit mir herum – vollkommen bekloppt und typisch ich, aber ich hatte gute Gründe dafür, Gründe, die auf deutschen Annahmen und Erfahrungen basierten, nicht aber schweizerischen…). Dass sich deutsche Amtstechnik zuweilen nicht von schweizerischer unterscheidet, sollte ich dann auch in jener „Erfassungskabine“ bemerken. Der mir bereits von der Deutschen Botschaft in Bern bestens bekannte Fingerabdruckscanner stammte vom gleichen Hersteller, wie jener, der da nun vor mir platziert war. Horrorszenarien spielten sich in meinem Kopf ab! Aber hier war dieser Scanner elegant in ein Gesamtkonstrukt eingebaut, welches wirklich nicht sonderlich von einem normalen Photoautomaten abwich, nur dass unterhalb der Fotokamera jener Scanner und noch eine Art Touchscreen verbaut waren, auf welchem ich meine Unterschrift zu hinterlassen hatte. Die bearbeitende Dame wendete sich per Mikrofon an mich, der da durch einen Vorhang von der Aussenwelt abgeschirmt auf seine biometrische Erfassung wartete. „Wir fangen dann mal mit dem Foto an. Schauen Sie bitte auf die drei roten Punkte.“ Ganz speziell dieses „wir“ liebe ich: Wir entnehmen dann mal in Ihrem Beisein Ihre Milz, Ihre Leber, Ihren Magen, Ihr Herz…! Die Kamera wurde von Geisterhand in eine andere Position bewegt und dann erklang erneut die Stimme aus dem unsichtbaren Lautsprecher:

„Sie dürfed au lächle!“

Da waren sie wieder, die Kuhglocken, das Bienenbrummen, das Ziegengemecker. Und ich bemerkte, wie sich meine Gesichtsmuskeln irgendwie in Bewegung setzten. Kein Blitz, kein Ton, kein gar nichts vermittelte mir, dass jemand auf einen Auslöser gedrückt hatte, statt dessen präsentierte mir die Stimme das entstandene Bild auf einem Monitor und fragte, ob mir das auch recht wäre, was bei Kuhglockengebimmel, Bienenbrummen und Ziegengemecker herausgekommen war, mir, der mit Fluglärm, Berliner Schnauze und Hundegebell aufgewachsen ist. Das Ergebnis war eine Mischung von alledem: Fluggebimmel, Hundebrummen und Berliner Gemecker. Ein typisches Passfoto. Nur wer mich sehr gut kennt würde sehen, dass ich einen Gesichtsausdruck aufweise, der bestenfalls ungewöhnlich für mein sonstiges Erscheinungsbild ist. Aber weit entfernt von einem glückseligen Schweizer Lächeln. Im Kopf die Worte „Kannste knicken mit einem blödglückseligen Jrinsen bei mir, dit funktioniaht bei mia in Ämtern nisch!“ segnete ich mit den gesprochenen Worten „Hilft alles nichts, ist in Ordnung so.“ die Aufnahme ab. Anschliessend wurden meine Zeigefinger gescant, dann unterschrieb ich auf jenem Touchscreen, sammelte meine sieben Sachen zusammen und trat wieder an den Schalter, an welchem mir die Dame ein Papier aushändigte, mit welchem ich zur Kasse gehen und den ganzen Vorgang bezahlen könnte. Ich wünschte ihr noch einen erträglichen Tag (was sie mit einem wissenden Schweizer Zitronen-sauer-macht-lustig, nicht deutsch Moralin-sauer-weil-anderes-ist-in-Deutschland-nicht-erlaubt Lächeln quittierte) und trat an die Kasse auf der anderen Seite des Raumes. Dort angekommen wollte ich den Betrag abgezählt bar bezahlen (auch typisch ich), aber anstatt der „online“ veranschlagten Kosten von 148 Franken schlug das Ganze mit 158 Franken zu Buche – online war keine Rede von der zusätzlich zu erhebenden Bearbeitungsgebühr. Also musste eine Karte herhalten. „Sie bekommen dann in ungefähr sieben Tagen zwei eingeschriebene Briefe.“ In weniger als sieben Tagen erhielt ich dann auch eine Abholungseinladung, beide Briefe vom „Bundesamt für Bauten und Logistik“ stammend. Bauten und Logistik? Bekomme ich als Neu-Schweizer etwa eine Parzelle von einem Quadratmeter Grösse irgendwo in den Hochalpen zum Bau von was auch immer geschenkt oder was? Nach etwas Recherche zeigte sich, dass dieses Amt für die Produktion von Identitätskarte und Reisepass zuständig ist, also nix mit Kuhglocken, Bienenbrummen und Ziegengemecker auf eigenem eidgenössischem, Verzeihung, Papierli-Schweizer Boden! Grund und Boden ist in der Schweiz bestenfalls knapp!

Wenige Tage später also holte ich mir Reisepass und Identifikationskarte auf der Poststelle ab. Nein, ich werde Ihnen hier nicht das entstandene Foto zeigen! Man könnte meinen, ich kann nicht einmal bis Zehn zählen! Das Resultat ist vielleicht ein biometrisches Abbild meiner Selbst, sicherlich aber kein mathematisch erklärbares, die Zahl „Zehn“ hin oder her! Da haben weder Fluglärm, noch Kuhglocken geholfen, Passfotos sind einfach per se die denkbar unvorteilhafteste Abbildungsform des Menschen. Aber man soll ja auch keine Vorteile automatisch haben dürfen, nur weil man einen bestimmten Pass vorweisen kann, oder? Aber überhaupt einen Pass zu besitzen – egal, wie bekloppt man selbst auch in so einem aussehen mag – hat durchaus seinen Sinn. Egal, ob man bis Zehn zählen kann oder nicht oder aber von gediegenem Fluglärm von zur Zeit theoretisch (!) drei Flughäfen in Berlin zwischenzeitlich zu weitaus angenehmerem Schweizer Bienenbrummen in Zürich übergegangen ist. Und was die Parzelle in den Schweizer Hochalpen anbelangt: Ich kann nunmehr wo auch immer auf der Welt den Schweizer Pass auf den Boden legen, mich darauf stellen und melodiös von mir geben: „Han zwar kei Parzell i dr Schwiizr Hochalpe, aber hier isch jetzt au Schwiiz!“.

Glückselig lächelnd.

Aber von sowas macht niemand ein Foto, erst recht kein biometrisches, das könnte „blöd“ rüber kommen so rein „national“ betrachtet. Abgesehen davon ist die Antwort auf alle Fragen 42. Und nicht 10.

Landeskennung

Mehr durch Zufall stolperte ich über eine Besonderheit – nein, nicht in der Schweiz -, sondern wenn es um die Schweiz im Ausland geht, also so ziemlich jedes an die Schweiz angrenzende Land. Es handelt sich dabei um eine „Kleinigkeit“, die durchaus teuer werden kann, wenn sie fehlt: Die Landeskennung an einem Fahrzeug, jener ovale Aufkleber, der Aufschluss darüber gibt, aus welchem Land das Fahrzeug kommt. An Fahrzeugen aus der Europäischen Union sucht man diesen Aufkleber meistens vergeblich, denn die Nummernschilder dort haben an der linken Kante ein blaues Feld, in welchem in weissen Buchstaben ein entsprechendes Landeskürzel eingeschlossen ist und müssen somit nicht jenen Aufkleber aufweisen. Das Fürstentum Liechtenstein und die Schweiz (und einige andere Länder) aber haben „nur“ das Wappen des jeweiligen Landes an der linken Seite des Nummernschildes – ohne zusätzliche Buchstaben. Und genau das ist der Umstand, weswegen laut einem Abkommen Fahrzeuge aus diesen beiden Ländern jenen Landeskennungsaufkleber haben müssen, wenn das umgebende Ausland mit jenem Fahrzeug durchfahren wird. Diese Pflicht gilt de facto für alle motorisierten Fahrzeuge, also auch Krafträder. Der Aufkleber muss eine bestimmte Grösse aufweisen, kleinere oder anderweitig von den Vorgaben abweichende Varianten sind nicht zulässig. Nun sieht man einen solchen Aufkleber nur noch sehr selten im Strassenbild, den wenigsten Fahrzeuglenkern aus der Schweiz und Liechtenstein ist diese Pflicht bewusst und so fahren sie meist ohne dieses Ding ins benachbarte Ausland, weil sie davon ausgehen, dass dieser Aufkleber nicht notwendig sei. Dabei kann man für das Fehlen eines solchen Aufklebers gebüsst werden. Tatsächlich findet das nicht oft statt (weswegen viele glauben, man brauche so ein Ding nicht), aber es ist in verschiedenen Ländern schon vorgekommen, dass das Fehlen geahndet wurde. Vollkommen rechtmässig. Das Schweizer Wappen allein ist also nicht „wirkungsvoll“ genug für Europa.

Ich habe vor, in diesem Sommer mit meinem Motorrad nach Katalonien zu fahren. Allein aus diesem Grunde werde ich diesen Aufkleber an einem meiner Koffern anbringen, dieses riesige Ding, was aus rein ästhetischen Gründen einfach nicht passt. Nur dort habe ich genug Platz, um diese Pflicht zu erfüllen, wie andere Motorrad-Fahrer mit dieser Problematik umgehen, entzieht sich meiner Kenntnis. Laut Vorgaben dürfte ich streng genommen diesen Aufkleber nicht dort anbringen, er muss sich – und das gilt auch für PWs! – am Fahrzeug selbst befinden, an „nicht veränderbaren“ Teilen. Nun Versuchen Sie einmal so ein riesiges Ding an der Rückseite (und nur dort darf der angebracht werden in einer Höhe von 20 bis 135 Zentimetern) eines Motorrades anzubringen, wenn Sie keine Koffer haben! Auf das Nummernschild direkt aufkleben würde das Prinzip hinter der Landeskennung ad absurdum führen (und ist nicht zulässig). Auf eine entsprechend grosse Rückleuchte kann man das Teil theoretisch kleben – ist aber nahe liegender Weise ebenso nicht zulässig. Gleiches gilt für Blinker-Leuchten (die ohnehin zu klein sind). Da das Ding gut von hinten sichtbar sein muss, macht es auch herzlich wenig Sinn, den auf dem Soziussitz anzubringen, irgendwo vorne oder auf einer der Benzintankseiten.

Nun könnte ich es drauf anlegen und ohne diesen Kleber los ziehen in der Hoffnung, dass ich nicht irgendwo in Frankreich oder Katalonien angehalten und gebüsst werde. Nun bin ich aber, teilweise aus selbst gemachten Erfahrungen heraus, ein Realist. Wie auch immer so manch ein Artgenosse auf diesen Gedanken kommt: Wer aus der Schweiz kommt, hat Geld, ist reicher, als so manch ein Durchschnitts-EU-Europäer. Das mag bis zu einem gewissen Grad auch zutreffen, ändert aber nichts an der Tatsache, dass man innerhalb der Schweiz auch mehr Geld zum Leben braucht. Genau das ist der Grund, warum so viele Schweizer in grenznahe Städte fahren, um dort günstiger einzukaufen. Meist ohne jenen Aufkleber am Fahrzeug! Ich bin mir ziemlich sicher, dass ein Schweizer Kennzeichen im Hinterland von Katalonien auffallen wird, schon in Deutschland wurde ich mehrfach angesprochen, ob ich wirklich aus der Schweiz käme und ob ich wirklich die lange Strecke von Zürich nach wohin auch immer mit dem Motorrad zurück gelegt habe. Die Vorstellung, ich könnte von irgendwelchen gelangweilten Beamten bei brütender Hitze in Motorradkleidung angehalten werden, erscheint mir nicht sonderlich erstrebenswert. Noch weniger erstrebenswert aber erscheint mir die Vorstellung, für einen fehlenden Aufkleber gebüsst zu werden, also kommt das Ding an den einen Koffer, bevor ich die Landesgrenzen der Schweiz überfahren werde. Ob diese Kennungspflicht aus dem Jahre 1968 überhaupt einen Sinn macht und wenn ja welchen, möchte ich zumindest in Frage stellen. Aber die Schweiz hat nun einmal jenes Abkommen ratifiziert, also komme ich im Rahmen meiner Möglichkeiten dieser Pflicht nach. Doppelbürgerschaft hin oder her. Nicht umsonst kommt mir die Schweiz in mancherlei Hinsicht wie jenes kleine gallische Dorf vor, welches in den weltweit bekannten „Asterix“-Comics auftaucht…

Nachtrag: Ein Arbeitskollege wies mich kurz, nachdem ich diesen Artikel hier veröffentlicht habe, darauf hin, dass diese Pflicht nicht gegeben ist. 1998, also gut dreissig Jahre nach dem Abkommen von Wien, wurde beschlossen, dass die Mitgliedsstaaten der EFTA, zu der auch die Schweiz gehört, nicht jene Landeskennung sichtbar am Fahrzeug haben müssen. Er selbst war in eine genau solche Situation gekommen, in welcher ein Beamter in Österreich ihn für das Fehlen jenes Klebers büssen wollte. Für meine Begriffswelt ist dieser Kollege ein Schweizer, wie er im Buche steht: Er setzte geltendes Recht alleine ohne juristischen Beistand vor Ort durch und musste die geforderte Busse nicht zahlen. Trotzdem taucht heute – wir sind im Jahre 2019 angelangt – immer noch der Hinweis auf, dass dieser Aufkleber Pflicht sei, auch an Stellen, die es besser wissen und entsprechend hinterlegen sollten. Lange Rede, kurzer Sinn: Diese Problematik der Widersprüchlichkeit ist auch gewissen Stellen des Bundes bekannt. Als Antwort kann man auf Nachfrage dann die Empfehlung erhalten, man möge diesen Aufkleber trotzdem anbringen, nicht jeder Beamter eines anderen Landes ist sich des Unterschiedes zwischen EU und EFTA bewusst, kann also unter Umständen gar nicht wissen, dass diese Kleber-Pflicht seit 1998 auch für die Schweiz abgeschafft wurde. Was sagt mir als Deutscher und Schweizer das? Informiert bleiben, beharrlich aber freundlich solche Informationen durchsetzen – die perfekte Mischung zwischen Deutsch und Schweizerisch. Trotzdem werde ich vor meiner Reise nach Katalonien nicht so viel Katalanisch lernen, nur um einem Beamten den Unterschied zwischen EU und EFTA klar zu machen…

Ablauf, Dauer & Kosten

Ein sehr (!) langer Beitrag… Sich in der Schweiz ordentlich einbürgern zu lassen, ist keine banale Angelegenheit und nicht ohne Grund kann man an zahlreichen Orten Hinweise darauf finden, dass die Hürden auf dem Weg zum Bürgerrecht der Schweiz im Vergleich zu anderen Ländern sehr hoch sind. Rein subjektiv kann ich das nur bedingt bestätigen, ich habe keine Vergleichsmöglichkeiten zu anderen Ländern dieser Welt und anderen Gemeinden und Kantonen dieses Staates, in Bezug auf die Gemeinde „Stadt Zürich“, welche mich als Bürger aufgenommen hat, kann ich fest halten, dass der gesamte Ablauf mit einer Ausnahme fast rein administrativer Natur ist und der Hauptaufwand für einen Bewerber in der Beschaffung notwendiger Unterlagen besteht. Leider kann ich mein Verfahren nicht als stellvertretend für andere darstellen, die in der Schweiz statt finden, denn einerseits wurde zum Jahreswechsel von 2017 auf 2018 eine ganze Reihe von Gesetzen, die auch Einbürgerungen umfassen, geändert (und ich hatte mich vor jenem Jahreswechsel in Bewegung gesetzt), und andererseits kann es je nach Kanton und Gemeinde zum Teil erhebliche Unterschiede im Ablauf eines Verfahrens, den Kosten und der Dauer geben. Dennoch gibt es einen groben Mantel, der in etwa Modell für alle Einbürgerungsverfahren ist. Eine ganz grundlegende Voraussetzung – und gleichzeitig meine persönliche Empfehlung – ist, dass man eine der insgesamt vier Amtssprachen der Schweiz so beherrscht, dass man entsprechend Formulare zu dem Gesamtprozess fliessend versteht, sowohl in Schrift, als auch in Sprache! Man muss und sollte sich in diesem Lande verständlich ausdrücken können, wenn man den Weg der ordentlichen Einbürgerung wählt. Das bedeutet nicht, dass man fliessend Schwiizerdüütsch (Schweizerdeutsch) sprechen MUSS (zumindest nicht in der Stadt Zürich), das bedeutet, dass man den Inhalt von Formularen nach Lektüre in Aussage und Bedeutung verstanden hat und entsprechend agiert – und dafür ist Kenntnis nach einem bestimmten Standard in mindestens einer der vier Amtssprachen zwingend nötig. Welches Sprachvermögen bei einem Bewerber vorhanden ist, wird gegebenenfalls durch einen Test ermittelt. In der Stadt Zürich ist vor allem Deutsch die Amtssprache schlechthin, aus welchem Grunde auch immer musste ich diesen Test nicht absolvieren, wurde gar nicht erst zu einem solchen geladen, das bedeutet aber nicht zwingend, dass die Kenntnisse eines Bewerbers nicht ermittelt werden, nur weil sie oder er über Deutschland in die Schweiz gekommen ist! Der Begriff Muttersprache zählt hier noch etwas.

Nahe liegender Weise will der Staat Schweiz, der Kanton und die Gemeinde, in welcher man sich einbürgern lassen möchte, recht genau Bescheid über den Menschen wissen, welcher sich bewirbt. Aus diesem Grunde setzt sich ein Teil der Anforderungen aus dem Zeitraum zusammen, welche diese Person auf dem Boden des Staates Schweiz bisher verbracht hat, als auch aus dem Vorleben jenes Bewerbers ausserhalb der Landesgrenzen: Ob das nun grundlegend gemacht wird oder nur bei Verdacht oder Bedarf: Gewisse Erkundigungen können und werden auch im Ausland eingeholt. Erste Anlaufstelle für eine ordentliche Einbürgerung ist die Gemeinde, in welcher man aktuell lebt. Dort wird zunächst ganz grundlegend ermittelt, ob man sich überhaupt einbürgern lassen kann. Bestimmte Punkte unterscheiden sich von Kanton zu Kanton und von Gemeinde zu Gemeinde, in der Stadt Zürich sind seit dem 1.1.2018 folgende Vorgaben zwingend zu erfüllen, bevor überhaupt ein Einbürgerungsantrag gestellt werden kann:

1.) Man muss eine so genannte „Niederlassungsbewilligung C“ besitzen. Um wiederum jene überhaupt zu erhalten, muss man sich bereits zehn Jahre mit einer Aufenthaltsbewilligung in der Schweiz aufhalten, darüber hinaus muss die jeweilige Aufenthaltsbewilligung in den letzten fünf jener zehn Jahre ununterbrochen im Besitz eines Bewerbers befindlich gewesen sein, sie darf also aus was für Gründen auch immer innerhalb jener fünf Jahre nicht entzogen oder nicht nicht verlängert worden sein. Die Art der Aufenthaltsbewilligung, vor der es insgesamt acht verschiedene gibt, entscheidet massgeblich darüber, ob und wann eine Niederlassungsbewilligung erteilt wird. Ich möchte hier jetzt nicht etwas nicht zutreffendes behaupten, aber ich meine mich entsinnen zu können, dass ich jene Niederlassungsbewilligung C automatisch bekommen hatte, nachdem ich zehn Jahre mit der Aufenthaltsbewilligung B bereits hier gelebt habe, aber das wurde mit den neuen Gesetzen geändert! Bitte fragen Sie mich nicht, wie genau, ich bin kein Jurist!

2.) Man darf innerhalb jener zehn Jahre nicht straffällig geworden sein. Ich kann hierzu nicht allzu viel schreiben, ich habe mir nichts zu Schulden kommen lassen (noch nicht einmal eine Park-Busse oder eine Geschwindigkeitsüberschreitung!). Ich vermute (und ich betone das, dass es sich um eine Vermutung handelt!), dass im Bedarfsfall abgewogen wird, ob eine Strafe begutachtet wird und wenn ja, wie sie sich auf ein Einbürgerungsverfahren auswirkt, aber ich bin mir recht sicher, dass Strafen, die Gefängnisaufenthalt umfassen, sicherlich anders gehandhabt werden, als „Ordnungswidrigkeiten“. Entsprechend werden Verurteilungen für Straftaten, die innerhalb der letzten zwanzig (!) Jahre begangen wurden, gehandhabt – das gilt auch für Straftaten, die ausserhalb der Schweiz begangen wurden und dort ebenso strafbar sind. Etwas plump formuliert muss man also eine mindestens zwanzig Jahre alte blütenreine Weste vorweisen können, egal, wo man zuvor gelebt hat.

3.) Man darf innerhalb der letzten drei der zehn Jahre keinerlei Sozialhilfeleistungen aus Kassen, die irgendwie „Schweiz“ implementieren, bezogen haben.

4.) Auszüge aus dem entsprechenden Register dürfen keine so genannten „Betreibungen“ aufweisen. Hat man über die eigenen Verhältnisse gelebt, werden entsprechend zuständige Institutionen irgendwann früher oder später ihr Geld zurück fordern, den Schuldner „betreiben“. So, wie ich diesen Punkt bisher verstanden habe, betrifft das den Zeitraum von fünf der zehn Jahre Aufenthalt in der Schweiz. Jetzt kann ich es Ihnen verraten: Ich wurde ganz am Anfang betrieben, aber nicht, weil ich nicht meine Krankenkassenbeiträge nicht gezahlt habe! Die Krankenkasse, die seinerzeit ausschliesslich „online“ funktionierte, hatte den Fehler begangen, mich zwei Mal als Versicherten aufzunehmen. Der eine Jens zahlte, der andere nicht, deswegen wurde der andere Jens Liedtke betrieben. Mit einigem Aufwand gelang es mir, der Krankenkasse den Fehler nachzuweisen und den Eintrag in jenem Register löschen zu lassen. Hätte ich das nicht gemacht, so wäre ich jetzt kein (Papier-) Schweizer. Es liegt also im eigenen Interesse, gewisse Vorgänge gründlichst zu durchforsten und beharrlich zu bleiben – und vor allem nicht blind dem zu vertrauen, was über einen Bildschirm flackert! Trotzdem habe ich meine Krankenkasse bisher nicht gewechselt.

5.) Die anfallenden Staats- und Gemeindesteuern müssen innerhalb der letzten fünf der zehn Jahre vollumfänglich gezahlt worden sein. Liest sich jetzt nicht sonderlich spektakulär, aber wenn man bedenkt, dass der Steuerbetrag für ein Jahr meistens, wenn nicht immer über einem kompletten Monatslohn liegt, dann birgt das eine gewisse – ja, wie soll ich das bloss nennen – Schwere, je nach ausgeübtem Beruf. Etwas zynisch formuliert verdient man in einem Jahr von zwölf Monaten per Gesetz dreizehn Löhne, aber man erhält oft „nur“ den Lohn von 11 1/2 Monaten für ein Jahr von zwölf Monaten…

6.) Zu dem Zeitpunkt, an dem man den Antrag auf Einbürgerung stellt, darf man nicht arbeitslos sein. Ich bin mir relativ sicher (will mich aber für jene Annahme auch nicht verklagen lassen), dass damit „nicht ohne vertraglich gesichertes Beschäftigungsverhältnis“ gemeint ist. Freiberufliche Tätigkeiten gehören aller Wahrscheinlichkeit nach NICHT zu dem Oberbegriff „erwerbstätig“!

7.) Sprachkenntnisse auf Niveau A2. Das ist nicht ohne! Aber sehen Sie selbst.

8.) Man muss bereits eine vorgegebene Zeit in der Gemeinde, in welcher man den Antrag stellt, „geordnet“ gelebt haben. Die Dauer eines solchen Aufenthaltes variiert von Gemeinde zu Gemeinde und ist NICHT vom Bund oder Kanton vorgeschrieben und festgesetzt!

Wenn diese Vorraussetzungen gegeben sind, kann man in der Stadt Zürich den Antrag auf Erwerb der Schweizer Staatsbürgerschaft stellen. In vielen Gemeinden kann man sich „online“ entsprechende Formulare herunter laden, diese anschliessend ausfüllen und dann zurück senden. Bereits von Anfang an legt die Schweiz exorbitanten Wert auf bestimmte Dinge, die zur Kenntnis genommen und entsprechend mit der Unterschrift eines Bewerbers abgezeichnet werden müssen. Die Eckpfeiler der Verfassung (die nebenbei angemerkt der der Bundesrepublik Deutschland in einigen Punkten sehr ähnlich ist) müssen akzeptiert werden. Aber die Schweiz wäre nicht die Schweiz, wenn in dem entsprechenden Formular bei der Frage, ob man alles verstanden habe, nicht nur ein „ja“ und „nein“, sondern auch ein „ich habe nicht alles verstanden“ stehen würde. Ich habe nicht die geringste Ahnung, was passiert, wenn man jenes Kästchen ankreuzen würde, aber ich kann es mir in etwa denken (und ich war aus reiner Neugier kurz davor, dort mein Häckchen zu setzen…). Ganz in Abhängigkeit von Kanton und Gemeinde… Aber da gibt es noch einen Aspekt, der zumindest mir immer mal wieder zu denken gegeben hat: Wer hier leben will, muss Militärdienst leisten, wer das aus was für Gründen auch immer nicht kann oder will, muss ersatzweise zahlen. Ich habe nie eine Waffe angefasst und nichts und niemand wird mich je dazu bringen, nur weil auf mich geschossen werden könnte! Abgesehen davon bin ich zu alt, bis ich meine Lesebrille aufgesetzt habe, ist die Deutsche Bundeswehr wahrscheinlich schon in Winterthur einmarschiert. Also werde ich wahrscheinlich irgendetwas zahlen müssen, aber jetzt ist mir dazu noch nichts bekannt, schaun wa mal, wat da noch kommt! Ansonsten ist das erste Formular, welches man erhält – mit Ausnahme von einem Punkt – selbsterklärend. Man muss einige Angaben zu beruflichen und familiären Verhältnissen, Kontakt zur Schweizer Bevölkerung (welcher denn bitte? Den Eidgenossen oder den eingebürgerten Schweizern oder den hier lebenden allumfassend und generell?) machen und das alles als der Wahrheit entsprechend unterzeichnen. Und nun kommt der eine Punkt: Wenn welche Institution auch immer nachweisen kann, dass in dieser ersten „Erklärung“ eines Bewerbers gegenüber dem Schweizer Staat etwas nicht der Wahrheit entspricht, dem oder der kann in einem Zeitraum von acht Jahren nach Erteilung der Staatsbürgerschaft eben jene auch wieder entzogen werden! Formal gesehen also ist ein Einbürgerungsprozess erst nach achtzehn Jahren vollumfänglich abgeschlossen und nicht bereits nach zehn! Wirklich, wäre ich nicht in Deutschland aufgewachsen, so hätte ich keinen besonderen Sinn für solche Zeilen, die vorzugsweise am Ende eines sehr langen Dokumentes noch so auftauchen können! ALLES lesen ist zuweilen sehr wichtig…

Es folgt die Auflistung der Dokumente, die der Schweizer Staat haben und sichten will, die Nachweise: Existiert ein Bewerber nachweislich überhaupt, ist man verheiratet, ledig, geschieden, Fotokopie der Aufenthaltsbewilligung (auch – vollkommen frei von jeder möglichen Wertung oder Interpretation – „Ausländerausweis“ genannt), Fotokopie des Reisepasses, Nachweise darüber, dass man auch in einer jeweiligen Gemeinde lebt (Wohnsitzbescheinigung genannt), eidesstattliche Erklärung über die wahrheitsgemässe Erfüllung der Anforderungen zur Einbürgerung, Nachweis über Schuldenfreiheit, Nachweis über die Erfüllung der Steuerpflicht, Nachweise über die Freiheit von Sozialleistungen, Nachweis über die sprachlichen Fähigkeiten und – wenn die jeweilige Gemeinde das verlangt – ein Kenntnistest (ganz ehrlich: Ich habe nicht die geringste Ahnung, wie so ein Vorab-Gemeinde-Test aussieht, ich musste sowas nicht absolvieren).

Bis zu diesem Punkt ist das ganze Vorhaben „Einbürgerung“ – abgesehen von den Kosten für Telefonate, Internet-Dienstleister, möglichem Schriftverkehr und dergleichen – allemal bezahlbar, noch bewegen wir uns in in einem zweistelligen Bereich und weit unter 50 Franken, sehr weit darunter. Soweit ich mich entsinnen kann, hatte ich diesen ersten Berg irgendwann im August oder September 2017 ausgefüllt und eingereicht – bei der Gemeinde „Stadt Zürich“. Diese sichtete meinen Antrag und befand, dass ich einer möglichen Einbürgerung würdig sei, wenn ich noch andere Dokumente nachliefern würde, so auch zum Beispiel eine beglaubigte Kopie meiner Geburtsurkunde aus Berlin in Deutschland. Zusätzlich zu den Auszügen aus den entsprechenden Registern über Schulden, Sozialhilfe, Straffälligkeit und dergleichen. Ich fand das noch etwas schräg, ich lebte ja nun schon einige Jahre hier und die Stadt Zürich beschäftigte mich per Verfügung bereits einige Jahre, aber die Stadt wollte dennoch wissen, ob ich wirklich existiere und ob das auch von Deutschland bestätigt werden könnte. Berlin bestätigte das im Endeffekt und schon schnellten die Kosten von ungefähr 25 Franken auf 60, Porto und Bearbeitungsgebühren (umgerechnet von Euro auf Franken) inklusive, die Auszüge aus den jeweiligen Registern brachten das auf ungefähr auf 90. Immer noch zweistellig. Es mag jetzt vielleicht etwas „hinterfragenswürdig“ anmuten, was ich hiermit von mir gebe: Es hat seinen guten Grund, warum (nicht nur) die Schweiz auf beglaubigte Nachweise besteht, insbesondere in Bezug auf „Geburtsurkunden“. Nur weil ein Mensch – wo immer sie oder er auch her stammen mag – „sichtbar existiert“, bedeutet das noch lange nicht, dass es sich auch um jenen Menschen handelt, der da vor einem steht. Papier ist geduldig. Und brennbar. Das ist nicht nur dem Schweizer (und vielen anderen) Staate bekannt, sondern auch so manch einem Antragssteller. Das zwanzigste Jahrhundert war in Bezug auf die Brennbarkeit von Papier ein sehr feuriges und nicht gerade selten war es vor allem die Geburtsurkunde, die so manches Mal zum Vorteil eines Antragsstellers „abgeändert“ wurde und der Empfängerstaat das nicht bemerkte. Betrifft nicht nur die Schweiz, sondern derzeit so ziemlich jede Industrienation in Europa.

Zunächst befasste sich die Stadt Zürich – genauer: der Stadtrat – mit meinem Anliegen, begutachtete mich als von ihr per Verfügung beschäftigte Person, unterhielt sich mit mir und verlangte für dieses Paket 1.200 Franken. Wir sind bei 1.290 Franken angelangt (spätestens jetzt sollte offensichtlich sein, warum man für eine Einbürgerung in festen Arbeitsverhältnissen befindlich sein sollte, denn von den bereits erwähnten 11 1/2 Monatslöhnen waren somit nur noch 11 übrig – vor Abzug der Steuern des Bearbeitungsjahres meines Anliegens). Dieser Betrag MUSS innerhalb genannter Frist von dreissig Tagen gezahlt werden, sonst ist der Antrag hinfällig und wird nicht zurück erstattet! Man sollte also schon ein Auge auf die eigenen Finanzen und Ausgaben haben, um einen entsprechend guten Zeitpunkt zu wählen. Und man sollte im eigenen Interesse Belege über jeden einzelnen Geldtransfer zumindest so lange aufbewahren, bis das gesamte Verfahren abgeschlossen ist. Immerhin kann man in diesem Zusammenhang weitestgehend auf digitale Belege zurück greifen und muss nicht wieder brennbares Papier bemühen! Ist der städtische Prozess mit der vorläufigen Aufnahme in das Bürgerrecht beendet und vor allem der bereits erwähnte Betrag gezahlt, befasst sich der übergeordnete Kanton mit der ganzen Angelegenheit. Was auch immer da genau geschieht: Für den entstehenden Arbeitsaufwand verlangt der Kanton 500 Franken, ebenso innerhalb gesetzter Frist zu zahlen. Wir sind bei 1.790 Franken angelangt. Der Kanton leitet das Gesuch an den Bund weiter, der wiederum 100 Franken verlangt – 1.890 Franken, wenn nicht von Kanton oder Bund weitere Dokumente angefordert werden, dann kann diese Gebühr ansteigen. Am Ende des gesamten Prozesses steht noch die Beantragung und Ausstellung der so genannten „ID“ und des Reisepasses an. Je nachdem, ob man beides gleichzeitig zusammen oder aber einzeln beantragt, fallen weitere 148 oder 160 Franken an. Bei mir sind es 148 Franken. Macht summa summarum 2038 Franken. Dieser Betrag ist von einer einzelnen Person in etwa zu bezahlen, die nicht verheiratet ist, keine Kinder hat und den Grossteil der verlangten Dokumente bereits ab Antragsstellung vorweisen kann. Ich könnte jetzt noch Kleinstbeträge in Form von weiteren Portogebühren, Telefonaten etc. ppp. dazu rechnen, aber das würde keinen grossen Unterschied machen. Wohlgemerkt: Die hier gemachten Angaben betreffen mein Ersuchen, welches ich vor dem 1.1.2018 gestellt habe, ob sich seitdem die Gebühren verändert haben, entzieht sich meiner Kenntnis.

In diesem Zusammenhang ein paar gut gemeinte Ratschläge an die, die mit dem Gedanken spielen, den gleichen Weg wie ich zu gehen:

1.) Geforderte Beträge sollten umgehend (!) gezahlt und Belege darüber aufbewahrt werden (Ausdruck, PDF, etc.). Man wird NICHT daran erinnert, dass ggf. noch gewisse Beträge ausstehen – weder von der Gemeinde, noch vom Kanton oder dem Bund! Verpasst man Zahlungsfristen, ist der Antrag auf Einbürgerung automatisch nichtig (zumindest habe ich das so verstanden)! Man sollte sich in diesem Zusammenhang gut auskennen, wie man entsprechende Belege bei Banken oder dergleichen beziehen kann, zumindest grundlegende Kenntnisse im Umgang mit Computern, Webseiten, etc. sind definitiv von Vorteil! Digitale Kommunikation geht – meiner Erfahrung nach – schneller von Statten, als die mit Papier und das kann in Bezug auf Fristen durchaus eine Rolle spielen!

2.) Bewahren Sie Kopien von Belegen und Kommunikationen (Mail, Brief, etc.) auf, bis das Verfahren vollumfänglich abgeschlossen ist – Sie also den Schweizer Reisepass und die ID in den Händen halten! Die Meldebestätigung, die Sie im Verlaufe des Prozesses zugestellt bekommen, brauchen Sie noch viel länger, die ist wichtig!

3.) Und wenn wir schon bei „Dokumenten“ angelangt sind: Sehen Sie zu, dass Sie von Anfang an wirklich alle erforderlichen Dokumente beieinander haben (von denen bestimmte nebenbei angemerkt nicht älter als drei Monate sein dürfen!). Anders formuliert: Gewöhnen Sie sich an den Gedanken, dass Sie eine Zeit lang sehr viel administrativen Kram am Stück zu erledigen haben, bevor Sie einen Antrag auf Einbürgerung ausfüllen und absenden! Insbesondere in Bezug auf die Kommunikation mit Ämtern anderer Länder als der Schweiz kann das eine grosse Rolle spielen, je nach Land sind drei Monate sehr wenig!

4.) Informieren Sie sich vorab gründlichst (!) darüber, was die Gemeinde (der Ort, an dem Sie in der Schweiz leben) an gesonderten, von Kanton und Bund unabhängigen Anforderungen stellt! Fragen Sie in Ihrem eigenen Interesse per Telefonat, Mail oder persönlichem Erscheinen nach und lassen Sie sich nicht abwimmeln, wenn Sie etwas nicht verstehen aber bleiben Sie – und das ist exorbitant wichtig – höflich und freundlich! Auch wenn es Sie noch so nervt! Die Anforderungen variieren von Kanton zu Kanton und von Gemeinde zu Gemeinde, ebenso variiert die amtliche Reaktion auf fremdländische Mentalität (aber das wissen Sie, die sie oder der sie schon lange hier leben, sicherlich selbst inzwischen gut genug: Auch die Reiter des Amtsschimmels sind im Endeffekt nur Menschen und die haben nun einmal ihre Belastungsgrenzen…).

Ausgehend von der Annahme (ich kann mich bei bestem Willen nicht mehr daran erinnern, wann genau ich mein Gesuch online einreichte), dass ich meinen Antrag irgendwann Mitte September 2017 abschickte und der Gesamtprozess mit Erhalt von ID und Reisepass abgeschlossen sein wird, dauert der Prozess der ordentlichen Einbürgerung einer Einzelperson in der Stadt Zürich knapp 19 Monate. In der Zeit, in der das Verfahren läuft, dürfen sich gewisse Grundvoraussetzungen nicht oder nur bedingt ändern: Erwerbstätigkeit, Straffälligkeit (auch in anderen Ländern!) und dergleichen. Mit dieser Dauer und den genannten Gebühren bewegt sich die Gemeinde „Stadt Zürich“ im unteren Mittelfeld schweizweit gesehen. Immerhin ist ab einem gewissen Zeitpunkt der Prozess ein „Selbstläufer“, man hat keinen Einfluss mehr, muss aber auch nahezu nichts mehr machen, wenn man die Grundvoraussetzungen erfüllt und die geforderten Beträge beglichen hat. Abgesehen von kleineren Sandkörnern im Getriebe meines Prozesses kann ich „attestieren“, dass mein Gesuch sehr zeitnahe und flüssig behandelt wurde, aber ich musste auch ab und an sehr kurzfristig reagieren und umplanen. Wie bereits erwähnt habe ich keinerlei Vergleichsmöglichkeiten mit anderen Gemeinden und Kantonen, aber ich denke, dass der von einem Antragssteller zu leistende Aufwand, die Kosten und die Dauer eines Einbürgerungsprozesses im Vergleich zu dem, was man im Endeffekt erhält (und das ist so manch einem hier geborenen Eidgenossen nicht einmal ansatzweise bewusst!), zumutbar und vor allem sehr moderat sind – wenn man eine blütenreine Weste hat, die Amtssprache fliessend versteht, sich in der digitalen Welt wenigstens grundlegend auskennt und vor allem überpünktlich geforderte Gebühren zahlt. Ich hätte mich vor Jahren bereits „erleichtert“ einbürgern lassen können, aber wie dieser Weg sich gestaltet hätte, ist mir nicht bekannt. Er dürfte aber sicherlich leichter gewesen sein (und gewissen Äusserungen mir bekannter Personen nicht einmal ansatzweise mit dem vergleichbar, was ich hinter mich gebracht habe. Ich werte das nicht, ich musste das alles ja im Grunde genommen auch gar nicht machen. Aber ich wollte und wenn ich einen Beschluss gefasst habe, dann mache ich das auch, was ich beschlossen habe: Sehr deutsch).

Abschliessend noch ein kleiner Denkansatz: Nun transferieren Sie das mal auf einen Menschen, der in einem Land wie der Schweiz einfach nur in Ruhe, Frieden und geordnet leben will, seinen eigenen Freiraum braucht, aber auch nicht in Konflikt mit irgendwelchen Gesetzen geraten und auf Kosten der bereits hier lebenden Bürger existieren möchte, nie einen Computer besessen hat und eine Sprache erst einmal erlernen musste, die gelinde gesagt hochkomplex ist. Mir kam das alles ab einem gewissen Zeitpunkt „unendlich, langwierig, schwierig, komplex und irgendwo auch stur“ vor. Vor noch nicht allzu langer Zeit hatte ich eine Konversation mit einer mir wichtigen Person aus meinem Vorleben in Berlin. Sie wollte nicht, dass ihre Tochter in diesem Berlin aufwächst, wie es sich derzeit gestaltet. Wohlgemerkt: Berlin, meine Geburtsstadt in Deutschland, einer Industrienation, in der Deutsch gesprochen wird und man als Staatsbürger Deutschlands dort geboren auf gewisse Leistungen pochen kann! Wie muss es bei solchen Ausgangsvoraussetzungen jemandem wohl gehen, der aus einer ganz anderen Region dieser Welt hierher gekommen ist und nicht einmal eine der Amtssprachen fliessend sprechen und schreiben kann, geschweige denn über 2000 Franken verfügt? Im direkten Vergleich hatte und habe ich es unendlich viel leichter. Von den erleichtert eingebürgerten mal ganz zu schweigen, oder?

Warum eigentlich?

Von einigen wenigen Kolleginnen und Kollegen wurde gefragt, warum ich überhaupt die Schweizer Staatsbürgerschaft erwerben wollte. Die Antworten hierzu waren vielfältig – nicht, weil ich etwa in Erklärungsnot geraten würde, sondern weil es davon abhing, wer genau mich da fragte, beziehungsweise, welchen Hintergrund die fragende Person aufwies. Entsprechend vielfältig war die Reaktion auf mein Vorhaben. Bereits vor sehr langer Zeit, lange bevor ich überhaupt daran dachte jenen Weg zu gehen, führten mir die Schilderungen einer Kollegin vor Augen, wie wichtig die Staatsangehörigkeit vor allem innerhalb der Landesgrenzen werden könnte. Sie selbst stammte aus dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawiens und ihr Nachname endete auf „-ic“, wie das in jenem Kulturkreis nun einmal üblich war und ist. Nun haben zahlreiche Eidgenossen und Schweizer aus was für Gründen auch immer erhebliche Mühe mit diesen Menschen, nicht selten stark von Vorurteilen geprägt und zuweilen reichlich nahe, wenn nicht jenseitig rassistischer und generell fremdenfeindlicher Grenzen. Solche Menschen machen sehr feine Unterschiede, woher ein anderer Mensch stammte und entsprechend reagieren sie, da gibt es nicht nur eine Zwei-Klassen-Gesellschaft, sondern eine ganze Reihe von Klassen, die durch nichts genau erklärbar sind. Als Deutscher war ich – so sehr mir entsprechende Äusserungen anderer Unwohlsein verschafften – Ausländer erster Wahl, die meisten Deutschen seien den Schweizern am ähnlichsten, wenn es um Bewusstsein, Definitionen von Anstand und Moral und andere zuweilen sehr verschrobene Dinge ging. Ich selbst habe ein paar Male diese Erfahrung machen müssen, dass man mit mir als Deutschem am wenigsten Probleme hätte, ich aber immer ein Ausländer bleiben würde, aber eben einer, der den Schweizern lieber ist, als zum Beispiel ein „-ic“. Solche Ressentiments sind weit verbreitet und werden zuweilen überlaut kund getan, weil „man“ sich unter gleichgesinnten glaubt. Je weiter man sich von den grösseren Städten der Schweiz entfernt, umso deutlicher können solche Ressentiments auftauchen. Jene Kollegin suchte mit ihrer Familie nach einer neuen Wohnung, die bezahlbar und vor allem nicht zu weit weg von ihrem Arbeitgeber liegen würde – einem Arbeitgeber, der als „renommiert“ anzusehen ist und nicht einfach jeden x-beliebigen Interessenten einfach mal eben so anstellt. Dennoch war ein gewisser Vermieter einer in Frage kommenden Wohnung erst dann zuvorkommend und bis zu einem gewissen Grade „beruhigt“, als sie ihre Schweizer Staatsbürgerschaft nachwies. Und nicht einen Aufenthaltsstatus anderer Art. Ich denke, ich lehne mich nicht allzuweit aus dem Fenster, wenn jener Vermieter mir lieber diese Wohnung zugesprochen hätte, auch wenn ich nur den Aufenthaltsstatus „C“ zu jenem Zeitpunkt inne hatte. Die Deutschen gelten oft als arrogant, aber sie sind im direkten Vergleich zu einem „-ic“ vertrauenswürdig und vor allem korrekt. So eine weit verbreitete, stark vorurteilsbehaftete Denkweise in den Köpfen einiger Bürger dieses Staates. Dankenswerter Weise nicht aller! Die Schweizer Staatsangehörigkeit öffnet vor allem innerhalb dieses Landes gewisse Türen. So einfach – und kalt – ist das zuweilen und insbesondere die Zuwanderer aus dem ehemaligen Jugoslawien (aber auch anderen Ländern…) können bis zum heutigen Tage ein Lied davon singen.

Zugegeben: In Hinblick auf Reisen in die weite Welt, brachte und bringt mir der Deutsche Pass mehr, als der der Schweiz. Ich kann in mehr Länder dieser Welt ohne Visum einreisen. Aber mir fehlt ohnehin die Lebenszeit, um noch alles zu sehen, was ich gerne sehen würde, also ist das für mich persönlich ein vollkommen nebensächlicher Aspekt. Wenn ich aber an das Vereinigte Königreich denke, welches zur Zeit an seinem Austritt aus der Europäischen Union – nun ja – herum pfuscht, so könnte mir auf lange Sicht der Schweizer Pass weitaus mehr bringen. Ich habe eine hohe Affinität zu jenem Inselreich, irgendwie erinnert mich deren Volk, so viel groben Unfug es in seiner Historie auch zustande gebracht hat (und derzeit gerade wieder fabriziert), an dieses renitente Bergvolk in der Schweiz. Ja ja, ist ja gut, ist keine Beleidigung, sondern eher eine leicht ironische Sichtweise auf gewisse Interessen und Entscheidungsprozesse, keine Sorge! Derzeit ist nicht klar, wie England mit Bürgern der EU in Zukunft umgehen wird. Mit den Schweizern ist das weitestgehend bereits geregelt, die dürften in naher Zukunft weniger Probleme auf den Britischen Inseln haben. Und ich wollte nochmal da hin, bevor ich auf meiner letzten Reise in diesem Leben sicherlich keinen Pass welcher Nation auch immer mehr benötigen werde. Abgesehen von dem Plastik-Anteil in einem biometrischen Pass wird so ziemlich alles zu dem Element zurück kehren, aus dem sehr viel in dieser Welt gemacht ist: Kohlenstoff. Ende der Diskussion hierzu, da spielt es keine Rolle mehr, ob man das Schweizer Kreuz, den Bundesadler oder was auch immer ein Leben lang mit sich selbst herum getragen hat. Geht leider auch oft vergessen diese Tatsache…

Die meisten Deutschen konnten meinen Entschluss nur sehr bedingt nachvollziehen. „Aber man hat es hier doch auch ohne Schweizer Pass gut!“ war da so eine Standard-Antwort, die ich auch als durchaus zutreffend ansehe (abgesehen von jenen ab und an auftretenden Zwei-Klassen-Ressentiments). Ähnlich sahen das einige hier lebende Italiener, aber den meisten von jenen war es nicht nachvollziehbar, was ich da vor hatte, weil sie für sich selbst es sich nicht vorstellen konnten, in Folge ihre Italienische Staatsangehörigkeit abgeben zu müssen, zu verbunden, ja manchmal sogar stolz waren und sind sie auf den Umstand, dass sie Italiener sind, vergleichbares gilt auch für Dänen, von denen es in Zürich doch einige gibt. Die Verbundenheit zu deren Königshaus ist grösser, als die Identifikation mit dem Land, in welchem sie gerade leben. Und unter den hier meistens durchaus gut lebenden Deutschen kann man ebenso noch sehr viele finden, die die Vorzüge eines Lebens in der Schweiz durchaus zu nutzen wissen, aber emotional sich fast kompromisslos immer noch nur mit Deutschland verbunden sehen. Eine Politikerin der AfD mit Nachnamen „Weidel“ kann davon ein Lied singen, ein sehr doppelgesichtiges, meiner Meinung nach. Kolleginnen und Kollegen aus Südamerika, dem ehemaligen Jugoslawien oder anderen Ländern des ehemaligen Ost-Blocks aber konnten meinen Entscheid sehr gut nachvollziehen. Nicht selten kommentierten diese es mit der Aussage: „Man hat es dann hier (also in der Schweiz) etwas einfacher!“. Trifft ebenso weitestgehend zu – aber nicht ausschliesslich und allumfassend, ebenso meiner eigenen Erfahrung nach. Vorurteile überdauern sehr lange in den Köpfen der Menschen und da kann selbst ein eingebürgerter Deutscher wie ich noch herab degradiert werden. „Bisch nur e Papierli-Schwiizer.“ „Bist nur auf dem Papier ein Schweizer. Aber nicht…“. Ich spare mir weitere Ausführungen hierzu. Von Arbeitskollegen, die selbst ab Geburt (oder was auch immer) Schweizer sind, wurde ich ebenso gefragt, warum ich diesen Weg gegangen bin. Die Antwort hierzu war meistens die gleiche: „Ich will mitbestimmen und das in dem Staat, in dem ich lebe, denn dieser entscheidet letztlich darüber, wie sich mein Leben hier gestaltet und darauf hätte ich gerne im Rahmen der gesetzlichen Gegebenheiten den mir zustehenden Einfluss.“ Bis vor einiger Zeit gab es noch ganz andere, sehr triftige Gründe, diesen Weg zu gehen und dennoch Deutscher zu bleiben, aber dazu äussere ich mich nicht eingehender, da es sich um weitestgehend sehr private Gründe handelte, die sich mittlerweile in Luft aufgelöst haben, also schildere ich jene Gründe auch nur dann, wenn ich eine gewisse Notwendigkeit dafür sehe. Auch darüber entscheide ich allein und niemand sonst.

Es gibt da aber noch einen anderen Grund, der je nach Betrachtungswinkel zumindest als „schwierig“ zu beschreiben ist. Ich mache sehr wohl einen Unterschied zwischen den beiden Begrifflichkeiten „Heimat“ und „zu Hause“. Meine Heimat ist und bleibt Berlin, mein zu Hause aber ist Zürich in der Schweiz. Dieser Aspekt ist also mehr emotionaler Art und nicht unbedingt für jeden Mitmenschen nachvollziehbar. Ein zu Hause ist für mich ein Ort, an dem ich mich wohl fühle, egal, wo auch immer auf dieser Welt und ob für längere oder kürzere Zeit. Orte dieser Art gibt es in meinem Leben ein paar, aber Zürich ist nun einmal der Ort, an dem ich zumindest noch eine ganze Zeit lang leben möchte, weil dieser Ort inzwischen auch emotional zu meinem zu Hause geworden ist, sozusagen meine eigene Insel der Glückseligkeit inmitten der grösseren Insel der Glückseligkeit. Vielleicht kennen Sie jenes merkwürdige Gefühl wenn man von einer Reise wieder heim kehrt und sich auch auf jene Heimkehr freut, obwohl man zuvor viele interessante, schöne und zuweilen auch magische Orte entdeckt hat. Die deutsche Sprache hat dafür einen sehr schönen Begriff: Geborgenheit. Nein, nicht Sicherheit, sondern Geborgenheit! Nun hat aber meine emotionale Bindung zu jenem Ort, zu dem ich immer gerne zurück kehre, mit Namen Zürich nur bedingt eine Rolle dabei gespielt, diesen Weg zu gehen. Aus rein emotionaler Sicht ist es auch ein beruhigendes Gefühl, jederzeit auch hierhin legal zurück kehren zu dürfen, egal, wo man zuvor für welche Zeit auch immer und aus was für Gründen auch immer geweilt hat. In gewissem Sinne ist es auch ein Bekenntnis zu jener Geborgenheit, die ich hier empfinden kann, ich fühle mich, trotz ab und an auftretender Hinweise, dass ich doch „nur“ ein Papierli-Schweizer sei, wohl. Es gibt in diesem Land tatsächlich Menschen, die sich aus Entrüstung über was auch immer vor einem aufbauen und dann lauthals kund tun: „Ich bin Eidgenosse von Rang und Namen!“. Solchen bewussten Abgrenzungen allerunterster Schublade kann ich nun mit Fug und Recht entgegnen: „Is mir vollkommen ejal, ick hab ooch den roten Lappen!“. Bisher war dann erst einmal die Ruhe und in gewissem Sinne auch die Ordnung wieder hergestellt. Vollkommen unnötig, es überhaupt soweit kommen zu lassen, aber wie bereits erwähnt: All das hatte und hat vor allem innerpolitische und innergesellschaftliche Gründe, diese Staatsbürgerschaft zu erwerben.

Wenn ich meiner Geburtsstadt Berlin irgendwann einmal wieder einen Besuch abstatte, dann werde ich mal die Schweizer Botschaft dort aufsuchen – aus reiner Neugier. Und dafür werde ich den Schweizer Pass mitnehmen, mal schauen, was passiert, denn irgendwie habe ich das unbegründbare Gefühl, dass ich hierfür dieses Ding erst recht brauchen werde, schliesslich handelt es sich um eine winzige, aber nicht ignorierbare Insel der Glückseligkeit im Ausland. Apropos Ausland, Vereinigtes Königreich, Staatenzugehörigkeit und das ganze drum herum: Auch wenn es mir im Grunde genommen egal ist, wie es mit England und der EU weiter geht, so hatte und habe ich Sorge, dass auch ich hier auf der Insel der Glückseligkeit wohl in Zukunft auf ein paar Dinge eine Zeit lang verzichten muss, die nun einmal aus England kommen. Dazu gehört auch der von mir heiss geliebte Colman Senf aus Norwich. Also habe ich kurzerhand in der Sihlcity Nachschub besorgt, denn was so manch einem Schweizer sein „Aromat“ oder „Streu mi“ ist, ist für mich dieser Senf. Aus rein kulinarischer Sicht ist dieser Senf, wenn es um englische Nahrungsmittel und Küchengerichte geht, eine absolute Ausnahme, eine echte Bereicherung! Und auf diese möchte ich nur ungern verzichten, da ist es mir nicht so ganz egal, wie es mit England und der EU weiter geht. Vielleicht werden sich ja auch mehr Engländer dazu entscheiden, ihre Zelte in der Schweiz aufzuschlagen? Wäre sicherlich noch einer demographischen Langzeitbetrachtung durchaus wert, meine ich…

5.4.2019

Am Tag des „Sechseläuten“, einem für Zürich sehr wichtigem Fest, lag ein weiterer Brief in meinem Kasten. Die Gemeinde „Stadt Zürich“ hatte mich als Bürger aufgenommen und entsprechend in irgendwelchen Registern eingetragen. Somit war das Ende der Einbürgerungsparabel erreicht: In Zürich hatte ich den Antrag gestellt, der übergeordnete „Staat“ mit Namen „Kanton Zürich“ hatte mich vorläufig aufgenommen, der Staatenverbund mit Namen „Schweiz“ hatte alles das abgesegnet und entsprechend den Staat „Kanton Zürich“ beauftragt, die weiteren Schritte in die Wege zu leiten und dieser wiederum wies die Gemeinde „Stadt Zürich“ an, mich als Bürger aufzunehmen. Von ganz unten nach ganz oben und wieder zurück. Erst mit Erhalt dieses Schreibens kann ich nun die Dokumente anfordern, die „man“ als Bürger eines Staates braucht. Ursprünglich wurde ich darauf hin gewiesen, dass es bis zu jener Beantragung bis zu drei Wochen dauern könnte, aber es ging weitaus schneller, also werde ich irgendwann in kommender Zeit die Ausstellung jener Dokumente beantragen, um mich in Zukunft entsprechend ausweisen zu können. In jenem Brief war ein weiteres Schreiben enthalten, die so genannte Meldebestätigung. Ein vergleichbares Schreiben und die Funktion solcher Schreiben kannte ich bereits aus Deutschland. Wenn man den Wohnort wechselt, muss das entsprechend schriftlich bestätigt werden – auch dann, wenn man die Schweiz dauerhaft verlässt. Als ich die entsprechende Zeile las, dachte ich mit meinem krausen Hirn an eine Einbürgerungsgeschichte aus einem anderen Kanton. Dort wollte sich eine US- Amerikanerin (oder war es doch eine Kanadierin?) einbürgern lassen. Allerdings wurde ihr Gesuch zunächst abgelehnt, vorwiegend weil sie sich über die dort auf dem Land üblichen Kuh-Glocken und deren „Lärm“ echauffiert hatte. Warum auch immer sie jene Dinger ablehnte und meinte, entsprechend aktiv werden zu müssen: Das sind Dinge, die man akzeptieren muss, will man hier leben! Diese Glocken hatten (und haben) nicht nur einen touristischen Sinn! Durch das Gebimmel konnten und können die Bauern und Hirten selbst bei schlechtestem Wetter ihre Kühe und Ziegen auf den Hochalmen wieder finden! Diese Dinger sind also nicht nur „Kulturgut“, sie haben einen ganz handfesten Sinn, die Dinger sind so eine Art Meldebestätigung für das liebe Vieh! In den USA oder sonstewo auf dieser Welt pflanzen sie vielleicht dem armen Viech GPS-Chips ein, um sie dann vom Helikopter aus zusammen zu scheuchen, hier sind es eben um den Hals der Tiere gehängte Glocken. Für einen kurzen Moment überlegte ich, der Regierung der Schweiz einen Vorschlag zu machen: Lasst das doch einfach mit diesen Meldebestätigungen, ist nur Papierverschwendung und zusätzlicher Verwaltungsaufwand! Hängt einfach jedem Bürger der Schweiz eine Glocke um, deren Klang nicht zu fälschen ist und ihr findet sie auf der ganzen Welt wieder (im Berner Oberland gibt es da so zwei Durchgeknallte, die sich auf ganz besondere Weise mit Glockenklang auskennen, nur so als Hinweis). Nach etwas längerer Überlegung verwarf ich den Gedanken aber wieder…

Nun sind Tier-Glocken – mit Ausnahme von einigen Regionen in Bayern und Schwaben – in Deutschland eher unpopulär. Überhaupt erscheint mir der deutsche Verwaltungsschimmel im Vergleich zur Schweiz eher als „unbeweglich“ und „stur“, gerade, wenn es um die Identifikation von Menschen (-Vieh) geht. Nach einiger Recherche zu den Themen „Doppelbürger“, „Pass“ und dergleichen stiess ich auf ein deutsches Gesetz, welches mich etwas in Erstaunen versetzte. Gemäss diesem nachwievor gültigen Gesetzes MUSS ich mich in Deutschland mit dem Deutschen Pass ausweisen, wenn ich dazu aufgefordert werde, egal, ob ich einen Schweizer Pass besitze oder nicht. Im ersten Moment dachte ich bei mir, dass Deutsche Behörden wohl nicht Willens sind, im Bedarfsfall nachzuforschen, ob jemand wie meinereins auch Deutscher ist, selbst wenn er „nur“ den Schweizer Pass vorweist. Aber ja, so ist das nun einmal mit Gesetzen, vor allem, wenn sie deutschem Geiste und Verständnis entsprungen sind: Einem Durchschnittsbürger – egal, welcher Staatsangehörigkeit auch immer – sind die bei Weitem nicht immer verständlich. Vielleicht sollte ich der Bundesregierung von Deutschland den Vorschlag machen, ihren Bürgern deutsche Glocken zu verordnen. In meinem Falle würde ich dann ganz rechtmässig auf den Klang der Freiheitsglocke im Rathaus von Berlin Schöneberg bestehen, dem Rathaus, auf dessen Balkon vor vielen Jahren der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika zu den Nachkriegsberlinern die weltweit bekannten Worte: „Ich bin ein Berliner!“ sprach. Ob sich dann aber der Klang jener deutschen Berliner-Glocke und der von Zürich tonal vertragen, steht auf einem anderen Blatt eines Briefes, den ich wohl nie in meinem Briefkasten vorfinden werde. Auch hier wieder egal, an wen ich entsprechende Vorschläge zuvor auch gesendet haben mag.

Und ich hatte mich schon so wahnsinnig darauf gefreut, am Flughafen von Berlin Tegel oder Schönefeld – nein, die Fertigstellung des Hauptstadtflughafens dort werde ich wohl nicht mehr erleben – den dort tätigen Zoll-Beamten, die aller Wahrscheinlichkeit nach Sächsisch reden, auf die Frage, ob ich etwas zu verzollen hätte, mit dem Schweizer Pass vor der Nase herum zu wedeln und im schönsten Berlinisch zu antworten:

„Nö, habbick nisch!!“

Über eine „Kleinigkeit“ in jener Meldebestätigung aber stolperte ich dann doch: Dort stand „Heimat = Zürich“. Nee, unter „Heimat“ verstehe ich dann doch etwas anderes…

 

Untergross

Würde mich jemand fragen (und nein, jemanden wie mich fragt man sowas einfach nicht!), wie ich die Schweiz, Schweizer Bewusstsein, Selbstidentifikation, Swissness, zahlreiche (aber nicht alle!) Schweizer, Politik, Schweizer Lebensweise und Denkmuster und dergleichen charakterisieren würde, so würde ich einen einzigen Begriff wählen (den es so zugegebener Massen nicht gibt): Untergross. Nicht Schokolade, Geld, Uhren, Alpen, Bahnhofstrasse, komischer Dialekt oder die inzwischen schon fast abgedroschen anmutenden sonstigen Klischees, die man diesem Land seit Ewigkeiten anklebt, sondern einfach nur untergross. Achtung: NICHT Understatement, aber darauf gehe ich später ein. Wie komme ich auf diesen Begriff? Zugegeben, meine Denkmuster sind in gewissen Belangen gewöhnungsbedürftig und nicht jeder kann meine Gedankensprünge nachvollziehen, der mich nicht schon gut und lange kennt, daher möchte ich mit einem relativ offensichtlichem Beispiel anfangen. Wenige Jahre nach dem Mauerfall durfte ich erstmalig den (Gesamt-)Deutschen Bundestag mit gestalten, ich durfte mit meiner Stimme als wahlberechtigter Bürger von Deutschland wählen, wer die Geschicke dieses frisch wiedervereinten Landes bestimmen sollte. Zuvor beschränkte sich meine Wahlfähigkeit auf West-Berliner Politik, die indirekt von Bonn aus seinerzeit mitgeführt wurde, nun aber zeigten sich die „hohen Tiere“ aus der damaligen Bundeshauptstadt auch in Berlin, so auch seinerzeit Helmut Kohl, der für die konservative Partei CDU (Christlich Demokratische Union) in Berlin, genauer: In der Deutschlandhalle seinen grossen Auftritt hatte. Mein Vater und ich taten uns dieses Schauspiel vor Ort an, wir waren dort in jenem Relikt aus dem Dritten Reich und sahen die rheinländische Polit-Eiche durch den Raum walzen. Um ihn herum ein Tross von Berichterstattern, aber dieser war überschaubar. Im Fernsehen hingegen sah es so aus, als ob alle in jener Halle anwesenden Menschen diesen Politiker regelrecht erdrücken wollten. Darum merke: Nur weil es im Fernsehen so aussieht, als würde eine riesige Menschenmenge geradezu frenetisch auf den Erlöser warten, so bedeutet das noch lange nicht, dass es in der Realität auch so war. Die einzigen, die sich an der Borke jener unbeirrbar selbstzufrieden lächelnden Eiche schubberten waren die Berichterstatter (und ein paar bestellte Claquere). Nicht aber das politisch interessierte Volk von Berlin. Das blieb wie mein Vater und ich schön distanziert (und vielleicht auch bewusst deplatziert) auf den Rängen der Halle.

Es kam, wie es kommen musste und so wählte das Deutsche Volk überwiegend jenen Mann, diese recht stattliche und hoch gewachsene Erscheinung, weniger die Politik, für die er einstand, zumindest war das mein Eindruck von jener Begebenheit. Präsente Grösse (egal, ob gerechtfertigt, nachvollziehbar, inhaltsleer oder nicht) ist typisch Deutsch, meines bescheidenen Erachtens nach. Wieviel von jener Grösse früher oder später übrig bleibt, kann man immer wieder in diesem Land sehen, die typisch Deutsche „Grösse“ hat ein relativ absehbares Verfallsdatum. Eine solch deutsch anmutende Grösse gibt es in der Schweiz nicht, zumindest nicht in dieser zuweilen ausufernden Präsenz, wie man sie im „grossen Nachbarskanton“ überall antreffen kann. Die Schweiz tritt nicht gross auf. Aber unbeirr- und unübersehbar nachhaltig. Man erinnert sich an ihre Präsenz, wenn man ihrer im Ausland überhaupt gewahr wird und sollte das einmal nicht der Fall sein, so wird man daran erinnert. Höflich. Aber ebenso unbeirrbar. Aber nicht nur, dass die Schweiz und die Schweizer ausserhalb der Confoederatio Helvetica nicht gross auftreten, so ab und an beschlich mich das Gefühl, als sei es jenem Land und seinen Bürgern irgendwie „eingebläut“ worden, derartiges nicht zu machen. Es gibt keine übergrosse hör- und sichtbare Präsenz der Schweiz im Ausland. Helmut Kohl war international bekannt, Rammstein irritiert seit Jahrzehnten überlaut in der ganzen Welt, aber beispielsweise mit der sehr feinen und für meine Begriffswelt grossartigen Komik von „Ursus & Nadeschkin“ oder skurrilen Kunst von Fischli & Weiss kann man als Durchschnittsdeutscher nur wenig anfangen, wenn man Schweizer Denkmuster nicht wenigstens ein klein wenig kennt. Die Namen Schweizer Politiker waren (und sind) international eher unbekannt, die eine grosse Ausnahme eines Botschafterpaares der Schweiz mit Namen Borer und Fielding sorgte nur recht kurzzeitig international für Aufsehen (eben weil deren Auftreten so ganz und gar unschweizerisch erschien). Apropos Botschaft: Immer wieder stolpere ich über den Anblick der Schweizer Botschaft in Berlin! Wenig auffällig repräsentativ, so ganz und gar nicht demonstratives Sinnbild einer Nation wie zum Beispiel die von Amerika, Frankreich oder Italien. Aber im Gegensatz zu den genannten ganz nahe am Bundeskanzleramt. Sinngemäss: „Wir sind auch noch da, nur dass Ihr das nicht vergesst!“.

Schweizer Grösse, wenn man schon diesen fragwürdigen Begriff überhaupt bemühen möchte, äussert sich in dezent gestaltetem, aber unübersehbar ins Bild gerücktem Status in Form von materiellen Dingen und Wertigkeiten. Die Schweizer Botschaft in Berlin beispielsweise mag in Bezug auf die rein physikalische Grösse eher – nein, NICHT klein! – dezent erscheinen, wer sie aber gestaltet hat und welche Materialen verwendet wurden, ist alles andere, als – nein, NICHT dezent! – bescheiden. Ein Begriff, der für mich in Bezug auf die Schweiz irgendwie so gar nicht passt, ist der der Bescheidenheit. Bitte nicht falsch verstehen: Die Schweiz und die meisten Schweizer treten nicht so auf, wie zum Beispiel (neu-)reiche Russen: Es wird überdeutlich gezeigt, was man hat und wer man ist. Die sind nicht bescheiden, schon mal gar nicht im Auftreten. Das generelle Auftreten der Confoederatio Helvetica ist zurück haltend, aber alles andere als scheu! Mit der hohen Kunst der Diplomatie, welche in der Schweiz zur Perfektion gebracht wurde, wird nicht nur daran erinnert, dass man existiert, es wird auch daran erinnert, was man hat. Und das wird dezent gezeigt, nicht feil geboten, auch wird damit nicht geprahlt, es wird „nur“ darauf hin gewiesen, dass man etwas hat, was der oder die andere weniger hat. Überhaupt habe ich im Laufe der Jahre so manches Mal das Gefühl gehabt, als müsse die Schweiz und so manch ein Schweizer den Rest der Welt daran erinnern, dass es sie a) überhaupt gibt und b) sie von etwas ein vermeintliches klein wenig mehr haben, als alle anderen. Die Schweiz drängt sich nicht auf. Aber übergehen kann man sie auch nicht. Wie man dieses Dilemma handhabt, überlassen die Schweiz und die Schweizer grosszügig diplomatisch anderen, die Lösung eines Gewissenskonfliktes wird denen überantwortet, die mit dem Gewissen übergross hantieren. „Grüezi miteinand, mir sind denn mal da!“. Das ist zurückhaltend und diplomatisch, aber nicht unbedingt und zwangsläufig auch bescheiden.

Es gibt sehr zahlreiche Gründe dafür, warum beispielsweise eine Identifikationsfigur, wie es seinerzeit Helmut Kohl für Deutschland war, so in der Schweiz nicht denkbar ist und zumindest zur Zeit wohl auch nicht geben wird. Was in Bezug auf das gesamte Erscheinungsbild dieser Nation und seiner Bürger gezeigt werden darf und soll, wird nicht von Einzelnen in diesem Land bestimmt, sehr wohl aber dürfen einzelne zeigen, was sie können und haben – im nicht-politischen Sinne. Bis hierher mag der Begriff „Understatement“ passen. Äusserlich, auf flüchtigen Blick hin, unterscheiden sich teure Armbanduhr, Fahrzeug, Kleidung und anderes nur wenig von dem, was man auch im angrenzenden Ausland sehen kann. Aber dieses wenige unterscheidet sich deutlichst. Die Brillies mögen kleiner sein, dafür sind sie aber zahlreicher und reiner. Der BMW mag die gleiche Typenbezeichnung haben, dafür hat er alle Extras, die man erwerben kann (und trotzdem steht das Ding in einem Konstanzer Durchschnittsbilligkaufhausparkhaus herum!). Man trägt auch in Deutschland Outdoor-Kleidung, nur ist diese „ein klein wenig“ billiger und nicht ganz so diskret-zurückhaltend gestaltet. Mit so wenig Unterschiedlichkeit wie möglich so viel Einzigartigkeit andeuten, das ist Understatement und das ist sehr schweizerisch! Nur so zur Erinnerung, wir sind immer noch da…

Dieses Prinzip mag kleingeistig wirken (und ist es auch bis zu einem gewissen Grade für meine Begriffswelt). Auf der einen Seite möchte man zeigen, dass man da ist, dass man wer ist, dass man nicht ignoriert werden möchte und auch nicht sollte, auf der anderen Seite aber darf das auch nicht ausufern. Und diese Zwickmühle, die ist eben auch sehr Schweizerisch, zumindest in den etwas gehobeneren Generationen. Aber warum ist das Ding mit Namen „Schweiz“ in meiner Gedankenwelt besser mit dem Begriff „untergross“ zu beschreiben, als mit dem Begriff „Understatement“? Understatement bezieht sich fast ausschliesslich auf materielle Dinge. Aber da gibt es noch einen anderen Aspekt, den ich eben auch für typisch Schweizerisch halte und der sich nun einmal nicht allein mit Understatement abdecken lässt: Geistige Grösse und Präsenz in Form von menschlicher Individualität. Die Schweiz hat zahlreiche „grosse“ Menschen aus Kunst, Politik, Sport und Wissenschaft hervor gebracht, die auch international bekannt waren und sind. Aber internationale Grösse, wie auch geistige Grösse generell (oder vielleicht doch individuelle Unabhängigkeit von was auch immer) erscheint dem Schweizer Bewusstsein eher suspekt. Manchmal erinnert mich dieses gespaltene Verhältnis zu jener Unabhängigkeit Einzelner an die Chemie: Wenn da ein freies Radikal irgendwo im Raum eines Atomes herum geisterte, dann musste das erst einmal unter Kontrolle gebracht werden, bevor es vielleicht weiterhin als Radikal betrachtet wurde und es wurde nur dann als Radikal anerkannt, wenn es sich nicht vollends unter Kontrolle bringen liess. Ja, die Schweiz hat grosse Geister hervor gebracht. Aber diese Geister wurden und werden eben auch ganz im Sinne Schweizer Bewusstseins eher als dezent auftretendes Gemeinschaftswerk dieser Nation, denn als unabhängige Individualität angesehen – und behandelt. Sie durften (und dürfen…) nicht zu gross werden, um als Schweizerisch anerkannt und gegebenenfalls auch international repräsentiert zu werden. Dieses Prinzip beschränkt sich nicht allein auf die Schweiz als Nation im direkten Vergleich zu anderen Nationen! Dieses Prinzip, dass jemand nicht zu gross werden darf, findet sich auch innerhalb der Landesgrenzen, der Geschichte und Entwicklung dieses Landes immer wieder.

Ich kann mich manchmal nicht entscheiden, was wohl besser wäre: Uneingeschränkte Individualität, übergrosse Präsenz von Selbstbewusstsein und Grösse oder aber gelenkte, kontrollierte Abgabe von eben jenem zum Wohle aller. In diesem Dilemma stecke ich mit meinem anerzogenem Deutschen Bewusstsein in dem Land mit Namen Schweiz seitdem ich hier lebe. Beides hat seine Vor- und Nachteile. Ist Deutschland und was man mit diesem Konstrukt assoziiert zuweilen übergross, so ist die Schweiz nicht gerade selten eher unnötig untergross, hält grosse Geister absichtlich und bewusst klein. Und nein, ich zähle mich nicht zu den grossen Geistern, ich denke wahrscheinlich mal wieder über für meinen eigenen Geist allzu übergrosse Dinge nach (typisch Deutsch…). Soweit ich mich entsinnen kann, war Helmut Kohl ein Mann, der eine Körpergrösse von über zwei Metern aufweisen konnte. Mein Vater blieb Zeit seines Lebens unter 1,65. Ich landete irgendwo dazwischen bei über 1,85. Sehr diplomatisch, nicht wahr? So rein physisch betrachtet liege ich mit dieser Körperlänge im Deutschen Durchschnitt, aber über dem Schweizer Durchschnitt. Aber mein Vater pflegte immer zu sagen: Die Länge sagt absolut nichts über die Grösse eines Menschen aus. Also bin ich überlang. Aber hoffentlich nicht übergross, das würde hier nicht so gut hin passen, nicht wahr? Wie lang Moritz Leuenberger ist, entzieht sich meiner Kenntnis, aber der ist für meine Begriffswelt ein grosser Schweizer. Politiker und Mensch.

Rammstein – Deutschland

Tram-Chauffeur

Es ist schon eine Weile her, dass ich in einer Online-Publikation über einen Artikel gestolpert bin, der sich im weitesten Sinne mit dem Wandel der Schweizer Gesellschaft befasste. Sinngemäss beleuchtete dieser Artikel den Wandel des Landes über mehrere Jahrzehnte hinweg, die Veränderung – und darum geht es ein klein wenig in diesem Beitrag – hin zu einer Dienstleistungsgesellschaft. In der Tat wird der Begriff „Dienstleistung“ in der Schweiz gross geschrieben und zahlreiche Menschen sind in dem Sektor mit diesem Oberbegriff tätig, Schweizer wie Ausländer. Ich selbst bin Tram-Chauffeur (ja ja, ist ja gut, Tram-Pilot lautet die offizielle Bezeichnung, ich aber habe mehr Verbindungen zu dem Begriff Chauffeur) in Zürich, der Wirtschaftsmetropole dieses Landes. In diesem Beruf kann man nahezu immer einen guten Blick auf dieses Land und seine Menschen aus allen denkbaren Schichten werfen und eine Zeit lang habe ich über meinen Beruf ein Blog geführt, welches aus verschiedenen Gründen dem jetzt hier ersichtlichen gewichen ist. Ich hatte seinerzeit angekündigt, dass ich dieses alte Blog zu meinem Beruf zum Download anbieten würde und genau das mache ich hiermit. Bitte beachten Sie, dass sich das ZIP-Archiv nicht auf jedem mobilen Endgerät herunterladen und öffnen lässt, das sollten Sie an ihrem heimischen Computer machen. Sie erhalten ein knapp 30 Megabyte grosses Konglomerat an PDF Dateien, die sich wiederum auch wieder auf mobilen Endgeräten öffnen lassen:

Jens Liedtke – Tram-Chauffeur in Zürich

In diesem Blog, welches ich nunmehr führe, werde ich meinen Beruf – wenn überhaupt – nur am Rande anschneiden und inhaltlich kaum auf jenen Bezug nehmen, aber er war sicherlich hilfreich, als es um meine Einbürgerung ging, denn als Angestellter (nein, nicht korrekt, „per Verfügung beschäftigter“) der Stadt Zürich bin ich dieser einen Institution „Stadt Zürich“, die an einem Einbürgerungsprozess beteiligt ist, kein Unbekannter. Das soll nicht bedeuten, dass in diesem Bereich tätige Menschen schneller oder gar bevorzugter eingebürgert werden, dieser Umstand ändert an den grundlegenden Voraussetzungen zu alledem nichts, aber im Detail an der Umsetzung. Ich beschränke mich mit dieser Vermutung ausdrücklich auf die Stadt Zürich! Angrenzende Gemeinden, die bis zu einem gewissen Grad autonom über eine Einbürgerung entscheiden, werden das sicherlich anders handhaben. Aber inwiefern kann das eine Rolle spielen?

Wenn man für einen städtischen Betrieb tätig ist, wird man mehr oder minder zwangsläufig über zahlreiche Entwicklungen der Stadt informiert. Auch als Tram-Chauffeur ist man immer sehr nahe an jenen Entwicklungen und nicht selten auch direkt Teil eben jener. Ein kleines Beispiel: Die Fahrzeuge des Öffentlichen Verkehrs spielen nahe liegender Weise eine grosse Rolle bei dem Vorhaben, eine Stadt wie Zürich auch in Bezug auf erneuerbare Energien in die Zukunft zu führen, aber auch den Gesamt-Energieverbrauch von Stadt und Bewohnern zu senken. Ein anderes Beispiel: Derzeit spielt in Zürich das Thema „Reformation“ eine grosse Rolle. Mit dem Tram (oder Bus) fährt man an zahlreichen Orten vorbei, die sich mit diesem Thema befassen und meinereins bringt ab und an Fahrgäste, die sich für dieses Thema interessieren, an jene Orte. Somit sind die Fahrerinnen und Fahrer der öffentlichen Verkehrsmittel der Stadt Zürich auch bis zu einem gewissen Grad Teil des Programms, welches die Stadt zu jenem Thema auf die Beine gestellt hat. Somit hat es zumindest mich nicht sonderlich verwundert, dass die Sachbearbeiterin bei meinem Einbürgerungsgespräch sehr erfreut fest stellte, dass mir a) dieses Thema bekannt war, b) mir dieses Thema aus meiner eigenen familiären Vergangenheit durchaus geläufig war und ist und c) ich mich noch immer dafür interessiere – genau so wie für das Projekt „2000 Watt Gesellschaft“ und andere, mit denen ich mehr oder minder auch beruflich in Kontakt komme. Ich drehe in meinem Leben eben nicht nur ausschliesslich am (Controller-) Rad, sondern ich interessiere mich auch privat für einige Projekte in dieser Stadt. Ob einer zuständigen Einbürgerungsinstitution einer an die Stadt Zürich angrenzenden Gemeinde ein solches Interesse wichtig ist, kann ich nicht beurteilen, ich wurde im Endeffekt von der Gemeinde „Stadt Zürich“ eingebürgert, nicht von „Greifensee“, „Winterthur“ oder was auch immer. Verschiedenen Berichten zufolge legen jene Gemeinden nachvollziehbarer Weise Wert darauf, dass man sich als Anwärter auf die Einbürgerung eher mit Belangen jener jeweiligen Gemeinde befasst – und nicht unbedingt jenen der Stadt Zürich. Und da können schon ganz andere Ansprüche an einen Bewerber gestellt werden, als sie an mich gestellt wurden. Und das gilt für jeden Kanton und jede Gemeinde dieses Landes! Ein Beispiel aus dem benachbarten Kanton Aargau soll verdeutlichen, worauf eine Gemeinde (in diesem Falle die mit Namen „Buchs“) in einem Einbürgerungsgespräch Wert legen kann. Ich gebe unumwunden zu, dass ich einige vergleichbare Fragen, wären sie mir in meinem Gespräch so gestellt worden, wie in dem Fall von Funda Yilmaz beschrieben, auch nicht vollumfänglich hätte beantworten können. Und einige Fragen hätte ich auch aus Prinzip nicht beantwortet, wären sie an meine Situation angepasst worden! Sie wurde zunächst nicht eingebürgert, ich hingegen gleich beim ersten Anlauf.

In der Schweiz ist der grundlegende Prozess einer Einbürgerung gesetzlich geregelt, die Entscheidungsfindung aber, ob ein Anwärter letztlich auch eingebürgert wird, obliegt dem jeweiligen Kanton und es ist obendrauf nun einmal die jeweilige Gemeinde in einem Kanton, die bestimmte Dinge über einen Anwärter in Erfahrung bringen will oder anders formuliert darüber entscheidet, ob sich ein Anwärter aus Sicht jener Gemeinde bereits ausreichend integriert hat – in Bezug auf jene Gemeinde selbst, den Kanton und die Schweiz. Man kann sich – je nach Beispiel – ewig darüber streiten, was genau „Integration“ ist, ob sich jemand bereits „genügend“ integriert hat und ob gewisse Fragen in so einem Gespräch überhaupt etwas mit Integration zu tun haben oder nicht. So oder so muss ich festhalten, dass ich es in der Stadt Zürich mit meinem Beruf sicherlich leichter hatte, als zum Beispiel Frau Yilmaz im aargauischen Buchs und so viele andere, die sich so wie ich um die Staatsbürgerschaft der Schweiz beworben hatten. Ich übertreibe nicht wenn ich hier festhalte, dass sich das vermeintlich allgemein gültige Selbstverständnis der Schweiz, die Selbstidentifikation mit diesem Land und seiner Kultur manchmal innerhalb von nur fünf Kilometern Luftlinie komplett ändern kann, sich die Ansprüche von einer Gemeinde, die zum Beispiel an die Stadt Zürich grenzt, ganz anders gestalten, als die der Stadt Zürich (oder Aarau, Bern, Genf und und und). In der Stadt Zürich gibt es eine (ja ja, ist ja gut, zwei…) Tram-Linie, die in eine benachbarte Gemeinde führt, in naher Zukunft werden noch andere angrenzende Gemeinden angesteuert. Ich werde voraussichtlich auch weiterhin nur auf dem Gebiet der Stadt Trams führen, aber das wird sich noch zeigen. Beim Grübeln über meine Einbürgerung und meinen Beruf empfand ich den Gedanken, dass ich mit meinem Tram unter Umständen eine angrenzende Gemeinde ansteuern würde, die vollkommen andere Ansprüche in einem Einbürgerungsgespräch stellt, recht gewöhnungsbedürftig. Aber so ist es nun einmal in diesem föderal organisiertem Land: Gewisse Dinge sind nicht nur von Kanton zu Kanton (sinngemäss Bundesland zu Bundesland), sondern auch zuweilen von Gemeinde zu Gemeinde innerhalb eines Kantons vollkommen verschieden. Diesen Umstand musste ich auch erst einmal lernen, verstehen, oft genug aber auch akzeptieren. Aber dieser Aspekt wird wohl kaum in einem Einbürgerungsgespräch welcher Gemeinde auch immer beleuchtet, auch wenn eben jene Unterschiedlichkeit im Detail aus meiner Sicht eine typisch Schweizer Eigenart ist, Tram-Chauffeur für einen Schweizer Nahverkehrsbetrieb hin oder her.

„Streubare“ Swissness

Wenn man einmal von dem Umstand absieht, dass so manch ein Schweizer gerne die Leistungsfähigkeit seines Fahrzeuges jenseits der Grenze auf den Autobahnen Deutschlands zur Schau stellt oder sich dieser oder jener reisende Schweizer mit eidgenössischen (nicht migrativen) Wurzeln nach der Grenze zu Deutschland sich zuweilen grundlegend anders verhält, als in der Confoederatio Helvetica (genauer: Weitaus weniger zurückhaltend…), so möchte ich dennoch attestieren, dass Frau und Herr Schweizer jenseits der Grenzen ihrer Insel der Glückseligkeit in der Regel und in der Mehrzahl recht angenehme Reisende sind. So manch einer von Ihnen hat dann zwar den Hang, die Errungenschaften der Schweiz im Ausland zu kommunizieren und zu verteidigen („Aber in der Schweiz da haben wir…“), alles in allem aber sind Touristen aus jenem Staat zumindest mir bisher meistens positiv aufgefallen. Meistens. Allerdings scheint so manch ein Eidgenosse das ausgeprägte Bedürfnis zu haben, auch im Ausland die langjährig errungene Sicherheit und gewohnte Umgebung der Schweiz aufrecht zu erhalten und zu kommunizieren, wenn ich es mal höchst diplomatisch ausdrücken darf. Eine nicht zu grosse, aber auch garantiert nicht übersehbare Schweizer Flagge auf einem Campingplatz irgendwo auf dieser Weltkugel ist da noch ein vergleichsweise harmloses Beispiel. Eine solche Flagge dient dann nicht nur zur Klarstellung, dass man es mit einem Menschen auf so einem Campingplatz zu tun hat, welcher sein Zelt oder Campingmobil als portables oder mobiles Minimal-Hoheitsgebiet der Schweiz ansieht, sie dient darüber hinaus nicht selten auch als eine Art Leuchtturm für andere Schweizer um jenen zu verdeutlichen, wo ein potentiell sicherer Hafen in dieser sonst so andersartigen, um die Schweiz herum angesiedelten fremden Welt ist. Schweizer gesellen sich gern untereinander zueinander. Und das habe ich doch vergleichsweise oft betrachten dürfen! Die Begrifflichkeit „Schweizer Kolonie“ mag absurd klingen, ist aber an manchen Ecken der Welt durchaus Realität. Wenn mal keine Flagge vorhanden sein sollte, so kann man einen „echten“ reisenden oder dauerhaft im Ausland lebenden Schweizer aber noch an ganz anderen Dingen erkennen, zum Beispiel an den beiden Dingen, die im Bild zu sehen sind: „Aromat“ und „Streu mi“. Wie wichtig dieses Zeug einem in der Ferne weilenden Schweizer oder Eidgenossen sein kann, soll der Umstand verdeutlichen, dass sogar ich gefragt wurde, ob ich das nicht mitbringen könnte, wenn ich schon in der Nähe sein würde (also irgendwo ausserhalb der Schweiz auf Reisen befindlich)…

„Aromat“ ist ein Produkt von Knorr, eine Firma, die zum Unilever-Konzern gehört, „Streu mi“ hingegen ist ein Produkt, welches dezidiert als Schweizer Erzeugnis beworben wird und als Produkt einer eigenständigen Firma nicht zum Portfolio eines Grosskonzerns gehört. Beide Erzeugnisse sind im Grunde genommen Würzmischungen und somit universell auf alles streubar, was essbar ist (wobei „Streu mi“ hauptsächlich als Fleisch-Gewürz gedacht ist), kulinarische Swissness sozusagen. Beide Produkte haben eine lange Geschichte, „Aromat“ existiert seit 1952 und wurde für den seinerzeit noch aus Deutschland stammenden Konzern „Knorr“ geschaffen, „Streu mi“ hingegen wurde irgendwann in den siebziger Jahren zum ersten Mal in den Metzgerei-Regalen des Wallis gesichtet. Obwohl beide Produkte in der Schweiz einen hohen Popularitätswert besitzen, fanden sie erst sehr spät und nicht ganz freiwillig oder gar gewollt auch Einzug in meine Küche. Als ich die Frage einer Person, ob ich „Aromat“ besitzen würde, mit „Nein“ beantworten musste, reagierte mein Gegenüber mittelmässig konsterniert. So etwas müsse man doch im Haushalt haben! Und wenn nicht, so müsste ich das schnellstens nachbesorgen! Und wenn ich schon dabei bin, mich auch kulinarisch mehr zu integrieren, dann solle ich gleich noch „Streu mi“ kaufen! Etwas widerwillig fügte ich mich jener Aufforderung und besorgte diese beiden Würzmischungen in den typischen Metalldosen. Bis zu jenem Zeitpunkt verwendete ich – wenn überhaupt – nur die flüssige Würze von „Maggi“ und diese auch nur höchst zurückhaltend für eine einzige Kreation aus meinem Menü-Fundus. Ich bin kein grosser Freund jener Würzprodukte, deren Inhaltsstoffe in so manch einem Falle in einem recht fragwürdigen Licht stehen. Im Laufe einiger Jahre hatte ich es gelernt, die Vorzüge von natürlich gewachsenen Würzmitteln sehr zu schätzen, immer seltener griff ich auf jene industriell gefertigten Produkte zurück. So manch einen Gast konnte ich davon überzeugen, dass so ein chemisches Zeug in den aller meisten Fällen gar nicht notwendig ist und darüber hinaus leider oft den Geschmack eines Kocherzeugnisses eher ruiniert denn fördert. Aber da ich grundlegend versuche, auf Wünsche von Gästen so gut es geht einzugehen, landeten irgendwann diese beiden Streuwürzen auch in meinem Küchenschrank. Kurz vorher hatte ich beide in sehr geringen Mengen begutachtet und auch probiert. Ich fasste daraufhin den Beschluss, diese beiden Produkte ausschliesslich dann zu verwenden, wenn das jemand gezielt wünschte – und sonst nicht. Allein die Farbe von „Aromat“ erhielt von mir das Prädikat „höchst fragwürdig“ und über den Geschmack möchte ich mich hier erst recht nicht auslassen. Solche Produkte landen irgendwann in meinem Mülleimer, weil sie sehr oft das Haltbarkeitsdatum überschritten haben, so selten bis nie verwende ich sie. Aber ich machte mit ihnen den einen oder anderen Schweizer glücklich. Hat ja auch was für sich, gelle? Trotzdem werde ich dieses Zeug nicht anderen in fernen Ländern weilenden Schweizern mit bringen, egal, wie sehr mich wer auch immer darum bitten mag! Niemals nicht! Erfahrungsgemäss gibt es in zahlreichen Ländern dieser Welt vergleichbare Erzeugnisse, wenn man denn solche unbedingt konsumieren will und derart „einzigartig“ sind „Aromat“ und „Streu mi“ nun wahrhaftig nicht. Abgesehen davon kann man mit ganz anderen Dingen Werbung für die Schweiz im Ausland machen, oder nicht?

Aber wenn ich schon einen Ausflug in die „traditionelle“ Schweizer Küche mache, möchte ich noch am Rande eine „Ungewöhnlichkeit“ beschreiben, die mich bis zum heutigen Tage immer noch in Erstaunen versetzt. Zumindest in der Ost-Schweiz (dem Teil dieses Landes, wo überwiegend Deutsch gesprochen wird) ist die Kartoffel, hier fast ausnahmslos „Erdapfel“ genannt, ein beliebtes Nahrungsmittel, vor allem in Püree-Form (hier „Stock“ genannt). Dieses Naturprodukt wird in nahezu alle Formen umgewandelt, die auch in Deutschland bekannt sind, und somit sollte man sich als Kartoffel-Freund hier grundsätzlich wohl fühlen können. Aber da steht nicht ohne Grund „nahezu“! Der „Kloss“, in anderer Form auch „Knödel“ genannt, ist hier nicht vorhanden, wird hier nicht hergestellt, ist unbekannt oder wird dezidiert ignoriert, das entzieht sich meiner Kenntnis. Und das ist für meine Begriffswelt ein enormer Verlust (nicht die nicht vorhandene Kenntnis, sondern die Absenz des Klosses in der Schweizer Küche)! Wenn ich mal nach Deutschland fahre, um gezielt etwas einzukaufen, dann handelt es sich um etwas, was man in der Schweiz einfach nicht bekommt. Und dazu gehört Kloss-Teig. Während so manch ein Schweizer oder Eidgenosse sein mit in Deutschland weitaus billiger zu erstehenden Produkten voll lädt und jene in die Schweiz „importiert“, begnüge ich mich meistens mit drei Dingen, die man in diesem Land nirgendwo bekommt: Ein gutes Graubrot, eine ganz spezielle Salami und der bereits erwähnte Kloss-Teig. Dafür braucht man kein SUV, kann mit ÖV fahren und dann im Anschluss ganz ohne „Aromat“ oder „Streu mi“ geniessen. So, wie Mutti Natur das uns gegeben hat.

Stossende Prostituierte & getretene Strickanker

Ich bin kein Sprachgenie, spreche lediglich zwei Sprachen fliessend und nur eine der beiden ist anerkannte Amtssprache in der Schweiz, von denen es insgesamt vier gibt. Dennoch hatte ich von Anfang an kaum Mühe, die zahlreichen Erscheinungsformen des Schweizer-Deutsch zu verstehen, lediglich in ganz wenigen Fällen verstand ich nicht ausreichend des gesprochenen Wortes und musste nachfragen. Ich kann schnell gesprochenes Wort lautmalerisch in meinem Kopf umwandeln, letztlich handelt es sich um eine der zahlreichen Varianten von Deutsch, ist also meiner Muttersprache sehr ähnlich, und so verstand ich fast ausnahmslos immer, was man mir mitzuteilen suchte. Aus irgend einem Grunde funktionierte das bisher immer besonders gut in „geselligen Runden“ und in der Schweiz gibt es so einige „Schweinereien“, wie ich das gerne zu nennen pflege, die solche Runden sehr gesellig machen können! Das Schweizer-Deutsch hat aber ein paar Begrifflichkeiten zu bieten, die mir in meinen ersten Monaten hier ab und an reichlich zu denken gegeben haben und es mir nicht möglich war, mit Hilfe der Lautmalerei oder der Interpretation des Zusammenhanges, in dem ein bestimmtes Wort benutzt worden war, auf dessen Bedeutung zurück zu schliessen. Das Schweizer-Deutsch ist voll von Idiomen (Worte, die nur in einem ganz bestimmten Sprachkulturkreis existieren), manche Begriffe, die hier verwendet werden, sind nicht einmal deutschen, sondern alemannischen oder gar indoeuropäischen Ursprungs, bei anderen Begriffen kann man nicht einmal mehr einwandfrei klären, woher sie kamen und wie sie sich im Laufe von Jahrhunderten verändert haben. Das Schweizer-Deutsch ist in Hinsicht auf Entstehung und Zusammensetzung eine sehr spannende Angelegenheit, aber wenn man bestimmte Begriffe nicht kennt, kann man schon mal ins Schleudern kommen. Wie in jeder anderen Sprache auch. Nebenbei: Albanisch ist eine nahezu rein indoeuropäische Sprache, wohingegen Baskisch eine isolierte Sprache ist, die keinerlei Bezug zu den indoeuropäischen hat. Ebenso sehr spannend, wie ich finde.

Nun bin ich zwar kein Multi-Talent in Sachen Sprachen, aber aufgrund zahlreicher Jahre mit Latein (anstatt Französisch…) an meiner Schule und einem ehemaligen Latein-Lehrer als Vater kann ich mir bei einigen Sprachen des europäischen Raumes in etwa zusammen konstruieren, worum es geht. Dummer Weise aber habe ich obendrauf auch noch ein sehr „kreatives Köpfchen“ mit allerlei Mist und kuriosen Gedanken darin, Abstrahieren (und in Folge auch manchmal komplettes Umdeuten) ist für mich oft eine Sache von Tausendstelsekunden. Nicht ohne Grund bekomme ich immer mal wieder zu hören, dass ich eigentlich einen ganz anderen Beruf ausüben sollte, als den aktuellen… Somit ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass ich bei dem vergleichsweise banalen Begriff „Stossen“ auf eher recht fragwürdige Gedanken kam, als moralisch einwandfreie. Während in Deutschland und anderen Ländern Türen zu Geschäften je nach Wegführung mit „Ziehen“ und „Drücken“ beschriftet sind, steht in der Deutsch-Schweiz fast ausnahmslos dort „Ziehen“ und „Stossen„. Eine Zeit lang vermutete ich, so manch ein Schweizer habe wohl eine besonders innige Beziehung zu jeder Erscheinungsform des Konstruktes  Ausgangstür, weswegen sie oder er zu jener Begrifflichkeit greift. Und tatsächlich sind langwierige Einkaufstouren und „in den Ausgang gehen“ (wo dann eben doch sicherlich zu vorgerückter Stunde hier und dort zunächst eine Tür aufgestossen wird), Lieblingsbeschäftigungen von Frau und Herrn Schweizer. Aber Achtung: „In den Ausgang gehen“ bedeutet nicht, dass man ein Geschäft verlässt und dabei zerstörerisch durch eine Ausgangstür geht, es bedeutet, dass man sich irgendwo mit Freunden trifft und etwas geselliges unternimmt! Und da wird zwangsläufig irgendwann einmal eine Ausgangstür (oder später wer auch immer…) früher oder später gestossen. Nicht gedrückt. Letzteres wird gemacht, wenn man sich von anderen verabschiedet, die Begleitung im Ausgang waren, die werden dann gedrückt, in besonderen Fällen auch „innig geherzt“. Auf das Thema „Das Bedürfnis von Frau und Herrn Schweizer nach körperlicher Nähe“ gehe ich aber ein andermal genauer ein, das bedarf zwingend einer gesonderten Betrachtung! Wesentlich irritierter war ich, wenn ich das Wort „huere“ zu hören bekam. „Was zum Geier nochmal haben die Schweizer bloss mit ihren Prostituierten?“ schoss es mir da oft durch den Kopf. In etwa konnte ich erfassen, dass „huere“, das fast gleich lautend wie „Hure“ ausgesprochen wird, eine verstärkende Bedeutung hat, „huere geil“ wird vor allem von der jüngeren Generation gerne verwendet, aber es brauchte eine gewisse Zeit des Zuhörens und Abstrahierens, bis für mich einwandfrei geklärt war, dass dieses Wort nichts mit dem horizontalen Gewerbe zu tun hat und es nicht zwingend verwerflich ist, dieses zu verwenden (also das Wort, nicht jenes Gewerbe!). Berlin-Deutsch effektiv belasse ich es bei „geil“. Wieder so ein Punkt, in welchem ich mich nicht einmal ansatzweise angepasst und integriert habe, ich schwarzes Schaf ich.

„Mundarten“, wie die regionalen Erscheinungsformen des Schweizer-Deutsch hier genannt werden, haben für diejenigen, die solche zum ersten Male zu hören bekommen, zuweilen den Nachteil, dass sich selbst bei aller Bemühung um Verständnis sie zuweilen „undeutlich“ erscheinen, weil manche Begriffe von Region zu Region unterschiedlich ausgesprochen werden. Auch ich hatte so manches Mal den Verdacht, dass hier und dort absichtlich undeutlich gesprochen wird, nur um sich bewusst von einer benachbarten Region abzuheben oder den eigenen Ursprung zu verbergen, aber in einigen Fällen war das, was ich als „undeutlich ausgesprochen“ hörte, ganz klar und deutlich ausgesprochen. Es macht eben doch einen Unterschied, ob man ein- und dasselbe Wort nur hört oder geschrieben liest, denn in einigen wenigen Fällen wird das Wort im Schweizer-Deutsch exakt so gesprochen, wie es geschrieben wird. Eines dieser Worte ist „Anke“ (zuweilen auch „Angge“ geschrieben), ein wort alemannischen Ursprungs, welches einst „Fett“ oder „Salbe“ bezeichnete, heute aber der Begriff für „Butter“ ist. Anfänglich vermutete ich undeutliche Aussprache des Begriffes „Anker“, was am Frühstückstisch auf mich sehr irritierend wirkte, denn wie soll ich jemandem einen Anker reichen, wenn weit und breit keiner zu finden und man selbst meilenweit entfernt von jeglicher Art von Schiff oder Boot ist? Eben. Ähnlich verhielt es sich mit dem Begriff „lisme“. Wann immer ich jenes Wort hörte, vermutete ich aufgrund vermeintlich undeutlicher Aussprache „lispeln“ (was ja selbst wiederum ein Oberbegriff für eine physiologisch bedingt etwas andere Art des Sprechens ist). Wenn also jemand den Ausspruch tätigte „Ich lisme“, so wirkte das erneut verwirrlich auf mich, denn keiner jener Personen lispelte auch nur im Ansatz. „Lisme“ ist der Oberbegriff für „Stricken“ (Achtung: Nicht für „Häkeln“, das wird in etwa „Hööckle“ ausgesprochen). Im Schweizerdeutsch gibt es eine ganze Reihe von Begriffen, die sich nicht einmal ansatzweise von ähnlich lautenden oder ähnlich geschriebenen Begriffen ableiten lassen, bei denen das Hochdeutsch-gewöhnte Ohr bei bestem Willen nicht ergründen kann, woher es kommt und was es bedeuten soll. Da hilft es zuweilen sehr, wenn man sieht, was es bedeuten könnte. Ein Beispiel dafür ist das Wort „gumpen“ (meist „gumpe“ ausgesprochen). Anfänglich assoziierte ich „lumpen“ (im Sinne von „sich (nicht) lumpen lassen“), aber das machte im Zusammenhang einer jeweiligen Situation für mich gelinde gesagt überhaupt keinen Sinn. Erst als ich sah, dass jemand in etwas hinein sprang, dämmerte mir so langsam, dass „gumpe“ irgendetwas mit „springen“ zu tun haben musste. Ähnlich der Begriff „gingge“: Jemanden oder etwas treten! Ich kann jedem Neuling auf dem Boden der Confoederatio Helvetica nur empfehlen, mit offenen Sinnen dieses Land zu erkunden, Augen und Ohren offen zu halten, dann lassen sich viele Begriffe inhaltlich erschliessen und begreifen. Und das empfehle ich insbesondere den Deutschen, die auch hier zuweilen „selbstbewusster“ auftreten, als es vielleicht angebracht ist.

Apropos Deutsch: Generell ist Deutsch eine der komplexesten und schwierigsten Sprachen und wenn man mit dieser Sprache nicht ab Geburt aufgewachsen ist, so ist es für meine Begriffswelt schon eine gehörige Leistung, wenn jemand diese Sprache erlernt und sich verständlich ausdrücken kann. Von so jemandem noch zu verlangen, sie oder er möge doch bitte Schweizerdeutsch lernen und sprechen, ist sehr viel verlangt – und vor allem nicht zwingend angebracht und notwendig. Vor allem die älteren Generationen in der Schweiz schalten fast unbewusst und automatisch in einer Kommunikation auf Hochdeutsch um. Sie machen das in der Regel nicht aus Höflichkeit, sondern weil ihnen dieser Automatismus in der Schule in einigen Fällen regelrecht eingebläut wurde. Wenn aber vor allem diese Generationen bemerket, dass man so wie ich als (Hoch-)Deutscher das Schweizerdeutsch versteht, dann weisen Schweizer gerne andere Anwesende auf jenen Umstand dezidiert hin: „Du kannst mit dem ruhig Schweizerdeutsch reden, der versteht das.“ – „Chasch mit däm ruhig Schwiizrdüütsch rädä, de fschtaaht das.“ Vor einiger Zeit „empfahl“ mir eine mir beruflich bedingt vorgesetzte Person, ich solle doch im Zuge meiner Einbürgerung Schweizerdeutsch lernen und anwenden. Ein wenig trotzig entgegnete ich: „Wozu? Ich verstehe Euch und Ihr versteht mich. Ausserdem klingt es vollkommen bekloppt, wenn ich Berliner versuchen würde, Schweizerdeutsch zu reden, man würde immer erkennen, woher ich komme, und davor muss ich mich ja wohl nicht verstecken, oder?“ („Ey, jib ma Anke rüba!“ – Eine möglicher Weise am Frühstückstisch anwesende Anke wäre sicherlich irritiert ob der etwas aussergewöhnlichen Handhabung ihrer selbst…). Abgesehen davon, dass es für meine Ohren auch zuweilen etwas gewöhnungsbedürftig klingt, wenn ein Schweizer versucht, Hochdeutsch zu reden, so macht es einfach keinen Sinn, sich auch in Bezug auf die Mundart anzupassen. Deutsch ist eine Amtssprache in der Schweiz. „Mundart“ nicht. Sprache ist eine dynamische, sich fortwährend selbst weiter entwickelnde Angelegenheit. Sprache ist ein Kommunikationsmittel und wenn überhaupt nur bedingt ein Hinweis auf eine nationale Identität. Eine andere Kollegin von mir, die selbst aus einem Sprachenraum stammte, in welchem „Deutsch“ als noch komplizierter als ohnehin schon empfunden wird, beeindruckte mich zutiefst, als sie anmerkte: „Im normalen Leben spreche ich Schweizerdeutsch, aber wann immer es geht dann doch Hochdeutsch, denn für mich hat es etwas mit Respekt zu tun, wenn ich eine Sprache verwende, die jeder versteht.“. Es gibt Menschen in der Schweiz, die sehr viel Wert darauf legen, dass man sich auch in Bezug auf die Ausdrucksweise anpasst. Wenn ich diese dann aber Hochdeutsch reden höre, dann hat es mich zuweilen doch arg unter den Fingernägeln gejuckt, sie darauf hin zu weisen, das Hochdeutsch etwas anderes ist, als sie es für sich in Anspruch genommen hatten. Sie nicht darauf hinzuweisen, hat auch etwas mit Anstand und Respekt zu tun, nicht wahr? Sie darauf hinzuweisen, wäre typisch deutsch. Sie nicht darauf hinzuweisen, wäre schweizerisch.

Vor einiger Zeit unterhielt ich mich mit einer anderen Kollegin über meinen Weg und meine Absichten in der Schweiz. Irgendwann im Laufe des Gespräches merkte ich an: „Ich verstehe Schwiizerdüütsch. Ich spreche es nur nicht. Aber ein paar Begriffe aus dem Schwiizerdüütsch verwende ich inzwischen vollkommen selbstverständlich.“. Sie antwortete in schönstem Züri-Düütsch: „Macht nüüt, Hauptsach, Du fschtaahschst eus.“

„Macht nichts, Hauptsache, Du verstehst uns.“

Im Internet findet sich eine sehr interessante Seite, die sich mit zahlreichen Begriffen aus dem Schweizerdeutsch befasst: „Schweizerisches Idiotikon„.

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